Full text: Newspaper volume (1935, Bd. 1)

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128. Jahrgang. 
SchleswLg-HollìànschL 
128. Jahrgang. 
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Ar. 44 
Donnerstag, den 21. Februar 
1935 
Besuch auf dem Obersalzberz. 
Scr mm des Wms nächster Nachbar... 
Büchner, der erste Flieger von Afrika. — Der Platterhof und seine Geschichte. — Hier hat Adolf Hitler oft gewohnt. 
(Nachdruck, auch auszugsweise, verboten.) 
Berchtesgaden, im Februar. 
Unten im Tale, vor dem Hauptbahnhof 
Berchtesgaden, wo die elektrische Straßenbahn 
durch die Berge hinüberfährt nach dem 
Königssee und ihre Nachbarlinie nach Salz 
burg, wartet der Raupenschlepper der Reichs 
post auf seine Fahrgäste, die hinauf wollen 
auf den Obersalzberg. Und Schlittenkutscher 
bieten den fremden Besuchern von Berchtes 
gaden an, sie in stundenlanger Berg- und 
Talfahrt hinauf zu bringen, um dort am 
Hause des Führers vorbei zu fahren und den 
Platterhof zu besuchen. 
Im Raupenschlepper zum Haus Wachenfeld. 
Vor dem Hauptbahnhof von Berchtesgaden 
steigen wir genau so in den Raupenschlepper 
wie in Berlin, München, Leipzig oder Köln 
in einen Autobus. Bloß der'-Raum für die 
Fahrgäste ist kleiner, viel kleiner. Wenig 
mehr als tausend Meter weiter, nachdem der 
Raupenschlepper über eine Brücke die wild 
dahinschäumende Achen überquert hat, be 
ginnt schon die eigentliche Auffahrt auf den 
Obersalzberg. In steilen Serpentinen führt 
der Weg an schwer mit Schnee und Eiszapfen 
behangenen Tannen vorbei. Uns begegnen 
große Schlitten mit Pferden oder Ochsen da 
vor, einige überholen wir mit unserem Rau 
penschlepper. Die Güter des täglichen Be 
darfes auf den Obersalzberg zu schleppen, ist 
eine mühevolle Angelegenheit. 
In doppeltem Fußgängertempo klettern 
die Raupen über dicken, festen Schnee. Immer 
weiter aufwärts auf gut halber Höhe des 
Weges öffnen sich weite Rundblicke bis hin 
ein in die Salzburger Alpen. Der Fernblick 
geht auf der anderen Seite hin bis zum Mas 
siv des Watzmaun. Zur linken Hand senkt 
sich der Abhang steil hinunter, von wunder 
barem Bergwald bedeckt. 
Grundstück und seinen Gebäuden. Zum An 
denken an die Judith Platter des Romans, 
die mit ihrem richtigen Namen Moritz-Mayer 
hieß, hat der heutige Besitzer des Platterhofes, 
Bruno Büchner, das ganze Haus auf dem 
Obersalzberg „Pension Motritz" genannt. 
Nicht aus irgendwelchen „Reklamegründen", 
denn schon die „Judith Platter" hat ja aus 
dem Grundstück eine von vielen Künstlern 
und bekannten Menschen gern besuchte Pen 
sion gemacht. Hier oben suchten aus dem Lärm 
der Städte neue Kraft zu neuer Arbeit: Peter 
Rosegger, Ludwig Ganghofer und Richard 
Boß, ferner die Komponisten Schumann und 
Brahms. Auch Henrik Ibsen war oft Gast auf 
dem Platterhof der Moritz-Mayer. 
Die Herrin des Berges. 
Hier oben auf dem Platterhof hat die „Her 
rin des Berges", Moritz-Mayer, viele Jahre 
lang gelebt. Die kluge und eigenartige Frau, 
die Freundin des Romandichters Richard Boß 
war, stellte für den Dichter das lebendige Vor 
bild der Romangestalt der Judith Platter dar. 
Das Seltsame ist Wirklichkeit geworden: Das 
Leben der Romanheldin Judith Platter und 
das Handeln der Moritz-Mayer stimmen in 
den wesentlichen Zügen überein. Man vermag 
deshalb, wie sonst wohl selten, mit Berechti 
gung von einem Schlüsselroman zu sprechen. 
Obwohl der Platterhof durch den neuen 
Herrn des Hauses in größerem Umfange er 
weitert worden ist, hat Bruno Büchner dan 
kenswerterweise die Räume der Judith Plat 
ter im ursprünglichen Zustand erhalten. Die 
schönen alten Rundöfen aus grünen Kacheln, 
Meisterstücke der Töpferkunst eines vergange 
nen Jahrhunderts, sind noch da. Die hand 
gearbeiteten, schweren Bauernmöbel, seltsam 
bemalte, heimlich anmutende Schränke und 
Truhen vermögen in den Zimmern der Ju 
dith Platter auch heute noch die Stimmung 
des Romans in den Gästen des Hauses her 
vorzuzaubern... 
Die ganze stolze Tradition deutschen Bau 
ernfleißes liegt über dem Platterhof. Hier ge 
hören die alten Zinnkrüge, die reich mit Hand 
schnitzereien verzierten Sessel, die buntgetupf 
ten Tischdecken und die geblümten Vorhänge 
wirklich hin. Zu den schweren alten Balken 
der braungebeizten Decke passen einfach keine 
modernen Möbel, fast würden sie eine Ent 
weihung bedeuten. 
Ob es Legende ist oder Wahrheit — wer will 
es heute noch wissen: Man sagt von der Her 
rin des Berges, es sei von ihr eine geheims 
nisvolle Macht ausgegangen auf alle Menschen 
und Tiere, die in ihren Bereich kamen. Mit 
ihren beiden Bernhardinerhunöen streifte sie 
manchmal Tage und Nächte durch das Berg 
land. Im Sommer und im Winter kamen die 
Waldvögel in ganzen Scharen zu ihr, immer 
war der Tisch für die Vögel und die Tiere des 
Waldes reich gedeckt auf dem Platterhos. Und 
das ist noch heute so, während wir durch die 
Höfe und über die Holzveranden streifen, blei 
ben auf dem Geländer die freien Bewohner 
des Bergwaldes, Eichhörnchen und Vögel aller 
Art, Goldammern, Zeisige, Rotkehlchen und 
Grünspechte und sogar ein paar Dohlen ruhig 
sitzen. Eine Elster fliegt nicht fort, als ihr ein 
paar Körner hingehalten werden. 
Wenige wissen es, wie die Herrin des Ber 
ges eigentlich zu ihrem männlichen Vornamen 
kam: Ihr Vater, ein Oberförster, hatte einen 
Sohn als Nachkommen erwartet und für sei 
nen Sprößling bereits den Vornamen Moritz 
„bereitgehalten". Als nun statt des Sohnes 
eine Tochter geboren wurde, sollte es wenig 
stens bei dem männlichen Vornamen bleiben. 
Der Flieger vom Obersalzberg. 
In einer der schönen, braun getäfelten 
kleinen Hallen, deren eine Breitseite ein ein 
ziges 10 Meter breites Fenster mit dem Aus 
blick auf die schneebedeckten Zacken der Berge 
einnimmt, sitzen wir dem nächsten Nachbarn 
des Führers auf dem Obersalzberg gegen 
über. Bruno Büchner, der aus dem Platter 
hof in den Jahren des Kampfes um die Macht 
Die englische KabinettsÄeratung. 
Des Führers Haus. 
Wenig unterhalb von der Höhe des Berges 
erblicken wir dann, während der Wald rechts 
und links vom Wege zurücktritt, nach etwa 
20 Minuten Auffahrt das Haus des Führers 
und Reichskanzlers. 
So wie wir jetzt das Haus am Berg vor 
uns liegen sehen, kennen es außer den Be 
suchern des Obersalzberges nur sehr wenige. 
Metertiefer Schnee bedeckt den Garten rings 
um das Haus Wachenfeld. Dick verschneit ist 
das ganze im oberbayrischen Gebirgsstil er 
baute schlichte Landhaus. Und unter der 
dicken, dichten weißen Decke verschwindet fast 
die rings um das Haus laufende Holz 
veranda. 
In diesen winterlichen Bezirken des 
Schweigens vermag der Führer und Reichs 
kanzler wirklich die von ihm ersehnte Ruhe 
und Erholung zu finden. Vom Haus Wachen 
feld aus vermag man sowohl den majestätisch 
daliegenden Watzmann wie die teils schwer 
zerklüfteten, teils freundlich bewaldeten Salz 
burger Alpen liegen zu sehen. Hier auf der 
Höhe des Berges hoch über dem Berchtesgade 
ner Tal ist reinere Luft als in den großen 
Städten. 
Im Sommer pilgern oftmals täglich Hun 
derte von Besuchern auf den Obersalzberg 
hinauf. 
Das Haus aus dem Roman. 
Einige hundert Schritte weiter, mitten im 
Ort Obersalzberg, gabelt sich die Straße. 
Rechts entlang gehen wir. Der Raupenschlep 
per hat hier seine „Endstation". Vor uns liegt 
der Platterhos. 
Auf dem gleichen Grund und Boden, den 
Richard Voß durch seinen Roman: „Zwei 
Menschen" vielen vertraut gemacht hat, suchen 
wir durch den Wintertag den Eingang zu dem 
Wieder im französischen Fahrwasser? 
Der englische Geschäftsträger hat am Mitt 
woch den französischen Außenminister über die 
Stellungnahme seiner Regierung zur deutschen 
Antwort unterrichtet. Der halbamtliche „Petit 
Parisien" sagt, nach reiflicher Ueberlegung sei 
die englische Regierung wie die französische zu 
der Auffassung gelangt, daß das Protokoll vom 
3. Februar als ei« unteilbares Ganzes anzu 
sehen sei. Folglich dürfe der Luftpakt nicht von 
den übrigen Fragen getrennt werden. Eine 
unmittelbare deutsch-englische Aussprache 
scheine nicht sofort in Frage zu kommen. 
Wahrscheinlich werde zunächst ein Fragebogen 
nach Berlin abgehen, der Deutschland zur 
Stellungnahme über alle Punkte des englisch- 
französischen Vorschlages auffordern werde. 
Zu dem Ergebnis der Londoner Kabinetts 
beratung liegen Informationen einiger Blät 
ter vor. „Times" betonen dabei, daß es der 
Wunsch des Kabinetts sei, daß bei allen künf 
tigen Besprechungen das Londoner Commu 
nique vom 3. Februar als ein Ganzes behan 
delt und kein Teil davon aus dem Zusammen 
hang gerissen werde. Jedoch sei nicht nötig, daß 
die verschiedenen in dem Communique behan 
delten Fragen in einer bestimmte« Reihen 
folge geprüft werden. Daher könne eine bal 
dige Erörterung eines Luftabkommens unter 
den Westmächten durchaus beginnen. „Daily 
Telegraph" sagt, es werde vielleicht für wün 
schenswert gehalten, daß im Falle eines briti 
schen Besuches in Berlin der betreffende Mi 
nister auch Moskau und Warschau besucht. 
Wenn man der halboffiziösen „Times" 
Glauben schenken darf, so hat tatsächlich der 
englische Kabinettsrat eine Entscheidung ge 
fällt, die nicht gerade zu einer deutsch-englischen 
Einigung führen würde. Es scheint, als ob sich 
die Engländer sehr stark dem französischen 
Standpunkt genähert hätten. Sie würden sich 
also infolgedessen weigern, der von Deutsch 
land vorgeschlagenen Verhandlungsmethode 
des Schritt-für-Schritt-Vorwärtsgehens zu 
folgen. Statt dessen würde man darauf beste 
hen, die sechs Punkte der Londoner Beschlüsse: 
Streichung des Artikels S des Versailler Ver 
trages, Wiedereintritt Deutschlands in den 
Völkerbund, Ostpakt, Donaupakt, Generalpakt, 
Luftabkommen als ein Ganzes und Untrenn 
bares zu behandeln. Man weiß aus langjähri 
ger Erfahrung, daß den Engländern an sich 
wenig daran liegt, sich in einen Irrgarten von 
Parallelverhandlungen zu verlieren. Man war 
von jeher in London mehr auf praktische, hand 
greifliche Ergebnisse eingestellt, deren unmit 
telbare Vorteile auf der Hand lagen. Man 
würde es in Berlin wenig verstehen, wenn 
jetzt plötzlich von jener durchaus gesunden Po 
litik abgegangen werden würde. Es hatte doch 
durchaus den Anschein, daß den Engländern 
der Abschluß eines Luftpaktes besonders drin 
gend am Herzen lag. Außerdem mußte die 
günstige moralische Wirkung eines raschen Ab 
schlusses über gegenseitigen Luftschutz mit po 
sitiv für das Zustandekommen weiterer Ab 
kommen eingesetzt werden. Inwieweit man 
umgekehrt in der Lage sein wird, aus dem 
Wirrwarr der vielfach öurcheinandergehenden 
Interessen an den Paktfragen durchzukommen, 
ist völlig unklar. Der eigene Kommentar der 
„Times" gibt selber der Meinung Ausdruck, 
daß der Entschluß der englischen Regierung 
sicherlich weder eine ungeteilt freundliche Aus 
nahme im englischen Publikum noch im gesam 
ten englischen Kabinett finden würde. In 
Frankreich und Rußland zeigt man sich natur 
gemäß äußerst erfreut. Wenn man jedoch ein 
mal die Gleichberechtigung Deutschlands aus 
gesprochen hat, sollte man nicht vergessen, daß 
Gleichberechtigung auch im Verhandlungs 
wege schon eine Voraussetzung für eine wirk 
liche Einigung ist. Sollten die ebenso langwei 
ligen wie ergebnislosen Dauerkonferenzen in 
der Vergangenheit MacDonald noch nicht ge 
lehrt haben, daß die Entschlüsse von Männern 
und nicht das Durcheinander von Konferenzen 
über das Schicksal Europas entscheiden? 
Die Haltung Moskaus. 
Wie verlauter, sind in Beantwortung der 
Anfragen, die durch den französischen Bot 
schafter Lord Chilston an die Sowjetregierung 
wegen ihrer Stellungnahme zu den englisch- 
französischen Abmachungen in London gerich 
tet worden sind, die sowjetrussischen Botschaf 
ter in Paris und London beauftragt worden, 
der französischen bzw. der englischen Regie 
rung zu erklären, daß die sowjetrussische Re 
gierung das Ergebnis der englischen und 
französischen Staatsmänner begrüße. Die 
Sowjetregierung habe mit Genugtuung da 
von Kenntnis genommen, daß in der Verein 
barung das System regionaler Pakte, das sie 
allein als wirksam für den Frieden betrachte, 
als notwendig bezeichnet worden sei. 
„Daily Telegraph" stellt in einem Leitauf 
satz die gewagte Behauptung auf, die Mos 
kauer Aeußerung gebe den Sicherheitsbespre 
chungen in Westeuropa einen neuen Antrieb. 
Im einzelnen wird dazu ausgeführt, Ruß 
land stehe im Fernen Osten einer schwierigen 
Lage gegenüber und erkenne die Gefahren 
einer „Einkreisung" ebenso deutlich wie 
Deutschland, das in dem Ostpakt ein ver 
schleiertes frauzösisch-sowjetrussisches Bünd 
nis erblicke. Nach russischer Ansicht biete der 
Ostpakt die einzige andere Möglichkeit, die es 
neben einem solchen gefährlichen Bündnis 
gebe. Nach einem Versuch, zu zeigen, daß 
Deutschland an allen vorgeschlagenen Pakten 
beteiligt sein müsse, stellt das Blatt dann 
selbst fest, es sei nicht unnatürlich, wenn man 
in Berlin angesichts dieser Projekte an ein 
besonders sein angelegtes diplomatisches 
Intrigenspiel glaube. Anscheinend sei aber 
Deutschland bereits davon überzeugt, daß 
Großbritanniens Bemühungen aufrichtig auf 
Sicherheit in Europa und nicht nur auf 
Sicherheit für eine bestimmte Gruppe gerich 
tet seien. Ein Berliner Besuch eines briti 
schen Ministers könnte vielleicht dazu führen, 
daß in Deutschland die guten Dienste und 
guten Absichten Großbritanniens Anerken 
nung finden würden. Eine Fortsetzung der 
Reise nach dem Osten werde vielleicht die 
Kluft des Mißverständnisses überbrücken, die 
Deutschland und Sowjet-Rußland trenne und 
auf die in der sowjetrussischen Aeußerung 
in kühner, aber versöhnlicher Weise hingewie 
sen werde. Zur Ueberreichung der sowjet- 
russischen Erklärung bemerkt der „Petit 
Parisien", daß also Sowjet-Rußland der in 
London eingeleiteten Sicherheitspolitik bei 
trete. Frankreich, England, Italien und 
Sowjet-Rußland seien jetzt darüber einig, 
daß das Friedenswerk auf der Grundlage 
der Erklärung vom 3. Februar durchgeführt 
werden solle«
	        
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