Full text: Festschrift zur Einweihung des Neubaues der Anstalt. Inhalt: 1. Entstehung und Auffassung von Lessings Nathan dem Weisen ...

— 4 — 
sucht , einen tugendhaften Lebenswandel für den rechten Gottesdienst ansieht , das Wesen der Religion in jenige der Moralitat aulgehen zu lassen . In Deutschland war auf die einseitige Schätzung der Religion nach ihrer ethischen und damit praktischen Bedeutung von besonderem Einfluß der Pietismus , der Uber die Schranken des Konfessionalismus sich erhob und frommen Lebenswandel und brüderliche Liebe für wichtiger ansah als die . reine Lehre * . 1 ) Die deistische Weltanschauung aber mußte , da sie in der christlichen Glaubenslehre nur diejenigen Begriffe für wesentlich erklärt , welche auch in der sog . natürlichen Religion sich vorfinden , in Deutschland mit der Lehre des streng lutherischen Bibel - und Kirchenglaubcns in einen scharfen Gegensatz treten . Zwar hatte sich hier auch schon auf dem Gebiete der historischen Theologie eine Kritik geltend gemacht , durch welche dieAutoriät , die man bisher innerhalb der protestantischen Kirche der Bibel zugestanden hatte , angegriffen wurde . Ebenso hatte die in Deutschland damals sehr verbreitete Wolfschc Philosophie dem Deismus die Wege gebahnt . Denn wenn sie auch an der Vereinbarkeit von Offenbarung und Vernunft festhielt , so daß viele Theologen der damaligen Zeit auf Grund derselben den Nachweis führen konnten , der christliche Glaube und die christliche Sittenlehre standen mit dem vernünftigen Denken nicht in Widerspruch , so mußte doch allein schon die Tatsache , daß sie neben der geoffenbarten Religion , die nur geglaubt werde , auch eine natürliche Religion , die demonstriert werden könne , geltend machte , allmählich dahin führen , daß dieser natürlichen oder Vernunftreligion als der allgemeinen , notwendigen die erste Stelle eingerllumt wurde . 
Für den vollständigen Bruch , der in der Wolfschen Schule selbst zwischen der Theologie und der rationalistischen Philosophie eintreten mußte , ist bezeichnend der Standpunkt des Hamburger Professors Hermann Samuel Reimarus ( 1094—1768 ) , des konsequentesten , aber auch einseitigsten unter den deutschen Freidenkern . ' ) Er macht die natürliche Religion zum kritischen Maßstab der positiven und kommt zur prinzipiellen Verwerfung der letzteren . Die natürliche Religion macht die geoffenbarte , die Offenbarung der Natur macht die besondere Offenbarung , wie jede positive Religion sie voraussetzt , überflüssig . Doch nicht nur die Überflüssigkeit , sondern auch die Unmöglichkeit und Unwahrheit der positiven Offenbarung sucht er nachzuweisen . Unmöglich sei sie . weil die Annahme einer solchen der Vollkommenheit Gottes Abbruch tue ; denn das Wunder widerspreche der göttlichen Allwissenheit und dem wahren Begriffe der Vorsehung , und die Mitteilung der Offenbarung an ein einzelnes Volk wie das jüdische sei unvereinbar mit der göttlichen Güte , die voraussetze , daß Gott das Heil allen Menschen zuteil werden lassen wolle . Den Beweis ihrer Unwahrheit sucht er zu erbringen an den Schriften des Alten und Neuen Testamentes , indem er die Widersprüche aufzudecken meint , in denen sich sowohl die bedeutendsten Ausleger als auch die biblischen Schriften selbst über die wichtigsten Punkte befanden ; hierdurch allein schon hält er die Lehre von der göttlichen Eingebung der hl . Schrift ( Inspiration ! für widerlegt . Überall wird die positive Offenbarung verworfen , weil sie den von der Vernunftreligion festgestellten Begriffen vom Wesen der Gottheit widerspreche , und als das Resultat dieser historisch - kritischen Untersuchung der Bibel findet Reimarus , daß sie ein menschliches Machwerk sei und die Spuren davon in jeder Hinsicht an sich trage ; er versteigt sich sogar »mittelst verwegener Kombinationen und durch eine himmelschreiende Geringschätzung der Triebkräfte größter weltgeschichtlicher Ereignisse * 3 ) bis zu der äußersten Konsequenz , den Eintritt desChristentums in die Welt als ein Werk des Betruges und besonders priesterlicher Tauschung hinzustellen . Er enthüllt damit zugleich den tiefsten Mangel , an dem der Rationalismus überhaupt leidet : Die Unfähigkeit , den historischen Erscheinungen gerecht zu werden . Diese das Fundament der christlichen Religion untergrabenden Ideen hatte Reimarus niedergelegt in einem handschriftlichen Werke . Apologie oder Schutzschrift für die vernünftigen Verehrer Gottes * , das nur seinen vertrautesten Freunden bekannt war . 
Lessing hatte die Kühnheit , in den Jahren 1774—78 eine Reihe von Bruchstücken davon unter dem Titel „ WolfenbQttler Fragmente eines Ungenannten " zu veröffentlichen . Weil er den Namen des Verfassers mit Rücksicht auf dessen Hinterbliebenen nicht nennen durfte , gab er vor , das Manuskript auf der ihm seit 1769 unterstellten Wolfenbüttler Bibliothek gefunden zu haben . Er war keineswegs mit allen Behauptungen des Ungenannten einverstanden , versicherte vielmehr ausdrücklich , es liege ihm nur daran , durch die öffentlichung der Fragmente eine offene und rückhaltlose Prüfung der Frage nach der historischen Grundlage , auf der die Religion des Alten und Neuen Testamentes beruhe , herbeizuführen , damit die Wahrheit siegreich und klar daraus hervorgehe ; denn die Wahrheit werde nicht in trager Ruhe genossen , sondern durch die Tätigkeit des eigenen Geistes Uber den Zweifel erhoben . Und obwohl er die einzelnen Stücke mit Vor - und 
' ) Vgl . G . Kettner , Lewings Uranien im Lichte ihrer und unserer Zelt . Berlin 1<XM . 
- ) Vgl hierzu W . Windelband , Die Geschichte der neueren Philosophie . I . Bd . Leipzig 1904 . 
' ) E . Schmidt , Lcsslng . Geschichte seines Lebens und seiner Schrillen . Berlin 1899 . 2 . Bd .
	        

Note to user

Dear user,

In response to current developments in the web technology used by the Goobi viewer, the software no longer supports your browser.

Please use one of the following browsers to display this page correctly.

Thank you.