Full text: Newspaper volume (1888, Bd. 2)

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Amerika und die europäische Politik. 
Daß man in England die Wiederwahl des 
vor wenigen Tagen abgegangenen Präsidenten 
Cleveland gern gesehen hätte, ist durch Lord 
Sackville unbedachtsam ausgeplaudert und die 
Verwirklichung dieses Wunsches, wie man an 
nimmt, zum Theil eben durch seine Verlaut 
barung vereitelt worden. Aber auch diesseits 
des Canals bestanden, wie die Haltung der 
maßgebenden Zeitungen erkennen ließ, lebhafte 
Wünsche für die Wiederwahl des gegenwärtigen 
Präsidenten, die man eine Zeitlang sogar als 
ziemlich zweifellos darstellte, denn was man 
wünscht, das glaubt man. 
Der Sieg der Republikaner muß daher 
auch bei uns als eine Enttäuschung em 
pfunden ivcrdcn, obwohl man sich klugerweise 
um so weniger davon merken läßt, je ernst 
licheren Grund man hat, mit der Wendung, 
welche die Sache genommen hat, unzufrieden 
zu sein. 
Ob der durch Cleveland vollzogene Bruch 
mit dem Grundsätze „dem Sieger gehört die 
Bente!" Bestand hat oder durch die Rückkehr 
jener Partei, welche ihm so lange Jahre un- 
gescheut nachgelebt hat, aufs neue zur Geltung 
kommt, das ist eine Sache, welche zwar die 
Amerikaner sehr viel, unS aber praktisch sehr 
wenig angeht. 
Anders liegt das Ding mit dem von den 
Republikanern zu gewärtigenden Widerstände 
gegen irgend welche Zollreductionen. Unsere 
Industriellen und ihre Publicisten müssen aber 
bei dieser Gelegenheit die fatale Bemerkung 
machen, daß die Schutzzolldoctrin eine Waare 
ist, die sich mit Vortheil nur für den heimischen 
Gebrauch fabriciren läßt und, wenn sie 
darüber hinausrückt, ebenso fatale Resultate 
herbeiführt. Die sich daraus ergebende Ver 
legenheit erklärt es sattsam, wenn von den 
wirthschaftlichen Rückwirkungen des System- 
wechsels in der Union in unseren officiellen 
Elàttern so wenig wie möglich gesprochen wird. 
^vas man aber bis jetzt mit keinem Worte 
berührte, daß ist tzer Rückschlag auf die 
europäische Staatencombination, welchen jenes 
Ereigniß ausüben kann. Zwar liegt ein un 
mittelbares Eingreifen der Amerikaner in die 
Verhältnisse der alten Welt zur Zeit wohl 
ebenso außerhalb der praktischen Möglichkeit, 
wie außerhalb des Gesichtskreises der ameri 
kanischen Politiker. Aber die europäischen 
Mächte haben, obschon sie das Weltmeer von 
den Vereinigten Staaten trennt, Verzweigungen 
Und Interessen, welche sie mit jenen in gar 
knge freundliche oder feindliche Berührung 
dringen können. 
So ist, um nur eines zu erwähnen, was 
Uns unmittelbar angeht, das deutsche Reich 
«uf den Samoainseln cngagirt, wo es 
als seinen Rivalen den Bruder Jonathan 
antrifft, der schon ein hübsches Theil der 
australischen Inselwelt annectirt hat und diese 
dor seinem „goldenen Thron" (San Franziska) 
siegenden Mikrokosmen als von Rechts wegen 
ihm zukommend betrachtet. 
Nun, um der Samoainseln wird das 
deutsche Reich mit den Vereinigten Staaten 
uiellcicht ebensowenig Krieg führen, als um 
der Karolinen willen mit Spanien! Aber 
könnten sich Verwickelungen ergeben, . an 
tuen wir unmittelbar völlig unbetheiligt 
ìuären und zu deren friedlicher Beilegung wir 
°den deshalb gar nichts beitragen könnten, 
even Verlauf aber gar störend in unsere 
Merkel hinein zu wirken vermöchte. 
Die Vereinigten Staaten grenzen nur mit 
einem europäischen Staate dermaßen zu 
sammen, daß ihnen für Feindseligkeiten zu 
Lande überhaupt, und zwar in diesem Falle 
sehr ausgiebig, Raum gegeben ist. Dieser 
Staat ist England. Und so wenig letzteres 
dazu Anlaß giebt, so besteht doch in der 
Union beständig eine gereizte Stimmung, 
welche lieber heute als morgen jeden irgend 
brauchbaren Vorwand ergriffe, um den letzten 
räumlich sehr ansehnlichen, wenn auch nicht 
entsprechend wcrthvollen Rest des englischen 
Besitzstandes auf dem Festlaude Nordamerikas 
sich anzueignen und so das „manilsst cksstiny" 
womöglich bis an den Pol hinauf zur 
Geltung zu bringen. 
Wir wollen ans die mannigfachen Ursachen 
dieser Neigung hier nicht näher eingehen. Daß 
sie besteht, daß die europa- und speciell england 
feindliche Stimmung drüben in einer diesseits 
kaum geahnten, an die Macht der Revanche- 
Idee in Frankreich gemahnenden Ausdehnung 
die Gemüther beherrscht, hat eben der Aus 
gang der letzten Wahlcampagnc in erschreckender 
Weise dargethan. 
An Differenzpunkten, die sich, wenn man 
darauf ausgeht, zu einem Kriegsfälle ausge 
stalten lassen, ist ja zwischen Grenznachbarn 
in solcher Lage, wie England und die Berei 
nigten Staaten, niemals Mangel. Da ist 
beispielsweise augenblicklich die noch ungelöste 
Fischerei-Frage, ferner ein zur Intervention 
einladender Eisenbahnconflikt zwischen der 
Provinz Manitoba und der Centralregierung 
des Dominion. Wir behaupten nicht, daß 
aus irgend einer der augenblicklich schwebenden 
Fragen nothwendig ein Krieg hervorgehen 
müsse, obwohl er sicher schon wegen der bru 
talen Ausweisung Lord Sackvilles ausgebrochen 
wäre, wenn England nicht aus zwingenden 
Rücksichten mit mehr Gelegenheit als weiland 
Napoleon III. einen diplomatischen Zwischen 
fall ertrüge, bei dem sein Vertreter nicht die 
glänzendste Rolle spielt. 
Aber dafür bürgt uns Niemand, daß nicht 
die Amerikaner einen Moment, der Eng 
land in Europa engagirt findet, benutzen, um 
einen Constikt vom Zaune zu brechen. So 
unkriegerisch ihr Staatswcsen im Allgemeinen 
angelegt ist, so giebt es innerhalb desselben 
doch gewisse imperialistische Neigungen, die in 
den „Veteranen des großen Krieges", einer 
gewaltigen Kostgängerschaar des öffentlichen 
Schatzes, welche das Budget stärker belastet 
als die aktive Landesvertheidignng und an der 
Abenteuerlust der Nation, die schon so manchen 
Frcibcuterzug ermöglicht hat, einen mächllgcn 
Rückhalt findet. Trotz der schwachen Besiede 
lung ihres enormen Landbesitzes leiden die 
Amerikaner, gleich den Russen, an einem be 
ständigen Annexionsfieber, das sich, solange 
die Südstaaten obenauf waren, in der Rich 
tung gegen Mexiko und Central-Amerika ent 
lud und jetzt den Nordstaaten durch Hinzu 
gewinnung des ihnen gleichartigeren Canada 
ein endgültiges Uebergewicht verschaffen möchte. 
Annexionslustig sind oder waren beide bisher 
um den Besitz der Staatsgewalt ringende 
Parteien, eine wie die andere, und man muß 
deshalb, zumal wenn es einem in der Nähe 
so schwachen Gegner wie England gilt, mit 
jeder Möglichkeit rechnen. 
Gesebt nun, cS käme angesichts einer aus 
brechenden großen europäischen Katastrophe zu 
einem Kriege zwischen den Bereinigten Staaten 
und England — welche Folgen würden sich 
daraus für uns ergeben? 
Selbstverständlich wäre England dadurch 
in Europa mattgesctzt und außer Stande, 
Italien zur See gegen Frankreich den Schutz 
zu gewähren, welcher für Italien die Vor 
aussetzung eines kriegerischen Vorgehens gegen 
seinen nordwestlichen Nachbar bildet. Italien 
befindet sich nämlich, selbst die Cooperation 
des deutschen Reiches vorausgesetzt, hierbei 
nicht in der günstigsten Lage. Es muß sich 
darauf gefaßt machen, daß Frankreich den 
Krieg zu Lande, wo es gegen Italien in den 
Alpen eine starke natürliche Grenze besitzt, 
welche den Operationen großer Herresmasscn 
bedeutende Schwierigkeiten entgegenstellt, in 
rein defensiver Weise führen würde um, 
gewitzigt durch Oesterreichs Erfahrungen im 
Jahre 1866, seine Nordarmee nicht zu sehr 
zu schwächen, dagegen das Uebergewicht seiner 
Flotte, welche selbst der vereinigten deutschen 
und italienischen überlegen ist, zu Angriffen 
auf die lang gestreckte Westküste Italiens 
benutzt, an welcher die meisten großen Städte 
des Landes ziemlich schutzlos vor ihm daliegen. 
Frankreich und die Bereinigten Staaten 
sind alte Bundesgenossen. Jenes hat bei der 
Geburt der transatlantischen, dieses bei der 
jenigen der ersten französischen Republik Ge 
vatter gestanden. Trotzdem ist das Verhältniß 
seit langer Zeit ein sehr kühles, und selbst 
das demonstrative französische Geschenk eines 
Riesenstandbildes der Freiheit für den New- 
Porker Hafen hat daran nichts geändert. Den 
praktischen Amerikaner vermag nur ein ge 
meinsames Interesse für einen Andern in 
Bewegung zu setzen. In der vorstehend ge 
schilderten Combination wäre dieses Zusammen 
treffen der Interessen nur ein zufälliges und 
indirektes, denn trotz Jahre langer Reibereien 
erblickt das heutige Frankreich nicht in England 
seinen Haupt- und Erbfeind. Den Amerikanern 
andererseits ist Italien völlig gleichgültig. 
Es liegt im französischen, aber nicht in ihrem 
Interesse und jedenfalls außer ihrer Absicht, 
wenn durch einen Krieg zwischen England 
und Amerika mittelbar auch Italien lahm 
gelegt würde. 
Anders steht die Sache mit Rußland. Trotz 
des Gegensatzes zwischen ihren politischen 
Jnjtitutionen und des Concurrenzverhältnisses 
zwischen dem auf Export angewiesenen Acker 
bau beider Länder verbindet dieselben ein 
dauernder politischer Gegensatz gegen England. 
Deshalb ergreift man in Amerika seit einem 
Menschenalter jede der sich darbietenden spär 
lichen Gelegenheiten, um die Freundschaft mit 
dem Zarenreiche demonstrativ hervorzukehren. 
Deshalb überließ Rußland seine amerikanischen 
Besitzungen an die Union, und erwarb diese 
begierig die polare Wüste, um für alle Fälle 
im Rücken seines englischen Nachbars Fuß zu 
fassen. Amerika ist ein steter Trumpf in der 
Hand Rußlands gegen England und die ans 
dessen Unterstützung angewiesenen Staaten, 
und eine zur Action nach Außen geneigte 
nativistische Regierung in Washington verstärkt 
die Bedeutung dieses Trumpfes um ein Be 
deutendes. 
Es bedarf gar nicht einmal der wirklichen 
Actio». Was schon die bloße Drohung damit 
auszurichten vermag, hat Frankreich im Jahre 
1866. erfahren, wo Napoleon in Mexiko 
cngagirt und von der Furcht vor einem Con 
flicte mit Amerika beherrscht, die einzige Ge 
legenheit versäumte, während des von ihm 
mit angezettelten deutschen Krieges, wie er 
gehofft hatte, im Trüben zu fischen. So hat 
Amerika, ohne einen Schuß zu thun, schon 
einmal entscheidend in die europäischen Ver 
hältnisse eingegriffen. Die gegenwärtige Ge 
staltung der Dinge hüben und drüben könnte 
es leicht abermals in diese Lage bringen. 
Ausland. 
Rumänien. 
Bukarest, 11. Decbr. Der Reigen der 
parlamentarischen Angriffe auf die äußere 
Politik des Ministeriums Rosetti-Carp wurde 
im Senate anläßlich der Adrcßdebatte vom 
Prinzen Gregor Sturdza eröffnet. 
Dieser, ein Sohn des gleichnamigen durch 
seine Vorliebe für Rußland und durch seinen 
Reichthum bekannten ehemaligen Hospodars 
der Moldau, gehört keiner politischen Partei 
an, sondern hatte sich in früheren Jahren 
für berufen gehalten, sich als Führer einer 
von ihm selbst gebildeten Partei den Weg 
zum Throne Rumäniens zu bahnen. 
Bei den letzten Parlanicntsncuwahlen wurde 
Prinz Gr. Sturdza zum Senator des Jassyer 
Wahlbezirks gewählt und hat als solcher die 
Adreßdebatte mit einer Rede eröffnet, welche 
nichts mehr und nichts weniger als den un 
bedingten Anschluß Rumäniens an Ruß 
land und für die russischen Heere freien 
Durchzug durch die Dvbrudscha verlangt. Die 
mitteleuropäische Tripelallianz, sagte er, könne 
Rumänien absolut keinen Nutzen bringen, 
denn abgesehen davon, daß Deutschland und 
Italien ferne, Oesterreich-Ungarn aber ein 
ohnmächtiger Staat sei, sei auch das deutsche 
Reich viel zu arm und viel zu sehr von 
äußeren und inneren Feinden, von Religions 
zwistigkeiten, Partiknlaristen und Sozialisten 
bedroht, um diesbezüglich einen Vergleich mit 
dem reichen, national und religiös geeinigten 
Frankreich aushalten zu können. In Betreff 
Rußlands gelte aber das Wort Kaiser Wilhelm I. 
dem Fürsten Bismarck gegenüber, daß Rußland 
eine Reihe von Kriegen verlieren dürfe, ohne 
Schaden zu leiden, während für Deutschland 
eine einzige verlorene Schlacht gefährlich werden 
könne. Noch kein Staat, der sich mit Ruß 
land verfeindete, habe glückliche Erfolge erzielt, 
und da Rußland, ohne sich um den Fürsten 
Bismarck zu kümmern, jeden Tag von Batum 
oder Kars aus mit 400,000 Mann gegen 
Konstantinopel vorrücken könne, so habe 
Rumänien als unmittelbarer Nachbar allen 
Grund, eine Politik zu verlassen, welche Ruß 
land nothwendiger Weise beleidigen müsse. 
So gering man auch den praktischen Werth 
der Forderungen des Prinzen Gr. Sturdza 
ansetzen mag, und so wenig derselbe auch bei 
seinem Vorschlage, Rumänien zu einem Vasallen 
staate Rußlands herabzudrücken, ans eine 
Unterstützung der nur ein Bündniß mit Ruß 
land, aber keine Abhängigkeit vom Zaren 
staate wünschenden russophilcn Bojarenkreise 
rechnen kann, so hat die Rede des Prinzen 
doch insoferne eine gewisse Bedeutung, als sie 
den Forderungen derrussischenPolitikRumänien 
gegenüber ohne weitere Umschreibungen Aus 
druck giebt. 
Italien. 
Rom, 19. Decbr. Der Papst ist nach 
einer römischen Korrespondenz des „Hannov. 
Courier" vom 13. d. etwas leidend und zog 
Dr. Ceccarelli zu Rate. Der Arzt konstatirtc 
große Schwäche und Nervosität in Folge an 
strengenden Lesens und Studirens während 
ganzer Nächte. In seinem aufgeregten Zu 
stande will der Papst alles sehen und fordert 
Rechenschaft über die wichtigsten wie über die 
nichtigsten Dinge. Dazu gesellte sich ein 
Zustand der Niedergeschlagenheit und Muth- 
losigkeit. Die europäische Politik flößt ihm 
Furcht ein, die Verhältnisse in Italien regen 
ihn auf und beunruhigen ihn, da ihm die 
Hoffnung auf Wiederherstellung der weltlichen 
Macht des Papstthums in der letzten Zeit 
ganz geschwunden zu fein scheint. 
Oesterreich. 
Wien, 17. Dec. Am Donnerstag wird 
Schönerer seine viermonatliche Arreststrafe 
abgebüßt haben. Seine Anhänger wollten an 
diesem Tage in Schwenkers „Colosseum" ein 
großes Fest veranstalten, was jedoch die Po 
lizei untersagte. 
England. 
London, 18. Dec. Obwohl die Nachricht 
über die Gefangennahme Emin Paschas nnd 
Stanley's bisher in keiner Weise bestätigt ist, 
da über die Thatsache selbst nur die interessir- 
ten Mittheilungen Osman Digma's vorliegen, 
wächst in der englischen Bevölkerung die Auf 
regung von Stunde zu Stunde. Bereits 
finden in einzelnen Stadtthcilcn kleinere Ver 
sammlungen statt, in denen Resolutionen ge 
faßt werden, durch welche der Regierung ihre 
Haltung vorgeschrieben wird. Interessante 
Massen-Meetings sind für die nächsten Tage 
zu erwarten, und wenn es der Regierung 
nicht gelingt, die Behauptung Osman Digma's, 
daß Dr. Emin Schnitzer und Stanley sich in
	        
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