Full text: Festschrift zur Einweihung des Neubaues der Anstalt. Inhalt: 1. Entstehung und Auffassung von Lessings Nathan dem Weisen ...

Der Schiffer , der mich mit scharmantem Lächeln und eleganter Handbewegung zu seiner Gondel beten , führte mich in ruhigem Takte durch den Canale grande , die Hauptstraße Venedigs . 
Der Eindruck des Dumpfen und Schaurigen , den ich noch gestern Abend bei der Fahrt vom Bahnhof zum Hotel empfangen hatte , war verschwunden ; es war hier alles leuchtend und frei : die Palaste und Kirchen erdrückten einen nicht , sie standen ehrerbietig und in gemessenen Abstanden zu beiden Seiten , als ob sie ihre Pracht bloß zur Verherrlichung des durch den Kanal ziehenden Fremdlings zeigen und aufleuchten lassen wollten . Es lag etwas von der stolz - liebenswürdigen Verbeugung des Italieners in ihnen . Ich fühlte mich eigenartig hoben , in eine neue Sphäre des Daseins emporgetragen , fast wie ein Triumphator , der in sicherer Ruhe seine glänzende Straße zieht . 
. Und weiter , weiter * , jubelte es auf ! »Fort aus der Stadt ! Hinaus zur Stille des großen , unentweihten Horizontes ! " Denn »Glück will tiefe , tiefe Ewigkeit " . 
Ich befahl dem Gondoliere , in der Nahe der Kialtobrücke vom Canale grande abzubiegen und auf passenden Wegen das offene Meer zu erreichen ; als Orientierungspunkt nannte ich ihm den Cimctero . 
Es ging durch enge , kühle Kanalstraßen , an feuchten , halbverwitterten Häusern vorUber ; zerlumpte Wasche kam einzeln zum Vorschein , ein Junge schlug rasch einen Purzelbaum und suchte durch ein herziges »un soldo " den geziemenden Lohn zu erhaschen . Der kraushaarige Knirps mit dem naiven Bettlerblick und der Pose des Kavaliers hatte mir's angetan . Ich werfe ihm die kupferne Münze zu und bin entzückt von dem leuchten seiner Augen und dem Tonfall der sich überstürzenden Dankesformeln . 
Noch klang mir sein unnachahmliches . mille grazie * im Ohr , da öffnete sich der schmale , kalte Weg , und wie ein Blitz fuhr es vor mir nieder ! Ich sehe ein Wunder : aus dem duftigen Blau der Ferne schwebt es heran , ein Ungeahntes , — still wie ein Segen und erhebt sich und wird größer und höher und wölbt aus den Formen und Farben des Friedens einen Tempel , der sich erst in den reinen Höhen der Alpen verliert , — und ich schaue den allwaltenden Vater , und das Credo in meinem Herzen spannt die Flügel und eilt weinend und selig der Gottheit an die Brust . Und siehe , das Innerste in mir , soeben noch geschlossen und verrostet in tausend Nieten und Riegeln , springt auf wie unter einem Zauberschlag , angeweht vom Glutodem des Göttlichen , und weitet sich zu einem blühenden Garten , wo die Quellen der Hoffnung aufrauschen und der Frühlingsatem der Liebe weht , — und die Seele wird zur klingenden Saite , auf der die Strahlen der Sonne und die Schwingungen der Wellen ein Loblied spielen , und das Ich taucht unter in das umarmende Gefühl der Natur , — weithin — bis in das verborgene Reich der Schatten und Toten , wo die Genossen unserer Sünde schlafen , — und holt von dort gleich Orestes das erlösende Bewusstsein der Vergebung . 
So landete ich am Cimetero , dem meerumspülten Friedhof von Venedig Ich hoffte hier eine sammenfassung meiner Empfindungen , einen Schlußpunkt voll Kraft zu den bisherigen Eindrücken zu erleben . Allein , es sollte mir nicht werden : auf und abwandelnde , lebhaft gestikulierende Mönche störten die tung , die Grabdenkmaler redeten keine irgendwie bedeutende Sprache , und eine hohe Mauer schloß das Ganze ein und verwehrte den stimmungsvollen Blick auf das Meer . So wurde mir dieser Cimetero keine »Insel der Seligen " , eher ein Gefängnis , dem ich nicht ungern wieder entrann . 
Draußen stand der liebenswürdige Fahrmann an seinem Platze und harrte in Geduld der Rückkehr . Welch schöner Typus eines Italieners ! Das Alter hatte seine Haare gebleicht und Furchen in sein Antlitz graben , aber seine Augen leuchteten noch im Sonnenschein kindlicher Freude . Und wie strahlten sie , als ich ihm auf dem Heimweg die Schönheit seiner Heimat pries ! Wie wurde er beredt , als ich mich nach Kardinal Sarto , dem jetzigen Papste und ehemaligen Patriarchen von Venedig , erkundigte , und wie lächelte er stolz und geschmeichelt , als ich ihn ersuchte , mich zu einer Trattoria mit echt italienischer Küche zu fuhren . Da ich ihm zu verstehen gab , daß mein Hunger nicht unbedeutend sei , holte er mit seinen Rudern kraftig aus und brachte mich in kurzer Zeit — es war gegen ' / Uhr nachmittags — zu einem Speisehause , das mich in jeder Hinsicht zufriedenstellte . Wegen des Karfreitags gab es nur Fische , die mir aber in der eigenartig italienischen Zubereitung vorzüglich mundeten . Dazu bestellte ich Rotwein , der in großer Hangeflasche , dem Fiasco , serviert und nur nach ungefährer Schätzung berechnet wurde . Welche Freiheit im Geben und Nehmen ! Spricht nicht gegenseitiges Vertrauen und Gönnen , eine aristokratische Form des Empfindens aus dieser alten Sitte ? — Meinem Charon hatte ich ebenfalls Speisen und Wein verabreichen lassen ; wie war ich aber erstaunt , als er plötzlich aufstand und mit dem Glas in der Hand an meinen Tisch trat und mich mit der Gebärde eines Gentlemans bat , auf mein Wohl trinken zu dürfen . 
Nach dem Mahle rauchte ich eine Cavour , eine von den verhältnismäßig guten Zigarren , die das
	        

Note to user

Dear user,

In response to current developments in the web technology used by the Goobi viewer, the software no longer supports your browser.

Please use one of the following browsers to display this page correctly.

Thank you.