Full text: Newspaper volume (1894, Bd. 1)

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Wo. 134. 
Montag, den 11. Juni 
1894. 
Morgen - Depeschen. 
Berlin, 11. Juni. Aus Schweden 
kommt die Nachricht, daß König Oskar 
auf seiner Sommerreise am Berliner 
Hofe einen Besuch abstatten wird. 
Bochum, 11. Juni. Wie der „Bochumer 
Anz." meldet, sind bei dem Grubenunglück 
auf der Zeche Dannenbaum von den 18 
im Förderkorbe befindlichen Bergleuten 2 
getödtet, vier schwer und mehrere leicht 
verletzt. 
London, 11. Juni. Lord Salisbury 
erklärte bei dem gestrigen unionistischen 
Bankett das Programm der liberalen Par 
tei für ein überstürztes, künstlich aufge 
bautes Werk. Die Homerulebewegung sei 
immer mehr im Sinken begriffen; die zu 
nehmende Bevölkerung mache ihr Recht 
auf Arbeit geltend. Neben der jetzt von 
England verfolgten Zollpolitik, welche das 
Land fast ganz von anderen europäischen 
Staaten isolire, sei die Arbeiterfrage die 
wichtigste und dringendste Frage, die ge 
löst werden müsse. Da die Existenzmittel 
des Volkes sich immer mehr verringerten, 
sei es Zeit, daß die Regierung helfend 
eingreife. 
London, 11. Juni. Wie der „Standard" 
aus Konstantinopel meldet, wird die Pforte 
gegen den zwischen England und der Ver 
waltung des Kongostaates abgeschlossenen 
Vertrag nicht protestiren, wenn zwischen 
der englischen und der deutschen Regierung 
bezüglich der Gebietsabgrenzung ein Ab 
kommen getroffen werden sollte. 
Paris, 11. Juni. „Politique coloniale" 
publizirt einen Artikel, in welchem nicht 
weniger als 11 Streitfragen entwickelt 
werden, die angeblich zwischen England 
und Frankreich bestehen und zum Gegen- 
stand diplomatischer Verhandlungen gemacht 
werden sollen. 
Rom, 11. Juni. Der heute früh ver 
öffentlichte Brief Giolitti's an seine Wähler 
enthält die überraschende Mittheilung, daß 
der General-Schatzsekretär bereits im dritten 
Monate des Finanzjahres einen Credit bei 
der Banca Romana wegen 60 000 Frcs 
aufzunehmen genöthigt war. Giolittis 
Rechnungslegung über die zu Wahlzwecken 
erhaltenen 40 000 Frcs. steht mit den eid 
lichen Zeugenaussagen im Banca-Romana 
Prozeß in direktem Widerspruch und müßte, 
wenn man sie ernst auffassen wollte, dem 
Staatsanwalt Ursache zu einer Anklage 
wegen Meineides geben. 
Musland. 
Außereuropäische Gebiete. 
Ncwyork, 8. Juni. Der bisherige Prä 
sident von San Salvador, Czeta, ist in 
Panama angekommen. Nach seiner Mit 
theilung sollen in der letzten Schlacht 4000 
Mann gefallen und 7000 verwundet sein. 
Seine Niederlage wäre auf eine Inter 
vention Guatemalas zurückzuführen, das 
4000 in die Uniform von San Salvador 
gekleidete Soldaten geschickt hätte. 
iftsmfmöa. 
Paris, 9. Juni. In dem heutigen 
Ministerrath wurde Delcasse ermächtigt, einen 
außerordentlichen Kredit von 1800 000 Frcs. 
für den Schutz der fr an z ösi s ch en Inter - 
essen in Afrika zu beantragen. 
Italien 
Rom, 10. Juni. Crispi, Zanardelli und 
Rudini konnten über das Finanzprogramm 
kein Einvernehmen erzielen; die Unterhand 
lungen sind gescheitert. Crispi setzte seine 
Verhandlungen fort, um die Bildung einer 
Regierung zu sichern, die eine feste Majori 
tät für die Herstellung des Gleichgewichts 
verbürge. Crispi berieth heute mit dem 
Könige. Einige Blätter wollen wissen, 
die Entlassungsgesuche des gegenwärtigen 
Cabinets würden vielleicht nicht angenom- 
nien und das Cabinet in der bisherigen 
Zusammensetzung sich der Kammer wieder 
vorstellen, um ein Votum hervorzurufen. 
Rom, 8. Juni. In letzter Stunde 
scheint die Möglichkeit eines Einverständ- 
nisses Crispis mit Zanardelli vorzuliegen. 
Rudini würde diesem Kabinet sympathisch 
gegenüberstehen. 
Aus Rom schreiben die Blätter über 
den Prozeß der Banca Romana, daß die 
Exminister Grimaldi und Lacava entschie- 
den bestreiten, von Tanlongo Geld erhalten 
zu haben. Grimaldi tritt lebhaft für 
Tanlongo ein. 
Spanien. 
Madrid, 9. Juni. In Figueras wurden 
durch Explosion in einer Nitroglycerin 
fabrik zwei Personen getödtet und fünf 
verwundet. 
Belgien. 
Brüssel, 9. Juni. Infolge der Turpin- 
Affaire ist der deutsche Militär-Attachö 
Graf von Schmettau nach Berlin berufen. 
England. 
London, 8. Juni. Die „Times" melden 
aus Buenos - Ayres: Der Finanzminister 
der Provinz Buenos - Ayres veröffentlicht 
die Erklärung, daß es unmöglich sei, 
weitere Einnahmen herbeizuführen oder die 
Ausgaben zu verringern. Die Erklärung 
soll auch feststellen, die Provinz könne 
ihren Verbindlichkeiten nicht nachkommen. 
London, 9. Juni. Die schottischen Berg 
leute haben mit einer beträchtlichen Mehr 
heit beschlossen, gegen die Lohnreduktion 
von einem Schilling täglich, zu streiken. 
Falls eine Einigung erzielt wird, beginnt 
der Ausstand am 25. Juni. 
London, 9. Juni. Den „Times,, wird 
aus Buenos Ayres gemeldet, daß der Finanz- 
minister gestern im Argentinischen Kongreß 
bestritt, daß die Bezahlung der Zinsen der 
auswärtigen Schuld eingestellt werde, oder 
daß die Regierung daran denke, eine neue 
Anleihe aufzunehmen. Die Regierung wäre 
ermächtigt, finanzielle Verhandlungen anzu 
knüpfen, ohne den Kongreß vorher zu befragen. 
Diese Verhandlungen brauchten sich nicht noth 
wendig ans eine Anleihe zu beziehen, sondern 
könnten die zur Führung der gewöhnlichen 
Regicrungsgeschäfte nöthigen Arrangements 
zum Gegenstand haben. 
Oesterreich. 
Budapest, 9. Jnni. Die heutige Kund 
gebung der liberalen Partei gilt als der 
versöhnende Abschluß der Krise. Das neue 
Kabinet wird von Dr. Weckerle noch heute, 
spätestens morgen früh gebildet sein. 
Budapest, 9. Juni. Weckerle wurde 
zum Ministerpräsidenten ernannt. Der 
Kaiser stimmte folgender Liste zu: Inneres: 
Hieronymi; Justiz: Szilagyi; Handel: 
Lukács; Ackerbau: vorläufig unbesetzt; 
Minister a latere: Graf Julius Andrassy; 
Minister für Kroatien: Josipovics; Hon- 
vedminister: Fejerva>y; Unterricht: Eötvös. 
Budapest, 9. Juni. Das neue Cabinet 
ist heute gebildet. Der Justizminister Szi 
lagyi verbleibt im Cabinet, die übrigen 
Ressorts werden nach einer vorgestern aus 
gegebenen Ministerliste besetzt, mit Aus- 
nähme desjenigen des Ministers der Land- 
wirthschaft,^ welches noch unbesetzt und be- 
züglich dessen Graf Alexander Apponyi in 
Anssicht genommen ist. Diese Lösung der 
Krise erfüllt Alle mit tiefster Befriedigung 
und ist nur dem hochherzigen Entschluß 
des Königs zu verdanken. Die Minister 
verbaten sich jede Ovation. Das neue Ca 
binet erhielt mit Ausnahme des Pairsschub 
alle ausreichenden Garantien zur Sicherung 
der Majorität des Oberhauses. Die Ver 
handlung über das Ehegesetz im Oberhause 
findet jedenfalls noch diesen Monat statt. 
Wien, 10. Juni. Infolge des Erlasses 
des Handelsministers beschloß die Kammer 
der Produktenbörse, den Saatenmarkt 
in Wien am 12. August abzuhalten. 
Rußland. 
Von einer furchtbaren F euers brunst 
wurde gestern die Stadt Radzilow, im 
Gouvernenient Lomza heimgesucht und fast 
vollständig eingeäschert. Zwei Menschen 
sind in den Flammen ums Leben gekom 
men; über 600 Familien sind obdachlos. 
Das Feuer ist jetzt fast völlig gelöscht und 
auf einen geringen Brandheerd beschränkt 
worden. 
Griechenland. 
Athen, 9. Juni. Die Vertreter des 
Gläubiger-Komitee's haben mit Trikupis 
wiederholt Besprechungen gepflogen. Man 
ist der Ansicht, daß eine endgültige Ver 
ständigung erreicht werden wird. 
Schweiz. 
Bern, 9. Juni. Der Nationalrath er 
theilte dem bereits von dem Ständerath 
genehmigten Handel- und Niederlassungs 
vertrage mit Norwegen seine Zustimmung. 
Inland. 
— Ueber einen Besuch der Kaiserin 
bei einer Droschkenkutscherfrau berichtet 
dem „B. T." eine Potsdamer Korrespon 
denz: Aus der Mopke vor dem „Neuen 
Palais" fiel am Montag plötzlich der 
Droschkenfuhrherr Wolff aus Potsdam, 
welcher eine Dame, die zur Audienz bei 
der Kaiserin befohlen war, nach dort ge 
fahren hatte, vom Schlage getroffen todt 
vom Kutscherbock herab. Wiederbelebungs 
versuche, die unter Assistenz eines Arztes 
sofort angestellt wurden, waren erfolglos, 
so daß der Todte zunächst in die Kastel 
lanswohnung und später in seiner Droschke 
in seine Wohnung in der Großen Wein- 
meisterstraße gebracht wurde. Die Kaiserin 
sollte von dem Vorfall nichts erfahren, 
doch befand sich in Folge desselben die zur 
Audienz befohlene Dame in solcher Auf 
regung, daß schließlich die Kaiserin dies 
merkte und von dem Vorfall Kenntniß er 
hielt. Am Dienstag fuhr hierauf die Kai 
serin bei der Wohnung des Verstorbenen, 
welcher Frau und drei Kinder hinterläßt, 
vor, und ließ der Wittwe 50 Mark über 
reichen und ihr sagen, daß sie für die 
Kinder Sorge tragen wolle. 
Berlin, 9. Juni. Der bisherige Hof 
marschall Graf Max Pückler hat der 
„Kreuzztg." zufolge seine Entlassung aus 
dem Hofdienste erbeten und will sich auf 
seine Güter zurückziehen. 
Berlin, 10. Juni. Wie verlautet, sind 
in naher Zeit einige wichtige Veränder 
ungen in höheren militärischen Stellungen 
zu erwarten. Oberst v. Kessel, Komman 
deur des ersten Garde-Regiments z. F., 
wird Kommandeur des Hauptquartiers des 
Kaisers; der jetzige Kommandeur desselben, 
Generallieutenant v. Plessen wird Kom 
mandeur der 1. Gardc-Jnfanterie-Divisilln; 
über die Verwendung des jetzigen Kom 
mandeurs desselben, Generallieutenants 
Blecken v. Schmeling ist noch nichts be 
kannt. 
In gut unterrichteten militärischen 
Kreisen verlautet, daß während der dies 
jährigen Kaisermanöver ein großes Ka 
vallerie-Nachtmanöver stattfinden wird, das 
sich höchst interessant gestalten dürfte. Da 
bei werden die neuesten Errungenschaften 
auf kavalleristischem Gebiete einer eingehen 
den Erprobung unterworfen und verschie 
dene Versuche auf diesem Gebiet gemacht 
werden Wie es heißt, wird der Kaiser 
dieses Manöver in Person leiten. 
— Der „Reichsanzeiger" veröffentlicht 
die Gesetze, betreffend die evangelische 
Kirchengemeinde- und Syyodalordnung für 
die Provinzen Preußen, Brandenburg, 
Pommern, Posen, Schlesien und Sachsen, 
sowie betreffend die Deckung von Ausgaben 
des Rechnungsjahres 1892—93 und be 
treffend die Regelung der Verhältnisse der 
bei der Umgestaltung der Eiseubahnbehörden 
nicht zur Verwendung gelangenden Be 
amten. 
Berlin, 9. Juni. Der „Reichs- und 
Preuß. Staatsanzeiger" veröffentlicht das 
Gesetz betr. die Deckung der Ausgaben des 
Rechnungsjahres 1892/93 und das Gesetz 
zur Abänderung und Ergänzung vom 25. 
Mai 1874, betr. die evangelische Kirchen 
gemeinde-Synodalordnung vom 10. Sep 
tember 1873 für die Provinzen Preußen, 
Brandenburg, Pommern, Posen, Schlesien, 
Sachsen, und vom 3. Juli 1876 betr. die 
evangelische Kirchenverfassung der 8' alten 
Provinzen der Monarchie, sowie das Ge 
setz betr. die Regelung der Verhältnisse der 
bei Umgestaltung des Eisenbahnwesens nicht 
zur Verwendung gelangenden Beamten. 
Betreffs der Verhandlungen in der 
Untersuchungsfache gegen den Kanzler Leist 
schreiben die „B. N. N.", es erscheine in 
betheiligten Kreisen jetzt schon feststehend, 
daß in Kamerun! seit längerer Zeit bereits 
unhaltbare Zustände vorlagen; es dürfe 
heute schon ausgesprochen werden, daß dem 
Auswärtigen Amte die Verantwortung zu. 
Laokoon. 
Eine tragische Geschichte von A. v. Hahn. 
Der Macht der Gewohnheit gehorchend, 
trat sie hinaus. Da waren sic — die Beiden 
-— und dort kam der Stallknecht mit dem 
Schlangenkastcn herbei, — es war Alles so 
wie immer, —hatte sie nur geträumt? 
Mechanisch öffnete sie den Kasten, während 
Nalas und die Schwedin in den Pavillon 
hinaufjtiegen und auf den kleinen, deni be- 
Platz^nalynen^ 9CtWU entsprechenden Altar 
... „fast zärtlicher Vorsicht hob sie erst die 
funs mächtigen Ringe, einen nach dem andern 
um ihre Husten legend, der ganzen Last waren 
ihre zarten Arme nicht gewachsen, der oben 
auf liegenden prächtig gefleckten Jama heraus 
dann legte sic Vcruna's trägen, gestreckten 
Leib in sechsfacher Umschlingung um Brust 
und Hüften. So belastet schritt sie langsam 
und schwerfällig, durch zwei Bedienstete unter 
stützt, die kleine Treppe empor, die nach dem 
Glaskasten führte. Der Käfig schloß sich 
hinter ihr, und während sie die Thiere von 
ihrem Körper löste und die gewohnte Um 
schlingung herstellte, wurde die Treppe fort 
gezogen und der Karren bewegte sich vorwärts. 
.Es ging alles so ruhig und natürlich zu 
wie sonst, und doch erschien es ihr heute so 
fremd, so weit zurückliegend. 
„Lege mir das Thier heut nicht so fest 
Um den Leib wie gestern, Maja. Ich bilde 
wir dann ein, die Bestie zieht sich zusammen 
und würgt mich," sagte Nalas, als Maja 
we Verbindung zwischen ihn und der Schwedin 
herstellte. 
Maja blickte niit starr erweiterten Augen 
uf ihn nieder. 
Hatte ein Blitz vor ihr eingeschlagen, oder 
was war es, was da so plötzlich wie ein 
glühender Funke vor ihr niederzuckte.? 
Sie tastete nach ihrer Stirn. Es war 
ihr, als sei da drinnen plötzlich etwas anders 
geworden. Hatte der jählings geborene Ge 
danke, der sich da drinnen in schauderndem 
Entsetzen vor seiner eigenen glühenden Gewalt 
thätigkeit wand, ihr das Hirn versengt? Es 
glühte und bohrte hinter ihrer Stirn, als 
wolle die dämonische Gewalt, die erwacht 
war, Platz schaffen für ihre Ungeheuerlichkeit. 
„Was ist Dir? Warum zögerst Du?" 
fragte Nalas verwundert, als sie minutenlang 
mit geschlossenen Augen unthätig verharrte, 
während der Athem hörbar von ihren Lippen 
strömte. 
„O mein Nalas — wie ich Dich liebe!" 
stöhnte sie und legte die Hand auf seinen 
Scheitel. „O mein Nalas —!," 
„Mach schnell, daß wir fertig werden," 
mahnte er ungeduldig, während die Schwedin, 
mit leisem Hohn in dem hübschen, koketten 
Gesicht, verständnißinnig zu ihm auflächelte. 
Ein schmerzliches, qualdurchwühltes Zucken 
spielte um die Mundwinkel der Jndicrin, als 
fie den frechen Uebermuth auf dem Antlitz 
ş Gegnerin las. Dann schweifte ihr 
Blick nut dem Ausdruck unendlicher Trauer 
wieder zu ihm zurück, als sie aber das heiße Wer 
ben in seinen verzückten Augen sah, niit denen 
er das weiße Weib in widerstandsloser Hin 
gabe anbetend umfaßte, da zog sie die Hand 
jäh. von seinem Scheitel, krampfhaft ballten 
sich ihre Finger zur Faust, ein Schauder 
überrieselte ihre zarte Gestalt und ihre Züge 
schienen in eineni eigenartigen Ausdruck zu 
erstarren. Dann setzte sie sich in der üblichen 
Pose zurecht, schlang die Fesseln mechanisch 
um ihren Körper, und während Nalas ein 
halblautes „Fertig" zu den Stallknechten 
herabrief, die das Geführt in die Manege 
zu schieben hatten, sing sie in stummer Rcg- 
losigkcii die Blicke ihrer alten, vertrauten 
Genossen auf, deren Köpfe so placirt waren, 
daß die gläsernen kapsclartig in den Falzen 
der runden Augenhölen eingesetzten Sehorgane 
ihrem Blick begegnen mußten, durch den sie 
und den warmen Hanch ihres Mundes, welchen 
sie den gesteckten Ungeheuern cntgegenathmcte, 
den magnetischen Rapport herstellte, vermöge 
dessen ihr Wille Einfluß und Gewalt auf 
die geistigen und die organischen Funktionen 
der Thiere erhielt. 
Ein leises Rieseln, das erregte Athmen 
und hier und da ein beklommener Seufzer 
wehte durch die Reihen des Publikums, als 
der Glaskasten in die Manege rollte. 
In schweigender Bewunderung vertieften 
sich die Zuschauer in den Anblick des aparten 
Schauspiels. 
Der sich steigernde Ausdruck der Ver 
zweiflung in Nala's Zügen war so natürlich 
wiedergegeben, der gcängstigtc Blick des zum 
Vater aufschauenden Sohnes so ergreifend 
und die entsetzliche Seelcnqual, mit welcher 
der andere Knabe, dessen schmales Antlitz 
schon von der Hand des Todes gezeichnet 
schien, auf die Köpfe der Ungeheuer starrte, 
von so packendem Realismus, das Einer des 
Andern angstvollen Herzschlag hören zu 
müssen glaubte. Das pulsirende Leben in 
den Gestalten machte daS Bild zu einem 
dramatisch hoch bewegten. Jeden Augenblick 
erwartete man den Schluß der Katastrophe 
eintreten zu sehen. 
Machte es doch wirklich den täuschenden 
Eindruck, als wenn die scheußlichen Ringe 
sich zusammenzögen, als werde der Ausdruck 
der in Qual verzerrten Züge Laokoons ein 
immer gespannterer, als steigere sich das 
Entsetzen auf dem Antlitz der Söhne, als 
strebten die Köpfe der Ungeheuer langsam 
vorwärts. 
„Maja," flüsterte Nalas bang, mir ist 
so beklommen — ich glaube, Veruna schieb 
sich zusammen." 
„Schweige, — du erschreckst die Thiere 
und machst mich unsicher" — 
„So gebiete ihnen, daß sie sich nicht regen, 
auch mir preßt der wachsende Druck den 
Athem," flüsterte die Schwedin erregt. 
„Gebiete Deiner Zunge, weißes Weib, 
sonst zermalmt Euch die nächste Sekunde. 
Warum fürchtest Du Dich? Cs sind Deine 
Schwestern, die Dich umschlingen! Du 
nahmst mein Glück, theiltest meine Liebe, nun 
theile auch weiter mit uns. Ihr 
wolltet gehen, die arme Maja zurücklassen 
— o Nalas, und ich habe Dich so geliebt." 
„Erbarmen, Maja, ich liebe Dich noch, 
aber mache diesem entsetzlichen Spiel ein 
Ende, oder ich rufe Hilfe an." 
„Thu's nicht — ein Athemzug meines 
Mundes zermalmt Dir den Brustkasten — 
und ich will Euch schmerzlos hinüberretten. 
- Deine Liebe — Nalas? Sie ist ver 
weht — zu weißen Schultern floh sie, und 
die meine soll ihr nachflattern, — aber sie 
ist müde — ich will mit ihr sterben." — 
Die Schwedin war dem Allem mit angst 
geweiteten Augen gefolgt. Sie hatte es 
muthvoll tragen wollen, daß sich die gräß 
lichen Streifen enger und enger um sie 
ringelten, die Vorstellung währte ja nur 
einige Minuten, dann wurden sie aus der 
unbequemen Situation erlöst, die Plötzlich 
erschlossene Erkenntniß aber, die ihr mit 
lähmendem Entsetzen durchs Hirn zuckte, 
daß eine gräßliche Absicht den unerhörten 
Schrecken heraufbeschwor, ließ ihr Blut er 
starren. 
„Sie ist wahnsinnig," keuchte sie mit ver 
sagender Stimme, während kalte Tropfen auf 
ihrer Stirn perlten; „was habe ich mit Euch 
zu thun? — Gieb mich frei, — um Gottes 
Willen, — ich ersticke?" 
„Du liebst ihn — und kannst nicht mit 
ihm sterben? — aber Du mußt doch mit, 
— denn wir sind Eins, er gehört zu Dir 
—• ich zu ihm —" 
Nalas stöhnte qualvoll, die Todesangst 
krallte ihm das Herz zusammen. Röchelnd 
entströmte der Athem seinem Munde. Der 
quälende Luftniangel wollte ihm ein Hilfe 
geschrei erpressen, aber der Rest der Ueber- 
legungsfähigkeit sagte ihm, daß jeder Gewalt 
akt unfehlbar das Ende der Katastrophe herbei 
führen würde, er kannte Majas schreckliche 
Gewalt über die Thiere. 
So hing er, von gräßlicher Seelenqual und 
einer entsetzlichen physischen Uebelkeit gefoltert 
— der Magen ward ihm durch den sich mehr 
und mehr verengenden Brustkasten zusammen 
gepreßt — erschöpft in seinen Banden und 
starrte auf die Geliebte herab, die, mit stier 
erweiterten Augen, nur von ihrer Willenskraft 
und der Erwartung aufrecht erhalten, daß jetzt 
das Ende der schrecklichen Scene kommen 
mußte, zu ihr empor sah. Da — hinten -— 
ach, so weit hinten — däuchte ihr, eine auf 
steigende Ohnmacht schien ihre Sinne zu trüben, 
sah sic den Direktor, der das pompöse Bild 
und die heute geradezu meisterhafte Mimik 
der Darsteller in lebhaftem Entzücken bewundert
	        
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