Full text: Festschrift zur Einweihung des Neubaues der Anstalt. Inhalt: 1. Entstehung und Auffassung von Lessings Nathan dem Weisen ...

und Anfang Mai des folgenden Jahres erschien das Drama unter dem Titel : „ Nathan der Weise " . Ein dramatisches Gedicht in fünf Aufzügen . Von Gotthold Ephraim Lessing . 
II . 
So hat also Lessing das Stück geschrieben und veröffentlicht unter den Eindrucken seines Kampfes mit den Theologen . Dieser Anlaß zeigt deutlich , daß es zunächst eine Kampfcsschrift ist ; nennt er doch selbst den . Nathan " einen Sohn des eintretenden Alters , den die Polemik entbinden helfen . Aus diesem Ursprung heraus erklärt sich einerseits die aufklärerische Tendenz , die sowohl in Einzelheiten als auch in Haltung und Sinn des ganzen Dramas vorherrscht . Doch soll schon hier anerkannt werden , daß . in ihm der Rationalismus des 18 . Jahrhunders in seiner größten Vertiefung erscheint und daß es weit mehr in der Absicht des Dichters liegt , eine positive religiöse Lebensanschauung zu entwickeln als Kritik zu üben und Bestehendes zu bekämpfen . " ' ) Anderseits trägt das Stück insofern die Kelller eines Tendenzgedichtes an sich , als es . das , was in der Richtung der Tendenz liegt , auf Kosten der Objektivität stark zu übertreiben und die momentane Konstellation als dauernd zu setzen liebt . " 3 ) Aus der Taktik des Dichters ferner , den Gegnern in die Flanke zu fallen , erklärt sich die unverkennbare , unbillige Zurücksetzung , die das Christentum gegenüber dem Judentum und Islam erfahrt , ohne daß es seine Herzensmeinung ist , und auf Rechnung der verzeihlichen Lust , die . Schwarzröcke * , mit denen er in einen bitteren theologischen Kampf verwickelt war , . tüchtig zu ärgern " , ist zu setzen die mißachtende , zum Teil geradezu verächtliche Stellung , die er den Vertretern desselben gegenüber einnimmt . Sagt er doch selbst , daß die Theologen allergeôffênbarten Religionen an dem Stücke keine Freude haben sollten . Man hat es zwar Tür ungerechtfertigt erklart , aus der Gesamtanlage des Stückes oder aus der . Abstufung " der Charaktere nach den Religionen eine dem Christentum mißgünstige Tendenz herauszulesen . Aber wenn trotz des Islam , trotz des Judentums Saladin und Nathan so edle Charaktere sind , warum treten im Drama keine Personen auf , die trotz ihres Christentums gleich edel sind ? Es gewinnt , um mit H . F . Müller' ) zu reden , den Anschein , als sei der Patriarch ein solches Scheusal , weil er ein christlicher Pralat ist . Daja wenigstens wird darum so lacherlich , weil sie ihr christliches Gewissen , das dem Hohne preisgegeben wird , nicht beruhigen kann . Nur weil und solange der Tempelherr in seinen christlichen Vorurteilen steckt , erscheint er als ein unausgegorener , unliebenswürdiger Charakter . Viel mehr als drn Theologen oder . dem christlichen Pöbel " , der nach seinen eigenen Worten solche Leute , die sich über alle geoffenbarte Religion hinweggesetzt hatten und doch gute Menschen seien , sich gemeiniglich in einem abscheulichen Lichte vorzustellen pllege , hat der Dichter damit solchen Christen , die es nicht bloß dem Namen nach , sondern in der Tat und Wahrheit sind , einen argen Possen gespielt . Verhehlen wir uns doch nicht , wie der . Nathan " noch heutigen Tages auf die Menge der sogenannten Gebildeten wirkt . Gerade diese Tendenz ist es , welche den Beifall und die Zustimmung aller derjenigen findet , welche die kirchlichen Dogmen und Gebrauche in ihrer großen Mehrzahl für veraltet und widersinnig halten . Man kann H . F . Müller nicht ganz unrecht geben , wenn er in zwar etwas übertriebener , aber ehrlicher Entrüstung sagt : . Alle konfessionslosen Leute wie alle Namen - und NichtChristen werden den Schauplatz wenn nicht mit Hohngelachter über die Clnisten , so doch mit dem Hochgefühl der eigenen Vortrefflichkeit verlassen ; sie werden mit Fingern auf diese Tröpfe oder Schurken von Christen weisen und in ihrem Herzen sprechen : Seht , wir Aufgeklarten sind doch bessere Menschen ; wir danken dir , Gott , daß wir nicht sind wie diese Heuchler ! " Ja , wer könnte zum wenigsten leugnen , daß unsere Dichtung wegen dieser Tendenz vielfach dem Indifferentismus , d . h . der Gleichgültigkeit in religiösen Dingen , oder der falschen Toleranz Vorschub leistet , die gegen alles duldsam ist , nur nicht gegen den lebendigen religiösen Glauben und die . dem Wesen des Christentums verständnislos und ablehnend , wenn nicht mit geringschätziger Verachtung und überlegenem Spott gegenübersteht " , * ) ja , daß sie sicherlich geeignet ist , bei unreifen Lesern und einem kritiklosen publikum . Zweifel an der Evidenz jeder positiven Religion " zu wecken ? Man kann zugeben , daß diese Stellungnahme Lessings gegenüber dem Christentum und seinen Vertretern durch das Gesetz des dramatischen Dichters , die Charaktere im Zusammenhang der Zeit wie der Handlung wahr und individuell zu gestalten , also aus der Natur des Kunstwerkes selbst heraus eine gewisse Erklärung und darum Entschuldigung findet ; zuzugeben ist auch , daß es die Bestimmung des Stückes so mit sich brachte , die dahin ging , den intoleranten 
' ) G . Boetticher , Deutsche Literaturgeschichte . Hamburg 1006 . 
• ) ft . Bartels , Geschichte der deutschen Literatur . 1 . Bd . Leipzig 1905 . 
3 ) H . F . Millier , Lessing und seine Stellung zum Christentum . Hellbronn 1681 . 
' ) R . Peters , Lessings Nathan der Weise erläutert und gewürdigt fflr höhere Lehranstalten . Leipzig I0U0 .
	        

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