Full text: Newspaper volume (1931, Bd. 4)

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ödjteswig-ßolfteimfdje 
124. Jahrgang. 
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Dadurch wird jede gesunde Sachliebe und schließlich 
jede Liebe der Familienmitglieder untereinander 
erstickt, weil diese sich durch die Gewöhnung des 
Zusammenlebens an die Mitbewohner anpassen, 
so daß letzten Endes jedes individuelle Familien, 
leben völlig verschwindet. 
Andererseits hat die Revolution dadurch ein 
Mittel in der Hand, die Meinungen der einzel 
nen auch da zu überwachen und auszuspionieren, 
wo sie sich vielleicht sicher verkriechen könnten, zwi 
schen den intimsten vier Wänden. Es ist Tatsache, 
daß in jeder Gruppe von Zusammenwohneuden 
ein Spitzel, ein Agent oder Vertrauensmann der 
G, P. II. vorhanden ist, der sammelt, überwacht, 
angibt. Man stelle sich vor, welch eine Lust es sein 
muß, in diesem von den Bolschewisten geschaffenen 
Paradies zu leben mit dom öffentlichen Sicher 
heitsdienst am Bette! 
Wenn diese Art des Zusammenlebens unseren 
Hausfrauen auferlegt würde, gäbe es joden Tag 
in jeder Küche ein Blutbad. Aber die russische 
Frau war schon früher so wenig Hausfrau, so 
wenig ihrem Heim zugewandt gewesen, daß sie es 
nicht verstanden hat es zu verteidigen. So hat sie 
ein Reich verloren, das nie ihr eigen war. Seit 
dem sie aus dem alten Fraueugemach durch Peter 
den Großen befreit wurde, bat sie ihre Hauptauf 
gabe außer dem Hause gesucht. 
Das Haus ist so eine verhaßte Zelle geworden, 
wohin man nur geht, um zu schlafen, Tee zu trin 
ken oder am Ofen dumpf hinzubrüten, wo man 
kaum ein Wort sprechen kann, weil die Wände 
Ohren haben. So muß das Leben einen andern 
Zufluchtsort suchen. Die Fabrik genügt nicht. Bai: 
der Arbeit allein kann inan nicht leben. Wohin 
soll man also gehen, was tun? 
Zwei Vergnügen sind geblieben, die Liebe und 
das Trinken. Der proletarische Staat, der sogar 
ein Stück Brot versteuert, läßt die Liebe steuerfrei. 
Mit der gleichen Umsicht ist er gegen die Trocken 
legung. Er hatte es damit versucht, aber er hat es 
wieder ausgegeben, trotz der ärztlichen Ratschläge. 
Aerzte verstehen eben keine Politik. Der Wodka 
ist ein Nationalheiligtum. Die Staatsraison ge 
bietet ihn beizubehalten. Liebe und Wodka, die 
einzigen dem Russen verbliebenen Güter, sind 
Machtmittel in der Hand der Regierung, die sie 
für ihren Bestand unbedingt braucht." 
(Fortsetzung folgt.) 
Die russische Frau ist im allgemeinen intelligen 
ter als der russische Mann. Sie hat sich niemals 
von den Machtansprüchen des Vaters oder des 
Mannes, dis wohl im Gesetz, aber niemals im 
Leben und in der gesellschaftlichen Wirklichkeit be 
standen, befreien müssen. So verblieb sie auch 
außerhalb des Frauengemachs die Geliebte,^die 
jenige, die sich entzückte oder schimpfte, die instän 
dig flehte oder peitschte, die jede Anregung, jeden 
Rat, jeden Ansporn gab, ein Gedicht inspirierte, 
zu einer Schlacht trieb oder ein Verbrechen an 
stiftete. 
Die Revolution, die ein Uebermaß von Leiden, 
Arbeit und Hunger auch über die Frauen in diesen 
bleischweren Jahren der Buße ausgoß, hat sie in 
den geschlechtslosen menschlichen Strudel geworfen, 
in die Fabriken getrieben oder über den Pilug 
gebeugt. Sie hat sich vollständig an das Leben und 
dis Gewohnheiten der Männer angeglichen. 
Aber es wäre nicht richtig zu sagen, daß der 
Bolschewismus die Familie zerstört habe, er hat 
das Haus als Einheit, das Heim vernichtet. Er 
zwingt drei, vier, fünf Familien, die völlig nach 
gesellschaftlicher Stellung, Kultur. Erziehung, 
Grundsätzen verschieden sind, dazu, in einer und 
derselben Wohnung zu hausen, in einem Durchcin- 
ander, das nur eine spanische Wand, einen Schirm, 
einen einfachen Vorhang als trennenden Schutz 
kennt. Ich habe das selber in sehr, sehr vielen 
Privatwohnungen in den verschiedensten russischen 
Städten feststellen können und habe mich nicht 
weiter darüber gewundert, daß die an sich schon 
schwachen Familienbande sich nur noch leichter 
lösen. 
Die Furcht, sich zu verbllrgerlichen, die Gefahr, 
daß die proletarische Gesellschaft sich verfette, das 
Schreckgespenst, daß sich der revolutionäre Kreis 
schließen könnte mit der Umbildung der alten rus 
sischen Adelsgesellschaft zu einer kleinbürgerlichen 
Gesellschaft von Repmen, Kulaken, Werkmeistern, 
Beamten und Offizieren, führt die Revolution da 
hin, das Haus als Einrichtung des Komforts zu 
bekämpfen, die unnötigen Appetit errege und 
Träume bürgerlichen Wohllebens vorgaukle. Des 
halb darf eine Familie eine Wohnung nicht für 
sich allein bewohnen, sondern es wird das Zusam 
menwohnen von mehreren darin verlangt. 
Einerseits hat diese Tatsache die schwerwiegende 
soziale Folge (und das beabsichtigt ja gerade das 
kommunistische System), daß alle Möbel allen ge 
hören, die zwischen denselben Wänden wohnen. 
Sowjet-Nutzland im Spiegel italienischer Beobachtung, 
GààeK Mr UMMchichle 
Welche weltanschaulichen Gegensätze der italieni 
sche^ Faschismus und der russische Bolschewismus 
darstellen, geht aus ihrer grundsätzlichen Be 
wertung der Familie hervor. Für den Faschismus 
ist die gesunde Familie das erste Fundament des 
Staates. Mussolini geht auch da planmäßig zu 
Werke, indem er das italienische Volk gerade in 
diesem Punkte auf die Größe seiner Vergangen 
heit hinweist und ihm das Vorbild der alten Rö 
mer zeigt. Die römische Religion ist sittlich eine der 
reinsten und strengsten der Antike gewesen. Per 
verse Ausschweifungen wie die Griechen kannten 
die Römer in ihrer Glanzzeit nicht. Sie hatten 
Haus- und Familiengötter. Die Frauen waren 
hochgeachtet. Der Jungfräulichkeit fetzte man Al 
täre. Die Polygamie war verdrängt. Die Gattin 
war nicht wie bei den Griechen im Frauengemach 
eingeschlossen, sondern war Herrin des ganzen 
Hauses. So gebar sie dem römischen Staate kraft 
volle Männer, die die Welt eroberten. Die geist 
reiche Hetäre im Sinne der Geliebten des Perikles, 
der Aspasia, kannte man nicht. Die Mutterschaft 
war das höchste Ideal der römischen Frau. Die 
römische Ehe wird abgelöst und vertieft durch die 
christliche Ehe, die eindeutig als Sakrament, als 
heilige geweihte Einrichtung angesehen wird und 
damit unauflöslich ist. 
Wie im Gegensatz hierzu das Ideal der Bolsche 
wisten aussieht, das sollen im folgenden die Aus 
führungen Mario Seriolis über die Familie im 
bolschewistischen Staate zeigen: 
„Der Bolschewismus hat nicht die Familie auf 
gelöst. er hat das Heim, das Heiligtum ves eige 
nen Herdes zerstört." 
In Rußland hatte die Familie wie im allgemei 
nen bei allen slawischen Völkern schon vor der Re 
volution ein anderes Aussehen als bei den Völkern 
des germanisch-romanischen Kulturkreises. Es ge 
nügt. daraufhin dis Hauptwerke der russischen Lite 
ratur anzusehen, die das Familienleben darstellen. 
Die Ehe und das Vorhandensein von Kindern 
schufen keinen neuen Organismus, ebenio auch 
nicht das Zusammenleben,, jene Entwicklung still 
schweigend gemeinsam ertragener Pflichten, das 
Bewußtsein des Verbundenseins in Leid und 
Freud, in Rot und Tod, wie es sich in Mittel- und 
Westeuropa herausgebildet hat. Die Grundlage 
hierfür ist die patriarchalische Lehre von den un 
auflöslichen Banden der Familie, von der Heilig 
keit und Unverletzlichkeit des Herdes, von dem 
autonomen Dasein der Familie als gesellschaftlicher 
und staatlicher Einheit, eine Lehre, wie sie in erster 
Linie das liberale bürgerliche Zeitalter hervor 
gebracht hat. 
In Rußland bestand und besteht die Familie so 
zusagen wie bei allen lebenden Arten, wenn man 
darunter die Tatsachen der Zeugung, Mutterschaft, 
Erziehung verstehen will. Aber vom gesellschaft 
lichen Gesichtspunkt aus hatte sie hier schon früher, 
und nicht erst durch die Revolution bedingt, einen 
lockereren Charakter und war eine bloß natür 
liche Vereinigung. 
Anders ausgedrückt, hatte die Familie nicht das 
Uebergewicht über den einzelnen, sondern der ein 
zelne galt mehr als die Familie. Sie stellte weder 
einen Kreis von Rechten noch von Pflichten dar: 
sie war einfach eine von der Natur geschaffene 
Grundlage. Die persönliche Freiheit wurde durch 
die häusliche Herrschaft in keiner Weise beschränkt 
und das Individuum, ganz gleich welchen Ge 
schlechts, Alters oder Familienstandes, hatte im 
täglichen Leben keine besonders Macht oder irgend 
eine Abhängigkeit außer der natürlichen oder je 
ner, die es sich anmaßte, die sein Temperament an 
nahm oder die ein lleberbleibsel orientalisch-asia 
tischer Sitte war. 
Im großen und ganzen lebte das Individuum 
ohne familiäre Beziehungen. Die Formen frei 
williger Vereinigungen dagegen wie „Mir" 
„Artel", „Sokol", „Sowjet", „Club" stellten ge 
sellschaftliche Gruppen und Bande dar, die weit 
wichtiger als die Familie waren und sind. Das 
ist ein fast allen Slawen gemeinsamer Zug. Unter 
ihnen kann dieselbe Blutsabstammung nur vor 
übergehende soziale Vereinigungen schaffen. Die 
ursprüngliche Zigeunernatur dieser Rasse schreck! 
vor diesen Bindungen zurück, hauptsächlich, weil 
sie einen Dauerzustand und einen gewissen Zwang 
darstellen. 
Bei Romanen und Germanen lebt das Indivi 
duum, bevor es in die menschliche Gesellschaft ein 
tritt, in der Familie. Von ihr wird es begleitet 
und gestützt von der Schwelle der frühesten Jugend, 
bis es selbst eine Familie gründen will. In Ruß 
land dagegen war es anders. Das Problem der Er 
ziehung und moralischen und bürgerlichen Bildung 
des Individuums im Schoße der Familie war dort 
unbekaunt. Bei den wohlhabenden Familien war 
dis Erziehung Sache fremder Hauslehrer, im Mit 
telstands tat es die öffentliche Schule, auf dem 
Lande der Geistliche, wenn er es verstand. Die 
Familie also kümmerte sich vor dem Krieg nicht 
um die Erziehung: sie war eine zufällige oder 
öffentliche Angelegenheit, Selbstentwicklung oder 
Aufgabe der Gesellschaft. Das Kind war schon da 
mals sich selbst oder fremden Menschen anvertraut 
oder überlassen. Seine Gefühle, Gedanken, Wil 
lensäußerungen drehten sich um andere Personen, 
Dinge, Orte als den häuslichen Herd. 
Bei seinen pädagogischen Bestrebungen hat der 
bolschewistische Staat dis Kinder nicht den Fa 
milien zu entreißen brauchen. Man gab üe ihm 
sozusagen, bevor er darum gebeten hatte. In die 
sem Sinne, aber auch nur in diesem Sinne, kann 
man sagen, daß das staatliche Eingreifen in Ruß 
land eine Wohltat und einen Fortschritt darstellt. 
Die russische Frau war seiner Zeit durch die 
Reformen Peters des Großen aus dem orientalisch 
asiatischen Frauengemach der alten Bojaren befreit 
worden. Sie trug am Körper noch die Spuren 
männlicher Heftigkeit und Grausamkeit. Sie hatte 
aber soviel Freiheitsdurst aus dem zerstörten Ge 
fängnis mitgebracht, soviel verhaltene, unbefrie 
digte Sinnlichkeit, daß sie — einmal befreit — 
ohne weiteres auf die Lasten und Sorgen der Fa- 
milis verzichtete und ihre neue Aufgabe in dem 
sich dem Westen anpassenden Rußland so auffaßte 
nicht nur Liebesgesährtin, sondern auch Geistes 
gefährtin zu sein. 
MnszehnproZenLige Einschränkung, oder weitere riesige Rüstungen? 
TU. Washington, 3. Okt. (Erg. Funkmelög.) 
Trotz öer Opposition der Vignavy-Leute (Be 
fürworter eines großen Flottcnbanpro- 
gramms), die heute wiederum im Leitartikel 
der „Herald Tribune" zum Ausdruck kommt, 
ordnete der Staatssekretär im Marincdeparte- 
ment, Adams, ein Sparprogramm in allen Ab 
teilungen seines Ministeriums an. Der Mari 
nehaushalt in Hohe von 401 Millionen Dollar 
soll durch folgende Sparinaßnahmen nm runö 
15 v. H. gekürzt werden: 
1. durch Außeröienststellung eines Fünftels 
der gesamten Flotte, 
2. Einschränkung der Mannschaften um 5000 
bis 10 000 Mann, 
3. Schließung einer Marineausbilöungsschule, 
4. Schließung mehrerer Marinewerften. 
Dagegen künden zwei Marinesachverstän- 
dige, der Vorsitzende des Marincausschusses im 
Senat, Senator Hale, und der Vorsitzende des 
Marineausschusses des Abgeordnetenhauses, 
Abgeordneter Britton, die Vorlegung eines 
riesigen Schiffsbanprogramms im neuen Sit 
zungsabschnitt des Kongresses an. Dieses Pro 
gramm sieht bis 1936 einen Aufwand von 7ö0 
Millionen Dollar für Schiffsneubauten vor, 
wodurch die im Londoner Flottenvertrag fest 
gelegten Kontingente voll ausgenutzt werden 
würden. 
an, daß die Besetzung mindestens sechs Mo 
nate dauern wird, da die Japaner schon jetzt 
Maßnahmen für die Ueberwinterung ihrer 
Truppen in Mukden getroffen haben. 
Nach einer russischen Meldung aus Tokio 
hat das japanische Kriegsministerium die 
Entsendung weiterer Truppen nach Mukden 
und Tschangtschung angeordnet, um die Be 
wachung der Eisenbahnen zu verstärken. 
EMM eine Mchrheü. 
TU. Wien, 3. Okt. (Eig. Funkmeld.) Nun 
mehr ist es nach Verhandlungen, die die ganze 
Nacht bis heute früh andauerten, gelungen, 
eine Mehrheit für die Samermrgsvorfchlägc 
der Regierung zu finden, die sämtliche Par 
teien, mit Ausnahme der 8 Stimmen des 
Heimatblockes, umfaßt. 
EmgeZ SchGêîgen. 
Macdonald taut cs auf. 
TU. London, 3. Okt. (Eig. Fulikmeld.) 
Ministerpräsident Macdonald legte vor einer 
Delegiertenversammlung der Arbeiterpartei 
in seinem Wahlkreise die Gründe für das 
Verbleiben in der Nationalregierung dar. Er 
wurde von der Versammlung mit eisigem 
Schweigen begrüßt, verstand es jedoch, seine 
bisherigen Parteifreunde, die ihn und seine 
Ministerkollegen aus der Partei ausgestoßen 
haben, in einer einstündigen Red? so sehr zu 
erwärmen, daß ihm zum Schluß bemerkens 
werter Beifall gespendet wurde. 
£tnm Augm&iick 
Bei einer von etwa 120 Personen besuchten 
Veranstaltung des Schleswigschen Vereins 
Amt Gottorp, also Dänischgesinnter, in der 
Stadt Schleswig (Slesvighus) sprach 
ein Gast von nördlich der Grenze, Hofbesitzer 
Peter Grau, von der „schwierigen nationalen 
Vorpostenstellung im südlichen Schleswig". 
U. a. sagte er, es sei gutes Recht der Dänen, 
mit geziemenden und anständigen Mitteln 
„auf historischem dänischen Boden" sür däni 
sche Gesinnung und dänische Kultur einzutre 
ten. Man rechne mit der friedlichen Erobe 
rung von Herz und Sinn der schleswigschen 
Landsleute. 
Die Unaufhörlichkeit Meyersahmscher Kas 
sandrarufe braucht man sich nicht zu eigen zu 
machen. Aber dänischer Arbeit so weit im 
Süden wird man sein Augenmerk schen- 
VMM um aller Vell 
befindet fich auch auf der 4. Seite des 2. Blattes.
	        
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