Full text: Newspaper volume (1935, Bd. 1)

128. Jahrgang. 
128. Jahrgang. 
Renösburyer TageblaL 
Dezngsprels: Ausgabe A Reichsmark 1.75 monatlich; Ausgabe B einfchl. Illustrierte Wochenbeilage 
Reichsmark 2.00. zuzügl. Bestellgeld. Einzelnummer 10 Rpfg.. auswärts IS Rpfg.. Sonnabends 15 Rpfg. 
Schrļftlàng und Geschäftsstelle: Rendsburg. Haus der Landeszeitung. Fernsprecher Nr. 2551. 
Telegramm-Adr.: „Landeszeitung". Postscheck: Hamburg 16273. Banken: Reichgbank; Westholsteinischs 
Dank; Spar- und Leih-Kaste; Schleswig-Holsteinische Dank; Landkceditbank: sämtlich in Rendsburg 
Anzeigenpreise: Im Anzeigenteil Grundpreis für die 46 mm breite Mlllimekerzelle 14 şş, 
im Tertteil Grundpreis für die 77 mm breite Millimeterzeile 34 Ermäßigte Grundpreise. 
Aufschläge sowie Nachlässe laut Preisliste Nr- 5. Nachlußstaffel A. Geschäftsbedingungen nach Maß 
gabe der Bestimmungen des Werberaks. Keine Ersatzansprüche bei Nichterscheinen der Zeitung wegen 
höherer Gewalt. Für unverlangt eingehende Beiträge übernimmt die Schriftleitung keine Gewähr, 
eine Sprache beherrscht und verweist auf ihren 
Sohn, der auf See englisch und auch deutsch 
gelernt habe. Sie ist stolz auf den ehrwürdi 
gen Trachtenwert ihrer Kleidung,' achtet dar 
auf, daß gute Musik im Haus gepflegt wird, 
und in all den kleinen Dingen des täglichen 
Lebens ist ihr das Beste an seelischem Wert 
und Materialechtheit gerade gut genug. 
Trotz Mühe und Daseinskampf ist in der 
heutigen Zeit auch dort der Wunsch nach neuer 
Stärkung der volkstümlichen Art erwacht und 
äußert sich in Sprachforschung und -reinigung, 
an der sich das Volk selbst bis in den letzten 
verlorenen Bauernhof leidenschaftlich be 
teiligt.. 
Wohl bemühen sich viele Frauen heute auch 
in Deutschland, dieser Aufgabe nachzukommen 
und ein bescheidenes, kleines Heim wohnlich 
und das Leben darin auch mit den einfachsten 
Mitteln schön zu gestalten. Aber es fehlt noch 
die Einheitlichkeit in diesen Dingen. All 
gemein macht man sich wenig Gedanken dar 
über, wie sehr schöne Farben und Formen die 
Seele beeinflussen, daß es wertvoll für unse 
ren Charakter ist, in harmonischer Umgebung 
zu leben und sich mit dem Geistesgnt bester 
deutscher Künstler zu beschäftigen. Viel über 
flüssiger Kram muß da noch beseit'gt und 
mancher verschüttete Sinn für echte Volks 
kultur wieder geweckt werden. 
Mit Staunen sieht Europa, wie vorbildhaft 
für die Völker des nahen Orients noch immer 
seine Technik und Zivilisation ist. Wie Me 
thoden und Tempo dieser bewußt betriebenen 
Verwestlichung ein Zeichen dafür sind, daß die 
in der modernen Produktionsweise zurückge 
bliebenen Länder in wenigen Jahren eine 
Entwicklung nachholen wollen, für die Eng 
land und Deutschland Jahrhunderte brauchten, 
so scheinen sie auch das Bedürfnis zu haben, 
die zivilisatorischen Begleiterscheinungen, Ge 
wohnheiten und Rechtsauffassungen so schnell 
wie möglich zu übernehmen. Was bei uns das 
Ergebnis eines langen, sich erst allmählich 
durchsetzenden Vorganges ist, wird dort von 
heute auf morgen einfach dekretiert. So, wenn 
in der Türkei die alte Schrift abgeschafft und 
das lateinische Alphabet eingeführt, wenn das 
Schweizer Zivilrecht von heute auf morgen 
übernommen, wenn der traditionelle Fez, die 
muselmanische Kopfbedeckung seit Jahrhunder 
ten, verboten wird, oder wenn im Rundfunk 
nicht mehr byzantinische Musik gesendet wer 
den darf, und dafür europäische Musik gepflegt 
werden soll. Daneben sollen türkische Kompo 
nisten schnellstens eine neue türkische Musik 
schaffen. „Par ordre du Muphti" würde man 
früher gesagt haben,' heute darf man auch dies 
nicht, denn Muphti ist ein arabisches Wort, 
und alle arabischen Bestandteile, an denen die 
türkische Sprache so reich ist, werden jetzt un 
barmherzig ausgemerzt. 
Ueberhaupt diese Sprachreform! Für Eu 
ropäer, rue alle diese Geschehnisse trotz äußerer 
Nähe doch mit großer innerer Distanz miterle 
ben, ist es schwer, sich darüber klar zu werden, 
wie ties alle diese Verfügungen in die alten 
Gewohnheiten einschneiden. Man stelle sich 
vor, es würde bei uns etwa durch amtliche 
Verfügung die Anrede „Herr" und „Frau" 
verboten, und man müßte seine Nachbarin mit 
„Guten Morgen, Weib Schulze" begrüßen und 
bekäme zur Antwort: „Wie geht's, Mann Mül- 
ler?" So iß es aber hier: Die Anreden Effen- 
di usw. sind abgeschafft und darüber hinaus die 
Titel wie Pascha, Hodja usw. Die ganze Be 
völkerung ist in schweren Nöten wegen der 
Wahl eines Familiennamens, die es bisher 
nicht gab. Wie bei vielen orientalischen Völ 
kern hatte der Türke bisher seinen Rufnamen, 
dem er den des Vaters hinzufügte. Das 
ging jahrhundertelang sehr gut, aber mit den 
modernen Bedürfnissen kamen heillose Ver 
wechslungen. So muß sich jeder einen Fami 
liennamen zulegen, der nach europäischem 
Muster für alle nachfolgenden Generationen 
gilt. Dafür gibt es allerhand Vorschriften, 
welche die freie Wahl beschränken, und die 
schwer durchzuführen sind. Der Name muß 
frei von arabischen und persischen Sprachwur- 
zeln sein, aber die Philologie ist natürlich für 
die breiten Massen ein unbekanntes Gebiet. 
Der Name soll auch unterscheidbar sein von 
anderen, und da kann es geschehen, daß man 
im Familienrat mit vieler Mühe einen recht 
schön klingenden Namen gefunden hat und 
sich nun auf dem Meldeamt, wo er eingetragen 
werden soll, sagen lassen muß, daß gerade die 
ser Name bereits vorhanden ist. In den Zei 
tungen erscheinen jetzt ganze Spalten mit Na 
mensvorschlägen, aber auch dies nützt nichi 
allgu viel, und so sind bereits neue Ausfüh 
rungsbestimmungen angekündigt. 
Eine andere Vorschrift, die unmittelbar in 
das kuute Bild des Straßenlebens eingreift, 
ist das Verbot des Tragens kultischer Klei 
dung. Sie gilt für alle Religionen. So wird 
der muselmanische Hodja verschwinden, der 
Mann mit dem würdigen Bart, der ausdrucks 
vollen Nase und dem weißen Turban, wie er 
seit den Tagen von Tausendundeinernacht bis 
heute durch die Straßen wandelte. Man wird 
seinen schwarzen Mantel mit den Flatter 
ärmeln vergebens suchen, aus denen der hier 
so beliebte Regenschirm und die unvermeid- 
Schrumpsenöe Enļsernungen. 
DNB. London, 7. Febr. Die Wunder der 
drahtlosen Technik haben am Donnerstag ein 
„Radiotelephonisches Frühstück" zweier Par 
teien ermöglicht, die 6000 Meilen voneinander 
entfernt waren. Die eine Hälftendes Früh 
stückstisches war im Hydepark-Hotdl in Lon- 
don aufgedeckt, die andere in der Funkstation 
von Südafrika in Kliphuvel gedeckt, wohin sich 
die Teilnehmer der britischen Reichspressekon 
ferenz, die zurzeit in Kapstadt tagt, begeben 
hatte. Die Reden aus London und Kapstadt 
waren so deutlich zu hören, als ob sie in ein 
und demselben Raum gehalten worden wären. 
Von Südafrika sprach u. a. der Ministerpräsi 
dent der Union, General Hertzog, der darauf 
hinwies, daß im Interesse des weltwirtschaft 
lichen Wiederaufstiegs das Mißtrauen und die 
Furcht, zwei Eigenschaften, die sich noch immer 
behaupteten, durch ein allgemeines Vertrauen 
ersetzt werden müßten. 
Wohn- und Lebenskuttur in Skandinavien. 
Ein Volk, das trotz Not und Einschränkung 
echte Kulturwerte für sein Leben fordert, das 
nicht nur für seinen Körper, sondern genau so 
auch für seine Seele wertvolle Nahrung haben 
will, das wird sich bestimmt im Daseinskampf 
behaupten. Es ist eine besondere Ausgabe der 
Frau, die seelischen Werte eines Volkes zu 
pflegen, und zu hüten und das tägliche Leben 
mit Schönheit zu erfüllen. Gewiß gibt es 
viele Wege zu diesem Ziel, aber der, den ich 
heute beschreiben will, ist in unserem Volke 
leider fast ganz verschüttet. Er führt nach 
Norwegen, wo die Menschen in stärkerem 
Maße und in ungestörter Treue die Ueber 
lieferung bewahrten, die unsere gemeinsamen 
Vorfahren schufen. 
Rassisch unvermischt leben sie in einer groß 
artigen Natur, der sie in zähem Kampf ihr 
Dasein abringen müssen. Sie sind Bauern 
oder Handwerker, Bewohner kleiner Städte. 
Immer haben sie zu kämpfen: mit dem kargen 
Boden, der im kurzen Sommer nur wenig Er 
trag gibt, mit den großen Entfernungen, die 
nur von wenigen Eisenbahnen gekürzt werden, 
und mil den steilen, steinigen Wegen, die für 
Autos nicht befahrbar sind. Fußmarsch und 
Reiten im Sommer, Schilauf im Winter sind 
meist die einzigen Mittel, um die stunden- und 
tageweiten Entfernungen zwischen den Wohn- 
plätzen zu überwinden. Trotzdem ist der Ver 
kehr ziemlich rege. Die Nähe des Meeres er 
möglicht die Seefahrt und weitet den Gesichts 
kreis, so daß viele Norweger mehrere 
Sprachen sprechen. Wenn aber die Herbst 
stürme, die Schneewehen oder die Frühjayrs- 
schmelze sie auf ihre Höfe und Dörfer manch 
mal monatelang bannen, so ist ihr Leben sehr 
eintönig. 
Denn im Sinne unserer Zivilisation sind sie 
freilich arm und anspruchslos; man kann 
weder Radio noch Tanzmusik unter solchen 
Verhältnissen ermöglichen. Keine Wasser 
leitung noch elektrisches Licht, kein Gas noch 
Zentralheizung sind dem Bauern oder Klein 
städter erreichbar. Tie großen Hindernisse, 
die Natur und Klima dem allem entgegen 
stellen, sind entweder gar nicht oder nur mit 
so großen Kosten zu überwinden, daß dem 
Volk die Errungenschaften unserer Zivilisation 
So «ņèrte eine Lieb«! 
Wir verfolgten in Europa mit einigem Ver- 
stündnis die zarten Annäherungsversuche 
Moskaus an die Vereinigten Staaten vor 
rund anderthalb Jahren. Die Sache sah zwar 
sehr nach einer Geldheirat aus. Aber schließ 
lich sind wir es gewohnt, daß auch Kommu 
nisten ihren edlen Proletarierstolz verlieren, 
wenn im Fernen Osten die Japaner mit har 
tem Griff an den Grenzen Sibiriens rütteln. 
Wir haben in Deutschland immerhin einige 
Erfahrungen und sind durch bittere Lehren an 
die Launen und Kaprizen der Sowjetrussen 
einigermaßen gewöhnt. Wir sahen damals 
NSK. Es ist bisher stets so gewesen, daß in 
der Zeit, da die Abrüstungsfrage im Mittel 
punkt des politischen Weltinteresses stand, stets 
von den verschiedensten Ländern auch zwar 
recht interessante, meist aber ungewollte Bei 
träge in die Diskussion geworfen werden. 
Während der Vorbereitungen zu den Londoner 
Besprechungen gab Sowjetrutzland Rüstungs 
zahlen bekannt, die an sich schon überraschend 
hoch waren, von der Wirklichkeit aber noch 
übertroffen werden. 
Die Londoner Besprechungen sind vorüber, 
da meldet die französische Presse, daß mit einer 
Verlängerung der Militärdienstzeit ans zwei 
Jahre ernsthaft zu rechnen sei und daß diese 
Frage demnächst die Kammer beschäftigen 
werde. England kann natürlich nicht zurück 
stehen, so meldet gleichzeitig die Londoner 
Presse, daß şûr das Finanzjahr 1935—36 mit 
einer Erhöhung des Heercshaushaltes um 39,8 
Mill. Pfund Sterling gegenüber dem Vorjahr 
zu rechnen sei. 
Ein ebenso interessanter Beitrag zur Abrü 
stungsdebatte ist eine Uebersicht- über den 
Stand der europäischen Heere, an deren Spitze 
Sowjetrußland mit einer Friedensstärke von 
1,3 Millionen Mann steht. Die Technisierung 
des Heereswesens, die gewaltigen Menschen- 
ünö Materialmassen, die ungeheuren Geldsum 
men, die heute — eineinhalb Jahrzehnte nach 
der Uebernahme der Verpflichtung, Deutsch 
land in der Abrüstung zu folgen — für die 
Aufrüstung ausgegeben werden, über all dieses 
Zahlenmaterial gibt eine solche Aufstellung 
Klarheit und ist damit auf ihre Art ein unge 
wollter Beitrag zur Abrüstungsdebatte,
	        
Waiting...

Note to user

Dear user,

In response to current developments in the web technology used by the Goobi viewer, the software no longer supports your browser.

Please use one of the following browsers to display this page correctly.

Thank you.