Full text: Newspaper volume (1894, Bd. 1)

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Wochenblatt 
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Wo. 100. 
Montag, den BO. April 
1894. 
Morgen-Depeschen. 
Berlin, 30. April. Die Kaisermanöver 
werden diesmal durch große Kavallerie- 
Uitternehniungen eingeleitet iverden, wobei 
das Hauptaugenmerk auf Lösung strategi 
scher Aufgaben gelegt werden wird. Wie 
verlautet, gedenkt der Kaiser diese Uebun- 
Persönlich zu leiten und zu gewissen Zeit 
punkten den Befehl über die beiden Ka< 
vallerie-Divisionen abwechselnd zu über 
nehmen. 
Berlin, 30. April. Der Finanzminister 
Dr. Miguel leidet in Folge Ueberarbeitung 
seit einiger Zeit viel an neuralgischen 
Kopfschmerzen. Mit Rücksicht darauf, daß 
die Einführung des Kommunalabgaben- 
und Vermögenssteuergesetzes die Kraft des 
Chefs der Finanzverwaltung noch auf län 
gere Zeit sehr in Anspruch nehmen wird, 
' steht zu erwarten, daß Dr. Miguel die 
Hauptsorge für die Weiterführung der 
Steuerreform im Reiche um so mehr dem 
Staatssekretär Grafen v. Posodowsky über 
lassen wird, als dieser sich einer solchen 
Aufgabe als in hohem Maße gewachsen 
.gezeigt hat und mit dem preußischen Finanz-: 
jministen in allen wesentlichen Punkten 
einig ist. (S. unter Berlin. Red.) 
/ Berlin, 30. April. Die Huldigungs 
fahrt aus Thüringen zum Fürsten Bis 
marck in Friedrichsruh ist einem Beschlusse 
des Erfurter Komitees zufolge auf.Freitag, 
den 15. Mai, in Aussicht genommen. 
Berlin, 30. April. Von angeblich zu 
verlässiger Seite hört die „Bert. B. Z/st 
daß das Befinden des Redakteurs Polstorff 
vom „Kladderadatsch" nichts zu wünschen 
übrig läßt. Die Heilung der Wunden, 
äußerlich wie innerlich, verläuft ganz nor. 
mal und es ist begründete Hoffnung vor- 
vorhanden, daß Herr Polstorff in etwa 14 
Tagen die Klinik wird verlassen können. 
Berlin, 30. April. Wie die „Nordd. 
Allg. Ztg." erfährt, ist gestern ein Verbot 
der Ausfuhr von Schafen und Schweinen 
vom hiesigen Zentralviehhofe durch den 
königlichen Polizeipräsidenten von Berlin 
ergangen. Der Grund hierfür dürfte in 
einer Anzahl seuchenverdächtigcr Fälle zu 
suchen sein, welche Vorsichtsmaßregeln er 
forderten und zwar auch im Interesse des 
Viehexports über die deutsche Grenze. 
Bremerhaven, 30. April. Der frühere 
Bankbuchhalter Georg Krüger, welcher s. 
Zt. wegen Unterschlagung von 10000Mk. 
aus Berlin geflüchtet und steckbrieflich ver 
folgt wurde, ist auf einem englischen 
Dampfer wo er als Schiffsjunge angestellt 
war, in Haft genommen worden. Bei 
der Festnahme Krüger's fand man noch 
ca. 7000 Mk. bei ihm vor. 
Paris, 30. April. Wie aus Clambery 
gemeldet wird, sind 20 Mann der Grenz 
abtheilung in Fregus, welche von Modena 
Lebensmittel für die Festungsmannschaften 
holen wollten, von einer Lawine erfaßt 
und in einen 300 m tiefen Abgrund ge 
schleudert worden. Glücklicherweise konnte 
man alle Verunglückten noch lebend unter 
den Schneemassen hervorziehen. Mehrere 
hatten schwere Verletzungen erlitten. 
Paris, 30. April. Der Beamte des 
Kriegsministeriums, Feneon, gestand vor 
dem Untersuchungsrichter ein, daß er Ver 
mittler zwischen den Londoner und Pariser 
Anarchisten gewesen sei. 
, Paris, 30. April. Auf Befehl des 
Gouverneurs in Paris wurde gesten Abend 
die Garnison alarmirt. Heute früh wurde 
eine Truppenrevue abgehalten. Die Trup 
pen hatten in der Nacht auf dem Plateau 
Satore kampirt. 
Paris, 30. April. Das Gericht ver° 
urtheilte den Anarchisten H c r. r y zum 
Tode, er begrüßte das Urtheil mit dem 
Ausrufe: „Muth Kameraden, es lebe die 
Anarchie!" 
Athen, 30. April. Bei dem gestern 
Abend stattgehabten Erdbeben sind aber 
mals zahlreiche Unglücksfälle vorgekommen., 
Die Zahl der getödteten und verwundeten! 
Personen ist noch nicht bekannt, jedoch soll- 
dieselbe sehr bedeutend sein. Außerderst 
sind viele Häuser eingestürzt, andere zeigen 
bedeutende Risse. Unter den beschädigten 
Gebäuden befindet sich das Königliche 
Palais, das àdriantļķ. das Denkmal 
des Philopapus und die Akropolis. In 
Theben fließt aus den durch das Erdbeben 
entstandenen Spalten heißes Wasser mit 
heißem Sand vermischt. Das Dorf Kastri 
ist durch die Erdrevolution vollständig zer 
stört worden. 
New-Aork, 30. April. Die Vereinigung 
der Beamten amerikanischer Bahnen befahl 
ihren Mitgliedern, sich dem Streik anzu 
schließen. Der Bahnarbeiterausstand hat 
sich nunmehr von St. Paul bis zum Pillen 
Ozean ausgedehnt. 
Ausland. 
Außereuropäische Gebiete. 
Algier, 21. April. Eine Schaluppe mit 
17 Eingeborenen und einem Italiener ist 
während der vergangenen Nacht im Hafen 
in Folge eines Windstoßes gekentert. Viele 
Personen sind ertrunken. 
Gerhard Hauptmanns „ H a n n e l e" 
wurde in Newyork verboten. Anläßlich zu 
diesem Verbot gab der Umstand, daß 
das Stück die Person Christi auf die Bühne 
bringe. 
Frankreich. 
Aus Paris wird berichtet, daß gestern 
bei dem Photographen Lefevre eine Haus 
suchung vorgenommen wurde, bei welcher 
zwei Clichees von gefälschten Wechseln mit 
der Unterschrift des jungen Ledandy ton- 
fiszirt wurden. Woystin hat dieselben am 
14. März photographiren lassen und sofort 
bezahlt. 
Ueber die vielgerühmte Höflichkeit schreibt 
man aus Paris folgendes nette Stück. In 
Carrières St. Denis lebt der Geistliche 
schon lange mit seinen Pfarrkiudern auf 
dem Kriegsfuße. Bei einem Begräbniß 
wurde derselben kürzlich von einigen ihm 
feindlich gesinnten Personen angespuckt. 
Er begleitete trotzdem auf die Bitten der 
betheiligten Familie die Leiche nach dem 
Friedhofe. Dort verursachte das Publikum 
indstz neue Störungen, weswegen der Maire, 
um einen ernstlichen Tumult vorzubeugen, 
den Geistlichen veranlaßte, letzteren zu ver 
anlassen. Dieser hat wegen dieses salo 
monischen Urtheils beim Gericht Beschwerde 
eingelegt. 
In Folge des in Lure (Departement 
Ober-Saone) herrschenden Typhus wurde 
das 1. Dragoner-Regiment nach Belfort 
versetzt, wo Baracken für dasselbe einge 
richtet wurden. Die Bevölkerung von 
Belfort befürchtet eine Verschleppung der 
Scucke und verlanat eine Art Quarantäne 
für die Dragoner. 
Griecheļànd. 
Zur Erdbebenkatastrophe wird noch 
aus Griechenland gemeldet: König Georg 
ist aus den verwüsteten Landestheilen wie 
der nach Athen zurückgekehrt. Er richtete 
vor feiner Ankunft an die Königin eine 
Depesche, worin es heißt: „Ich bin 
schmerzlich bewegt über das Furchtbare, 
was ich gesehen. Es reicht weit über 
frühere ähnliche Katastrophen hinaus." 
Die Regierung hat zunächst einen außer 
ordentlichen Hülfsfonds von 200)000 Drach 
men ausgeworfen, mit deren Bertheilung 
bereits begonnen ist. Allein was will 
diese winzige Summe sagen gegenüber der 
furchtbaren Noth, welche in den betroffenen 
Ortschaften herrscht? Ein Comite fleht 
auch das Ausland um Hülfe an. Es 
wäre zu wünschen, daß diesem verzweifelten 
Appell in großmüthigster Weise überall 
entsprochen würde. Wie ich höre, hat man 
bei dem Erdbeben besonders in Lokris die 
seltsamsten Phänomene beobachtet." — Viele 
überreiche Quellen sind gänzlich versiegt, 
woraus für die betroffene Bevölkerung eine 
neue Plage entsteht. Bereits laufen Klagen 
über Mangel an Trinkwasser ein. Auch 
mehrere ziemlich wasserreiche Bäche und 
Flüsse sind plötzlich versiegt. Bei anderen 
bemerkte man, wie sie während der Stöße 
nicht abwärts, sondern aufwärts flössen. 
Mehrere Augenzeugen verbürgen diese Mit 
theilung, die jedoch auf Zweifel stoßen 
dürfte. Da man neues Unheil befürchtet, 
hat der Erzbischof für die bevorstehenden 
hiesigen Festlichkeiten der heiligen Woche 
den Gottesdienst im Freien angeordnet 
Auch sollen die damit verbundenen großen 
Umzüge verboten werden. Aus der Pro 
vinz werden mehrere Räubereien gemeldet, 
welche von den Galeerensträflingen verübt 
ind, die man während der Katastrophe 
hatte laufen lassen. 
Serbien. 
Belgrad, 28. April. Die serbische Ver 
bannungsresolution gegen Milan, welche 
Z. die radikale Skupschtina beschlossen 
hatte, soll demnächst durch einen Regierungs 
akt ungültig erklärt werden, weil sie den 
Bestimmungen der Verfassung widerspreche. 
Der Ausschluß der radikalen Partei er 
läßt angesichts dessen eine Proklamation 
an die Parteigenossen, in der er diese zum 
schärfsten Kampfe gegen die jetzige Re 
gierung auffordert. Das Ministerium ver 
bot eine Rundreise des aus radikalen Stu 
denten gebildeten Gejanapereins .Obilitsch" 
wegen befürchteter Agitation. Der Gesang 
verein will trotzdem abreisen. 
England. 
Der Herzog von Montmorency in 
London war dieser Tage wegen einer 
Wechselschuld von — 10,000 Frcs. ver 
klagt, die der Herzog absolut nicht zahlen 
zu können glaubte, weil er zu viel „schrei 
ende Schulden" hätte, die zuerst beseitigt 
werden müßten. Was aber betrachtet der 
Herzog als schreiende Schulden? Man 
höre uur: Lohn für den Kutscher und 
verschiedene Lieferungen — 9650 Francs, 
13 Schneiderinnen für die Herzogin — 
22,478 Francs, Schuld an den Schieß 
meister — 582 Francs, Cravatten — 84 
Francs, Leder-Galantcrie-Waaren — 3215 
Francs. Der Gerichtshof theilte die An 
Schulden nicht, sondern verurtheilte ihn 
zur sofortigen Zahlung des Betrages von 
10,000 Francs. 
Holland. 
Der geradezu erschreckliche Umfang, 
welchen die Untersuchung in derAntwerPener 
Vergiftungsgeschichte annimmt, hat die 
Folge, daß ihr Abschluß sich um Monate 
verzögern wird. Es steht heute fest, daß 
Frau Joniaux endgültig in Anklagezustand 
versetzt wird. Die chemische Untersuchung 
der drei Leichen und der hierüber zu er- 
'tattende Bericht, wie die Untersuchung 
elbst, bedingen noch mindestens zwei Mo- 
nate, und da die Vertheidigung, die Ab 
fassung der Anklage, noch eine geraume 
Zeit in Anspruch nehmen, so sind die 
schwurgerichtlichen Verhandlungen erst für 
Ende Oktober in Aussicht genommen. 
Oesterreich. 
Budapest, 27. April. In Czegled 
stürzte eine Ziegelfabrik zusammen. 
Sämmtliche Arbeiter wurden begraben; 
viele sind todt. 
Schweiz. 
Mit der alten Eisenbahnbrücke von 
Wolhusen, die wie die Mönchensteiner 
Brücke gebaut ist, wurden dieser Tage Be 
lastungsproben bis zum Brechen vorgenom 
men. Wie der „Bund" berichtet, ist die 
Brücke heute unter der Last von 14 Tonnen 
per Laufkilometer eingestürzt. 
Dänemark. 
24. April. Großes Auf 
sehen erregt hier die Verhaftung eines be 
kannten Kapitäns B., der beschuldigt 
wird, gewisse den Kriegsminister B a h n - 
son angeblich kompromittirende Papiere 
aus dem Archive des Krieasministeriums 
eniivenoel zu yaoen. Lier zcapltan «., 
der vor einigen Jahren aus dem aktiven 
Dienste verabschiedet wurde — er fiel noch 
vor der Altersgrenze — erhielt dann eine 
Anstellung im Kriegsministerum, doch stand 
er mit dem General Bahnson auf einem 
schlechten Fuße, um sich zu rächen, soll er 
die betreffenden Aktenstücke entwendet haben. 
Belgien. 
In Lüttich fand heute Abend 9 Uhr 
ein neues Dynamit-Atentat vor der 
Kirche Saint-Jaques, die mitten in der 
Stadt liegt, statt, während in der Nähe 
das Abend-Concert auf dem Boulevard 
d'Avroy stattfand. Die Explosion war 
ziemlich stark und beschädigte die Glasfenster 
der Kirche und die Scheiben der gegen 
überliegenden Häuser. Menschenleben sind 
sichten des Herzogs über die „schreienden sglücklicherweise nicht zu beklagen. 
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Eine Edle ans dem Volk 
11) von Carl Friedrich. 
Wie es dem Fabrikanten gelungen war, durch 
sein Auftreten und durch seine mit großem 
Geschick angewandte Zungenfertigkeit alle 
Hindernisse zu beseitigen, die sich seiner Ver 
lobung, bzw. Verheirathung mit Lydia von 
Esch entgegengestellt hatten, so gelang es ihm 
jetzt durch dieselben Mittel, das Interesse 
seiner jungen Frau und Schwiegermutter wach 
.zu erhalten; ihre Phantasie anzufüllen mit 
- en Bildern seiner amerikanischen 
Her; td)fett; es gelang ihm, die längst erkannten 
schwachen Seiten bis aufs Höchste zu spannen 
M ÄkzUg der Dmge, die da kommen şolļten. 
Sie nun das bis auf das äußerste Ge 
spannte und das Ueberspannte stets ganz 
Nahe beieinander liegt, so befanden sich die 
beiden Damen thatsächlich bereits in einem 
gewissen Taumel, in einen, Rausch. Durch 
bas fortwährende Trinken aus dem Becher 
künftiger Ehre und künftigen Glanzes, den 
ber reiche Mann ihnen unaufhörlich kredenzte. Er 
kjbte einen solchen Zauber über sie auS, daß 
şie ihm willenlos folgten, wie einst die Kinder 
°em Rattenfänger von Hameln. 
Schon der erste Tag des Londoner Auf- 
^thaltes hatte unter der kundigen und ge 
dickten Führung des Herrn des Interessanten 
^>d Neuen so viel gebracht, daß die beiden 
Eaiuen, leiblich und geistlich erschöpft, sich 
jfgch Ruhe sehnten, ehe das für den Tag be 
sonnte, reichhaltige, Programm zu Ende 
Der Fabrikant hatte dies kaum bemerkt, 
^ machte er schon in zuvorkommender Weise 
Zn Vorschlag, das beinahe fürstliche Quartier 
à einem in der Nähe von Charing Cross 
an der Temse gelegenen Hotel ersten 
Ranges aufzusuchen. Die Damen hatten 
nur einen Wunsch, das war der, von den 
Strapazen des Tages gründlich ausruhen zu 
dürfen; der Fabrikant schieL noch gar keiner 
Ruhe bedürftig zu sein; er gehörte zu denen, 
die auch von dem Außerordentlichen nur an 
der Oberfläche berührt werden, weil sie die 
Kunst verstehen, auch das Außerordentliche 
Niegesehene mit stoischer Ruhe als Alltägliches 
zu behandeln. Dies Benehmen ist einerseits 
wirklich großen Geistern eigen «d natürlich, 
und macht dann auf kleinliche Menschen einen 
vernichtenden Eindruck, indem sie fühlen, daß 
sie, in eine solch hohe geistige Athmoiphüre 
versetzt, moralisches Podagra bekommen würde» ; 
es kann andererseits aber auch von abgefeimten 
Hochstaplern künstlich zur Schau getragen 
werden, und vermag dann freilich nur Solche, 
die ans einer niedrigen sittlichen Stufe stehen, 
zu täuschen und gefangen zu nehmen. Weil 
nun einem solchen erheuchelten Benehmen das 
eigentliche Leben fehlt, weil es ein künstlich 
erzeugtes Licht ohne Wärme ist, darum fühlen 
sich kleine Geister, besonders wenn sie sich in 
diesem kalten Lichte sonnen können, eine Zeit 
lang wohl in der Nähe solcher Menschen. 
Zu welcher Art der obengenannten Menschen 
Herr ï. gehörte, das wird der weitere Verlauf 
unserer Erzählung lehren. 
Als die Damen beabsichtigten, sich zur 
Ruhe zu begeben, da fiel ihm mit einem 
Male ein, daß er nothwendig noch einige 
Briefe zu schreiben und zu besorgen habe. 
Scherzend, und seinen Danren eine gute Nacht 
wünschend, zog er sich in sein Zimmer zurück 
und sich eine feine Havanna anzündend, setzte 
er sich an den Schreibtisch. Die beiden 
Damen sanken bald in einen tiefen, aber 
keineswegs erquickenden Schlaf, das furchtbare 
seelische Durcheinander der letzten Tage ver 
ließ sie auch im Schlafe nicht. 
„Lydia, ich besorge noch die Briefe zur 
Post," rief es jetzt ins Schlafzimmer hinein. 
Ach, Felix, laß sic doch von einem Kellner 
besorgen, damit du ebenfalls zur Ruhe kommst, 
hörst du, mein Schatz"! 
„Liebes Kind, die Briefe sind zu wichtig, 
.Kellnervertrauen empfohlen und durch die 
dazwischenkommende Bestellung eines kleinen 
Kognak vergessen zu werden." 
„Komm aber bald zurück, mein Felix"! 
„Ich springe nur hinüber nach Charing 
■Cross stastion, in wenigen Minuten bin ich 
^Mutter! Felix!" schrie kurz nach Mitter 
nacht Fran Ï. aus einem wüsten Traum 
erwachend. „Felix bist du schon wieder zurück?" 
sprach sie weiter und richtete sich im Bett 
auf, aber keine Antwort erfolgte. Dann hielt 
sie ihre Uhr gegen das Nachtlicht und entdeckte 
zu ihrem Schrecken, daß sie bereits drei volle 
Stunden geschlafen hatte. 
„Mutter, Mutter! dem Felix muß ein 
Unglück zugestoßen sein", rief sie und sprang 
ans deni Bett und lief im Nachtkleid in das 
nebenanliegende Zimmer ihres Mannes. Auf 
dem Schreibtische stand die brennende Lampe 
und neben einem beschriebenen Briefbogen lag 
ein Revolver. Wie von Furien gepeitscht und 
mit einem Gesicht, das dem einer Wahnsinnigen 
glich, sprang sie an den Tisch und verschlang 
mit begierigen Blicken den Inhalt der dort 
geschriebenen Zeilen. — Als sie ausgelesen, 
blickte sie starr zur Decke und rief mit ver 
zweifelter Stimme: 
„O, Himmel, es ist doch nur ein Traum 
Dann nahm sie den Revolver in die Hand, 
besah ihn von allen Seiten und rief noch ein 
mal : O, es ist ganz gewiß nur ein Traum! 
Ich muß es wissen, ob es ein Traum oder 
ob es Wiklichkeit ist, dies höllische Instrument 
soll es mich lehren." In demselben Augen 
blick als die Mutter, die die verzweifelten 
Ausrufe ihrer Tochter gehört hatte, ins Zimmer 
stürzte, krachte ein Schuß und ihre Tochter- 
siel entseelt in ihre ausgebreiteten Arme. Der 
Schtiß allarmirte das ganze Hotel und als man 
das Zimmer betrat, bot sich den Eintretenden 
ein grausiges Bild dar. 
Die unglückliche Mutter einpfing sie mit 
einem entsetzlichen.Lachen, das keinen Zweifel 
darüber ließ, das die Aermste durch den Schreck 
ihren Verstand verloren hatte. 
Schon in der nächsten Stunde nahm die 
Londoner Polizeibehördesich der tragischen Dinge 
an, die damit vorläufig ihren Abschluß fanden, 
daß die Selbstmörderin beerdigt, die Mutter 
einstweilen in einem Irrenhause internirt und 
nach dem Urheber dieses Verbrechens eifrig, 
aber leider vergeblich gefahndet ward. 
* 
* * 
Die Liebe des Menschen zum Menschen, 
besonders wenn sie noch durch natürliche 
Bande des Bluts oder auch Seelenverwandt 
schaft vertieft wird, ist ein geheinmißvolles 
Feuer, dos wohl kaum jemals ganz im 
Menschenherzen erlischt. 
Selbst wenn es durch Umstände und 
berechtigte Gründe eine Zeit lang gedämpft 
wird, so lodert es von neuem auf, wenn diese 
Umstände beseitigt sind und ben Gründen ber 
eigentliche Hintergrund fehlt; das ist, wenn 
die durch das Band der Liebe mit uns 
verbundener Personen durch den Tod oder- 
sonstige Trennung von uns geschieden sind. 
Paul v. Esch fühlte sich nach der Abreise 
der Seinen einsam und verlassen, und das 
um so inehr, als seine Hoffnung, Alma 
wiederzufinden, immer aussichtsloser wurde. 
Er war überhaupt mehr Mensch als Mann. 
Die von seinem Vater ererbte Gntmüthigkeit, 
Gerechtigkeit und Wahrheitsliebe hatten sich 
bei ihm nicht zu einem festen Charakter ver 
dichten können. Die einseitige, nur von Stolz 
und Eitelkeit geleitete Erziehung von seiten 
seiner Mutter bearbeitete an ihm einen un 
fruchtbaren Boden, er hatte keine Anlage zu 
einem kalten, abschließenden, aristokratischen 
Wesen, sein warmes, menschenfreundliches 
Herz thauete sofort alles hinweg, was ihm aus 
der frostigen Unigebung seiner Mutter einmal 
so vorübergehend anwehte. 
Aber andererseits waren auch seine guten 
Anlagen unentwickelt geblieben. Sein Vater, 
ein bis ins Peinliche gewissenhafte Beamter, 
hatte wie so Viele, die schwache Seite, daß 
er die Erziehung seiner Kinder ganz der Mut 
ter überließ. Daraus erklärt sich, daß Paul 
viel gute Vorsätze, aber keine feste Grund 
sätze hatte. Sein Handeln wurde durch die 
augenblicklichen Eindrücke seiner wohlwollenden 
Seele bestimmt, aber nicht von vernünftigen, 
durch Ersahrung und Nachdenken gereiften 
Grundsätzen geleitet. 
Solche sogenannten guten Menschen, die 
doch eigentlich charakterlos und unselbstständig 
sind, schweben beständig zwischen momentaner 
Freude und schmerzlichen Selbstvorwürfen 
über ihre unreifen und unbedachten Handlungen, 
ohne jemals die wohlthuende Ruhe zu ge 
nießen, die das besonnene Wirken eines festen 
Charakters mit sich bringt. 
(Fortsetzung folgt.)
	        
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