Full text: Newspaper volume (1930, Bd. 2)

Nr. 108 
Zur Unterhaltung 
Beilage der Schleswig.Holsteinischen Landeszeîtung (Rendsburger Tageblatt) 
Freitag, den 9. Mai 
15 MiMonen Arme in NŞN. 
In der Alten Welt hört man immer nur von 
dem Reichtum, der rapiden Entwicklung, aber nur 
selten von den dunklen Schattenseiten des amerika 
nischen Lebens. Die sozial-wirtschaftliche Frage 'st 
jedoch in den Bereinigten Staaten genau so akut 
wie bei uns. Die Wissenschaft beschäftigt sich schon 
seit Jahren mit dem Problem. Seit Beginn des 
Jahrhunderts wivd in zahlreichen Werken auf den 
klaffenden Spalt zwischen Reich und Arm aufmerk 
sam gemacht, auf die Gefahren hingewiesen, die hier 
dem Staat drohen. Wer ist arm? Reben den sta 
tistischen Angaben sind die verschiedenen Auffassun 
gen von dem Begriff Armut bemerkenswert. Der 
Rotionalökonom Hunter nennt in seinem 1904 er 
schienenen Werk denjenigen arm, „der nicht imstande 
ist, jene notwendigen Dinge zu erwerben, die ihm 
seine physische Kraft erhalten". Und solcher Leute 
zählte er schon damals 10 Millionen; das waren 'm 
Jahre 1904 acht Prozent der Gesamtbevölkerung! 
Diese Zahl wurde seinerzeit allgemein als zu hoch 
angesehen. Für richtig hält sie dagegen in seinem 
zehn Jahre später erschienenen Buch Professor Hol- 
l<t«der, indem er definiert, „arm ist derjenige, der 
weniger als genügend an Nahrung, Kleidung und 
Obdach hat", und sogar für zu niedrig Professor 
Parmalee, der feststellt, daß 10 Prozent der Bevöl 
kerung während einiger Zeit im Jahr Unterstützung 
klötig hat; er definiert: „die Güter dieser Leute rei 
chen nicht aus, um sich die höchste physische und gei 
stige Kraft zu erhalten". Die medizinische Wissen 
schaft nimmt das im Jahr 1925 erschienene Buch 
des Professors Douglas „Lohn und Familie" zur 
Hilfe. Der Arbeiter in den größeren amerikanischen 
Städten verdient durchschnittlich im Jahr 1000 bi» 
1100 Dollars. Ein mäßig schwer Arbeitender muß 
sich 3300 Kalorien zuführen. „Wie kann er das, 
wenn er eine Familie mit drei Kindern hat, de' 
einem Verdienst von 1000 bis 1100 Dollars? In 
dieser Armut leben nach seiner Errechnung 10—12 
Millionen Arbeiter. Ueber die neueste Zeit unter 
richten das „Amerikanische Arbeitsjahrbuch von 
1928" und die Veröffentlichungen von James Dav-s, 
Arbeitersekretär im Kabinett des Präsidenten. Beide 
verlangen als Existenzminimum für eine Familie, 
die aus Mann, Frau und drei Kindern besteht, eine 
Iahreseinnohme von 1500—1800 Dollars. Dem 
gegenüber steht fest, daß 7 250 000 männliche Arbei 
ter im Alter von 20 Jahren und darüber weniger 
als 25 Dollars die Woche verdienten. Das würde, 
vorausgesetzt, daß Pre nur zwei Wochen im ganzen 
Jahr unbeschäftigt sind, ein Jahreseinkommen von 
1200 Dollars ergeben; im allgemeinen sind sie aber 
länger als zwei Wochen ohne Arbeit. Dazu muß 
man bedenken, daß wenigstens die Hälfte dieser 
7,25 Millionen verheiratet ist und Kinder hat. Diese 
7,25 Millionen machen mehr als ein Drittel der Ge 
samtzahl der männlich erwachsenen Arbeiter aus. 
Die unbedingt nötige Summe zum Leben haben nach 
Davis 10—15 Millionen nicht, „sic nehmen nicht teil 
an dem Wohlstand, den wir übrigen genießen". 
Diese Ziffern werden durch die Tatsache ins rechte 
Licht gerückt, daß insgesamt fünf Sechstel der Be 
völkerung keine Einnahmen aus Besitz (Rentenein 
nahmen), sondern nur Arbeitseinkomnien haben. 
Davis weist darauf hin, daß sich die Lage des Ar 
beiters immer noch verschlechtern wird. In Ame 
rika ist Ueberproduktion wie überall; seine Schätze, 
die Fabrikerzeugnisse, die Bodenprodukte sind nir 
gends mehr unterzubringen, weder im eigenen 
Land noch in anderen Teilen der Welt. Jede neue 
Erfindung einer Maschine macht abermals mensch 
liche Kräfte überflüssig. Davis gibt die Möglichkeit 
einer Abhilfe nur für den Fall einer allgemein 
durchgeführten Herabsetzung der Arbeitszeit zu. 
€in sterbendes HeZöenvokk. 
Die Araukaner, jene Indios, d'e Ureinwohner 
und Herren Chiles, die unversöhnlichen Gegner der 
spanischen Eroberer, sind im Laufe der Zeit auf ein 
Häuflein zusammengeschmolzen, das man heute höch 
stens auf 150 000 Stammesgenossen beziffern kann. 
Sie leben in jener Zone Chiles, die durch den Dio- 
Bio-Fluß und den Kanal von Eiacao begrenzt wivd. 
Ungebrochenen Stolzes, wenn auch der Zivilisation 
unterworfen, beschäftigen sich die Nachkommen der 
chilenischen Ureinwohner mit Landwirtschaft unv 
Viehzucht. Sie gehorchen nach wie vor ihren Ka- 
ziken und halten fest an den Sitten und Gebräu 
chen der Ahnen; aber Jahr für Jahr nimmt ihre 
Kopfzahl ab. Immer weniger können die jungen 
Mädchen den Derführungskünsten der feschen chile 
nischen Kavaliere widerstehen, und immer zahlrei 
cher werden die jungen Männer des Stammes, die, 
durch die schmucke Uniform verführt, in der Armee 
Dienst nehmen und, wenn sie erst die Städte und 
weißen Frauen kennengelernt haben, den Rückweg 
zur väterlichen Hütte vergessen und vorziehen, bei 
den anderen zu bleiben, eine Familie zu begründen 
und in der Masse auszugehen. Die Republik, die auf 
ihre araukanische Herkunft und auf die kriegerische 
Tradition ihrer Indios stolz ist, schützt sie auf jede 
Art und umgibt sie mit einer liebevollen Fürsorge, 
die sich in dem Maße steigert, in dem die Zahl der 
Tapferen zusammenschmilzt. 
„Arauca" — das heißt in der Sprache dieser 
Menschen: Freies Volk. „Zur Zeit der Enrdeckung 
Amerikas", schreibt Mario Appelius im „Popolo 
d'Italia", „bildeten die Araukaner eine Art Bun- 
desstaat.' der aus vielen einzelnen Gemeinwesen be 
stand/deren jedes von einem durch die Krieger des 
Stammes gewählten Kaziken regiert wurde. In Zei 
ten der Gefahr trat an die Stelle der einzelnen Ka 
ziken der „Toqui". der Häuptling des ganzen Vol 
kes. Tapfer und diszipliniert, bildeten die Arau- 
kaner eine Heeresmacht. die schwer zu überwinden 
war, und die auch die Inkas niemals zu unterwer 
fen vermochten. Das erfuhren auch die Spanier, 
die in Araukanien einen längeren und hartnäckige 
ren Widerstand fanden als irgendwo sonst in der 
Neuen Welt. AIs die Spanier nach der Eroberung 
Perus von den fabelhaften Gerüchten über den 
Goldreichtum des Landes verlockt, den Marsch nach 
Chile antraten, stießen die von Pizarro und Diego 
de Almagro geführten Konquistatoren von Anfang 
an auf derart erbitterten Widerstand, daß sie den 
Rückzug antreten mußten. Die erste Expedition 
großen Stils wurde ein paar Jahre später von einem 
abenteuerlustigen spanischen Edelmann, dem mehr 
von Ruhm als von Gelbsucht getriebenen Pedro de 
Valdivia unternommen. Er ritt allein an der Spitze 
seiner Schar, das Bild der Jungfrau am Sattelknopf 
aufgerichtet und hinter sich, auf der Kruppe seines 
schwarzen Streitrosses, seine Herzensdame, die 
schöne Ines Soarez . Der Kampf zwischen Don 
Pedro de Valdivia und den Araukanern war lang, 
erbittert und blutig. Der jungfräuliche Urwald 
ward Schauplatz wilder Szenen epischer Größe, die 
sich in seinem Schatten abspielten. Pedro, in Tu- 
capel besiegt und von den Indios gefangen genom 
men, wurde vor den erbarmungslosen Caupolican, 
den Führer der Araukaner, gebracht und zum Tode 
verurteilt. Aber Caupolican wurde bald darauf 
von den Spaniern gefangen. Als er ins Lager ge 
führt wurde, begegnete er unterwegs einer seiner 
Frauen, die seinen kleinen Sohn m den Armen 
hielt. Bei diesem Anblick zischte das Weib ihm die 
wütenden Worte ins Gesicht: „Weißt du nicht, daß 
es Pflicht des Kriegers ist, auf dem Schlachtfeld zu 
fallen? Da hast du deinen Sohn! Da du ja ein 
Weib geworden bist, kannst du ihm auch die Brust 
geben. Ich habe mit dem Sohn einer Memme nichts 
zu schaffen." Spruchs und warf den Säugling dem 
Vater vor die Füße. Dierundzwanzig Stunden spä 
ter erlitt Caupolican den Tod am Pfahl. Verächt 
lich stieß er den Henker zur Seite und trieb sich mit 
eigenen Händen den spitzen Holzpfahl in die Brust. 
Ohne die leiseste Schmerzensäußerung lag er still, 
bis ihn der Tod von seinen furchtbaren Qualen 
erlöste. 
Araukanien hat Spanien an Menschen und Geld 
ungleich mehr gekostet als der ganze Rest Amerikas. 
Den künstlerischen Niederschlag dieses Helüenkamp- 
fes bildet das berühmie Epos „La Araucano" des 
Alonso de Ercilla. die „Ilias" dieser chilenischen 
Heldenzeit. Es ist die einzige Epopöe der spanischen 
Literatur, die während der Waffentaten selbst an 
Ort und Stelle auf Lederstreifen niedergeschrieben 
wurde. In schwungvollen Stanzen besingt der spa- 
nifche Dichter, der selbst in Chile tapfer.gegen die 
Araukaner kämpfte; das-blutige Ringen, in dem 
kein Pardon verlangt und gegeben wurde, den ge 
waltigen Verzwciflungskampf, for sich zwischen Spa- 
niern und Araukanern vor dem Hintergrund der 
Anden und des Pazific entrollte, in den unermeß 
lichen Urwäldern, deren Moosboden die blutfarbigen 
Blüten der „copihue" entsprossen, ofor an den 
Ufern der einsamen, von den zuckenden Blitzen der 
Vulkane grellerleuchteten Seen, jenen gewaltigen 
Kampf zwischen zwei todesmutigen Rassen, der von 
tollkühnen, gewalttätigen Helden ausgefochten 
wurde, die in Tapferkeit wie im Blutrausch der 
Orgien miteinander wetteiferten. Mit einem aus 
Grauen und Bewunderung gemischten Gefühl ver 
gegenwärtigt man sich das charakteristische Bild die 
ser Heldenzeit: die lebenden, zum Himmel lohenden 
Fackeln der dem Feuertod geweihten Kaziken, um 
geben von dem Chor der Dominikaner, die das Te- 
deum sangen und den Gesang alle Augenblicke un 
terbrechen mußten, um die Angriffe der von den 
Höhen herabstürmenden Araukaner abzuwehren." 
Wie entstehen SaMräume? 
Im Augenblick des Einschlafens erleben wir 
es öfter, daß es plötzlich wie ein elektrischer Schlag 
durch den Körper fährt. Wir wachen davon wie 
der auf und erinnern uns, soeben im Traum von 
einer Höhe herabgefallen zu sein. Wir haben es 
da mit einem der sonderbaren „Fallträume" za 
tun, die man in recht verschiedener Weise zu erklä 
ren versucht hat und an deren Zustandekommen 
zweifellos verschiedene Bedingungen mitwirken. 
In der Hauptsache sind sie wohl darauf zurückzu 
führen, daß die Fußsohlen keine Berührungs 
empfindungen mehr haben und daß zugleich aus 
unbekannten Gründen die Streckmuskeln an den 
Beinen sich im Schlafe plötzlich reflektorisch zu 
sammen ziehen, was den Eindruck einer passiven 
Bewegung — eben des Fallens — auslöst. Mit 
unter wird der Vorgang auch nur von der Traum- 
Vorstellung des Ausgleitens oder Stolpern- beim 
Begehen einer Treppe mit dazu gehörigem Angst 
gefühl des Hinfallens begleitet. Auch Herabsinken 
eines Armes oder Verlagerung eines Beines wäh 
rend des Schlafes kann solche Fallträume hervor 
rufen. 
Bei Schlaf in sitzender Stellung treten sie da 
durch ein, daß die Beugemuskeln des Rumpfes im 
Schlaf plötzlich wieder ihr Uebergewicht erlangen. 
Fallträume scheinen übrigens, worauf schon 
Hebbel in einer Tagebuchnotiz hinweist, sich immer 
dann einzustellen, wenn man das Einschlafen be 
kämpft hat und schließlich doch einschläft. 
Neue Mumienfuude iu Aegypten. 
Professor Selim Hassan hat bei seinen 
Ausgrabungen in der Nähe des aufgedeckten 
Grabes des Prinzen Rawer ein großes unter 
irdisches Gewölbe entdeckt, das bisher unbe 
kannt war. In dem Gewölbe wurden vier 
Gräberreihen mit 80 Mumien vorgefunden, 
deren Hüllen wertvolle Inschriften aufwie 
sen. Zwei der Mumien wurden zur genaue 
ren Untersuchung aus dem Gewölbe entfernt. 
Eine derselben war in Blattgold eingehülltz 
ķ" g, a;$e î<h HiEştEe Ces«hrnKpacftnnren i Sthckotecfe und Desserts in al en Pre8Si3Pien vorrätig. 
II şşM py Ulli I* 'I §§ H — MtusoerKi^.chen, Karo >na -oremaw, wendsnurg, Stegen. <984S 
Paul Enderling 
ein litt, Mint Mül 
Copyright 1929 by Karl Köhler u. Co., 
Berlin - Zehlendorf, Machnower Str. 24 
1) (Nachdruck verboten.) 
1. 
Me hat Architekt Vordeck erfahren, warum sich 
; Jutta Reinhagen bei einem der üblichen Zwischen 
fälle dieses Motorrennens so sonderbar erregte. 
Von dem Augenblick an, wo der Starter m>t 
dem weißen Fähnchen in der Hand vor die Fahrer 
getreten war und sein „30 — 40 — 50 — los!" 
kommandiert hatte, hatte sich das bekannte Bild ent 
rollt. Die Motoren sprangen mit ohrenzerreißen- 
dem Knall an. Krachend, ratternd, hämmernd be 
gannen sie ihre wilde Jagd. 
Der tolle Wirbel der Fahrt, der lärmende Sieg 
des Menschen über die Maschine — oder war es die 
Maschine, die den Menschen zwang? — der Triumph 
des Motors, all das gab dieser zusammengeworfe 
nen, zusammengepreßten Zuschauerschar den neuen 
Rhythmus. Man sah nicht nur zu — man schrie, 
und die vielen, vielen Köpfe wogten hin und her 
wie die Aehren im Sturm. Man ichrie einander 
die Namen der Fahrer zu — und es waren große 
Kanonen darunter, auch der Targa-Florio-Sieger 
vom vorigen Jahr — man redete durcheinander in 
einem mystischen Jargon von Kategorien, Punkten, 
von BMW. und NSU., von neuen Konstruktionen 
Und zwischenhinein von bekannten Deiuchern der 
Rennbahn: Ministern, Filmleuten, Fabrikanten. 
Aber die Fahrer waren die Wichtigeren. Eigentlich 
sah man doch nur die geduckten Gestalten, und das 
Blut pulste im Takt ihrer Maschinen. 
Auf dem Dach des Starthauses sah man die 
Kabine des Rundfunks. Presseleute notierten schwit 
zend. Kellner drängten sich jonglierend durch die 
Reihen. Obsthändler priesen Apfelsinen an, die in 
der kurz aufleuchtenden Sonne schimmerten. Junge 
Leute mit den bunten Abzeichen ihres Sportvereins 
schrien den Fahrern ermutigende Worte der Freund 
schaft zu und blickten sich um, ob ihre Damen ihre 
Vertrautheit mit den berühmten. Männern auch be 
merkt hätten. Alle bestätigten, daß es ein glänzen 
des Feld lei, daß aber Stürze zu erwarten seien, 
da die Bahn von diesem ewigen Regen schlüpfrig 
sei. Fahrtechnik — darauf kam alles an! 
Die Prophezeiung erfüllte sich schnell. Ein Fah 
rer stürzte, gerade vor der Tribüne, und die Sache 
sah um so gefährlicher aus, als das Bündel der 
Fahrer noch nicht aneinander klebte. Donnernder 
Beifall erhob sich, als der Gestürzte schon nach einer 
halben Minute wieder aufsprang und weiter raste, 
um die verlorene kostbare Zeit wieder einzuholen. 
Jutta Reinhagen halte mit keiner Wimper gezuckt. 
Sie klärte ihren Begleiter mit der kühlen Be 
obachtung ihres Sportstnnes über das Alltägliche 
des Vorgangs auf und beruhigte ihn, der von all 
diesen Sachen nicht viel verstand und von ihnen 
vielleicht nur deshalb etwas verstehen wollte, weil 
er der schönen Jutta damit einen Gefallen tat. Er 
wunderte sich im Grunde, warum sie nicht mit bei 
dem wilden Spiel sei. 
Aber da kam di« Kategorie der Motorräder mit 
Seitenwagen, und gleich dem zweiten geschah es, 
daß er auf der feuchten Bahn ins Gleiten kam, da, 
wo eine schadhafte Stelle im letzten Augenblick mit 
pechgetränktem Schotter ausgefüllt worden war. Der 
Fahrer wollte seinen Vormann einholen, und, da 
dieser nicht genügend abgebogen war, um ihn links 
vorbeisausen lassen zu können, bog er rechts her 
über. etwas zu weit. Im nächsten Augenblick 
mußte er die Bordschwelle streifen und dann gab 
es nur ein Ueberschlagen. 
Da warf sich der Beisitzer herum. Er warf sich 
fast aus dem Wagen heraus. Sein kräftiger Kör 
per hing draußen: er mußte sich in seinem Korb 
knapp mit den Fußspitzen halten. Seine Sturz 
kappe flog ab. Ein harter, eckiger Kopf glühte auf. 
Starkes, braunes Haar wurde vom Windzug durch 
wühlt. Run war die Kurve genommen. Der Bei 
sitzer hatte sich wieder zurückgleiten lassen. 
Betäubender Jubel der begeisterten Menge 
lohnte für die gebotene Sensation. Während das 
Klatschen noch rasselte, waren die verwegenen Fah 
rer schon verschwunden. 
Jutta Reinhagen war aufgesprungen. Ihre 
schlanke, federnde Gestalt hatte sich vorgeworfen wst 
die Fahrer vorhin. Nun schnellte sie zurück. Ihre 
Hand umklammerte den Arm Varbecks. 
„Toll", sagte der Architekt. Ueber sein weiches, 
etwas schwammiges Gesicht flackerte ein schwaches 
Rot, als er die Hand.des jungen Mädchens 'fühlte. 
Er lächelte, und es war eine Art von genießerischem 
Lächeln. 
„Gottseidank!", sagte Jutta, tief aufatmend. 
Es klang, als hätte sie selber eben diese Gefahr 
überstanden. 
Er blickte, verwundert über ihren Ton, auf, unb 
sie schien sich im gleichen Augenblick ihrer auffälli 
gen Erregung bewußt zu werden. Ihre Hand glitt 
von seinem Arm und sie lächelte leicht verlegen, als 
sie sich auf die Tribünenbank wieder zurückgleiten 
ließ. 
„Das hätte ich ihm gar nicht zugetraut", sagte 
Vordeck. 
Ihre Stimme zitterte, als sie fragte: „Kennen 
Sie ihn denn?" 
„Er arbeitet doch in meinem Atelier. Halbtags. 
Viel ist ja in diesen Zeiten nicht zu tun. Wer baut 
denn jetzt? Georg Dollingen. Ein Balte übrigens, 
also ein Landsmann von unserem Baron —" 
Der Architekt wandte sich um. Baron Büllings- 
hovens überlange, hagere Gestalt hing etwas vorn 
über, in der Richtung der tollkühnen Fahrer. „Fa 
mos", schnarrte er anerkennend, ohne Vordecks su 
chenden Blick zu bemerken. „Wirklich famos." 
„Wir wollen fort", sagte Jutta Reinhagen, 
und wieder hatte sie das überlegene Lächeln, das ihr 
so reizend stand. „Die Sache regt mich doch mehr 
auf, als ich dachte." 
„Es wivd nicht so einfach sein, durchzukommen. 
Aber Sie müssen natürlich bestimmen." 
„Mein Vater wivd auch schon auf mich warten. 
Er hat heute ja Gäste." Ihre neue Begründung 
schien ihm nicht recht einzuleuchten, und er zwin 
kerte sie ungläubig an. 
Aber sie war schon wieder aufgestanden und 
drängte sich nun durch die Reihen, unbekümmert 
um die knurrenden Bemerkungen der Zuschauer, und 
sie war schon längst im Freien, als er ihr keuchend 
nachgekommen war. „Selbst ist die Frau, Herr Vor 
deck!" Ihre goldbraunen Augen blitzten ihn über 
mütig an. Sie war schon wieder sie selbst. 
Als er, nrfon ihr daherschnaufend, endlich ihr 
Auto erreicht hatte, rief Jutta beim Einsteigen 
lachend: „Sie sollten Ihren Körper mehr durchar 
beiten, trainieren. Wenn Sic wollen, dürfen Sie 
stden Morgen um zehn mit mir boxen." 
„Ich blamiere mich nicht gern. Nein, man soll 
nie Dinge tun, die andere besser können. Fahren 
Sie nicht selbst, Fräulein Jutta?" 
„Vater hat es mir für heute verboten, er hatte 
Angst." 
Der Architekt nahm neben ihr Platz. „Eine 
weise Maßregel bei dem Massenansturm." 
„Unsinn. Ich habe brillante Nerven." 
(Fortsetzung folgt.) 
Fn Profeier K. 
ist 73. Wer die alte Dame näher kennt, weiß, daß ihr 
Lebensabend wie eine Folge sonniger Herbsttage ist. 
,,Es ist - so schrieb sie einmal ihrem Sohn - ein Gebot der 
Lebensklugheit, Genuß und Freude iu suchen, aber, um 
das bekannte Wort des alten Buddenbrook zu benutzen, 
nur solche, die uns bei Nacht ruhig schlafen lassen.“ 
Nach diesem Grundsatz handelt sie auch. Seit Jahren trinkt 
sie Kaffee Hag. Er gewährt ihr alle Kaffeefreuden, aber 
enthält nichts, was irgendwie schädlich oder störend wirken 
könnte. Kaffee Hag ist coffeinfrei und vollkommen un 
schädlich, er regt an, aber nicht auf. 
Kaffee Hag trinken ist Lebensklugheit I 
I
	        
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