Full text: Festschrift zur Einweihung des Neubaues der Anstalt. Inhalt: 1. Entstehung und Auffassung von Lessings Nathan dem Weisen ...

So ist Florenz auch eine Heimstätte großer Kunst ; schon die Galleria dei Lanzi , die neben dem Rathaus ihre plastischen Altertümer offen und frei dem Auge darbietet , weist nachdrücklich darauf hin . 
Ich betrachte kurz den Pasquino und die Judith von Donatello und trete in die Straße ein , die von der Piazza zum Arno hinausführt . Gleich das erste Gebäude links ist der Palast der Uffizien . Einst den Pflichten der Verwaltung bestimmt , enthält er jetzt Meisterwerke der Malerei und Skulptur . Ich beschranke mich auf das Hauptsächlichste : die Tribuna und den Niobesaal . Welche Fülle in der Tribuna ! Die besten Sachen erdrücken sich in dem verhältnismäßig engen Räume . 
Der erste Blick fallt unmittelbar auf die Venus von Medici , die dem Beschauer in antiker Nacktheit gegentritt . Trotz der glanzenden Form , die vieles verdecken kann , hat die Statue nicht mehr das Unbefangene althellenischer Zeit , sie atmet nicht das Unschuldige , das der nackte Körper für die Reinen und Unverderbten hat . Ganz anders wirkte auf mich die Venus von Milo , als ich sie vor Jahren im Louvre sah . 
Den Schleifer betrachte ich nur flüchtig , — sein Gesicht ist mir / 11 haßlich und unbedeutend . 
Die Ringer dagegen , die links von der Venus aufgestellt sind , erwecken mein Interesse . Es sind so lich - frische , in Edelmut und philosophischem Sinnen aufblühende Gesichter , und dabei so blendend muskulöse , in ringender Kraft verschlungene Glieder ! Sind die Köpfe auch einer anderen Gruppe entlehnt , also falsch gesetzt , so helfen sie doch ein schönes Ganze formen , das mir das Griechentum mit seiner harmonischen Bildung lebhaft vor Augen führte . 
Von der gegenüberliegenden Wand lächelt uns nochmals Venus entgegen , malerisch hingelagert , strickend , vollsaftig , in den Farben Tizians . 
Einen Gegensatz bildet Michelangelos heilige Familie , die unter der Venusdarstellung Tizians Platz funden hat . Es ist indes etwas von der antiken Art , die den oberen Teil der Rückwand beherrscht , in diesen Rahmen christlich - intimen Lebens hineingesickert : die Madonna in gewaltsam verschränkter Stellung , mit derb - kräftigem Gesicht und Armen , der Jesusknabe mit Anklängen an Bacchus , und im Hintergründe , ohne lichen Zusammenhang mit dem Ganzen , nackte Jünglingsgestalten . 
Daneben von Raffael ein Bildnis Julius' II . Ich betrachte ihn lange , diesen graubartigen Kriegerpapst , diesen tatkraftigen Gönner großer Renaissancekunst , — und gewinne ihn um so lieber , je mehr ich in diese grimmig - genialen Augen hineinsehe . 
Noch manches Gemaide von Meisterhand ist hierzu schauen , abet es sind deren zu viele ; es ist lich , sie alle auf einmal zu bewältigen Ein Werk nur wollte ich noch sehen , bevor ich den Platz verließ : die Niobe , eine Marmorskulptur aus der Blütezeit griechischer Kunst , die in einem besonderen Saale Aufstellung funden hat . 
Den erklärenden , vielsprechenden Pförtner wies ich ab . Was hätte er mir zu sagen gehabt vor dem ragenden Bilde dieser Schmerzensmutter ! 
Der Saal ist im Gegensatz zur Tribuna fast leer : man kann seinen eigenen Gedanken nachhangen . Ich suche aus dem Gedächtnis die alte Sage hervor . Ich sehe Niobe wieder in Theben als Königin einhergehen , erhobenen Hauptes , stolz , nicht auf die Machtfülle ihres Gatten , was uns kalt ließe , sondern auf die heit und Würde ihres Mutterberufes : 14 Kindern , 7 Söhnen und 7 Töchtern , hat sie das Leben geschenkt . Alle leben und alle sind der Stadt und ihr eine Freude . Hat sie nicht ein natürliches Recht , darüber aufzujubeln und sich einer vorwartsreißenden Höhenstimmung hinzugeben , wo dem Auge die Spalten und Risse , die zu gründen führen , entgehen und entschwinden ? Und sie sieht das Tiefland menschlichen Hasses und Neides nicht mehr , sie fühlt sich dem Göttlichen ganz nahe und ruft : . Wer wie Ich ? Wo ist die Mutter , die so lich ist wie ich ? Latona ? Zwar hat sie einen Gott und eine Göttin , aber immerhin nur zwei Kinder geboren ; was will das gegen 14 sagen , die ich mein eigen nenne ? * 
Und schon steigt aus den Gründen trüber Leidenschaft und Eifersucht die Nemesis empor und stürzt malmend auf die unglückselige Mutter . Und Niobe sieht sie fallen , die sie so geliebt und emporgetragen : Söhne und Töchter , Kind um Kind , — aber sie steht aufrecht und stark , noch rinnt keine Träne aus diesen halb trotzigen , halb gnadesuchenden Augen , aus diesem um Fassung ringenden Frauengesicht , das der Künstler hier festgehalten . 
Es ist gespannteste Dramatik in diesem herbstolzen Antlitz ! So drängt es den Beschauer , die Tragödie zu verfolgen , sich die Entwicklung auszudenken : wie der Schmerz emporsteigt , unbezwinglich , sich in Tranen gewaltsam Bahn bricht , — und ich schaue und sehe die hohe Frau kämpfen und das Wehgefühl zurückdammen , — krampfhaft und machtlos , in fieberhaftem Angstgefühl an sich raffen , was zu retten ; das Kind , das zitternd
	        

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