Full text: Festschrift zur Einweihung des Neubaues der Anstalt. Inhalt: 1. Entstehung und Auffassung von Lessings Nathan dem Weisen ...

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3 . Ethische Ansichten . 
Ober Reinkcs ethischen Standpunkt lassen sich nur einige dürftige Bemerkungen aus seinen Werken zusammenstellen . 
Trotzdem er sich ein Lebensalter hindurch mit den höchsten Problemen beschäftigt hat , scheint er ein praktisch denkender Mensch zu sein . Zwar hat er sich die Gründe für einen geklarten , der Unerkennbarkeit der Dinge aber abgeneigten Realismus zurechtgelegt , betont aber doch , daß man sich im Leben nicht um ( kenntnistheoretischen ) Realismus oder Idealismus zu kümmern braucht , . daß es für den Naturforscher gültig oder vielmehr für seine wissenschaftliche Arbeit einflußlos ist , ob er in erkenntnistheoretischer Hinsicht dem Idealismus oder dem Realismus huldigt oder ob er sich um keinen dieser erkenntnistheoretischen punkte kümmert " ( 1 , VMM . 
Er , der der Wissenschaft und zwar einem in erster Linie der Bereicherung unserer Kenntnisse ohne Rücksicht auf das praktische Leben dienenden Wissenszweige sein Leben gewidmet , bekennt sich „ zu der sicht , daß das Wissen nicht um seiner selbst , sondern um des Menschen willen da ist " ( l , 29 ) . Ähnlich klingt 3 , 68 ein Nützlichkeitsstandpunkt durch : „ Weder Kunst noch Wissenschaft sind meines Erachtens Selbstzweck , sondern sind für die Menschheit da . " 
. Der Mensch ist das Maß aller Dinge ! ' Diesen Satz des Protagoras macht sich Reinke in gewissem Sinne zu eigen , wahrend er die „ unbedingte Anwendbarkeit " dieser aus dem Altertum überkommenen und als kostbare Reliquie gehegten Selbstverständlichkeit nicht zugibt , wahrscheinlich nicht in dem Sinne , daß auch in seinem Begehren der Mensch das Maß aller Dinge sei , an welcher Auslegung Protagoras auch wohl unschuldig sein dürfte , sondern nur im Erkennen . Es sei mir erlaubt , zwei Äußerungen Reinkes hier zu vermerken . 
3 , 83 : „ Aber alle Wahrheit , die uns zu finden vergönnt ist , bleibt immer nur menschliche Wahrheit . Nur aus dem Vermögen des menschlichen Verstandes heraus können wir das Geschehen begreifen , insofern ist der Mensch das Maß aller Dinge . " 
6 , 2 : „ In den Naturwissenschaften verstehen wir unter Erken n en die richtige Beurteilung des genommenen nach Maßgabe unseres menschlichen Erkenntnisvermögens . Seit den Tagen des Protagoras zweifelt niemand daran , daß der Mensch das Maß aller Dinge ist * ( s auch 34 , 601 ) . 
4 . Religiöse Ansichten' ) . 
Mit unbeirrtem Preimute , den man in unsern von chemisch - physikalischer Lebensmechanik beherrschten Tagen fast Heldenmut nennen möchte , spricht Reinke seinen Glauben an eine über und in allem waltende heit aus , noch mehr : in der Anerkennung der Gottheit findet er die einzig „ vorstellbare Erklärung " , „ ihm — dem Naturforscher — folgt sie mit überzeugender Logik aus den Tatsachen * . 
Die Gesetze der Kausalität verlangen das Dasein Gottes . 
Eine Ordnung ist wirksam „ in der beobachteten Gesetzlichkeit des Geschehens " . Diese Ordnung ist das Werk einer Gottheit , der „ kosmischen Intelligenz " . 
Kosmische Vernunft oder Weltvernunft ist sicher nur ein andrer Ausdruck für Gottheit . Auch v . Baer identifiziert diese mit der Weltvernunft ( 4 . A . 478 ) * * ) . „ Die Annahme einer solchen kosmischen Vernunft halte ich für notwendig , für eine unmittelbare logische Konsequenz aus der nicht zweifelhaften Maschinenarbeit und Maschinenstruktur der Organismen " ( 4 . A . 306 ) . „ Diese kosmische Vernunft , die wir nicht tasten und scheu können , weil sie hinter den Dingen steht , ist kein Trugbild , kein Erzeugnis des Glaubens oder glaubens , sondern eine durch einen Analogieschluß gewonnene Erklärung der Erscheinungen . . . Nur durch diese Erklärung werden die Organismen begreiflich " ( 4 . A . 307 ) . Ihre Offenbarung sind die Dominanten und Systemkrafte der Pflanzen und Tiere ( 452 ) . 
für die Entstehung der Organismen auf unsrer Erde aus dem Anorganischen ist eine Schöpfung , also ein Schöpfer unentbehrlich . Dies spricht Reinke an verschiedenen Stellen aus . " * ) Die Schöpfung aber setzt sich fort in der steten Neubildung der Lebewesen , deren Entwicklung immer noch den Gesetzen folgt , die die Urzellen zum Leben erweckten . Diese Fortpflanzung und Portbildung der Organismen bis auf den heutigen Tag ist nicht weniger bewunderungswürdig als jene Schöpfung , und darum offenbart sich Gott in den Pflanzen 
* ) besonders in 3 , Kap . 35 niedergelegt . 
* • ) Die hier und weiter nur durch die Seitenzahl bewirkte Quellenangabe betrifft Stellen aus der „ Welt alsTat " . 
'• * ) 462 u . a . ; 1 , 559ff . ; 6 , 192ff .
	        

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