Full text: Isländische geistliche Dichtungen des ausgehenden Mittelalters

Einleitung. 
Es giebt in altwestnordischer Sprache eine beträchtliche Anzahl 
Prosaschriften geistlichen Inhalts, meist Übersetzungslitteratur. Sie 
verraten eine nicht unbedeutende Kenntnis der lateinischen kirch- 
lichen Schriftsteller und oft ein überraschendes Verständnis und tiefes 
Eindringen in die Sache!). Dem gegenüber muß es wunder nehmen, 
in welch geringem Maße sich die Isländer der geistlichen Dichtung 
in einheimischer Sprache zuwandten. Die Norweger kommen kaum 
in Betracht, da im 11. Jahrhundert, also kurz nach der Annahme 
des Christentums, ihre dichterische Thätigkeit allmählich erstirbt. 
Immer und immer wieder ertönt die Harfe der Skalden — abgesehen 
von den späteren eddischen Liedern und ihren Nachahmungen — zu 
Ehren der Könige und Fürsten, nach wie vor triefen ihre Gedichte 
von Blut, und die alte Götterwelt ragt versteinert in die moderne 
christliche Zeit hinein. Nur hie und da wendet sich ein Dichter dem 
Christengott, seinem Sohn, der Jungfrau Maria und der Schar der 
Heiligen zu. So dichtet Biorn hítdólakappa ein Loblied auf den heiligen 
Thomas. Er lebte ums Jahr 1000, gehörte also der ersten christlichen 
isländischen Generation an. Seine Zeitgenossen sind Eilifr Goðrúnarson, 
der Dichter der Dörsdripa, der wahrscheinlich auch eine Drapa auf 
Christus gedichtet hat, in der alte heidnische Vorstellungen mit neuen 
Christlichen wunderlich gemischt gewesen zu sein scheinen, da er 
Christus südlich am Urdsbrunnen sitzen läßt, und der Gesetzessprecher 
Skapti Þóroddson, der ein Gedicht, wie eg scheint, auf Christus gemacht 
hat. Von dem berühmten Skalden Hallfreðr vandræðaskald wird er 
zählt, daß er auf Geheiß König Olafs Trygguason, dem er des Rück- 
falls ins Heidentum verdächtig war, zum Zeichen seiner christlichen 
Gesinnung ein Gedicht, Gott zum Lobe, machen mußte. 
Zu diesen ersten christlichen Skalden gehört ferner noch Arnórr 
iarlaskald, der auf den Erzengel Michael gedichtet zu haben scheint. 
') Vgl. B. Kahle: Die altnordische Sprache im Dienste des Christentums. 
[. Prosa, Acta germanica I, S. 313 ff. 
Kahle, Isländ. geist]. Dichtungen.
	        
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