Full text: Newspaper volume (1934, Bd. 4)

127. Jahrgang. 
Schleswig-HolsteunsiHL 
127. Jahrgang. 
Landeszeiturrg 
RenösburserTagebloL 
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An der Wende des Jahres. 
Ein außen- und innenpolitischer Rück- nnd Ansblick. 
Dk Die Jahreswende fordert wie im wirt 
schaftlichen, so auch im politischen Leben zu 
einem Rück- und Ausblick auf. Es 
wird Bilanz gezogen. Wie es bei dieser nicht 
darauf ankommt, nochmals jeden einzelnen 
Einnahme- und Ausgabeposten sich vor Augen 
zu führen, sondern aus Endsummen für Ge 
winn und Verlust die Folgerungen gezogen 
werden, so muß es auch im Politischen sein. 
Deshalb stellen wir unsere Betrachtungen zur 
Jahreswende auch nicht t a g es po l i ti s st 
ab. Wir wollen vielmehr versuchen, die großen 
Zusammenhänge zu zeichnen, um aus ihnen 
einen sicheren Ausblick gewinnen zu können. 
ck 
Aus der Fülle der täglichen Begebenheiten 
heben sich außenpolitisch zwei Ereignisse 
des Jahres 1934 heraus, die von besonderer 
Bedeutung für die Gesamtbeurteilung sind. 
Das eine ist die französisch-russische 
Annäherungspolitik, das andere der 
unvorhergesehene Tod Barthous. Mit 
ihm verließ der letzte französische Staatsmann 
das Außenministerium, der im Geiste der 
-französischen Vorkriegsgeneration und des 
Richelieuschen Testaments die europäische 
Politik konzessiv ns los im deutsch- 
französischen Gegensatz zu führen willens war. 
Sein Tod kam zu spät, um die mit der 
russisch-französischen Annäherung betriebene 
großkontinentale Weltpolitik Frankreichs wen 
den zu können. Er kam aber zu früh, um 
die Einordnung der südosteuropäischen und 
kleinasiatischen Staatengebilde in das Ein 
kreisungssystem noch vollziehen zu können. 
Barthou siel in Marseille kurz vor dem Ziele. 
Poincare folgte seinem Freunde so schnell nach, 
daß er keinen entscheidenden Einfluß mehr 
im Sinne seiner Versailler Politik auf den 
Nachfolger ausüben konnte. Barthous Tod 
verzögerte die Ausführung der schon fest 
liegenden Barthouschen Planungen. Es trat 
eine Atempause ein, die für Deutschland ein 
Gewinnposten war. Sie ist nicht ohne wesent 
liche Bedeutung für die friedlich evolu 
tionäre Entwicklung der europäischen 
Angelegenheiten geblieben. Letzte Ent 
scheidungen sind hinausgeschoben, aller 
dings nicht aufgehoben! 
* 
Weit wesentlicher und folgenreicher für 
Europa und die Wîlt ist aber die eingeleitete 
russisch-französische Verständigung. Sie gehört 
zu den epochalen Ereignissen des Jahres 1934, 
die vermutlich für lange Zeit für die Entwick 
lung der Verhältnisse bestimmend sein werden. 
Aus diesem Grunde muß man sich zur Jahres 
wende mit diesem folgenschweren Ereignis 
eingehender besassen. 
Mit der französisch-russischen Verständigung 
und dem eng damit zusammenhängenden 
russisch-japanischen Abkommen über die Lst- 
chinabahn zeichnet sich deutlich die welt 
politische Neuordnung ab, deren 
t a g e s p o l i t i s ch e N ü ck w i r k u n g e n im 
Jahre 1934 das Scheitern der Londoner Flot- 
tcnverhandlungen und die Aufnahme Ruß 
lands in den Völkerbund gewesen sind. Frank 
reichs Gold zahlt den Preis dafür an Rußland 
über Japan in dem Abkommen über die Ost- 
chinabahn. Rußland und Japan haben ihren 
Rücken im Fernen Osten freigemacht. Ruß 
land, um in der europäischen Politik aktiver 
sich betätigen zu können, Japan, um eine ein 
deutige Frontstellung gegen die angelsächsische 
Flvtteilpolitik beziehen zu können. 
* 
Im europäischen Kräftespiel sind die Fol 
gerungen dieser Ereignisse die polnisch 
deut s ch e B e r st ä n d i g ii n g geworden. 
Auf incise Sicht gesehen werden sic ein 
deutsch-englisches Z u s a m m e n s p i e l 
zeitigen müssen. Ueber die tagespolitischen 
taktischen Manöver der englischen Außen 
politik, die deutlich darauf abzielen, Deutsch 
land wieder in das sogenannte „Gesamtkonzert 
der Mächte" einzubeziehen und die Spannun 
gen im mitteleuropäischen Raume in seinem 
Interesse auszugleichen, können über die große 
Bedeutung des französisch-russischen Ausgleichs 
nicht hinwegtäuschen. Der russisch-englische 
Gegensatz, der Widerspruch Asiens gegen Eng 
land kann nicht taktisch sondern muß aus den 
tieferen geschichtlichen Zusammenhängen ge 
würdigt werden. Die Würfel über zukünftige 
weltpolitische Mächtekonstellationen sind gefal 
len, als Moskau für Paris entschied und der 
akute Konflikt im Fernen Osten durch Gold 
ausgeglichen wurde. Tie zukünftige Tages 
politik, oder sagen wir hier lieber Jahres 
politik, der Mächte wird sich auf diese Tat 
sachen einzustellen ilnd im Widerspiel ihre 
Lebensinteressen zu sichern haben. Tie Preis 
gabe der Bismarckschen Ostpolitik durch 
Caprivi, ehe er sich der Rückendeckung durch 
England eindeutig versichert hatte, haben das 
jahrzehntelange europäische Mächtespiel ent 
scheidend beeinflußt und nach langem diplo 
matischen Schachspiel der Aera Wilhelm II. zu 
dem großen europäischen Kriege geführt, unter 
dessen Schatten die letzten 20 Jahre gestanden 
haben. Es ist hervorzuheben, daß der Führer 
der deutschen Nation im Jahre 1934 in dem 
europäischen Kräftespiel geschickt und weitsichtig 
die deutschen Lebensinteressen behauptet hat. 
ck 
Die Einstellung der deutschen.Politik in die 
sen größeren weltpolitischen Zusammenhängen 
ist einmal gekennzeichnet durch die schon er 
wähnte polnisch-deutsche Annähe 
rung mit Fäden, die über Warschau- 
Budapest auch nach Rom gesponnen worden 
sind. Das Jahr 1934 hat Ansätze gebracht, 
die zweifellos im Jahre 1935 weiter ge 
festigt werden können. Noch wesentlicher 
aber sind die zwischen den beiderseitigen 
Frontkämpfergenerationen in Deutschland und 
Frankreich eingeleiteten Besprechungen, an 
denen sich bekanntlich der Führer selbst durch 
den Empfang des Frontsoldaten und Ab 
geordneten der französischen Kammer, Goy, 
beteiligt hat. Sie wurden eingeleitet durch die 
berühmte Königsberger Rede des Stellvertre 
ters des Führers der NSDAP., Reichsminister 
Rudolf Heß. In seiner Weihnachtsansprache 
ist sie noch einmal unterstrichen worden. 
Diese Aussprachen werden zweifellos das 
deutsch-französische Verhältnis zeitweilig 
versöhnlicher g e st a l t e n können. In 
der Saarfrage sind unter weiser Hilfsstellung 
des italienischen Vorsitzenden der sogenannten 
Dreierkommission Früchte gereift. Das alles 
kann aber nicht darüber hinwegtäuschen, daß 
für die abendländische Geschichte von zwei 
Jahrtausenden der germanisch-romanische 
Gegensatz gestaltend und zwingend gewesen ist. 
Die vorher erwähnte russisch-französische 
Annäherung und die neuere Stellungnahme 
Japans in der Flottenpolitik werden einmal 
die Weltmächte in Fronten aufspalten, die ent 
scheidend sein werden. Denn auf weite Sich : 
gesehen bedeutet die Kombination Paris— 
Moskau den Einsatz der beiden asiatisch- 
europäischen und nordafrikanisch-europüischen 
Weltmächte für weltpolitische Ziele 
unter starker gegenseitiger Sicherung der 
europäischen Flanken in Ost und 
West. 
ck 
In diesen größeren Zusammenhängen 
müssen auch die deutschfreundlichen Wandlun 
gen in der englischen Öffentlichkeit gewertet 
werden. England ist immer ein reifes und 
vor allem außenpolitisch sehr geschultes und 
diszipliniertes Volk gewesen. Die Neuorien 
tierung der englischen Politik ist von je her in 
sehr geschickter und wenig durchsichtiger Weise 
von der Presse her vorbereitet worden. Wir 
zweifeln nicht an der Tiefe und der Echtheit 
der Begeisterung eines Rothermere und 
Hearst, jener in England, dieser in Amerika, 
für deutsche Verhältnisse nach dem Umschwung 
unter Führung Hitlers. Es ist aber ebenso 
wenig zweifelhaft, daß englische Ziele und 
Lebcnsinteressen richtunggebend sind, wenn 
Rothermere in seinen Blättern mit Millionen 
auflagen in England schreibt: „Wir und die 
Teutschen sind blutsverwandt, wie Herr Hitler 
einmal zu mir sagte. Unsere Nationen haben 
einander nur einmal bekämpft, während sie in 
vielen Feldzügen treue Verbündete waren. 
Wenn Deutschland und Großbritannien nach 
einer Entfremdung von mehr als zwanzig 
Jahren wieder zusammenkommen könnten, 
würde sich für beide eine neue Aera der Wohl 
fahrt eröffnen. Es wird niemals eine bessere 
Gelegenheit geben als jetzt, da alle Kraft und 
Energie dieses glänzenden Volkes in einer 
einzigen starken Hand zusammengefaßt sind. 
Wenn wir im Jahre 1935 diese bessere Stim 
mung zwischen diesen beiden Ländern zustande 
bringen können, dann wird das kommende 
Jahr eines der glücklichsten Jahre in der Ge 
schichte der Menschheit werden." 
Es ist kein Zweifel, daß England heute 
den Schatten sieht, der überMos- 
kau und Paris auf Asien fällt. 
ck 
Weniger klar wie der beginnende Gegensatz 
der großen Kontinentalmächte Europas und 
Asiens gegen das englische Imperium und 
Amerika, ist die Einordnung der großen süd 
europäischen Klammer in diese größeren 
Linien der Weltpolitik. Aber selbst bei 
optimistischer Betrachtung der Dinge — des 
tatsächlich bestehenden Gegensatzes zwischen 
Italien und Jugoslawien und der Sprache 
des Blutes in Oesterreich für Deutsch 
land — können wir nicht an eine Entwicklung 
glauben, die F r a n k r e i ch in den Hinter 
grund treten läßt. Die italienischen Interessen 
in Afrika sprechen zu eindeutig für eine 
französisch-italienische Verständigung. Italien 
gebraucht in Afrika die Rückendeckung 
Frankreichs, Frankreichs Interessen hinwieder 
um verlangen eine Ablenkung Itali 
ens von Tunis. „Ablenkung" kann nur 
in die noch „freien" Großräume Afrikas statt 
finden. Hier ist Objekt Abessinien, 
an der einst das vormussolinische Italien sich 
die Finger verbrannt hat. Die endgültige 
Aufteilung Afrikas setzt eine französisch 
italienische Verständigung voraus. Wenn aber 
in afrikanischen Großräumcn, in denen auch 
m u s s o l i n i s ch e r C a s a r i s m u s sich noch 
weitgehend auswirken kann, eine italienisch 
französische Verständigung richtunggebend ist, 
dann wird sich auch für die südost-europäische 
Politik der beiden Staaten eine Ueber 
einstimmung finden lassen. Große 
Kolonialplanungen, die bevölkerungspolitische 
Verankerung italienischer Politik in afrika 
nischen Großränmen, sind so wesentlich, daß 
man weder in Rom noch in Paris deswegen 
über Jugoslawien oder Rumäni- 
e n stolpern wird. 
ck 
Wenn wir also die russisch-französische An 
näherung sür das Jahr 1934 als das große 
epochale Ergeignis ansehen, an das sich für 
das Jahr 1935 die französisch-italienische Ver 
ständigung mit der Einordnung Südost- 
europas und des nahen Orients in das 
romanische System anschließen wird, so bahnt 
sich damit außenpolitisch an der Wende des 
Jahres 1934-35 eine entscheidende Entwicke 
lung an. Sie zielt in Europa auf einen Pakt 
der romanisch-slawischen Welt, der in An 
sehung seiner letzten Auswirkungen die ge 
samte germanische Welt Europas zum Auf-- 
horchen zwingen sollte. Daß man auch in 
London sehr hellhörig geworden ist, ergibt am 
Jahresende die außerordentliche Aktivität des 
englischen Außenministers Simon. Englands 
Außenminister sucht offenbar nach einer kon 
struktiven Lösung durch Einbeziehung 
Mitteleuropas in ein regionales euro 
päisches Paktsystem. Sie ergeben eine vor 
läufige Befriedung, aber die kom 
menden großen grundsätzlichen Entscheidungen 
werden nur zeitweilig aufgehalten. Es ist 
eine Ironie, daß 15 Jahre nach Versailles 
englisches Schicksal in Europa mehr wie je an 
deutsches gebunden erscheint. 
II. . • 
Diesem nicht gerade immer lichten Bilde steht 
eine überaus erfolgreiche innenpolitische Ent 
wicklung im Jahre 1934 gegenüber. War im 
Jahre 1933, so heißt es u. a. im Jahresbericht 
der Industrie- und Handelskammer Altona, 
aus der nationalsozialistischen Revolution ein 
starker Glaube und ein Strom von 
Zuversicht hervorgebrochen, die als An 
trieb zu neuem Leben auf allen Gebieten wirk 
sam wurden, so stand das Jahr 1934 unter 
dem Zeichen des starken Willens der 
Regierung Adolf Hitlers, das im 
Zähre 1933 Erreichte nicht nur zu behaupte^
	        
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