Full text: Newspaper volume (1934, Bd. 1)

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Renösburser Tageblatt 
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Veöarrkrrr zur Ltitgefchichte. 
Wovor wcttcuropa gerettet wurde 
öie Nachricht gekommen, daß 60 unserer Volks 
genossen über das mehr als 4000 Meter hohe 
Pamirplateau unter unsäglichen Schwierigkei 
ten bis nach Indien wanderten, wo sie von den 
englischen Behörden liebevoll aufgenommen 
und gepflegt wurden. 
Die Leidensstationen eines dieser Wanderer 
sind folgende: Georg Wieöemeier aus Neusatz 
in Taurien auf der Halbinsel Krim war de-r 
Besitzer von mehr als tausend Dessatinen 
Ackerlandes, also nach reichsdeutschen Begrif 
fen Eigentümer eines respektablen Rittergu 
tes. 1922 wurde er durch die Bolschewiken von 
seinem Gut vertrieben. Bis zum Jahre 1927 
lebte er als Landarbeiter und Händler und 
mußte bei Beginn des Fünfjahresplanes aber 
mals flüchten. Es gelang ihm nicht, über die 
russisch-rumänische Grenze nach Beßarabien zu 
entkommen. So machte er sich auf und wander 
te mit seiner Familie nach Osten, nach Russisch- 
Turkestan, von wo er sich im Jahre 1932 nach 
Chinesisch-Turkestan rettete. Schließlich kam er 
nach Kashgar, wo er sein Leben als Gastwirt 
und Schweinehändler und zuletzt als Lehrer 
für die russische Sprache fristete. Zusammen 
mit anderen Rußlanddeutscheu unternahm er 
daun im Sommer 1933 den weiten Marsch über 
das Pamirplateau und kam im Herbst in In 
dien an. Welch ungeheure Leüensenergie muß 
in diesen deutschen Volksgenossen vorhanden 
sein, daß sie solche gewaltigen Strecken und 
Strapazen überwinden, welcher Abscheu gegen 
den Bolschewismus aber muß auch in ihnen le 
ben. 
Wenn wir die Lebensschicksale dieser Men 
schen hören, dann erst erkennen wir, mit welch 
inniger Liebe sie an ihrem Glauben und Volks 
tum hangen, dem sie in Sowjetrußland abwen 
dig gemacht werden sollen, und es drängt sich 
uns als selbstverständliche Pflicht auf, Helfern 
dieser Armen <wie dem Reichsausschuß „Brü 
der in Not") zur Seite zu stehen, um die 
Flüchtlinge einer neuen Heimat zuzuführen. 
Eines Tages wurden in dem einen Charbi- 
ner Flüchtlingsheim drei Knaben von der Po 
lizei abgeliefert, deren ältester 12 und der 
jüngste 2 Jahre alt war. Die Polizei hatte sie 
auf der Eisenbahn aufgegriffen, sie waren voll 
ständig verlaust, in erbärmliche Lumpen ge 
hüllt und unsagbar entkräftet. Der 12jährige 
erzählte, nachdem er sich einigermaßen erholt 
hatte, daß er zwei Monate früher etwa mit 
seinem 85jährigen Großvater und seiner Mut 
ter sowie den beiden kleinen Brüdern aus dem 
Ussuri-Gebiet geflüchtet sei, denn die GPU. 
habe seinen Vater und seinen ältesten Bruder 
erschossen, und zwei andere Brüder seien Hun 
gers gestorben Aus der Flucht sei der Groß 
vater seinen Leiden erlegen, und nachdem sie 
einige Tage durch die Sümpfe des Charkasees 
gewandert seien, sei auch die Mutter an Fieber 
zugrunde gegangen. Er habe seinen kleinen 
Bruder auf den Rücken geschnallt, den anderen 
an die Hand genommen und sei betend und 
bettelnd schließlich bis an die Bahn gekommen, 
wo sic ein russischer Flüchtling in einen Last 
wagen gepackt habe. Diese drei schwachen Kin 
der sind, wie durch einen Engel Gottes behütet, 
schätzungsweise 350—400 Klm. durch die Wild 
nis gewandert und gerettet worden. Es gesche 
hen also auch noch in unserem Zeitalter Wun 
der. 
Marsch über das Pamir-Plateau. 
Rußlanddeutsche Flüchtlinge haben aber 
nicht nur den Weg quer durch Sibirien genom 
men, manche sind durch Turkestan marschiert 
und nach Persien gelangt, und erst kürzlich ist 
Vor einigen Tagen veröffentlichten wir 
unter der Ueberschrift „Nach Skandinavien: 
über Schleswig-Holstein oder Warnemünde?" 
in Anlehnung an eine Erklärung der Presse 
stelle des Rates der Stadt Dömitz einen kleinen 
Aufsatz, der die Notwendigkeit betonte im Zuge 
der großen Reichsautostraßen, die von Ham 
burg in das Ruhrgebiet und nach Süddeutsch 
land und über Berlin nach Ostdeutschland füh 
ren, die schon geplante Neichsautoverbiudung 
Hamburg—Flensburg zum Anschluß an den 
gesamtnordischen Wirtschaftsverkehr möglichst 
im ersten Bauabschnitt mit in Angriff zu neh 
men. Im Zuge der großen und langen Strecken 
durch ganz Deutschland, so meinten wir, würde 
eine kleine Strecke von etwas mehr als hun 
dert Kilometern weniger belangreich sein, als 
die Herstellung des sofortigen Anschlusses des 
europäischen Fernautoverkehrs au den gesam 
ten Norden Europas. 
Ein Freund unseres Blattes, im Ruhrgebiet 
wohnend, der diesen Artikel gelesen hat, macht 
uns nun freundlichst darauf aufmerksam, daß 
man sich in dem großen und für den Verkehr 
so wichtigen Ruhrgebiet eingehend mit dem 
Verkehrsproblem nach Dänemark, Skandina 
vien und Finnland beschäftigt. Die „Düsseldor 
fer Nachrichten" bringen einen eingehenden 
Artikel, in dem es u. a. heißt: 
„Im Norden Europas entstehen zur Zeit drei 
gewaltige Bauwerke, auf deutschem Gebiet zwi 
schen Stralsund und der Insel Rügen der Rü 
gendamm, auf dänischem zwischen den Inseln 
Seeland und Falster die Hochbrücke über den 
Storströmen und zwischen Jütland und der 
Insel Fünen die Hochbrücke über den Kleinen 
Belt. Die letztere steht bereits unmittelbar vor 
ihrer Vollendung und wird sich daher im skan 
dinavisch-europäischen Verkehr schon in Kürze 
answirken. Aber auch die beiden anderen Bau 
ten werden mit der größten Eile vorwärts 
getrieben, denn die drei Bauwerke bildeten 
schon seit Jahrzehnten für alle beteiligten I wegen i 
Eiseubahnverwaltungen das allerwichtigste wird K 
Problem. Mit ihrer Inbetriebnahme werden > erreicht, 
nämlich im deutsch-skandinavischen Verkehr die 
sämtlichen sogenannten Fährverbindungen 
zweiten Grades verschwinden, die seit langer 
Zeit schon den immer mehr anwachsenden 
Durchgangsverkehr nicht nur nicht förderten, 
sondern ihn sogar in großem Umfange hem 
mend beeinflußten. Mit der Inbetriebnahme 
der drei neuen Bauwerke wird der Verkehr 
zwischen den skandinavischen Ländern (zu 
denen auch Finnland zu rechnen ist) eine Um 
wälzung von Grund aus erfahren, und die 
großzügigen Verkehrspläne der Skandinavier, 
namentlich der Schweden und Dänen, reifen 
nunmehr ihrer Verwirklichung entgegen, Da 
aber die Wege von den skandinavischen Län 
dern nach dem übrigen Europa 
stets und unter allen Umständen durch 
Deutschland führen, so ist Deutschland 
automatisch an diesen großen Verkehrs 
pläne» am stärksten beteiligt und zwar 
noch bedeutend stärker als die einzelnen 
skandinavischen Länder selbst. 
Der skandinavisch-europäische Durchgangs 
verkehr endet bzw. beginnt heute in Berlin 
bzw. in Hamburg. Bis hierher gehen durch 
gehende D-Züge von Stockholm, Oslo und Ko 
penhagen. Weiter geht's heute nicht. Sowohl 
Schweden wie Dänemark planen neue direkte 
Verbindungen durch Westdeutschland nach 
Frankreich, Belgien und den Niederlanden. 
Das Rheinland, das Industriegebiet, wer 
den an diesem von Skandinavien kommenden 
und nach Skandinavien gehenden Durchgangs 
verkehr in ganz großem Umfange beteiligt sein. 
Denn Düsseldorf liegt an der geraden Strecke 
zum Rügenöamm über Münster-Bremen-Ham- 
burg-Lübeck-Rostock-Stralsund und steht damit 
in direkter Verbindung mit Schweden, Nor- 
Der Artikel spricht für sich, erweist aber die 
Notwendigkeit, den Anschluß von Hamburg an 
den Norden im Zuge der jetzigen Bauten her 
zustellen, um anstelle des mühevolleren Ver 
kehrs über die großen Führen Saßnitz-Trelle- 
borg und Gjedser-Warnemünde den leichteren 
und bequemeren und auch bei weitem billige 
ren Kontinentalverkehr zu ermöglichen. 
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