Full text: Newspaper volume (1932, Bd. 4)

ôcfyleswîg-Bolfteînifdje 
Ccmdes3eîtung 
f25. Jahrgang 
125. Jahrgang 
Schriftleituvg und Geschäftsstelle: Rendsburg. Bahnhofstraße 12/18 
Fernsprecher Nr. 2551 — Telegramm-Anschrift: Tageblatt 
Bezugspreis: Monatlich RM 1.75. zuzüglich 25 Pfg. Bestellgeld. Bel Abholung 
RM. lä — Ausgabe 6 mit Illustrierter Beilage RM 2.25. bei Abholung RM 205 
Einzelnummer 10 Pfennig, Sonnabends 15 Pfg. 
BmtMoirttn: WeM»Iflei»llch- Ban». Spar- und Leih-Kaffk. Danbu-rrtn A..».. Wirtķchaft-d-n», Be-mkrnb-nà, 
Şchleswlg.Holsteintsche Dan». Sandkreditban» A.-G. allk in Rkndsburk, und Drmrindk-Sparkaffķ. «ûdklîidarş. 
Postlrbrck.Kanļ»! Aambura 16278. ErflUIuna-an Rkndadurn. 
Anzeigenpreis: Die 10 gespaltene Kolonelzeile 25 
Reklamen 125 Tips-, Zahlungsziel 14 Tage. 
FtlrAufnahme derAnzeigen an bestimmtcnPlätzen sowie 
in den vorgeschrieb. Nummern kann keine Gewähr über, 
nommen, eine Ersaßpflicht od. Haftung bei Nichteinhaltg. 
derartiger Bestimmungen also nicht anerkannt werden. 
Del Zahlungsverzug oder Konkurs entfällt der 
Anspruch auf einen gewährten Anzeigen - Rabatt. 
Im Falle höherer Gewalt hat der Bezieher keinen 
Anspruch aus Lieferung oder Nachlieferung der 
Zeitung oder auf Rüchzahlung des Bezugspreises. 
Dmifchs OrschichLe der ķetzķm I-Ģzchà 
mathematisch vorausberechenbar. Dieser innere 
Zinn der zweiten Nachkriegsperiode sand aber 
noch nicht seinen entsprechenden äußeren Aus« 
druck und fand noch kein Mittel, um sich zu 
verwirklichen. So ist das äußerlich Typische 
dieser Periode der Triumph der liberalen Mit 
tel gerade in den sozialen Schichten und geistig 
zusammengehörigen Gruppen, welche bisher 
in politisch durchaus anderen Zusammenhän 
gen standen. Mit der stärksten, überhaupt mög 
lichen Anwendung liberaler, parlamentarischer 
Mittel, mit der Hcranhvlung der letzten, bis 
her noch unpolitischen, oder, um einen Aus 
druck der modernen Staatstheorie zu gebrau 
chen, „absentistischen" Reserven einerseits, mit 
der zwangsweisen Nationalisierung anderer 
seits schließt die zweite Nachkriegsperiode. 
Diese Durchliberalisierung der Massen durch 
die Mittel des Parlamentarismus mar die 
Vorstufe der kommenden echten Politisierung, 
die notwendige Ilmgrabung des Bodens, das 
seelische Kennzeichen dieser Periode aber war 
eine bestimmte Einstellung ans die Zukunft, 
die man am treffendsten „Leben in der Erwar 
tung" nennt. 
Nun ist diese Zukunft plötzlich Gegenwar 
geworden, und sie ist ganz anders, als mal 
sie sich vorgestellt hatte. Die letzten Reservei 
sind nun wirklich herangeholt,- die Durchlibe 
ralisierung der Massen ist vollendet. Tie Fron 
ten stehen sich scheinbar starr gegenüber: Natio 
nalsozialismus und Sozialdemokratie, zwischen 
ihnen das Zentrum, dessen Freiheit, zu einer 
der beiden Fronten zu stoßen und damit die 
Entscheidung herbeizuführen, noch unbeschränkt 
erscheint. Inzwischen ist aber der Ort der wirk 
lichen Entscheidung schon woanders hingewan 
dert. 
Die deutsche Nachkriegsgeschichte tritt heute 
nach der Periode der liberalen Restauration 
und der Epoche der aufbrechenden nationalen 
und sozialen Bewegung in ihren dritten Ab 
schnitt. Da wir nicht aus Lust an der For 
schung die Merkmale des Kommenden zu be 
stimmen suchen, sondern, um zur Lösung der 
nationalsozialistischen und sozialistischen Auf 
gabe, der Schaffung der deutschen Volksge 
meinschaft des 20. Jahrhunderts vorzuberei 
ten, liegt nichts daran, dieser Periode einen 
Namen zu geben oder über ihre voraussicht 
liche Dauer zu spekulieren: es genügt, sich über 
ihr Wesen klar zu sein. 
orvemerkung: Die heutige Nummer zur 
125-Jahrfeier der Zeitung scheint uns die gege 
bene Gelegenheit zu sein, unter den wöchentlich 
üblichen „Gedanken zur Zeitgeschichte" 
einen Aufsatz über die Tendenz der Entwicklung 
deutscher Geschichte der letzten Jahrzehnte in ganz 
großen Zügen zu geben. Es geschieht nach Auf 
zeichnungen von Dingräve in seiner Bro 
schüre „Wohin treibt Deutschland?" (Verlag 
Eugen Diedrichs). Dingräve schließt die kurze 
Erläuterung mit der Ansage, daß wir mit dem 
nächsten Jahre in den dritten Abschnitt 
deutscher Nachkriegsgeschichte tre- 
E ohne zunächst etwas über den voraussicht 
lichen Inhalt zu sagen. Wir möchten dazu bemer 
ken, daß alle Anzeichen dafür vorhanden sind, daß 
«re kommende Periode nach dem Aufbruch 
nationaler und sozialer Triebkräfte den 
der religiösen bringen wird. Schon jetzt 
drangen die Fragen um die Religion so stark in 
den Vordergrund, daß Diskussionen bereits in die 
breiteste Oeffentlichkeit überzugehen anheben. Wir 
möchten auf diese Tatsachen besonders in Anleh 
nung au die nachfolgenden Ausführungen auf 
merksam gemacht haben, weil vielfach mißver 
standen wird, daß der Aufbruch zu Zeitepochen, 
— und in einem solchen leben wir doch wohl — 
im Dreiklang nationaler, sozialer und religiöser 
Auftriebe innerhalb der Völker zu erfolgen pflegt 
und in Wirklichkeit erst der religiöse Vor 
stoß der letzte, entscheidende für Generationen 
entwicklungen wird. Dies haben wir vor allen 
Dingen in der Geschichte der Völker an der letzten 
Zweijahrtausendwenöe gesehen, welche die Antike 
abschloß und die christliche Zeitepoche gebar. 
Dingräve schreibt u. a.: 
Die Nachkriegsgeschichte Deutschlands scheidet 
,rch in zwei Zeiten: von 1919 — 1929 und 
von 1929 1932, Aber diese beiden Perioden 
schweben im leeren Raum, wenn man nickt 
mußte, und notwendig eine Zeit der Mutlosig 
keit, der Erschöpfung, der mehr oder weniger 
bewußten Reaktion nach sich zog. 
So trägt die erste Nachkriegsperiode von 
1919 bis 1929 sowohl liberalen wie 
Restaurationscharakter. Sie kann 
geradezu als „Epoche der liberalen Restau 
ration" bezeichnet werden. In Deutschland mit 
einer Verspätung von siebzig Jahren zur 
Herrschaft gelangt, lebte sich der Liberalismus 
in den Illusionen ans, die seinem Wesen ei 
gentümlich sind: der Illusion des Wiederauf 
stiegs allein durch wirtschaftliche Entfaltung, 
der Illusion der Möglichkeit uneingeschränkter 
Freiheit des Einzelnen, der sozialen Gruppe 
oder Partei, und vor allem in seiner Grund- 
illusion, als führe das Waltenlassen dieser 
Freiheit von selbst zur richtigen Ordnung der 
Gesamtheit — oder zum Sozialismus. Auch 
trug diese Zeit von 1919 bis 1929 die typischen 
Züge einer „Restauration", in dem sie den 
Menschen und Gruppen zu einer zunächst un 
erschütterlich erscheinenden Machtstellung ver- 
half, die schon vor 1914 in Deutschland mehr 
oder weniger bestimmend waren. Dabei macht 
es nichts aus, ob einzelne dieser Gruppen zum 
zweiten deutschen Reich in Opposition gestan 
den hatten,' sie befanden sich mit der bekämpf 
ten Macht in einem geheimen Zusammenhang 
durch Gegensatz, der ihre wesensgemäße Zuge 
hörigkeit zu ihm unverkennbar machte. 
Eine kurze Zeitspanne schien es allerdings, 
als schickten sich die wahren Gegenkräfte, die 
sich in der ersten deutschen Geschichtsperiode 
von 1903/05 bis 1914 innerlich vorbereitet und 
gesammelt, und die im Kriege „öffentlich" wur 
den, gerade aus dem Chaos der Niederlage 
heraus zur Herrschaft an. Einen Augenblick 
lang zeigte sich wie durch eine Wolkenlücke die 
Begegnung der nationalen mit den 
sozialen K r ä f t e n, die Möglichkeit einer 
sozialistischen Neuordnung aus konservativem 
Geist. Doch diese Möglichkeit verblaßte schon 
1921, und vollends das Ende der Inflation 
brachte mit der Stabilisierung der 
Währung zugleich die Stabilisie 
rung der Seelen. 
Die Selbstsicherheit der liLeralen Restanra- 
tionsepoche begann bereits 1928 zu wanken. 
Ein Jahr später war der Zusammenbruch da 
und der Nation bekannt geworden, mochte es 
auch noch zwei weitere Jahre dauern, bis er 
von der sich als verantwortlich bezeichnenden 
Schicht offiziell erkannt und zugegeben wurde. 
Als die liberale Restauration zusammen 
brach, ebenso infolge eines eigenen inneren 
Auslaufens wie infolge der entscheidenden 
Krise des Kapitalismus, tauchte plötzlich und 
elementar die eigentliche deutsche Frage auf, 
die 1919 bis 1921 schon einmal aufgeleuchtet 
war, aber jetzt unabdingbar geworden durch 
die unmittelbare Existenznot des deutschen 
Volkes: die Vereinigung der nationalen und 
sozialen Kräfte. Die Massen geraten in Bewe 
gung, Nationalsozialisten und Kommunisten 
schwellen an. Der Sinn der zweiten Nach 
kriegsperiode von 1929 bis 1932 war das in 
Bewegunggeraten der breiten Massen des 
mittleren und kleinen Bürgertums, was in 
dieser Form in der deutschen Geschichte zum 
ersten Male geschieht. Jene zahlenmäßig gro 
ßen bürgerlichen Massen sind in ihrer Existenz 
erschüttert, was nicht nur äußerlich zu ver 
stehen ist. Neben der Bedrohung der Nahrung 
im einfachsten Sinne des Wortes wirken hier 
beunruhigend, vorwärtstreibend, Mangel wie 
Bedürfnis eines einheitlichen Glaubens an die 
Zukunft, einer Hoffnung, eines wirklichen, 
körperhaften Gefühls der Nation. Zunächst un 
deutlich, dann bewußter, wird die Souveränität 
der Nation über die Wirtschaft als nationale 
Aufgabe, die Lösung dieser Aufgabe als unum 
gängliche Voraussetzung der Erringung der 
äußeren Freiheit erkannt. 
Das Anschwellen der Massenparteien von 
rechts und links und der sich mit ieder Wahl 
beschleunigende Zusammenbruch der Mittel 
parteien als Träger des Liberalismus und sei 
ner Illusionen war nur für einen in diesen 
Illusionen befangenen Beobachter überra 
schend, für den dagegen, der spürte, was eigent 
lich als letzte Kraft dieser unaufhörlichen Be 
wegung zugrunde lag, nichts als natürlich und 
sogar in seinen einzelnen Abschnitten fast 
Zum 85. Geburtstag des Reichspräsidenten 
Von Hinöenburg, in diesem Jahre znm 
zweiten Mal als deutscher Reichspräsi 
dent gewählt, vollendet am morgigen 2. Ok 
tober sein 85. Lebensjahr. Das ist für einen 
noch die Bürde des Amtes tragenden Staats 
mann ein ungewöhnlich hohes Alter, wenn es 
auch einschlägige geschichtliche Beispiele gibt, 
z. B. Wilhelm I. und Moltke.
	        
Waiting...

Note to user

Dear user,

In response to current developments in the web technology used by the Goobi viewer, the software no longer supports your browser.

Please use one of the following browsers to display this page correctly.

Thank you.