Full text: Newspaper volume (1932, Bd. 3)

Aktuelle landwirtschaftliche Tagesfragen 
(Ernte 32. Um- und Entschuldung. — Zinsen) Von O. Köhler, Bühnsdorf. 
Die schleswig-holsteinische Landwirtschaft 
kann in diesem Jahre mit einer verhält 
nismäßig günstigen Getreideernte rechnen. 
Auf dieser Tatsache sind jedoch, was die 
Rückzahlung und Verzinsung der Schulden 
anbetrifft, die verwegensten Hoffnungen 
aufgebaut. Was wartet nicht alles auf den 
Erlös aus der Ernte! Aufgelaufene Reichs 
steuern, Staatssteuern, Gemeindesteuern, 
Zinsen für Hypotheken und Personalkre 
dite, Dünger- und andere Wechsel, private 
Verpflichtungen, gekündigte Darlehen und 
welcher Art die vielen geldlichen Ver 
strickungen, in denen die Landwirtschaft ge 
fangen ist, sonst noch sein mögen, die neue 
Ernte, so erwartet man vielfach, soll alles 
regeln. Dieser Irrtum mutz von vorn 
herein beseitigt werden. Zunächst gilt es 
festzustellen, daß jeder landwirtschaftliche 
Betriebsleiter die Verpflichtung hat, im 
Interesse der Volksernährung die notwen 
digsten Betriebsmittel für das kommende 
Jahr sicherzustellen. Die dann noch über 
schießenden Einnahmen mögen nach der 
Vordringlichkeit der Ausgaben, wie der 
Land- und Bauernbund sie festgelegt hat, 
zur Befriedigung der Gläubiger verwandt 
werden. 
So erfreulich es ist, daß im allgemeinen 
mit einer befriedigenden Ernte gerechnet 
werden darf, so notwendig ist es, festzustel 
len, daß selbst eine Rekordernte an dem all 
gemeinen Zusammenbruch der Landwirt 
schaft nichts mehr zu ändern vermag. Hier 
zu bedarf es ganz anderer Maßnahmen, die 
ich noch kurz erörtern werde. Im übrigen 
sei darauf hingewiesen, daß auch in diesem 
Jahre, namentlich auf ganz leichten Böden, 
infolge der Dürre ausgesprochene Fehl 
ernten zu verzeichnen sind. Sodann darf 
nicht übersehen werden, daß die Preise für 
Vieh und Viehprodukte bekanntlich derart 
verlustbringend sind, daß jedenfalls für die 
bäuerlichen Betriebe die Getreideernte 
selbst da. wo sie gut ausfällt, nicht annä 
hernd einen Ausgleich bietet. Gerade die 
bäuerlichen Betriebe mit starker Viehhal 
tung, ganz zu schweigen von den Gräser 
bezirken der Marschen, stehen auch in die 
sem Jahre vor unerhörten Verlusten. 
Die schleswig-holsteinische Landwirtschaft 
steht in einer Wirtschaftskatastrophe, die be 
reits soweit fortgeschritten ist, daß sie durch 
eine gute Ernte und Handels- und zoll 
politische Maßnahmen allein, selbst wenn 
diese endlich ausreichend getroffen werden 
sollten, nicht mehr zu retten ist. 
Was dringend not tut, sind Maßnahmen 
zur Um- nnd Entschuldung der Landwirt 
schaft. Daß solche Maßnahmen nur im Zu 
sammenhang mit einer Reform unserer 
Währung möglich sind, steht für mich fest. 
Ich weiß, daß gerade dieses Gebiet sehr 
umstritten ist, daß auch die Wissenschaft, 
wie übrigens auf allen Gebieten, hierüber 
sehr verschiedener Meinung ist. Mögen die 
Gegner einer Währungsreform in der 
Theorie noch so sehr ihre Ansicht begrün 
den können, in der Praxis sieht es anders 
aus. Ein in Schleswig-Holstein bekannter 
Universitätsprofessor sagte kürzlich einmal 
in einer Tagung, auf der man sich mit 
Währungsfragen beschäftigte, daß die Wis 
senschaft die Praxis gerade dann am mei 
sten im Stich zu lassen pflege, wenn diese 
sie am nötigsten habe. Wührungstheoreti- 
ker und -techniker werden auch in Zukunft 
maßgeblich darüber zu entscheiden haben, 
wie eine Währungsreform im einzelnen 
durchzuführen ist. Ins Rollen muß der 
Stein jetzt, nachdem die Wissenschaft aus 
ihren theoretischen Erörterungen nicht her 
auskommt, von der Praxis gebracht wer 
den, von derselben Wirtschaft, die zusam 
menbricht, wenn wir unsere eingebildete 
Goldwährung durch die bisher gepflogene 
Kreditpolitik weiter „stützen". 
Die Währung eines Landes ist für die 
Wirtschaft da, und nicht umgekehrt. In 
Deutschland ist es aber so, daß die uner 
hörtesten Opfer von der Wirtschaft gefor 
dert werden, um die Währung zu „halten". 
Dabei müßte man sich doch darüber klar 
geworden sein, daß auch die „gerettete" 
Währung an dem Tage, da in Deutschland, 
nicht zuletzt durch die Maßnahmen zur 
Rettung der Währung, die Wirtschaft end 
gültig tot ist, ihren Wert und Sinn ver 
loren hat. Die Goldwährung eines Lan 
des, das eine Golddeckung in nennens 
wertem Umfange nicht besitzt, ist bestenfalls 
nur soviel wert wie die Wirtschaft des be 
treffenden Landes. Für Deutschland trifft 
das uneingeschränkt zu. 
„Nur keine Währungsexperimente", ließ 
die verflossene Brüning-Regierung fast 
wöchentlich erklären. Dabei ist es die De 
flation, die gerade unter Brüning ihren 
Höhepunkt erreichte, und die man „mit 
Ruhe und Sicherheit" durchzuführen sich 
vorgenommen hatte, ein Experiment, das 
sich ebenso furchtbar und unsittlich aus 
wirkt, wie seinerzeit die Inflation, ja noch 
schlimmer. Bei der Inflation wurden die 
Sparer beraubt, von der Deflation, wenn 
sie auf die Spitze getrieben wird, werden 
alle Kreise betroffen und, wenn auch zu 
letzt, auch wieder die Sparer. Die Jlliquidi- 
tät der Kreditinstitute, die doch nur eine 
Folge der Deflation ist, hat die Verfü 
gungsfreiheit des Sparers über seine Ein 
lagen bereits außerordentlich eingeschränkt. 
Und die Sicherheiten für das Sparkapital 
sind in dem Augenblick, wo die Wirtschaft 
neben anderen Ursachen auch wegen der 
hohen Deflationsschuldenzinsen lNeichs- 
bankdiskont bis zu 15%) zusammenbricht, 
nur noch eingebildete. Diese Folgerung ist 
unerbittlich. Sparer, die jedoch glauben, 
einer solchen Entwicklung durch Kündigung 
ihrer Einlagen aus dem Wege gehen zu 
können, irren sich. Sie beschleunigen sie 
vielmehr und vergessen, daß es im Falle 
eines allgemeinen wirtschaftlichen Zusam 
menbruches überhaupt keine sicheren Kapi 
talsanlagen gibt, auch nicht in Grund und 
Boden. Im übrigen braucht es ja nicht so 
weit zu kommen, wenn Schuldner und 
Sparer ihre gemeinsamen Interessen er 
kennen und gemeinsam gegen das Wäh 
rungsexperiment der Deflation Front ma 
chen. 
Die Sparer werden immer wieder gegen 
jede Währungsreform mobilisiert, indem 
an die Inflation erinnert wird. Jeder Ge 
danke an eine Abwertung der heute über 
werteten Deflationsmark wird mit dem 
Hinweis auf die inflationistische Tendenz 
solcher Maßnahmen abgetan. Man schreit 
Inflation und lenkt von der Deflation ab. 
Ja, es wird hin und wieder schon bestritten, 
.daß wir überhaupt eine Deflation haben, 
und so kommt es. daß das Wort Deflation 
langsam aus der öffentlichen Diskussion 
verschwindet. Das aber ist den rein kapi 
talistischen Kreisen der Hochfinanz, für die 
das Gold der Inbegriff alles Erstrebens 
werten ist, nur recht. Eine Abkehr von der 
Deflation muß nämlich zur Währungs 
reform führen und in Deutschland ange 
sichts der geringen Goldbestände auch wahr 
scheinlich zu einer Abkehr von der Gold 
währung. Es ist überhaupt typisch, daß 
immer wieder, sobald sich im Volke die Er 
kenntnis einer großen Gefahr um einen 
bestimmten Begriff konzentriert, dieser in 
ganz geschickter Weise falsch ausgelegt wird. 
So wie es mit dem Begriff Deflation ge 
schieht, versucht man es auch mit dem der 
Autarkie. Jeder verantwortliche Politiker 
lehnt eine Inflation ab. Das war einmal 
und nicht wieder. Aber auch von der De 
flation müssen wir uns mit allen Mitteln 
befreien. 
(Schluß folgt.) 
Achtet Ms dem MriMelMser! 
Als in diesem Frühjahr bekannt wurde, daß sich 
der Kartoffelkäfer in Frankreich weiter nach der 
deutschen Grenze zu ausgebreitet hatte, nahm die 
Biologische Reichsanstalt für Land- und Forstwirt- 
schaft in Berlin-Dahlem diese Beobachtung zum 
Anlaß, über ganz Deutschland verbreitet eine in 
tensive Aufklärung über das Aussehen des Kar 
toffelkäfers und seiner Larven sowie der Schaöeus- 
wirkung einzuleiten. Es wurde das Merkblatt Nr. 
5 der Biologischen Reichsanstalt „Achtet ans den 
Kartoffelkäfer" mit treffenden, übergroßen und far 
bigen Abbildungen in vierter Auflage herausgege 
ben und Flugblatt Nr. 120 „Der Koloraöokartoffel- 
käfcr", bearbeitet von Oberrcgierungsrat Dr. Mar 
tin Schwartz, der auch die intensiven Bekämpfungs 
arbeiten bei dem Auftreten des Kartoffelkäfers 1914 
in der Nähe von Stade leitete, neu aufgelegt. fAlle 
Flug- und Merkblätter der Biologischen Reichs 
anstalt in Berlin-Dahlem, Königin-Luise-Str. 19, 
sind von dort zum Preise von 10 Pfg. je Stück — 
bei Mehrabnahme verbilligt — zu beziehen.) Wie 
schon mehrfach betont, sind die Schäden, die durch 
das zahlreiche Auftreten des Kartoffelkäfers auf 
den Kartoffelfeldern hervorgerufen werden, ganz 
außergewöhnlich gewaltig, da ein Weibchen deS 
Käfers in einem Sommer 31500 000 Nachkommen 
schaft zu erzeugen vermag. 
Der Leitsatz der Bekämpfungsmatznahmen, die 
man in Deutschland und in ähnlicher Weise auch in 
England so erfolgreich anwenden konnte, ist der, 
daß alle Maßnahmen nur so lange wirklich erfolg 
reich sein können, als es gelingt, damit schneller 
vorzugehen, als der Schädling bei seiner Ausbrei 
tung. Allein die rechtzeitige Entdeckung der Befall- 
stellen und eine rücksichtslose gründliche Durchfüh 
rung der Ausrottungsarbeiten führen zu einem 
vollen Erfolg. Im eigenen Interesse wie auch in 
dem der deutschen Landwirtschaft fSpcrrung der 
Kartosfelausfuhr beim Auftreten des Kartoffel 
käfers in Deutschland) muß jeder Landwirt ein 
wachsames Auge auf den Kartoffelkäfer während 
des ganzen Sommers haben und bei den gering 
sten Verdachtserscheinungen sofort der Ortspolizei 
bezw. der Gemeindebehörde Mitteilung machen, zu 
der er auch gesetzlich verpflichtet ist. Für den Land 
wirt entstehen bei rechtzeitiger Anzeige keine Nach 
teile, da die Bekämpfung bei Auftreten des Kar 
toffelkäfers von den Behörden aus durchgeführt 
ivird. 
* «. * 
Bichmärktc vom 31. August 1932. 
Breslau: Ochsen 19—21, 15—18, Bullen. 27. 22 
bis 23, 15—17, Kühe 26-27, 18-20, 13-14, 7—10, 
Färsen 29—31, 23—24, 14—19, Kälber 38—40, 32 
bis 34, 23—25, Schafe 33—35, 27—28, 12—21, 
Schweine 42—43, 40—42, 39—40, Sauen 36—37. 
Auftrieb: 392 Rinder, 980 Kälber, 414 Schafe, 
3221 Schweine. Tendenz: Rinder langsam, Kalbet 
mittel, Schafe und Schweine langsam. 
Hannover: Ochsen 28—30, 25—27, 18—21, Bullen 
27—30, 21—25, 10—20, Kühe 24—27, 19—23, 15—18, 
10—14, Färsen 29—33, 25—28, 20—24, Kälber 42 
bis 50, 30—40, 20—28, Schafe 32—38, 25-30, 
Schweine 46, 45—46, 42—44, 38—41, 35—37, Sauen 
34—38. Auftrieb: 537 Rinder, 379 Kälber, 150 
Schafe, 1512 Schweine. Tendenz: Rinder sehr 
schlecht, Kälber mittel, Schafe langsam, Schweine 
langsam. 
Der IKeààoA. 
Ein schleswig-holsteinischer Roman von Henriette von Meerheimb. 
Max Seyfert, Verlagsbuchhandlung, Dresden. 
23) Nachdruck verboten. 
„Der Brief ist durch einen expreffen Boten aus 
Rendsburg gebracht worden. Jensen hat zwei Kro 
nen dafür bezahlen müssen." 
„Geh' und hole mir den Brief herunter, Lisa", 
' befahl Gräfin Luise nach einigem Besinnen. 
' - „Den Brief an Karin? Aber Mama!" 
„Tu', was id) dir sage." 
„Aber weshalb denn? Karin geht immer sofort in 
ķhre Stube, da findet sie den Brief ja gleich." 
„Der Brief könnte eine schlechte Nachricht ent 
halten, darum will ick) ihn ihr lieber selbst geben", 
antwortete die Gräfin Reventlow mit mühsam be 
zwungener Ungeduld. 
Lisa sah Tante Fiekchen fragend an. Aber die 
strickte so eifrig an ihrem Strumpf, als müsse der 
heute nock) fertig werden. 
„Ick) tue das nickst gern, Mama. Aus Karins 
Stube mag ich keinen Brief fortnehmen, der mir 
nicht gehört. Wer weiß, ob ihr das angenehm wäre", 
wandte Lisa ein. 
Eine zornige Röte stieg ihrer Mutter ins Gesicht. 
Sie wollte eine heftig zurechtweisende Antwort ge 
ben, aber sie unterdrückte die Regung. 
Ein paar Sekunden blieb Gräfin Luise still, dann 
jagte sie in ganz verändertem Ton: „Du bist eine 
kleine Pedantin, Lisa, gerade wie dein Vater auch. 
-Iber meinetwegen mag Karin gleich ihren Brief 
oben finden. Wahrscheinlich wird gar nichts Wich 
tiges drinstehen, und id) bin überängstlich. Zieh dich 
jetzt um. Deine Schuhe müssen naß sein — wer weiß, 
ob der Vater nicht wieder einen Gast aus Rends- 
burg mitbringt? Leutnant von Rantzau pflegt, seit 
dem er dorthin kommandiert ist, den Vater oft zu 
begleiten, wenn er ihn trifft." 
Da war das Stichwort gefallen. Lisa wurde dun» 
kelrot. Sie umarmte Tante Fiekchen stürmisch un>d 
tanzte zur Tür. „Tantchen, komm nachher hinauf 
îUnd hilf mir beim Haarmachen. Die Flechten recht 
hoch gesteckt — weißt du?" bat sie noch vom Korri 
dor aus. 
„Ja — ja, Tante Fiekchen kommt zu dir", ver- 
jprach die Gräfin ungewöhnlich freundlich. — „So- 
toie .Lila in iüryn Zimmer ist, geh' leise in Karins 
Stube nnd hole mir den Brief herunter", befahl sie 
dann der Schwester. 
Fräulein von Webern mußte etwas Aehnliches er 
wartet haben. „Du weißt, wie ungern ich so etwas 
tue, Luise! Wenn Karin das merkt — older Lisa!" 
Wandte sie schüchtern ein. 
„Keine von beiden merkt das geringste, wenn du 
geschickt bist. Gras Holm siegelt seine Briefe mit 
Wachs. Wenn das erwärmt wird, ist es eine Klei 
nigkeit, solchen Brief zu öffnen. — Schnell geh'! 
Lisa ist jetzt oben, ich höre sie Uber uns laufen." 
Das alte Fräulein seufzte tief. Aber sie wagte 
keinen Widerspruch. 
Rach kurzer Zeit trat sie wieder zur Schwester 
und hielt ihr den Brief, den sie unter ihren Schal 
enden verborgen getragen hatte, hin. „Was kann 
dir nur daran liegen, diesen Brief zu lesen, Luise? 
Karin erzählt doch gewiß freiwillig den Inhalt!" 
„Sie erzählt gerade so viel, wie ihr beliebt. Das 
Wichtigste behält sie für sich", antwortete Gräfin 
Luise kaltblütig. „Mir ist es von unschätzbarem 
Wert, über die Entschlüsse des Ministers nnd die 
politische Lage in Dänemark unterrichtet zu sein. 
Mach mir eine Stricknadel heiß." 
Tante Fiekchen hielt gehorsam eine ihrer Strick 
nadeln in das rasch entzündete Licht. Dann fuhr 
sie geschickt mit der heißen Radel über das Siegel. 
Das Wachs schmolz ans den Rändern. Die Siegel 
ließ sich daher leicht öffnen. 
Gräfin Luise entfaltete den langen Brief und 
las eifrig. Manchmal runzelte sie die Stirn. Ab 
und zu lachte sie leise auf. 
„Ausgezeichnet! Der Graf hat wîrķlich Witz. Er 
beschreibt das Leben in Frederiksborg höchst amü 
sant, und welche Künste er und Mamsell Rasmussen 
anwenden, um den Kronprinzen vom Trinken ab 
zuhalten. Die Rasmussen beteiligt sich auch an der 
Ausstellung der nordischen Altertümer, obgleich sie 
nichts Wertvolles daran entdecken kann. Und nun 
hör' einmal diese Stelle, Fiekchen: „Daß Du Dich 
so unglücklich in Johannisberg fühlst, meine arme 
Karin, bedaure ich unendlich — vorausgesehen habe 
ich das. Aber fasse noch keine übereilten Entschlüsse, 
geliebtes Kind, Du kannst unmöglich jetzt herkom 
men. Wir sind gewärtig, jede Stunde nach Kopen- 
hogen reisen zu müssen, denn der König liegt im 
Sterben. Es kann nur noch Tage dauern — länger 
nicht. Die Stunde seines Todes ist die unserer Er 
lösung, Karin. In Kopenhagen sieht's bös aus. Das 
Ministerium Hall ist höchst unbeliebt. Die Verfas 
sung, an der der kranke König arbeitet, ist den Ei 
derdänen, deren Haupt der Advokat Orla Lehmann 
ist, lange nicht weitgehend genug. Ich bin sehr ge 
gen die Konzessionen und sehe nichts Gutes daraus 
entstehen. Aber es ist möglich, daß auch wir, wenn 
der Kronprinz zur Regierung kommt, zuerst nach 
geben müssen. Dein alter Verehrer Torp sucht uns 
oft auf, bringt uns Neuigkeiten und hört durch mich 
von Dir. Durch den Tod seines Onkels ist er noch 
viel reicher geworden und gilt jetzt für die beste 
Partie in Kopenhagen. Hörst Du das. Du kleine 
Törin? Aber gegen die Liebe ist kein Kraut gewach 
sen. Das meint Kronprinz Friedrich auch und bleibt 
fest auf seinem Heiratsgedanken bestehen. Die 
Abendstunden verbringen wir meist bei der Witwe 
Sneckersen. Fräulein Rasmussen plaudert. Krön- 
prinz Friedrich trinkt ein Glas Grog nach dem an 
deren, bis die alte Sneckersen energisch die Rum- 
slasche wegnimmt. Beide zanken sich in einer wah 
ren Schiffersprache darüber. — Ich werde unter 
brochen, Karin. Ein Eilbote aus Kopenhagen mel 
det, daß König Christian VIII. im Sterben liegt. 
Wir brechen sogleich auf. Den Tod des Königs 
melde ich Dir sofort — und teile Dir auch meine 
Entschlüsse mit." 
„Run, lohnte das etwa nicht, diesen Brief zu 
lesen?" 
Gräfin Luise schob das Schreiben vorsichtig in 
den Umschlag zurück und drückte schnell wieder das 
erhitzte Wachs mit dem Griff ihrer Schere zusam 
men. „Kein Mensch kann sehen, daß der Brief ge 
öffnet wurde." 
„Den Inhalt hättest du noch früh genug erfah 
ren", widersprach Fräulein von Webern etwas ge 
reizt. Sie empfand das Oeffnen dieses Briefes wie 
eine schwere Schuld. 
„Ich lasse mich nicht gern von den Ereignissen 
überraschen", entgegnet« Gräfin Luise kühl. „Jetzt 
kann ich mir vorher alles in Ruhe zurechtlegen, was 
ich sagen und raten will, wenn der Tod des Königs 
eintritt. Trage den Brief wieder hinauf, Fiekchen, 
und lege ihn genau auf dieselbe Stelle, von der 
du ihn fortnahmst." 
Aber ehe noch Fräulein von Webern gehorchen 
konnte, rollte ein Wagen vor das Haus. Sic hörten 
Christians und Karins Stimmen. Fräulein von 
Webern konnte nur noch rasch den Brief in ihrem 
Kleid verbergen, als das Brautpaar auch schon auf 
der Schwelle stand. 
„Karin hatte sich verirrt", rief Christian. „Sie ist 
ganz naß und sehr müde." 
„Am liebsten legte ich mich gleich ins Bett — so 
angegriffen bin ich", jammerte Karin. 
„Das wird nicht nötig fein, Kind. Zieh' dich rasch 
um. Wir erwarten noch Besuch, und Christian wäre 
doch untröstlich, dich heute abend nicht mehr zu 
sehen." 
„In dem Fall würde ich auch zurück nach dem 
Medderkoog fahren", antwortete der junge Offizier. 
Aber Karin beantwortete weder die Worte noch 
den zärtlich flehenden Blick. Sie wandte sich zum 
Gehen. 
„Darf ich dir helfen, Karin?" fragte Tante Fiek 
chen. Der unterschlagene Brief brannte wie Feuer 
in ihrer Tasche. Sie hoffte, wenn sie Karin beim 
Umziehen half, ihn unbemerkt auf den Toiletten 
tisch legen zu können. 
„Danke sehr. Meine Jungfer bedient mich", ant 
wortete Karin kühl. 
Aber Tante Fiekchen, die sonst io sensitiv bei 
jeder noch so leisen Abwehr sich zurückzog, ging ihr 
heute nicht von der Seite, sondern folgte ihr unter 
allen möglichen Vorwänden, deren Absichtlichkeit 
sie nicht sehr schlau zu verbergen wußte. 
Gräfin Luise zuckte unmerklich die Achseln über 
das Ungeschick der Schwester. Sie hatte ober ihren 
Zweck erreicht. Wie Sophie sich nun herauszog, 
kümmerte sie wenig. Sie war froh, mit dem Sohn 
allein zu sein, und benützte geschickt seine augen 
scheinlich gedrückte Stimmung, um ihm zu erzählen, 
daß sie bemerke, wie Karin krank vor Heimweh nach 
ihrem geliebten Kopenhagen sei, und daß sie nicht 
glaube, daß dieses zarte, verwöhnte Geschöpf sich 
jemals bei ihnen einleben würde. 
(Fortsetzung folgt.) 
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läßt es sich noch einmal so leicht frisieren, und die 
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