Full text: Newspaper volume (1931, Bd. 4)

Zur Unterhaltung 
Nr. 239 
Beilage der Schleswig-Holsteinischen Landeszeiknng (Rendsburger Tageblatt) 
Montag. Sen 12. Oktober 1931 
Schleppkahn M 37 auf Fahrt. 
Erzählung von Walter Lahne. 
Hinnerk Mieschen kletterte die Steiltreppe aus 
dem Kajüteneingang hoch. Eine Zeit lang stand' er 
droben an Deck unter dem beizenden Qualm der 
Rauchfahne, die aus dem schwärzlichen Schornstein 
des Schleppers „Christian Karlsen" aufstieg und 
den rauschenden Zug der Schleppkähne überhüllte. 
Stark strömte das Wasser des Flusses am Steven, 
der beiderseits die Zeichen M 37 mit weißer Oel- 
farbe aufgemalt trug. Abendlich verschwamm schon 
die flache Uferlandschaft. Erste Lichter glänzten auf 
aus dem Dunst. 
Der Junge stand auf dem Achterdeck und hielt 
die Ruderpinne. Wie ein heller Fleck lag fein Ge 
sicht in der Dämmerung. Seine Gestalt straffte sich, 
als Wiefchen auf dem Laufsteg, der reelingslos und 
drei Handbreit schmal am Rande der wellblechüber- 
wölbten Laderäume hin nach achtern ging, heran 
kam. Mieschen warf aber nur einen kurzen Blick 
über ihn hin und nickte. Dann schaute er nach, ob 
der Kahn richtig in der Fahrtrichtung lag. sah rück 
wärts zum nächsten Kahn hinüber, der über dem 
dunklen Wasserspiegel wie ein plumpes Untier auf 
ragte. und nahm endlich die kurze Pfeife aus dem 
Dļund. 
„Geh man nach unten, Hein"! sagte er langsam. 
Der Junge gab das Ruder an ihn ab und ver 
schwand im Niedergang zur Kombüse. Nun war 
Dieschen ganz allein an Deck und hatte Zeit, seinen 
Gedanken weiter nachzuhängen. Mählich wurde es 
dunkler. Schwere Wolken zogen am Himmel auf. Der 
Bind wehte kühl und feucht. Aus dem aus dem 
Kombüsendach aufsteigenden Blechrohr kam Rauch 
'ürtb fuhr Hinnerk ins Gesicht. Hein war dabei, das 
Abendbrot zu bereiten. Jetzt spürte Hinnerk den 
Geruch von bratenden Kartoffeln in der Nase. Es 
koch so seltsam heimatlich und bedrängte ihn mit 
Dcacht. Fcierabendlich wurde ihm ums Herz. Alles 
könnte anders sein, dachte er, wenn nur nicht . . . 
Da fiel ihm ein, daß Hein wieder einmal nicht 
daran dachte, die Laternen auszuhängen. 
»Hein!" rief er nach vorn gebeugt. Nochmals: 
»Hein! Verflixter Jung!" Der Blondkopf des Iun- 
Len kam nach oben. 
»Was' denn los, Schiffer?" 
»Laternen aushängen!" schrie ihn Mieschen un 
wirsch an. Heins Kopf tauchte blitzschnell unter. 
Ķņz darauf brachte er die beiden gelb brennenden 
Lampen an Deck und befestigte sie an ihren Plätzen. 
Der Schiffer sagte nichts mehr. Geheimnisvoll 
rauschte die dunkle Musik des Wassers. Wie flüssi 
ges Gold tropfte das Licht der Lampen. Fern vom 
Achterdeck des Dampfers ertönten langgezogen die 
Klänge einer Harmonika und umwehten den einsam 
vm Steuer stehenden Hinnerk Wieschen. Tief ein 
gehüllt von diesem aus dem Laut der Musik und idem 
Glucksen des Wassers gewobenen Mantel war er 
Und jetzt spürte er seine Einsamkeit wie nie zuvor. 
Früher, als er noch auf Frachtdampfern über die 
Weltmeere fuhr, am Steuerrade stehend und den 
Uralten Gesang des Windes über sich hörend, lag 
der Mattschein des Kompasses wie ein zauberhaft 
Aufgeschlagenes Auge vor ihm, sobald der Abend 
gefallen war; und er konnte mit ihm wenigstens 
Zwiesprache halten, hatte einen Kameraden vor sich 
der brausenden Dunkelheit, einen schweigsamen 
Bruder oder auch eine zärtlich ihn unverwandt an 
schauende Geliebte. Und nun, nun ... Er atmete 
şchwer und schalt sich zugleich selbst Uber seine wun 
derlichen Gedanken. 
^ Es war wie verhext mit ihm! Fast ein volles 
8ahr ging das nun schon so, aber mit dem Reden 
var das so eine Sache ... An solchen Abenden, 
wenn er allein am Ruder stand und den Geruch 
von Herdfeuer und Bratkartoffeln in der Nase 
ipürte, war es ihm, als müsse er geradewegs über 
^5 duükle Wasser hinüber, heraus aus der ein 
zigen Männerwirtschaft an Bord, weg aus dem 
^ärm der Kneipen in den Häfen, als müsse er die 
^ngen Wege heimgehen im Zwielicht, den Ruch 
gepflügter Erde riechen, Torfrauch, Teer und 
^ag, um endlich den rötlichen Schein des Herd- 
'fuers wieder zu erblicken, wie er still und friedlich 
simmend aufglomm tief im Innern des Dorfhau- 
daheim auf der Watteninsel. 
Da tutete der undeutlich da vorn fahrende 
Schleppdampfer zweimal auf. Hinnerk nahm die 
Ņne fester. Er hörte das Wasser stärker rauschen 
Blatt des Steuers. Dann fuhr wie ein riesiger 
schatten die Wölbung einer Brücke über den Kahn 
j 111 !» ihn hin. Der weiße Spitz, welcher bislang, 
.^^zusammengerollt an der Holzwand des Deck 
est ş es gelegen hatte, sprang mit gesträubtem 
chuckenhaar auf die Beine und bellte den großen, 
Unkel entschwindenden Schatten an. Vom rechten 
scholl der Pfiff eines Zuges. Funken stoben 
dem Schornstejn der Lokoniotivc. Hinnerk sah 
Adsiber, sah Häuser und Bäume schwarz stehen vor 
et unergründlich gewordenen Nacht. 
6 ŅZenig später tauchte der Junge aus dem spärlich 
Quellten Treppenniedergang empor. Cr hatte fer- 
3 gegessen und kam, Hinnerk abzulösen. 
£ şas; mir nur ja scharf auf", schärfte ihm der 
^ Ziffer ein. „Döse nicht, hörst Du?" Dann stieg 
ĶcmbUse hinunter. Auf dem Feuer stand die 
"volle Pfanne. Kaffee brodelte in der Blech 
te, Gemütlich warm war es hier drinnen im 
engen Raum. Wieschen zog die schweren Stiefel 
von den Füßen und aß und trank. Dann warf er 
sich in den Kleidern auf die schmale Koje des Jun 
gen, nachdem er sorgsam die silberne Taschenuhr 
aufgezogen und an den Haken am Kopfende aufge 
hängt hatte. Er war sofort eingeschlafen. 
Im Traum sah er das braune Gesicht des Mäd 
chens nahe und mit weißen Zähnen lachend vor sich. 
Sonnbeleuchtet stand ihre Gestalt vor Himmel und 
Wattfläche. Hinterm Deich, darüber die moos 
grünen Katendächer auftauchten, brüllte das Vieh. 
Langsam schritt das Mädchen den sandigen Weg 
hinunter und entschwand ihm. Darüber fühlte er 
einen brennenden Schmerz in der Herzgrube, griff 
im Schlaf nach dem ins Nichts versunkenen Traum 
bild, stieß heftig gegen die Holzwand und erwachte 
jäh. Es ging auf Mitternacht. 
Mit seinem Schlaf war es vorbei; er konnte nach 
oben gehen, der Junge hatte den Schlaf nötiger 
als er. Hein fuhr auf, als Hinnerk plötzlich vor ihm 
stand. Der sagte aber nichts, griff nur gedaüken- 
verloren zur Ruderpinne. Da schlich der Junge 
schlafmüde nach unten. 
Die lange Nacht hindurch stand der Schiffer und 
steuerte seinen im Fahrwasser des Dampfers, des 
sen Hecklicht ihm Wegweiser war über der weißlich 
aufschimmernden Bahn, die die Schraube hinter sich 
ließ. Die Gedanken bedrängten ihn. Ihm wurde 
warm dabei. Ein paar Mal schloß er auch die Augen, 
wenn es nichts aufzupassen gab. Dann stand unver 
sehens die Mädchengestalt wieder zum Greifen deut 
lich vor ihm, schaute ihn fragend an und war ent 
schwunden. Hinter treibenden Wolken verbarg sich 
der Mond und warf mattes Silberlicht hin über 
den stetig raunenden Fluß. 
Als der Morgen graute, rundete der Schlepper 
mit dröhnendem Tuten die Hafenmole. Man war 
angelangt. Eines nach dem andern erloschen die 
roten, grünen und weißen Lichter. In kaltem Zwie 
licht wirkten alle Umrisse fern und groß. 
Mehrmals mußte Wieschen durch die offen 
stehende Luftklappe des Decklichtes hinunterbrüllen, 
ehe er Hein rumoren hörte. Dann spähte er nach 
vorn. Die Pinne knarrte in seiner Faust. Hein 
kam unausgeschlafen und fröstelnd zum Vorschein. 
Wieschen schickte ihn nach vorn. Bald darauf schrie 
er sein: „Trosse ab!" Das Stahltau klatschte ins 
graue Hafenwasser hinunter. M 37 schlurrte schon 
an den feuchten Pfosten entlang. Hein sprang wie 
ein Wiesel hinüber auf den Treppenabsatz in der 
Mauer und schlang die Leine um den doppelarmi- 
gen Poller. Dann kam er nach achtern gerannt, um 
dort das gleiche zu tun. 
Droben am Rande der Kainiauer fauchten schon 
die Ladekrähne und die Lokomotiven, die Güter 
wagen auf den Hafengeleisen heranschoben. Schauer- 
leute kamen an Deck, rissen die Luken auf und mach 
ten sich aus Löschen. Wieschen stand breitbeinig da 
bei, paßte auf und qualmte in den frischen Mor 
gen hinein. Hein war wieder zur Koje gekrochen. 
Ein Mann im blauen Anzug kam die Mauer 
treppe herab und sprang leichtfüßig an Deck. „Tag, 
Hinnerk". 
Wieschen brummte seinen Morgengruß. Er war 
ärgerlich über die Störung. Der andere lachte bloß 
und hielt ihm einen Brief unter die Rase: „Von zu 
Haus, Hinnerk!" 
An der Aufschrift sah Wieschen, von wem der 
Brief kam, und wurde feuerrot. Er dachte an den 
Traum der verflossenen Nacht. 
„Mach' Dich landfein, Jung!" sagte der andere 
gemütlich. „So 'ne fixe Deern gibt's keine mehr 
auf der ganzen Insel . . . Halt Dich man dran, 
Hinnerk! — Tjüs, Hinnerk." Damit stieg er schon 
nach oben. 
Wieschen riß den Umschlag auf, stand da und 
las. Ueber dem Wasser des Hafens kreischten die 
Möwen. Der Spitz kläffte aufgeregt die Männer 
an, die unten in den Laderäumen mit Ballen und 
Säcken hantierten. Morgensonne brach aus der 
Luft hernieder und das wilde, dröhnende Lied der 
Arbeit erscholl um Hinnerk Wieschen, der jetzt nichts 
mehr von Einsamkeit und quälenden Gedanken 
wußte und tief und glücklich mit blanken Augen 
Atem holen mußte. Als er aufschaute, war es 
ihm fast, als hätte der Schleppkahn M 37 über 
unsichtbaren Toppen lauter windrauschende, far 
benprächtige Hochzeitswimpel geflaggt. 
Seltsame Höllenmaschine. 
Ein DiaMNNt explodiert. 
Die amerikanische Polizei hat in der Stadt 
Virginia einen Ingenieur, der unter dem Namen 
Paul Morton in einem technischen Unternehmen 
tätig war, verhaftet. Die Erhebungen der Polizei 
hatten nämlich ergeben, daß der angebliche Mor 
ton mit dem Chicagoer Ingenieur David Black 
hurst identisch ist, der vor vier Jahren im Mittel 
punkt einer sensationellen Affäre gestanden und 
nachher die Flucht ergriffen hat, ohne daß es bis- 
nun gelungen wäre, ihn aufzufinden. 
Die Angelegenheit hat in der amerikanischen 
Weltstadt gewaltiges Aufsehen hervorgerufen, zu 
mal statt Blackhu-rst ein bekannter Millionär irr 
tümlich in Haft genommen wurde. Der Ingenieur 
war damals in einer Patronenfabrik angestellt 
und machte durch seine angeblichen Erfindungen, 
die sich später als Bluff erwiesen, wiederholt von 
sich sprechen. Eines Tages machte er die Bekannt 
schaft der Varietetänzerin Stella Menard. Diese, 
eine gebürtige Französin, war nach dem Kriege 
nach Amerika eingewandert und einige Jahre lang 
als Ladenmädchen in einem großen Chikagoer 
Kaufhaus angestellt. Das auffallend hübsche Mäd 
chen entdeckte später ihr Talent zum Tanz und 
machte auf den Brettern des Varietes rasch Kar 
riere. Eine besondere Berühmtheit erlangte sie, 
als ein vor einigen Jahren in Chikago verstor 
bener Millionär sie mit einer großen Erbschaft be 
dachte. Der Ingenieur Vlackhurst verliebte sich in 
die Varietetänzerin, machte ihr leidenschaftlich den 
Hof und hielt schließlich um ihre Hand an. Sie 
gtö zu und der Hochzeitstag war bereits an 
beraumt. Da trat ein Rivale des Ingenieurs auf 
den Plan, in der Person des reichen Gutsbesitzers 
Goldsmith, der die Tänzerin veranlaßte, die Ver 
lobung rückgängig zu machen und die Beziehungen 
zu dem Ingenieur abzubrechen. 
Vergebens suchte Blackhurst sie zu bewegen, ihren 
Entschluß zu ändern. Als er schließlich einsah, daß 
seine Bemühungen nicht zum Ziele führten, sann 
er auf Rache. Bald darauf wurde beim Portier 
in dem Hause, wo Stella Menard wohnte, ein 
kleines Paket, das für die Tänzerin bestimmt war, 
abgegeben. Der Mann, der es gebracht hatte, ent 
fernte sich mit der Bemerkung, daß die Zustellung 
dringend sei, da es sich um einen wichtigen Brief 
an die Adresse Fräulein Menards handle. Als 
etwa zehn Minuten später die Tänzerin das Paket 
öffnete, kamen daraus ein Brief und ein Etui zum 
Vorschein. Der Begleitbrief war mit der Maschine 
geschrieben. Der Gutsbesitzer Goldsmith teilte ihr 
darin mit, daß ihn eine wichtige geschäftliche An 
gelegenheit nach Rewyork rufe. Er sende zugleich 
ein kleines Geschenk an seine Braut. 
Das Etui barg einen wundervollen Solitär, 
einen Edelstein von ganz seltenem Glanz. Erfreut 
über das unerwartete Geschenk rief die Tänzerin 
nach der Kammerzofe, um auch ihr den Stein zu 
zeigen. Sie bewunderte eine Weile das schöne Ge 
schenk, als die Zofe plötzlich nach dem Stein griff, 
um diesen aus dem Etui zu heben. Sie hielt den 
Solitär kaum einige Sekunden in der Hand, als 
plötzlich eine Detonation erdröhnte, wie der Schuß 
einer Pistole. Das Mädchen sank blutüberströmt 
zu Boden. Der „Solitär" war explodiert 
Auf den Lärm der Detonation stürzten einige 
Nachbarsleute in die Wohnung. Das Mädchen, das 
wohl gefährlich, aber nicht tödliche Verletzungen er 
litten hatte, wurde ins Spital gebracht, nachdem 
die Tänzerin, die vor Schreck in Ohnmacht gefallen 
war, sich erholt hatte. Die Polizei nahm zunächst 
den Gutsbesitzer Goldsmith als mutmaßlichen 
Täter fest. Es stellte sich jedoch nach wenigen 
Stunden heraus, daß der Brief, der seine Unter 
schrift führte, gefälscht war. Der Verdacht lenkte 
sich jetzt freilich auf den Ingenieur Blackhurst. Er 
war jedoch inzwischen aus Chikago verschwunden 
und konnte erst jetzt durch einen Zufall eruiert 
werden. Die fachmännische Untersuchung der Neste 
des Solitärs hatte nach dem Attentat zu keinem 
Ergebnis geführt. Es unterlag jedoch keinem 
Zueifel, daß der Stein ausgehöhlt und darin eine 
geschickt angelegte Miniaturhöllenmaschine mit 
Sprengstoff untergebracht war. 
Btmt* Welt. 
Das Geheimnis des neuesten Ozeanriesen. 
Kein Schiffsbau ist bisher so ängstlich mit dem 
Schleier des Geheimnisses bedeckt worden wie der 
Riesendampfer, der zurzeit auf einer Werft von 
Glasgow der Vollendung entgegengeht. Immerhin 
wird es noch fünf Monate dauern, bis das Schiff 
in das Licht der Oeffentlichkeit tritt. Die Werft ist 
durch hohe Zäune von der Außenwelt völlig abge 
schlossen. Selbstverständlich darf außer Ingenieuren 
und Arbeitern niemand die Arbeitsstätte betreten. 
Troß dieser Geheimnistuerei ist der Marinebericht 
erstatter eines Londoner Blattes in der Lage, etwas 
von dem neuen Schiff zu erzählen. Danach mißt 
der stählerne Leib des Schiffes von einem Ende zum 
anderen 320 Meter. „Ich habe allen Grund", schreibt 
der Berichterstatter, „die Wasserverdrängung dieses 
neuen Ozeanriesen auf 84 000 Tonnen zu schätzen". 
Wenn man bedenkt, daß die „Europa" und „Bre 
men" rund 50 000 Tonnen haben, erscheint die'An 
gabe dieses Gewährsmannes unwahrscheinlich. Die 
Maschinen sollen über 210 000 Pferdekräfte leistest 
können. Die Durchschnittsgeschwindigkeit auf der 
Reise von Southampton nach Neuyovk wird mit 
über 30 Knoten angenommen. 
Die Sammlung der 4000 Kochbücher. 
Margaret Barclay Wilson, Professor für Physio 
logie und Hygiene am Hunter College, schenkte der 
Neuyorker Academy of Medicine ihre Sammlung 
von 4000 Bünden über Kochkunst und Gastronomie. 
Die Bücherei enthält Werke in über 20 Sprachen, 
darunter große Seltenheiten. Das kostbarste Stück 
ist ein lateinisches Manuskript von des Apicius 
„De re coquinaria", eine Sammlung von Koch 
rezepten, die auf griechische Originale des 3. Jahr 
hunderts zurückgehen. Die Handschrift stammt aus 
der bedeutenden „Philipps Collection" von Chel 
tenham. Blicke also niemand verächtlich auf die 
Kunst der Hausfrauen herab, sie ist nicht nur die 
älteste, sondern nimmt auch, wie man sieht, eine 
bemerkenswerte Stellung in der Literatur ein. Und 
hat z. B. nicht ein so großer Geist wie Balzac seine 
kostbare Zeit daran gesetzt, ein Kochbuch zu schreiben! 
Pilz-Kuren. 
Pilze galten bisher immer als nicht leicht verdau, 
lich, aber französische Aerzte sind jetzt zu einer an 
deren Ansicht gekommen, die sich der Französische 
Bund der Pilzzüchter sofort zunutze gemacht hot. 
Diese über ganz Frankreich verbreitete Vereinigung 
veröffentlicht eine Flugschrift, in der ärztliche Er 
fahrungen mitgeteilt werden, nach denen Patienten, 
deren Verdauungsorgone nicht einmal mehr Milch 
verarbeiten konnten, vollständig geheilt wurden, in 
dem sie täglich eine bis zu einem Viertelpfund ge 
steigerte Menge von Pilzen aßen. Es wird behaup 
tet, daß die Pilze alle Elemente enthalten, die zur 
Ernährung des Menschen notwendig sind und daß 
man recht gut von nichts anderem als von Pilzen 
leben könnte. Es ist begreiflich, daß der Bund der 
Pilzzüchter besonders für die künstlich gezüchteten 
Schwämme eintritt und ihnen einen besonders 
hohen Nährwert zuspricht, allerdings nur, wenn sie 
vollkommen frisch sind. Diese Bedingung kann in 
Paris auch im Winter erfüllt werden, denn dort 
gibt es ja eine große Anzahl von Personen, die sich 
damit beschäftigen, Champignons und andere Pilze 
in dunklen Kellern und in den ausgedehnten Eäu 
gen der sogenannten Katakomben zu züchten. Durch 
diese großen unterirdischen Anlagen ist der Boden 
in manchen Teilen der Stadt so schwach geworden, 
daß auf ihm nicht gebaut werden kann. Die Pilz- 
züchter aber halten sehr reiche Ernte. 
Betonbau ^eî Frostwetter. 
Nach russischen Meldungen ist es einem Ingenieur 
gelungen, eine Methode zum Einbau von Beton 
bei Frostwetter zu finden. Der Beton soll bei einer 
dem Gefrierpunkt naheliegenden Temperatur her 
gestellt werden. Dann bringt man die Mischung in 
dünnen Lagen auf und setzt sie der noch kälteren 
Lufttemperatur aus. Me Grundidee bei diesem Ver 
fahren ist die, den Beton selbst so schnell wie möglich 
zum Gefrieren zu bringen, so daß keine Möglichkeit 
des Abbindens besteht. Dann schützt man den ge 
frorenen Beton solange gegen Wärme, bis dauernd 
wärmeres Wetter einsetzt. Nach dem langsamen 
Auftauen der ganzen Masse setzt dann das Abbin 
den wie gewöhnlich ein. 
Heitert«. teufte Kneköolen 
Gin Ausgleich. 
Wie viele andere, die später berühmt wurden, 
war auch Zola ein recht mäßiger Schüler. Nament 
lich in den klassischen Fächern kam er nicht vorwärts. 
Als nun eines Tages feine griechische Aufgabe wie 
der unter jeder Kritik war, sagte ihm der Profes 
sor, ein älterer, gutmütiger Herr: „Also, lieber 
Zola, damit die Sache endlich besser wird, werden 
wir diese hundert Zeilen da bis morgen abschrei 
ben." 
Am nächsten Tag überreichte Zola die ihm' 
diktierte Strafarbeit. Der Professor warf einen 
Blick aufs Papier, zählte rasch die Zeilen und sagte 
dann erstaunt: „Ich gab Ihnen doch den Auftrag, 
hundert Verse abzuschreiben, finde indessen nt» 
fünfzig." 
„Stimmt", erwiderte Zola, ohne mit der Wimper 
zu zucken. „Haben Herr Professor ober nicht gesagt, 
„wir" werden hundert Verszeilen abschreiben? Nun 
wohl: Meine fünfzig habe ich gemacht." 
Verdi und der PosaunenblSser. 
Wie allgemein bekannt, war Verdi von einer 
lakonischen Strenge' zu seinen Mitarbeitern. Ob 
nun Librettisten, Sänger oder Musiker, sie alle hat 
ten sich bedingungslos seinen Weisungen zu fügen. 
Und worauf er ganz besonders hielt, das war die. 
minutiöse Pünktlichkeit. 
Bei den Proben zum „Maskenball" geschah es 
nun, daß ein Posaunenbläser, ein gemütlicher Ro- 
magnole, einige Minuten nach neun, dem Beginn 
der Probe, kam. Mit zornig funkelnden Augen, 
die Taschenuhr in der Hand, lies ihm der Meister 
entgegen und sagte unwillig: „Da schauen Sie, es 
ist zehn Minuten nach neun!" 
„Auf dem Kirchturm hat's schon Viertelzehn ge 
schlagen" antwortete seelenruhig der Posaunen 
bläser und begab sich gemächlichen Schrittes auf 
seinen Platz. 
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