Full text: Festschrift zur Einweihung des Neubaues der Anstalt. Inhalt: 1. Entstehung und Auffassung von Lessings Nathan dem Weisen ...

2 . Parallelism us oder Wechselwirkung ? 
Als Vertreter des Dualismus , also der Anschauung , nach der Geist und Körper etwas ganzlich schiedenes sind , kann sich Reinke nicht mit der unter den Neuern z . B . von Wundt — allerdings nur In geschränkter Weise — und Paulsen ( 10 , 92—126 ) gehegten Anschauung befreunden , die geistige Welt und die körperliche seien ein und dasselbe , nur von verschiedenen Seiten betrachtet ; der psychophysische Parallelismus gefallt ihm nicht ( s . 1 , Kap . 40 ) . 
. Die Hypothese des psychophysischen Parallelismus liefert in keiner Weise eine Erklärung der gange , nach deren Verständnis man trachtet , sondern sie sucht durch Konstruktion einer Schablone jedem lichen Versuch einer solchen Erklärung auszuweichen . Für jeden , der sich mit der psychophysischen Formel begnügt und sich wissenschaftlich dabei beruhigt , ist darum das psychische Problem im wesentlichen erledigt . " . . . 
. Die Hypothese des Parallelismus erscheint mir darum für den Naturforscher so unannehmbar , weil damii die Allgemeingültigkcit des Kausalgesetzes in der Natur aufgehoben wird . . . Die psychischen nungen gehören auch zur Natur . . . So führt der Parallelismus auf einen klaffenden Riß , der durch die ganze belebte Natur gehen würde , wenn in den Wechselbeziehungen zwischen Seele und Leib die Kausalität hören sollte . * 
Ähnlich 6 , 55 ; daselbst fährt er fort , bei der genannten Hypothese frage man zugleich , . warum nicht alles physische Geschehen in der anorganischen Natur gleichfalls seine psychischen Nebenerscheinungen haben soll , warum diese auf Zellen und Protoplasma des Gehirns beschrankt sein sollen . * L . Busse weist nach ( 10 , 87 ) , daß der hier von Reinke bekämpfte . partielle Parallelismus " ( I . c . ) zum Materialismus fuhrt . 
Reinke findet bei C . Stumpf eine Stütze seiner Ansicht . Er' ) billigt die eine der von Stumpf wickelten möglichen Vorstellungen zur Erklärung des influxus physicus . Stumpf erörtert in dem von Reinke gebrachten Citat folgende Möglichkeit : 
. Ein bestimmter Ncrver . prozeß in bestimmter Gegend der Großhirnrinde ist die unerläßliche bedingung für das Zustandekommen einer bestimmten Empfindung ; diese geht als notwendige Folge neben den physischen Wirkungen aus ihm hervor . Aber dieser Teil der Folgen absorbiert keine physische Energie und kann in seinem Verhältnis zu den Bedingungen nicht durch mathematische Begriffe und Gesetze gedrückt werden . Desgleichen kommt ein bestimmter Prozeß in den motorischen Zentren der Rinde zustande nicht durch bloß physiologische Bedingungen , sondern stets nur unter Mitwirkung eines bestimmten psychischen Zustandes , ohne daß doch das Quantum physischer Energie durch diesen beeinflußt wird . " 
Reinke glaubt , daß dieser Weg zu seiner Dominantentheorie hinführt , . weil diese zu zeigen versucht , wie eine Kraft innerhalb eines materiellen Systems zur Wirkung kommen kann , ohne an diesem mechanische Arbeit zu leisten , also ohne Verbrauch von Energie . Dabei vermögen die Dominanten auf die Energie kausal einzuwirken und von dieser kausal beeinflußt zu werden . * 
Daß die hier wiedergegebenen Äußerungen Stumpfs die von Reinke hervorgehobene Ähnlichkeit mit der Dominantentheorie besitzen , ist unzweifelhaft , und darum werden sie Reinke um so mehr zusagen . Ob aber durch sie für die Erklärung des Kausalverhältnisses zwischen Leib und Seele viti gewonnen ist ? Statt der gemeinen Wendung : Seele und Leib beeinflussen sich gegenseitig , finden wir hier nur das Problem auf die Einzelheiten jenes geheimnisvollen Zusammenhangs zugespitzt . Daß ein bestimmter Zustand der Großhirnrinde Bedingung für eine bestimmte Empfindung ist , braucht man nicht zu leugnen , auch ohne Materialist zu sein . Als notwendige Folge dieses cerebralen Zustandes entstehe die Empfindung . Ganz sicher ; aber diese Folge ist es ja , deren Notwendigkeit aufgeklart werden soll . Umgekehrt hängt auch Erregung der Bewegungszentren selbstverständlich von Seelenzuständen ab ; popular ausgedrückt : Meine Hand hebt sich nur zum Schlage , wenn ich will . Wenn aber jemand sagt , diese Vorstellungen Stumpfs sollen erläutern , daß durch die Theorie der Wechselwirkung das Gesetz der Erhaltung nicht angetastet wird , so möchte ich fragen , was denn das Gesetz der Erhaltung der Energie auf geistigem Gebiete zu suchen hat . Ist es für jemand , der überhaupt an eine Seele glaubt , noch zu beweisen notwendig , daß Geist und Körper je ihre eigenen Gesetze haben , die nicht ins entgegengesetzte Gebiet übergreifen ? 
Kurz : Stumpf zeigt zwar , wie genau unsere Psychologie das alte Problem formulieren kann , zeigt aber auch , wie wenig selbst unsre heutige Erkenntnis den Schleier zu lüften vermag , der des Rätsels Lösung verhüllt . 
* ) desgleichen Neumeister ( 43 , 41 ) .
	        

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