Full text: Festschrift zur Einweihung des Neubaues der Anstalt. Inhalt: 1. Entstehung und Auffassung von Lessings Nathan dem Weisen ...

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Predigt christlicher Leidenshingabe und inneren Seelenlebens . Von diesem Standort geschichtlich gestützter Überlegung lehnen wir instinktiv auch das ab , was mit diesem kirchenhistorischen Problem eng hangt : den Besitz des Kirchenstaates . 
Wir empfinden diese irdische Souveränität wie eine dauernde Versuchung , unvereinbar mit dem geistigen Charakter echten Hohenpriestertums . In der Herrschaft Uber dieses Ländchen vermögen wir keine Garantie kirchlicher Unabhängigkeit und Freiheit zu entdecken , finden es aber für das Oberhaupt der Kirche entwürdigend , um dieses Gutes willen , wenn nicht in Abhängigkeit von einer europäischen Großmacht , doch stets von vorübergehenden , oft fragwürdigen Konstellationen zu stehen . 
Indes gilt auch hier der — historisches Verständnis so schön bezeichnende Satz der Madame de Staël : »Tout comprendre , voilà tout pardonner . " Auch das Papsttum in seiner irdischen Erscheinung ist den Gesetzen dieser Welt unterworfen und hat daher ein Anrecht , nicht bloß nach philosophischen , absoluten maßstäben , sondern auch nach den Gesetzen geschichtlichen Werdens , des von äußeren Faktoren abhängigen , allseitig bedingten Massenlebens , von dem es ein Teil ist , beurteilt und gemessen zu werden . — 
Gewiß , — das Papsttum ist in diesen weltlichen Herrschaftscharakter , der in Avignon und den Tagen der Renaissance einen unangenehm empfundenen Höhepunkt erreichte , auf die natürlichste Weise der Welt hineingewachsen , der Papst des Mittelalters ist der fast bis auf Jahr und Tag kontrollierbare Erbe alter scher Macht . 
Es war in den Tagen des ausgehenden ö . Jahrhunderts , als unter den Schlägen der germanischen Langobarden die römisch - byzantinische Staatshoheit über Italien endgültig zusammenbrach und nur noch in kleinen Resten des Landes , im Exarchat von Ravenna und dem davon abhängigen Rom , ein kümmerliches sein zu fristen vermochte . Auf diesen Inseln alt - römischer Herrschaft , im besonderen in der ewigen Stadt selbst , hat sich dann im Verlauf von ungefähr 200 Jahren die Umwandlung römischer Cäsarengewalt in die neue Theokratie vollzogen . Aus den verschiedensten Gründen . Zunächst sehen wir auch hier wieder die im deutschen Agrarrecht so scharf hervortretende Tatsache bestätigt , daß Arbeit den Besitz begründet . Während der Kaiser von Ostrom und sein Stellvertreter , der Exarch von Ravenna , wegen der weiten Entfernung oder der Schwierigkeit der Verbindung keine Lust verspürten , Rom gegen die Langobarden zu schützen , hat sich der malige Papst Gregor der Große ( 590—604 ) mit der ganzen Kraft seiner bedeutenden Persönlichkeit in den Dienst des römischen Nationalgedankens gestellt und mit Hülfe der Aurelianischen Mauer die Stadt vor dem feindlichen , germanischen Ansturm gerettet . 
Aber so sehr sich in dieser Frage die Bischöfe Roms gleichgeblieben sind ( die Päpste des beginnenden 8 . Jahrhunderts haben genau so gehandelt wie Gregor der Große ) , ist die Persönlichkeit für sich allein nommen , lediglich nach der Höhe der Willensleistung gemessen , noch keine hinreichende Begründung für einen Prozeß , der ganze Zeitalter scheidet . 
Zu dem inneren treibenden Agens , zu der frischen , zugreifenden Arbeit der Päpste in der digung der Stadt mußte die äußere Lage fördernd hinzutreten . Und sie gerade hat das Heranwachsen licher Papstherrschaft in reichlichem Maße begünstigt . 
Es waren ökonomisch - finanzielle und religiöse , dann auch internationale , politisch - diplomatische Gründe , die den Pontifex maximus auf dieser Bahn vorwärtsschoben . In den Tagen Gregors I . war der Papst auch der größte Grundbesitzer Italiens . In Sizilien , Sardinien , Dalmatien und in der Campagna lagen seine gut bewirtschafteten Güter , die Geld , viel Geld einbrachten . So ragte er nicht bloß moralisch , sondern auch nomisch über seine Mitbürger hinaus ; durch das Schwergewicht seiner Finanzen , das für jede Masse , erst recht für eine von Krieg und Not heimgesuchte Bevölkerung von durchschlagender Bedeutung ist , schuf er sich eine soziale Sonderstellung und gelangte so in die Höhe politischer Herrschaftsrechte hinauf . 
Dazu kam die wachsende religiöse Entfremdung Roms von Byzanz , die immer mehr geeignet wurde , diese entlegene Insel römischer Macht von der zentralen Gewalt loszureißen . So hatte im 7 . Jahrhundert die monotheletistische Streitigkeit eine scharfe Abneigung gegen Ostrom und eine um so größere Verehrung für den Vorkämpfer der zwei Willenstätigkeiten in Christus , den Papst , herbeigeführt , und diese Lage wurde im 8 . hundert durch den Bilderstreit unter Leo dem Isaurier noch verschärft . Und gerade in diese Zeit der erbitterten religiösen Fehden zwischen Osten und Westen , zwischen Griechen und Römern , wuchs das Ansehen des Papstes im Abendland durch die Bekehrung der Germanen — der Westgoten , Langobarden , Angelsachsen und Deutschen — zum römisch - katholischen Bekenntnis , zu einer in Europa herrschenden Stellung empor . 
Dazu kamen bei Gelegenheit langobardischer Angriffe intime , diplomatische Beziehungen zur nächst
	        

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