Full text: Festschrift zur Einweihung des Neubaues der Anstalt. Inhalt: 1. Entstehung und Auffassung von Lessings Nathan dem Weisen ...

Die Besucher wenden sich ihm zu , — dem Altarbild , — den Gemälden an der Decke . Die trachtung an und für sich unbequem , ist durch bereit gestellte Spiegel erleichtert . 
Was uns von da oben entgegentritt , ist ernster , theologischer Stoff : Erschaffung der Welt , des Menschen , Sündenfall , Folgen der Sünde , Sehnsucht nach Erlösung , Andeutung dieser Erlösung durch die Figur des Jonas ( Vorbild des auferstandenen Christus ) . Nimmt man „ Das jüngste Gericht " , das spater von angelo geschaffene Altarbild der Sixtina , hinzu , dann erhalten wir ein weltumfassendes , geradezu ungeheures Programm , das hier künstlerisch bewältigt werden wollte . 
Ich betrachte das Altarbild , das . Jüngste Gericht " . Es läßt mich im großen und ganzen kalt . Nicht bloß weil es geschwärzt und nicht mehr voll deutlich wird . Auch die Vorgange an sich , die Art , wie sie aufgefaßt sind , machen geringen Eindruck . Christus als Richter ist vielleicht zu theatralisch , und diese Fülle sich hebender und stürzender Leiber bleibt ohne innere Anteilnahme . Nur unten rechts , unter den Verdammten , der starkknochige Mann , der den Napoleonischen Denkerkopf in die tfand gestützt , rettungslos ins Verderben führt , geht mir nahe , wird zu einer künstlerischen Mitteilung . Er war der Vollbringer willensstarker Taten und ein scharfer Rechner und hat sich nun doch verrechnet , ein monumentales Sinnbild menschlicher Irrung und Schuld . 
Ganz anders die Decke . Wenn auch von Rissen durchzogen , die Gemälde sind wirksam . Sie nehmen gefangen . Sic sind Atemzug des Künstlers , machtvoller Flügelschlag zu prometheisch - kühner , licht - und kunsterfülltcr Gegenwart , notgedrungene Aussprache gottbegeisterten Selbstvergessens , vulkanisches Drangen zum Geheimnis der Ideen , zur Quellflut des Göttlichen . 
Wie braust er dahin , dieser Gott - Vater , der Mensch und Welt und Sonne schafft , im Wetterleuchten entladungsfroher Kräfte , im schicksalsschweren Flug alles überragender Majestät , flier ist ein Äußerstes , Letztes versucht , — ein übermenschliches ; ein titanisches Emporstürmen , ein Aufreißen von Sonnentoren , um im Strahl des Göttlichen einen neuen Schöpfungsmorgen zu erleben und , Unendliches fühlend , frei zu sein . 
Diesem Triptychon , das — von Gottes wunderbarem Wirken und Walten erzahlt , folgt die stellung des Sündenfalles und des ihm entspringenden Elends , und in der Reihe der Sibyllen und Propheten , die das Mittelsttick der Decke rings umgeben , das große Thema der Erlösung . 
Michelangelo sprach hier aus , was die Zusammenhange der Charsamstagsliturgie' ) etwa verlangten , wo nach tiefer Trauer ein ungeduldiges Empordrangen nach Licht und Freude fühlbar wird , — aber auch was sein Herz bedrängte , — eigene Qual und Not . Wie hatte der leidenschaftliche Mann herzlich lebendige sprache gesucht und war dem Mißverständnis der Vielen und Kleinen begegnet ; er konnte , so gut er es meinte , nicht liebenswürdig sein , nicht entgegenkommen , nicht für sich gewinnen . Er ist — selbst gepeinigt von seinem bösen Damon , von dem nie rastenden Mißtrauen gegen sich und andere — , das ihn zu keiner Sicherheit , zu keiner Ruhe kommen laßt . Noch aus dem spaten Verkehr mit Vittoria Colonna , der ihm Wunsch und Erfüllung war , klingt es wie herber Verzicht . Er ist wie Tantalus , der mit Göttern an goldenen Tischen saß und sich im engen Leben nicht mehr zurechtfinden kann ; ein Seher und Prophet , der , entzückenden Fernsichten und dem ahnungsvollen Dämmerlicht des Ewigen hingegeben , das Unzulängliche dieser Erde doppelt schwer empfindet . Goethe hat uns in seinem Tasso diese Mischung von Schwung und Schwermut gezeichnet , wie sie mit bohrendem Stachel die eigene Seele verwundet und zermartert . 
Dieser seelische Alpdruck , dieses Hinaufsehnen des Künstlers aus der Tiefe des Mißmuts und licher Verzagtheit drSngte neben den liturgischen oder historisch - biblischen Gedanken zu lebendiger sprache , zu ergreifendem Bekenntnis . Darum liegt in den Gebärden und Gesichtszügen dieser Sibyllen und Propheten etwas , das sich nicht auslesen und ausdeuten laßt : das Weh eines jeden von uns und der ganzen Welt , das in stummer Not zu uns herabschaut , ins Herz trifft , wo es voll Mitleid ist . — Wie sie sinnen und denken , diese Manner und Frauen , geschäftig in heiligen Büchern nach der Zukunft forschen , und — wie sie an dem sonnenleeren Dasein tragen und leiden . Wer vergäße je diesen Jeremias mit seinem wuchtenden Schmerz , dem vielsagenden Blick , der , zur Tiefe gerichtet , zu harter Hoffnungslosigkeit erstarrt ; diesen schultrigen , kraftvollen Mann , in seiner ganzen Starke erschüttert und gebrochen ! Eine Offenbarung herbster Menschenverachtung , unsäglichen Leides . 3 ) 
Ich verlasse die Kapelle , um zu den Stanzen Raffacls zu kommen . Es ist , als ginge ich aus trübem Herbsttag in einen lachenden Junimorgen , flinter mir Michelangelo mit seinem tiefen Ernst »wie ein ganzer 
' ) Vgl . daiu die Ausführungen von J . Sauer , 190Ò : Deutsche Rundschau 126 , 21 If . ; 34 ff . ; neuerdings Martin Spahn , 1907 : Midieiange'o^un^die^ S^i * tmisch^ Kopd e . ^ ^ Mf ( J , clgrïber ¡n t - - . j¡e anregende Studie von Dr . Groner , Liier . Beilage zur Köln Volkveitung vom 31 . Han . 1007 .
	        

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