Full text: Festschrift zur Einweihung des Neubaues der Anstalt. Inhalt: 1. Entstehung und Auffassung von Lessings Nathan dem Weisen ...

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III . 
Rom . 
Erster Tag in Rom . 
Abends nach 10 Uhr fuhr ich in Florenz ab und kam am folgenden Morgen gegen 8 Uhr in Rom an . Es war die Fahrt auf einen ragenden Berg . Florenz lag hinter mir — ein Tal aus dem goldenen Zeitalter ; hier war trotzige Höhe mitten in den Stürmen der Weltgeschichte . Alles , was die Phantasie des Knaben einst unter der Tanne hinten am Schwarzwald über Kapitol und Forum , Republik , Caesar und Papsttum in tenden Farben zusammengetraumt hatte , wurde mit einem Schlage wach , und diese lebendige Gegenwart , dieses Rom , das sich jetzt wie mit Händen fassen und greifen ließ , wirkte wie ein Zauberbann auf Gemüt und Herz zurück , steigerte und vergrößerte die aus nordischen Träumen emporgestiegene Empfindung zu dem Bilde — des übermächtigen , und der Jubel , der aus tiefstem Grunde vordrang und alle Gedanken überwältigte , ward bei der Einfahrt in die Stadt zu einem unbestimmten Singen und Klingen von Herrlichkeit und Größe , von Sonne und Ewigkeit . 
Das Absteigequartier lag an der Piazza di Pietro 40 . Es galt zuerst etwas auszuruhen , sich wieder instandzusetzen , zu frühstücken , die ersten Nachrichten über glückliche Ankunft nach Hause zu senden . Aber dann gab es keinen Aufenthalt mehr , litt es nicht mehr in den engen Räumen , trieb es hinaus in den sonnigen Tag , Rom zu schauen . Ich stehe in wenigen Schritten auf der Piazza Colonna . Eine weite , freie Fläche ! In der Mitte ein Obelisk . Durch den Platz geht der Corso , die Hauptstraße der Stadt , die vom südlicher gelegenen Kapitol in fast senkrechter Richtung nach Norden , nach der Piazza del popolo sich hinzieht Ich schaue den Corso hinauf , hinab , — das ist also die Straße , von der Goethe in seinen Reise - Erinnerungen so viel spricht , — in der er gewohnt hat . 
Ich bin im Herzen Roms . Ich gehe den Corso entlang nach Süden zum Kapitol ! Jetzt an der Piazza Venezia , dem Endpunkt des Corso ! Vor mir das Gerüst und die Bretterwände , die das Nationaldenkmal Viktor Emanuels und damit den kapitolinischen Hügel selbst verdecken und verhüllen . 
Ich biege rechts ab durch eine enge Straße auf die Piazza Aracoeli . Ich stehe vor der treppe Michelangelos , die zum Kapitol hinaufführt . Die Sonne strahlt auf die Marmorstufen . Es ist heller Mittag . So steige ich hinauf — breit und bequem — vom Lichte umgoldet . So muß es sein , wenn man zum Kapitol geht , und ich fühle die siegreichen Consuln , die Scipionen und die Kaiser , ich sehe sie opfern , die Weltgrößen neben mir . Rechts — der Conservatorenpalast , links das kapitolinische Museum , vor mir der Palast des Senates , wo das Herrenhaus Italiens tagt und beschließt , aufgebaut über dem alten Tabularium , dem Staatsarchiv der Römer . 
Und dann nach Osten — den Hügel hinab ! Da , — da — weithin sich dehnend , bis hinten zum Kolosseum — das ist es , das Forum der Republik . Hier also ! Hier war der Schauplatz bewegter , großer nisse . Hier traten die Gracchen in tumultuarischen Versammlungen für die Masse der Enterbten ein , hier sprach Cicero für Pompejus und die lex Manilia , hier hat er die Rädelsführer der Catilinarischen Verschwörung hinrichten lassen und sein euphonisches „ vixerunt " Uber den Platz hingerufen , hier hat der große Cäsar geendet und Mark Anton den Sturm der Entrüstung Uber seine Mörder heraufgerufen , hier wurde Recht sprochen und Handel getrieben . Hier wurden Linien und Perspektiven für eine weite Zukunft geschaffen , ein ganzes , reiches organisatorisches Volksleben entwickelt und vollendet . 
Hier tagte der Senat in seiner unerbittlichen Strenge und hoheitsvollen Würde , hier drängte sich das Volk , um über die Niederlagen am Trasimennischen See und bei Cannae Nachricht zu erhalten , hier verharrte es in tiefem Schweigen , als von der curia Hostilia das furchtbare Wort gefallen , — und aus der Stille dieses weiten Platzes wuchs jener zähe , todessichere Mut der Entsagung und der Ausdauer , der einen Hannibal bezwang und die Marken des Reiches bis zur Sahara und den Säulen des Herkules rückte . Dieses Forum war die Seele des Staates , der den Osten und das Erbe Alexanders des Großen Uberwand , die Alpen überstieg , Rhein und Donau in Zucht und Gewalt nahm und das ferne Britannien von einem Strande zum andern mit Wällen gürtete . Dieses Forum war das Herz jenes einzigartigen Kriegervolkes , das die geistigen Mächte dieses weiten Gebietes in sich aufnahm , dem Hellenismus , der Kultur des Wahren und Schönen , des Plato und Praxiteles , mit seinen
	        

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