IV . Die polnische Frage ,
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einem andern Volke , das allerdings ein Drittel Einwohner mehr zählt , aber durch seine weite Ausdehnung in demselben Maße für den Angriff gelähmt , als für die Verteidigung gestärkt wird , einer Vormauer zu bedürfen . So schlimm steht es hoffentlich noch nicht mit unserer Kraft : Deutschland ist sich allein Mannes genug , um jeden Angriff ans seine Integrität machtlos an sich zerschellen zu lassen .
Wenn es aber auch wirklich so trübselig um unsere Kraft stünde , was in aller Welt berechtigt uns denn zu der seltsamen Voraussetzung , eine Nation , mit der wir Jahrhunderte lang im Kampfe gelegen , die zuerst nach blutigen Siegen über deutsche Heere und namentlich nach der tannenberger Völkerschlacht [ 1410 ] , bei der 100 000 Leichen die Wahlstatt deckten , große deutsche Länderstrecken unter ihre Botmäßigkeit brachte und mit eisernem Scepter beherrschte , dann aber von uns in den Künsten des Friedens wie im offenen Felde besiegt wurde , bis von uus , ja von uns der Todesstoß ausging , — was , sage ich , berechtigt uns zu der seltsamen Voraussetzung diese Nation , die uns zu ihre« Todfeinden zählt , werde urplötzlich ihre ganze Vergangenheit großmüthig vergessen und uns ein treuer Bundesgenosse , eine zuverlässige Vormauer werden gegen ein Volk , mit dem sie stammverwandt ist ?
Es ist eine merkwürdige Knrzsichtigkeit , zu verkennen , daß von demselben Augenblicke an , wo es Pole» gelungen wäre , seine Selbst - ständigkeit von Rußland zu ertrotzen und in einem definitiven Frieden zu sichern , die Interessen Rußlands und Polens Hand in Hand gegen uns gehen würden . Ter erste Tag . eines selbstständigen Polenreichs wäre der erste Tag eines Kampfes ans Tod und Leben mit uns , — denn in unserer Zeit kann kein Land als selbstständiger Staat exiftiren ohne Seeküsten : das ist eine Wahrheit so klar wie das Sonnenlicht — und wir haben es gehört bei dem großen Aufstände im Jahre 1831 wie bei der letzten krakauer Erhebung 11846 ] , daß die Poleu noch nicht ihren alten Wahlspruch vergessen haben : „ Polen reicht bis an die grüne Brücke in Königsberg ; " " denn bis dahin hat Polen früher allerdings gereicht .
Aber wenn wir auch trotz aller dieser Gründe gewiß wären , Polen frei zu geben , so bliebe immer noch die große Frage , ob Polen anch im Stande sein wird , seine Selbstständigkeit von Rußland zu er - ringen .
Ich bin vom Gegentheil überzeugt . Eine solche Freigabe würde entweder nur ein Geschenk sein , dessen sich Rußland bald bemächtigen dürfte , oder es würde nns , falls wir dies nicht zugäben , mit Rußland

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