Full text: Festschrift zur Einweihung des Neubaues der Anstalt. Inhalt: 1. Entstehung und Auffassung von Lessings Nathan dem Weisen ...

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des Tyrannen reißen und der Welt einen Ort , ein Reich , ein letztes unberührbares Heiligtum zeigen und öffnen , zu der kein Caesar , keine Gewalt der Erde mehr Zutritt hat , — das glänzende Land der Freiheit , der Idee . . . , und dann folgen auch für mich Minuten eigener Scham und Erhebung , — des Nachdenkens und Einkchrcns , die stummen , heiligen Sekunden der Unterwerfung unter das Große und Ewige , das in uns allen wirkt und lebt und uns erst freimacht . 
Was wollte da der schöne Blick Uber die sieben Hügel , die Weite des Horizontes , die ich von der Höhe des Colosseums genoß , noch besagen gegenüber diesem inneren Hilde , das aus dem blutgetränkten Sande der Arena zu mir emporstieg ? So ging ich hinaus . Die Spuren , die ich wandelte , führten von selbst nach St . Peter , aus der Tiefe der Schmach und des Leidens zur Höhe des Sieges und Triumphes . Ich fuhr zum Vatikan . 
Durch unbekannte Gassen und Straßen geht es nach dem Nord - Westen , Uber das alte Marsfeld am Pantheon vorbei nach dem entgegengesetzten Ende der Stadt . Allmahlich kommt man naher zum Tiber ; vor mir die trotzige Engelsburg , das alte Mausoleum Hadriani , und dann nach links — St . Peter , die gewaltige Kuppel in den Abendhimmel hineintragend . 
Dahin biege ich ab ; in wenigen Minuten bin ich auf dem Platze von St . Peter , an den Colonnadcn Berninis . Ich komme mir vor wie ein einsamer , plötzlich verlassener Wanderer und schaue überrascht auf diese weite , ungeheure Flache , — auf diese Basilika , die mit ihrer Fassade gebieterisch emporragt , und dann auf den Vatikan , der halb rechts hervorschaut : alles große , massige Renaissancebauten , durch ihre Nahe wie wachsend und sich auftürmend zu einem einzigen , weithin sichtbaren Symbol des Papsttums . Das ruft , das weckt , erinnert : das Herrschgewaltigc , Berauschendgroße dieses Papsttums und seines Weltprogramms im Stile Gregors VII . und Innocenz III . , das Dauerhafte , Unbeugsame und Ewige in Verwaltung und Regierung , dieses Aufragen aus grauer Vorzeit mit dem ganzen Reiz des Mythisch - Geheimnisvollen wird vor dem geistigen Auge lebendig und steigt wie eine glanzende FeuersSule an dem Mauerwerke empor , das Ganze durchglühend und in das Gebiet mystisch - wunderbarer Verklarung emporhebend . 
Ich trete ein . Der Flügelschlag gehobener Vorstellung und Empfindung rauscht durch das Portal , — und das Innere umfangt mich , — groß und weit , — eine Halle , von Triumphbögen überspannt , glänzend und fürstlich , und es blendet , und ich fühle mich klein und winzig , wie zusammengedrückt in die engen Grenzen meines Wissens und Lebens . Und dann fange ich an , aufzuatmen , zu überlegen , zu spüren . Nein ! Das ist nicht das Jenseits , wie es von gotischen Domen , vom Abendhimmel durchbrochener Fenster und Bögen , alterlichen Könnens und Denkens heruntergrüßt und wie ein Geheimnis , wie eine süße , unendliche Ahnung uns durchzuckt und emporzieht , es ist volles , bewußtes , reiches Diesseits , kraftvolles Aufstemmen , königliche Pose , Heroentum der Renaissance , Geist Julius' II . und Leos X . 
Das ist es , was sich jetzt laut vordrangt , — die zeitgeschichtliche Erinnerung , — und ich kann sie nicht los werden , und ich empfinde etwas wie Ablehnung : ich gedenke Luthers . Sic stehen ja in historischer , noch taghell beleuchteter Verbindung : diese Höhenkunst des verweltlichten Papsttums , das zu Gunsten dieses Tempels den Ablaß wie ein Finanzinstitut handhabte , und der Zorn des proletarischen Mönches , — diese lienische Renaissance mit ihrer antik - heidnischen Feinheit und der robust - christliche Protest des deutschen Bauern : was Wunder , daß gerade hier diese Gegensatze in mir lebendig werden , daß ich aus den Quaderblöcken und Steinfugen den Wittenberger Augustiner förmlich herauswachsen sehe . Da schreitet er vor mir her — mit dem dicken Kopfe und den breiten Schultern bis zur Confessio am Hauptaltar , — und da geschieht etwas hörtes : aus seinem Munde rauscht es wie ein Sturm , wie das Brausen der Walder , und die Welt horcht auf , überrascht und betroffen , und das Ich , die Gewalt des Dunkelklaren , die im Menschenherzen lebt , wird in den mannigfaltigen Formen religiösen Bekennens zur öffentlichen Betätigung entbunden , die Subjektivität im christlich - kirchlichen Denken wird Massenerscheinung . 
So wird mir St . Peter zu einem abschließenden Typus kirchenhistorischen Werdens , in seiner Bau - gcschichte , zu einem letzten , offenkundigen Beweis von der Macht , aber auch von der Verweltlichung des Papsttums . — Es ist nicht anders . Die Tatsache der veraußerlichten Kirche innerhalb des Spätmittelalters ist durch keine Dialektik spitzfindiger Köpfe aus der Welt zu schaffen , sie hat wirkliches — Leben und ist mit ein Anstoß zur Reformationsbewegung , zum Abfall so vieler Völker von der Kirche geworden . So ist St . Peter mit seinem zeitgeschichtlichen Milieu eine gewichtige Tatsache und ernste Erinnerung , und die Vergangenheit in ihm , sein Werdegang wird zu einer Warnung und Mahnung , zu einem Symbol geschichtlicher Lehre und Weisheit , zu einem Protest gegen äußere Pracht und den Eigennutz weltlicher Politik , zu einer eindrucksvollen
	        

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