Full text: Newspaper volume (1932, Bd. 2)

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(FortşètzuriH folgl- 
Bor 90 Jahren. 
Der große Hamburger Brand. 
NN. Hamburg, 5. Mai. Am heutigen Himmel- 
sahrtstage jährt sich zum 90. Male der Tag, an 
dem durch einen dreitägigen Riesen brand große 
Teile des alten Hamburgs in Schutt und Lisch: ge 
legt wurden. Anr 5. Mai 1842, der ebenso wie 
heute auch damals mit dem Himme-lfahrtstage zu 
sammenfiel, brach kurz nach Mitternacht in einem 
in der Deichstraße am Kleinen Fleet gelegenen 
Speicher ein Feuer aus, das mit rasender Schnell 
ligkeit auch die benachbarten Speicher erfaßte, so 
daß die ganze Deichstraße nach kurzer Zeit ein ein 
ziges Flammenmeer bildete. Don der Deichstraßr 
aus nahmen die Flammen einen durch nichts auf 
zuhaltenden Fortgang nach dem Rödingsmarkt, 
von dort über die Steintwiete nach dem Hopfen 
markt. Brennender Sprit, Ool, Arrak ergoß sich 
aus den Speichern in die Fluten und erfaßte hier 
die an den Pfählen liegenden Fahrzeuge. Sowohl 
die Hamburger Feuerwehr als auch die aus den 
benachbarten Orten zur Hilfe herbeigeeilten Weh 
ren standen dem rasenden Element machtlos ge 
genüber. Auch umfangreiche Sprengungen ver 
mochten dem Feuer keinen Einhalt zu gebieten. 
Ein Haus nach dem andern wurde von den Flam 
men erfaßt. Neben den prasselnden Flammen 
hörte man überall das Krachen einstürzender Ge 
bäude und das Jammergeschrei der fliehenden 
Einwohner. Der Himmelfahrtstag, den die Ham 
burger wie immer feiern wollten, war zu einem 
furchtbaren Feuertag geworden. Ueber der Stadt 
lagerte eine ungeheure Rauchwolke, aus der hin 
und wieder die Kirchtürme hervorlugten. Ein hef 
tiger und immer stärker werdender Wind jagte 
einen glühenden Feuer- und Aschenregen über die 
durch eine lang andauernde Dörre ausgetrockne 
ten Häuser der Stadt. Der große Turm der Ni- 
kolaikirche auf dem Hopfenmarkt wurde von dem 
Flugfeuer ebenfalls erfaßt und bildete kurz darauf 
eine große Flammengarbe. Um 5 Uhr nachmittags 
stürzte die Spitze des Turmes ein, wodurch auch 
die Kirche eingeäschert wurde. Kurz bevor der 
Turm einstürzte, hatten die Glocken, von der Hitze 
bewegt, ihre Stimme noch einmal ertönen lassen, 
In der Stacht vom 3. zum 6. Mai war das ganze 
Straßenviertel zwischen Deichstraße, Röd'ings- 
markt, Hopfenmarkt, Börsenbrücke und Moncke- 
damm ein Flammenmeer. Am 6. Mai morgens 
wurde das Rathaus, dort, wo heute das Patrioti 
sche Gebäude steht, gesprengt, um den Flammen 
Einhalt zu gebieten. Dieses Beginnen erwies 
sich jedoch leider als fruchtlos. Das wütende Ele 
ment ließ sich durch nichts bändigen und verwan 
delte in diesen Tagen weitere Straßenzüge bis 
zum Gänsemarkt in Trümmer. Nur wie' durch 
ein Wunder konnte die Börse, die sich in der Mitte 
des Brandherdes befand, durch drei Männer ge 
rettet werden. 
Am dritten Tage des Riefenbrandes war auch 
das Petri-Kirchfpiel von den Flammen erfaßt 
worden und legte auch hier weitere Straßenrci- 
hen in Schutt und Asche. Der heroische Kampf 
der Feuerwehren, um die Petri-Kirche zu retten, 
blieb leider erfolglos. Am 7. Mai 10 Uhr vor 
mittags stürzte der hohe Turnr in sich zusammen, 
nachdem auch sein Glockenspiel vorher noch znm 
letzten Mal erklungen war. Das nahe der Petri- 
Kirche liegende Johannenm blieb von den Flam 
men verschont. 
Nachdem noch am 8. Mai das Achteck der Ger- 
trudenkapells. ein Wunder gotischer Baukunst, dem 
Brande zum Opfer gefallen war, konnte das Feu 
er,^ das sich noch bis zum Glockengießerwall durch- 
gefreffen hatte, an diesem Tage endlich zum Still 
stand gebracht werden. Der Schaden war unge 
heuer groß. 31 Menschen hatten bei dem Brande 
ihr Leben eingebüßt, Zehntausende waren obdach 
los geworden. Der finanzielle Schaden betrug et 
wa 140 Millionen Mark. Aber aus Schutt und 
Asche entstand dank der Tatkraft von Hamburgs 
Bürgern in wenigen Jahren ein neues und glän 
zenderes Hamburg. Die Petrikirche und die St. 
Nikolaikirche wurden wieder aufgebaut, wie über 
haupt der Riefenbrand der Ausgangspunkt kom 
munalpolitischer Reformbestrehungen war. 
* * * 
Die frühere „Vaterland" 
wreöee in DruîschļķmK. 
NN. Bremerhaven, 4. Mai. Nach 18 Jah 
ren traf der Riesenbampser „Leviathan" der 
United Staates Line (die frühere deutsche 
„Vaterland" der Hapagj wieder in einem 
deutschen Hafen ein. Das mit 276 Metern 
Länge heute noch größte Schiff der Welt fiel 
bekanntlich auf Grund des Versailler Diktats 
an die ehemaligen Feindbundmächte. ES war 
im April 1913 bei Blohn u. Boß in Ham 
burg vom Stapel gelaufen und hatte erst 
zwei Ausreisen hinter sich. 
Zum Empfang des Schiffes hatten sich auf 
der „Columbus-Kaje" eine große Menschen 
menge sowie zahlreiche Pressevertreter des 
In- und Auslandes eingefunden. In der 
Nähe des Hohweg-Leuchtturms an der Weser- 
mündung begegneten sich „Leviathan" und 
„Europa". Es war ein eindrucksvolles Bild, 
wie die beiden Riesenschiffe die üblichen 
Flaggengrübe austauschten. 
Eine Besichtigung des früheren deutschen 
Dampfers erinnert schmerzlich daran, welche 
Wunden der deutschen Vorkriegshandels- 
slotte durch das Versailler Diktat geschlagen 
wurden, erinnert aber auch angesichts der 
herausfahrenden „Europa" daran, welches 
Ausmaß dank der unerschütterlichen Zähig 
keit des hanseatischen Geistes der Ausbau der 
deutschen Handelsflotte nach dem Weltkrieg 
wieder erreicht hat. 
Baumblüte im Alten Lande . . . 
NN. Lühe, 4. Mai. Jetzt haben Kirsch- und 
Pflaumenbäume im Alten Lande ihre ersten 
Blüten entfaltet. Der erste Blütenschnee 
liegt über den Obstplantagen. Nur noch einige 
Stunden Sonnenschein und die Blütenpracht 
wird sich im ganzen Alten Lande zur vollen 
Groß entfalten. Der erste Blütenverkehr hat 
bereits eingesetzt. Ter Hauptblütenverkchr 
wird erst zum Pfingstfest erwartet, da es 
gegenwärtig noch kühl und regnerisch ist und 
die Besucher vorläufig nur in Kraftwagen 
kommen. 
Maifchnee und England. 
TU. London, 6. Mai. (Eig. Funkmeldung.) 
Äm Norden von England und in Schottland 
siel in den letzten 48 Stunden viel Schnee. 
In der Grafschaft Jnverneß war die Schnee 
decke etwa 1» cm hoch. Die Kuppen der schot 
tischen Berge sind mit Schnee bedeckt. Aus den 
Tälern von West-Morland werden Schnee 
verwehungen gemeldet. 
Umschau- die Weit, 
Tàssļucz eines FMschirMbsprmMS» 
TU. Paris, 6. Mai. (Eig. Funkmeldung.) 
Ein tödlicher Unfall ereignete sich am Hinr- 
melfahrtstag gelegentlich einer Flngveran- 
staltnng aus den: Flugplatz von Bron bei 
Luvn. Ein junger Fallschirniabspringer, der 
erst kürzlich von sich reden gemacht hatte, als 
er mit Erfolg von einer 142 Meter hohen 
Brücke sprang, führte verschiedene akrobati 
sche Kunststücke in etwa 300 Meter Höhe aus, 
deren Schlnßcffekt ein Fallschirmabsprung 
bilden sollte. Die Zuschauer stellten jedoch 
Zu ihrem Entsetzen fest, daß sich der Fall 
schirm nicht öffnete und der Unglückliche auf 
den Boden aufschlug. Jede Hilfeleistung war 
unnütz, da der Tod auf der Stelle eingetreten 
war. 
Jagd auf Hamburger Autodiebe. 
Hamburg, 4. Mai. Nach einer verwegenen 
Jagd, die über einen Kirchhof, durch einen 
Kirchturm, über Mauern, Chausseen und 
Wiesen führte, ist es den Landjägern von 
Karstüdt (an der Bahnstrecke Hamburg—Ber 
lin) gelungen, drei Hamburger Autodiebe zu 
fassen, die mit einer eleganten Brennabor- 
Limousine nach Berlin unterwegs waren. Sie 
sind dem Amtsgerichtsgefängnis in Perleberg 
zugeführt worden. 
* . * 
Verwegener Raubüberfäll auf zwei 
Kassenboten. 
TU. Vottropp, 4. Mai. Am Mittwochnach- 
mittag wurden zwei Boten der Commerz- 
nnd Privatbank, Zweigstelle Bottropp, aus 
dem Wege zum Postamt von vier Rändern 
überfallen. Plötzlich sprangen aus einem 
neben den Boten haltenden Kraftwagen zwei 
Männer, die den Boten die Beutel mit dem 
Hartgeld, etwa 10 000 RM., entrissen. Zwei 
weitere Räuber hielten vom Kraftwagen ans 
die Boten durch Revvlvcrschüsse in Schach. 
Einer der Boten sprang hinter einen Baum 
und erwiderte von dort aus das Feuer. 
Darauf flüchteten die Räuber in Richtung 
Tote und über 100 Verwundete gezķ 
Ganze Dörfer und großer Waldbestand şş 
zerstört worden. Tic gesamte Ernte io'" 
große Viehherden sind vernichtet. 
Schließung aller thüringischen Theater? 
Wie uns berichtet wird, machte der thüringische 
Finanzminister vor einigen Tagen im Landtag Aķ 
führungen zur Theaterfrage, die die größte Dcach- 
tung verdienen. Er wies darauf hin, daß die F 
schußpflichtigen Kreise und Gemeinden dem Lan^ 
fast eine Million Reichsmark schuldeten. Das Land 
sei nicht mehr in der Lage, für die finanziellen Ver 
pflichtungen der Theaterstädte und der interessier 
ten Kreise aufzukommen. Der Minister erklärte, 
daß, wenn er von der Notwendigkeit einer S<ķ' 
ßung der Theater sprach, er nicht an eine Schlie 
ßung für immer denke. Leider gäbe es keinen an 
deren Weg. wenn man die finanziellen Verhältnis!^ 
einigermaßen erträglich gestalten wollte, als e* 4 
vorübergehende Schließung der Landesthcater, 
dann die thüringischen Theater einer Umorgaiül"' 
tion zu unterziehen. 
statte VoK. 
Zwei Personenzüge sind auf dem Bahn hei 
Kirchberg (Bayern) infolge NichtumstelleB 
der Einfuhrweiche zusammengestoßen. EUll 
größere Anzahl Reisender wurde leicht ver 
letzt. Die beiden Lokomotiven und 3 Pcrse- 
nenwagen wurden beschädigt. 
Leo Sklarck ist von einem Sachverständige" 
ans seinen Geisteszustand untersucht mordest 
Sanitätsrat Lepprnann hat festgestellt, daß 
von irgend einer Form von Geisteskrankheit 
nicht gesprochen werden könne. 
An der sizilianischen Küste ist ein Schoner 
nnrgeschlagen. 2 Fahrgäste sind ertrunken, " 
werden noch vermißt. 
* * * 
Eine Woche auf einer Eisscholle zugebracht. 
TU. Oslo, 5. Mai. Norwegische Robben- 
fangschisfe haben im Eismeer 12 russische 
Fischer, die Besatzung des untergegangenen 
Robbenfangschiffes „Zentrosojow" gerettet. 
Tie Russen hatten vor ihrer Rettung eine 
ganze Woche auf einer Eisscholle verbringen 
müssen. Ein russischer Eisbrecher hat die 
Geretteten inzwischen von den norwegischen 
Fahrzeugen übernommen. 
Nach einer Auseinandersetzung aus der 
Straße in Gelsenkirchen gab der Kaufmann 
Cohn ans seinen Geschäftskollegen Wimpfhci- 
mer, auf dessen Frau und seine beiden Kinder 
Schüsse ab, durch die die Kinder getötet wur 
den. W. und Frau wurden lebensgefährlich 
verletzt. 
Drei Kinder vom Blitz getötet. 
TU. Warschau, 5. Mai. Am Mittwoch 
schlug ein Blitz in das Kinderheim der Ort 
schaft Polukno im Wilna-Gebiet ein. Drei 
Kinder, ein Knabe und zwei Mädchen, waren 
auf der Stelle tot. 
Wirbelstnrm in Indien. 
TU. Bombay, 8. Mas. In der Nacht znm 
Donnerstag wurde das östliche Bengalen von 
einem schweren Wirbelsturin heimgesucht, der 
groge Verwüstungen anrichtete und zahlreiche 
Todesopfer forderte. Bis jetzt wurden 20 
Wegen Deviscnschiebung hatte sich der Ber 
liner Bankier Blum zu verantworten. Er be 
ging Selbstmord. Ter Mitinhaber der Firma, 
Bankier Bernheim, wurde wegen Fluchtver 
dachts und Verdunkelungsgefahr verhaftet. 
❖ 
Elli Beinhorn befindet sich auf der Fahrt 
von Sidney nach Panama. 
Der frühere Kronprinz Wilhelm konnte am 
6. Mai seinen 50. Geburtstag begehen. 
Im Hamburger Hafen ist ein Mcssejungc 
von einem Dampfer ins Wasser gestürzt und 
ertrunken. 
Wie die „Donaupost" aus Klanscnbnrg mel 
det, ereigneten sich am Himmelsahrtstag in 
Siebenbürgen zwei schwere Krastwagcnun- 
fälle, die insgesamt 6 Todesfälle forderten. 
Verlag n. Druck: Heinrich Möller Söhne, 
Rendsburg. 
Ehefredaktion u.Berlagsleitung: Fcrd. Möller. 
Verantivortlich für Leitartikel: Fcrd. Möller, 
Politik: Adolf Gregori, für den allgemei 
nen Teil und Feuilleton: Herbert Pu bl- 
ittttiut, für den wirtschaftlichen Teil: Dr. Job 
Gosch, für den provinziellen und örtlichen Teil: 
Karl Müller, alle in Rendsburg. — Ber 
liner S ch r i f t l c i t u n g : Berlin-Charlotten- 
b n r g 9, Gotha-Allee 19, Fernsprecher I 0 
Heerstraße 0880. 
IîLļL à Şttt. / Von Aoîhd 
5) _ _ (Nachdruck verboten.) 
„Immer weiter, Dieß, immer weiter lernen, es 
kann nicht schaden. Ich bin noch rüstig, werde auf 
Tramin allein fertig. Ein junger Mensch gehört ins 
Leben hinaus, damit er kein Waschlappen wird. Frü 
her waren die Wenkendorfs alle Offiziere. Heule 
soll der leiste Wenkendorf sich auch nicht jung auf 
seiner Klitsche verkriechen. Hinaus und sich den 
Wind tun die Ohren blasen lassen, das ist deutsche 
Mannesart." 
Und Dieß hatte den guten Rat befolgt. Er kam 
vorwärts und das freute ihn. Er würde auch nach 
Schluß hier noch nicht nach Hause gehen, sondern 
er wollte noch ein paar Jahre weiter lernen. Das 
konnte er nur, wenn er sich eine Stellung suchte. 
Das wollte er tun. Wenn er nächste Woche nach 
Hanse fuhr, wollte er es mit Mutter und Onkel be 
sprechen. 
3. Kapitel. 
Wenkendorf saß im Zuge, der ihn der Heimat ent- 
gegenkrug. Biele, viele Stunden sah Dieß in die 
vorüberfliegende Landschaft hinaus. 
Lange Zeit war ein alter Herr sein Reisegefährte 
gewesen, mit dem er sich vorzüglich unterhalten und 
der sich ihm als Pfarrer Fichtler vorgestellt hatte. 
Er war leider auf einer der letzten Stationen aus 
gestiegen. Mit einem Ruck hielt der Zug. 
„Elbing, zwanzig Minuten." 
Wenkendorf stellte sich ans Fenster und sah dem 
Hasten und Drängen aus dem Bahnsteig zu. 
Als sich der Zug endlich wieder in Bewegung 
fetzte, war Wenkendorf immer noch allein im Abteil. 
Bon nebenan tönte Kinderweinen. Er lehnte sich 
Zurück. Was hatte ihm der Onkel letzthin geschrie 
ben? 
„Du wirst ja staunen, wie sich die beiden kleinen 
Gütschows herausgemacht haben. Einmal wirst Du 
wohl auch an eine Heirat denken und Du könntest 
mir keinen lieberen Gefallen erweisen, als wenn 
Du Dich für eine der beiden allerliebsten Mädel 
entschließen würdest. Wenn Du erst ganz in Tramin 
bist und mit Dir so ein trautes Mariellchen, dann 
fall für uns beide Alten der Lebensabend in be 
schaulicher Ruhe da sein." ' 
Dieß von Wenkendorf lächelte vor sich hin. Wie 
der gute Onkel Karl sich das dachte. So leicht war 
-as doch nun wirklich nicht mit dem Heiraten. Er 
hatte doch einen eigenen Begriff davon. 
Li>abeth und Gisela Gütschow waren ein paar 
liebe Mädel, mit denen er als Junge herumgetollt 
hatte. 
Stets, wenn er in -den Ferien nach Hause kam, 
dann waren die zwei kleinen Gütschows auch da. 
In den letzten zwei Jahren hatte er sie nicht mehr 
gesehen. Sie waren in einem Genfer Pensionat. 
„In der Schliffmühle", hatte Herr von Gütschow 
gesagt. 
Auf einmal lächelte Dieß nicht mehr. Sein Ge 
sicht verfinsterte sich. 
Warum schrieb Onkel Karl in seinem letzten Briefe 
von den Gützchower Mädels? Hatte man etwa 
über ihn schon eine Bestimmung getroffen? 
Dann verwarf er diesen Gedanken wieder. Rein, 
soweit kannten sie ihn doch zu Hause, daß er sich 
nicht verkuppeln ließ. Liber den Wunsch hatten sie. 
Dieß von Wenkendorfs Herz ging nicht einen 
Schlag schneller bei dieser Erwägung. 
Vorläufig würde er sich nicht einmal verloben, 
den erst wollte er noch einmal hinaus. Und da 
durfte er nicht gebunden sein, das tat nicht gut. 
Er hielt es für ausgeschlossen, baß sich sein Herz 
für eine der beiden Gütschower Mädels mehr wie 
freundschaftlich erwärmen konnte. Run, er würde 
ja sehen. 
Wieder hielt der Zug. Diesmal stand Wciàdorf 
nicht auf. Er lehnte sich in die Ecke und schlief. Wie- 
der vergingen Stunden. 
„Letzte Station vor Königsberg." 
Der Schaffner rannte am Zuge entlang. Dietz v. 
Wenkendorf erwachte, stand auf und reckte seine 
große Figur. Er stellte seinen Koffer zurecht und sah 
nun wieder zum Fenster hinaus. 
Auf dein Bahnsteig in Königsberg lief ein dicker, 
sehr großer Herr aufgeregt umher. 
Als der Zug hielt, lief er au den Abteilen zweiter 
Klasse entlang. 
Dci stieß er einen Ruf aus vor Freude. Dieser 
Ruf klang so grunzend, daß sich ein paar ältere 
Damen erschrocken umdrehten. 
„Hallo, Dieß, sei mir gegrüßt im gelobten Lande. 
Endlich wieder mal da, deine Mutter freut sich nicht 
schlecht. Was da so alles zusammengebacken und ge 
braten worden ist. nicht zum sagen. Mir läuft seit 
Tagen das Wasser im Munde zusammen." 
Er hatte den Reffen mitten auf dem Bahnsteig 
umarmt und versperrte dabei mit seiner gesunden 
Breite den Reisenden rücksichtslos den Weg. 
Endlich waren sie aber doch durch die von Men 
schen wimmelnde Bahnhofshalle gedrungen und 
draußen bei dem auf sie wartenden Wagen gelandet, 
der sie nach Tramin hinausbringen sollte. Wenken 
dorf reichte dem alten Kutscher die Hand. 
„Tag. Kokat, wie geht's?" fragte er freundlich. 
Der Alte strahlte über das ganze Gesicht. 
„Danke vielmals, gnädiger Herr, es geht man so." 
^ „Wie soli's ihm denn gehen", brummte Herr von 
Tramin, „'s Reißen hat er in allen Knochen, genau 
so wie ich. Und wenn uns nicht ab und zu ein steifer 
Grog wieder in die Höhe brächte, wir ständen für 
nichts. Nicht wahr, Alter?" 
Der Kutscher nickte und seine rote Nase Bestätigte 
die Worte Herrn v. Tramins. 
Der Landauer rollte durch die Straßen Königs 
bergs. Vielmal wurden sie gegrüßt. Der Traminer 
war hier eine bekannte Persönlichkeit. 
Dann fuhren sie auf der breiten Straße dahin. 
Rechts und links davon wechselten blumige Wiesen 
mit wohlbestellten Feldern und grünen Tannenwäl 
dern ab. Der Onkel zeigte auf ein Besitztum, das, 
drüben aus dem Walde hcrausragte. 
„Dort wohnt jetzt ein Ausländer, auf deut alten, 
herrlichen Schloß der Sandens. Der alte Sonden 
hat sich vor ein paar Wochen eine Kugel durch den 
Kopf gejagt, das war das Ettde. Und du hättest den 
Kerl mal sehen sollen, wenn der vor dreißig Jahren 
so als Kürassier auf Urlaub kam, ich sage dir, sämt 
liche jungen Damen der Umgegend waren in ihn 
verschossen und weinten sich die hübschen Augen 
aus. Ra — das ist so ein Fall von vielen." 
Er schwieg. 
D:etz hüllte sich ein in die duftende blumige Stille 
bteses Pfingstsamsta ges. 
Ein großer, dunkler Wald nahm sie jetzt auf. Ganz 
tief hingen die Aeste der alten Tannen auf die 
Straße herab. 
Am Rande stand ein alter Herr in Forstuniforw 
mit schneeweißem Bart. Man war bereits auf Tra 
miner Boden. Förster Relenow trat grüßend näher. 
Tramin ließ den Wogen halten. Freundlich be 
grüßte Dieß den alten Forstmann, der seit der Kind 
heit Tagen ein Stück Heimat für ihn darstellte. 
„Ra, wie wär's mit 'ner ergiebigen Rebhuhn- 
jagd?" fragte fidel Onkel Tramin. 
Der alte Forstmann ttickte. 
„Sehr ergiebig wird sie. Und auch das Rehwild 
und die Hirsche werden zu ihrer Zeit eine erstklassige 
Jagd liefern." 
Roch ein paar freundliche Wort hin und her und 
dann rollte der Wagen weiter. 
Kläffend rannten die zwei rotbraunen Dackel noch 
ein Weilchen neben dem Wagen her, während die 
gefleckte Diana unbeweglich neben ihrem Herrn ver 
harrte. 
Der Wald lichtete sich jetzt. Dort drüben lag Tra 
min. Eine breite Lindenallee führte zum Gutshaus- 
Die zwei Braunen griffen schneller aus, als wüßte" 
sie, wie sehnsüchtig der Wagen erwartet wurde. 
Bor dem Gutshause breitete sich ein großer, wokst' 
gepflegter Blumcngorteu aus.
	        
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