Full text: Festschrift zur Einweihung des Neubaues der Anstalt. Inhalt: 1. Entstehung und Auffassung von Lessings Nathan dem Weisen ...

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seclc nicht auf die 1 , 631 erwähnte Lektüre der von Reinke hochgerahmten Physiologie von Johannes Müller zurückzuführen sein ? Dieser schreibt ( 42 , 40 ) : . Daß aber Empfindung in den Pflanzen stattfinde , kann ohne Äußerungen des Bewußtseins nicht statuiert werden . " 
fó ) Zwei psychologische Einzelfragen . 
1 . über den Instinkt bei Pflanzen . 
Wahrend Reinke den Pflanzen den Willen abspricht , da sie kein Bewußtsein haben , glaubt er . von Trieben und Instinkten " . bei der Pflanze so gut sprechen " zu dürfen . wie beim Tier * ( 6 , 86 ) , obschon siekeine Seele haben sollen . 
In diesem Punkte hat sich Reinkes Ansicht seit 1901 nicht geändert . Denn auch in der Theoretischen Biologie ( S . 191 , 193 ) schreibt er im Einklang mit „ Decandolle , Dutrochct , insbesondere aber Fechner " * ) den Pflanzen Instinkt zu . 
. Wenn wir eine Instinkthandlung als eine unbewußt - zweckmäßige Handlung definieren , so fallen die meisten Funktionen des Pflanzenlebcns unter diesen Begriff " . . Ich bin überzeugt , daß alle Zellentatigkeit eine instinktive ist . " . Vom Instinkt einer Spinne oder Raupe bis zu dem einer Zelle ist eine Stufenleiter gegeben , die nirgends eine wirklich trennende Kluft erkennen laßt . " 
Mit diesen Anschauungen Reinkes konnte ich mich nicht befreunden . 
Zunächst — doch ist dies nur nebensächlich — erschien es mir dem Sprachgebrauch zuwider , von unbewußten Handlungen zu reden , da ich bei Wesen , die kein Bewußtsein haben , auch kein Handeln , sondern nur ein Geschehen , Vorgange annehmen möchte . Handlungen haben ein gewolltes Ziel , das erkannt sein muß . " ) Reinke gibt neuerdings ( 6 , 86 ) zu : . Darum ist auch das Wort Handlung vielleicht besser auf Betätigung eines bewußten Wollens zu beschränken . " 
Wenn zum Begriff des Instinkts das unbewußt zweckmäßige Geschehen genügen soll , so fallen freilich fast samtliche physiologischen Vorgänge in seinen Bereich , und es ist eigentlich auf Reinkes Standpunkt nicht recht einzusehen , wozu denn das Wort Instinkt nach ihm auch in die Physiologie eingeführt ist , welche sachen es gegen andere niciit instinktive abgrenzt , wenn einfach alle physiologischen Vorgange instinktive sein sollen . 
Aus meinen Zweifeln glaube ich durch Wundt einigermaßen erlöst zu sein . Er betrachtet — dem Sprachsinn gemäß — . Trieb " und . Instinkt * als synonyme Begriffe : Die Triebe , . welche man auch als Instinkte bezeichnet " ( 22 , 509 ) . 
Ferner schreibt er S . 593 : . Da kein Wesen bei der ersten Äußerung der Triebe eine Kenntnis seiner eigenen Bewegungen und ihrer Wirkungen besitzen kann , so müssen wir die Triebbewegung zugleich als einen in der vererbten Organisation begründeten mechanischen Erfolg der üußeren Sinnesreize ansehen , welche Empfindungen und Gefühle erweckt haben0 . Nach ihrer physischen Seite gleicht also die Triebbewegung vollständig einer Reflexbewegung . Aber sie unterscheidet sich von den eigentlichen Reflexen dadurch , daß sie von Bewußtseinsvorgangcn begleitet wird und daß sie , vom Standpunkt der letztern betrachtet , eine Handlung ist , welche in einem den Willen eindeutig determinierenden Motiv ihren Ursprung hat . Schon die einfachste Triebhandlung ist also eine . Willenshandlung * . S . 513 : . Es bleibt nur der wesentliche Unterschied ( nämlich des Triebes ) von dem eigentlichen Reflex , daß sich der letztere ohne Bewußtsein vollzieht , wahrend bei der Triebhandlung zugleich eine mit ausgeprägtem Gefühlston behaftete Empfindung im Bewußtsein steht * . 
Auch Wasmann ( 40 b , 123 ) erkennt als für die Instinkthandlungen wesentlich , daß sie von einer . lichen Erkenntnis geleitet und bestimmt werden * . Sinnliche Erkenntnis * * * ) fehlt den Pflanzen , also auch der Instinkt . Ihre . unbewußt zweckmäßigen Handlungen " werden als Reflexbewegungen zu deuten sein . 
Reinke sagt auch selbst 6 , 85 : . Die Pflanze reagiert reflektorisch , selbstregulatorisch auf den empfangenen Reiz ; dies ist sicher eine ausreichende Beschreibung der Tatsachen * . 
* ) Fechner ist auch dazu berechtigt , da er ein Seelenleben der Pflanze annimmt . Der Begriff des Instinktes muß bei Fechner ein anderer sein als bei R . 
* * ) bezieht sich auch auf einige andere erwähnte Stellen . 
* * * ) sowohl der liußern Sinne wie des innern Sinnes , die Wasmann ( 40a , 30 ) unterscheidet . 
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