Full text: Newspaper volume (1894, Bd. 1)

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Morgen-Depeschen. 
Berlin. 9. Jan. Der Seniorenkonvent 
des Reichstages hat beschlossen, die Be- 
rathung der Tabaksteuervorlage vor der 
Berathung der Weinsteuervorlage vorzu 
nehmen. Am Donnerstag beginnt die erste 
Lesung der Tabaksteuer. 
Halle a. S., 9. Jan. Die hiesige Han 
delskammer sandte eine Petition an den 
Reichstag ab. worin sie sich gegen die 
Stempelsteuergesetze erklärt. 
Hannover. 9. Jan. Der Rest der 16- 
Millionen-Anleihe der Haupt- und Residenz 
stadt in Höhe von 2 Millionen Mark ist 
jetzt rund begeben und zwar an die Han 
noversche Jnvaliditäts- und Altersversiche 
rungsanstalt zum Kurse von 97 Prozent. 
Diese Anleihe, 3 '/ 2 pCt., wird vom Jahre 
1895 ab durch Ausloosung mit jährlich 
1 Ņpoz. amortisirt. 
Wien, 9. Jan. Großes Aussehen erregt 
hier die Nachricht der ..Gazetta di Venezia", 
nach welcher Italien die schleunige Be- 
sestigung der an der französischen Grenze 
belegenen Forts angeordnet haben soll. 
Paris, 9. Jan. Die Häuser, in welchen 
die Geschworenen, die über Vaillant zu 
Gericht sitzen werden, wohnen, stehen unter 
sorgfältiger polizeilicher Bewachung. 
Paris, 9. Jan. Eine Stelle in dem 
von den Anarchisten an die Geschworenen 
im Prozeß Vaillant abgesandten Drohbriefe 
lautet: Sie haben nicht einen Menschen 
und eine Handlung zu beurtheilen, sondern 
eine Lage. Vaillant verurtheilen heißt die 
Regierenden und Besitzenden in ihrem un 
sinnigen Kampfe gegen die Volksforderungen 
ermutyigen, den Schacher mit dem 
Gewissen und dem Abgeordnetcnaustrag 
rechtfertigen, es heißt dem Reichthum gegen 
das Elend, dem siegreichen Schmarotzer 
thum gegen die geopferte Arbeit neue 
Waffen und Dreistigkeit geben. Vaillant 
freisprechen dagegen heißt den regierenden 
Klaffen eine Warnung ertheilen." 
Brasilien. General Floriano Peixoto, 
Vizepräsident der Vereinigten Staaten von 
Brasilien, ist von seinem Posten zurück 
getreten. 
Imperative ilaniak 
Die Agrarier haben uns gegen Schluß 
des abgelaufenen Jahres mit einer neuen 
Frage bescheert, die fremd klingt. Impe 
rative Mandate heißen zu deutsch etwa „bin 
dende Aufträge." Da nun nach Art. 29 
der Verfassung die Mitglieder des Reichs- 
tags Vertreter des ganzen Volkes sind 
und an Aufträgen und Instruktionen nicht 
gebunden, so ist, man mag's drehen und 
wenden wie man will, die Frage der im 
perativen Mandate eine verfassungswidrige. 
Nun ist ja eine Verfassung, weil Menschen 
werk, niemals vollkonimen und das An 
streben einer Verfassungsänderung keines 
wegs von vornherein verdammenswerth, 
wenn Uebelstände, die man nicht hat vor 
hersehen können und jedenfalls nicht berück 
sichtigt hat, durch eine Aenderung beseitigt 
werden können. So lauge aber die Ver 
fassung nicht abgeändert ist, haben alle 
Parteien sich nach ihren Bestimmungen zu 
richten, am allerwenigsten aber sollten Po 
litiker, die sich konservativ nennen — und 
das thun die meisten Agrarier — sich gegen 
Bestimmungen der Verfassung auflehnen. 
Das ist nämlich nicht konservativ, sondern 
revolutionär. Es fragt sich nun, ob 
die Verfassung, welche imperative Mandate 
verbietet, nicht dahin abgeändert werden 
sollte, daß dieselben gestattet seien. Wir 
sagen: Unter allen Umständen — nein! 
Nicht, weil imperative Mandate im höchsten 
Grade demokratisch, also wieder nichts we 
niger als konservativ, und nach dem eigent 
lichen Geschmack der Agrarier, sind sie uns 
zuwider, sondern weil imperative Mandate 
nur da im günstigsten Falle nicht großes 
Unheil anrichten können, wo die ganze Po 
litik sich um — Kirchthurmfragen dreht. 
Schon in einem Lande wie die Schweiz 
sind imperative Mandate vom Uebel, sind 
es gewesen und können es noch mehr sein 
Unendlich viel mehr Schaden aber können, 
müssen sie anrichten in einem ausgedehnten 
Reiche wie Deutschland mit seinen verschie 
denen und verlvickelten, ja einander wider 
sprechenden Interessen, die der weitaus 
klügste, geschweige denn der durchschnittliche 
und nun gar der Wähler unter dem Durch 
schnitt unmöglich übersehen kann und in 
schwierigeren Fällen nur der intelligente 
Abgeordnete nach sorgfältigem Studium und 
fleißigem Anhören der ini Plenum und noch 
mehr in den Kommissions- und Fraktions 
sitzungen, in den Drucksachen und im pri 
vaten mündlichen Verkehr vorgebrachten 
Gründe für und gegen allenfalls übersieht. 
Es sind nicht Wankelniuth, Charakterlosig 
keit, Treubruch u. dgl. m. die Ursachen, 
daß die Könige und Minister so oft, ja in 
der Regel, anders handeln, wie sie als 
Kronprinz und Ministerkandidat erwarten 
ließen, sondern der weitere Ueberblick, jden 
sie in der neuen Stellung gewonnen haben, 
und so können, ja müssen oft geradezu Ab 
geordnete ganz anders stimmen, wie sie als 
Kandidaten zu stimmen ehrlich glaubten. 
Der Abgeordnete soll nicht automatisch 
wiedergeben, was weit unter ihm stehende 
Wähler, welche die Frage und gar eine 
Reihe von Fragen oft garnicht zu beurtheilen 
im Stande sind, ihm aufzutragen für gut 
befinden. Man wendet auf agrarischer 
Seite ein, daß ja die Regierung selbst bei 
der Militärvorlage direkt an das Volk 
appellirt habe. Darauf läßt sich zunächst 
erwidern, daß die Frage der Militärvor 
lage, als an die Wähler appellirt wurde, 
Monate hindurch bis auf das letzte J-Tüpfel- 
chen erörtert war und jeder Wähler, der 
wollte, sich die Sache klar gemacht haben 
konnte, wie er sich zu stellen habe. Aber 
selbst damals mußte es jedem Abgeordneten 
unbenommen sein, wenn plötzlich ganz neue 
Gesichtspunkte auftauchten, sein Wort nicht 
zu halten. Man denke z. B. Frankreich 
hätte sich in der Zeit zwischen der Wahl 
und dem Zusammentritt des Reichstages 
zur sofortigen Abrüstung entschlossen, oder 
Rußland hätte sich dem Dreibunde an 
geschlossen, dann hätten Abgeordnete, die 
für die Vorlage zu stimmen versprochen 
hatten, unter den veränderten Verhältnissen 
gegen sie stimmen können und umgekehrt 
würden Gegner der Vorlage für sie ge 
stimmt haben, wenn aggressive Absichten 
Frankreichs und Rußlands oder geheime 
Rüstungen unwiderleglich nachgewiesen wor 
den wären. Bei einem Handelsverträge 
kann Niemand, nicht einmal das Unter 
händlerkollegium den Werth desselben vor 
dem definitiven Schlußprotokoll beurtheilen, 
und da sollen litthauische oder pommersche 
Bauern ihre Vertreter binden dürfen, daß 
sie nicht eineni Vertrage zustimmen, der 
vielleicht dem ganzen Reiche mit Ausnahme 
eines kleinen Distrikts unendlichen Segen 
bringen könnte? Da stände ja der deutsche 
Reichsbote unter dem Handluugsreisenden, 
der doch einem neuen Kunden oder alten 
unter Umständen Konzessionen macht, die 
nach den selbst vom Chef erhaltenen In 
struktionen nicht gemacht werden durften. 
Aber selbst bei der Militärvorlage war nach 
unserer s. Z. auch oft ausgesprochenen An 
sicht der Appell an das Volk nicht korrekt, 
es sei denn, daß man entschlossen war, den 
Reichstag unter allen Umständen nach Er 
ledigung der Militärvorlage wieder auf 
zulösen. 
Die imperativen Mandate sind null und 
nichtig, weil verfassungswidrig, also un 
moralisch. Sollte ein Abgeordneter sich 
durch ein solches Mandat gebunden erachten, 
dann muß er sofort dasselbe niederlegen. 
Bei der Abstimmung über den russischen 
Handelsvertrag hat das Interesse des ganzen 
Reichs, nicht das eines Distrikts und eines 
Standes zu entscheiden, und bei dieser Ab 
stimmung nicht nur, sondern bei jeder. 
Imperative Mandate darf es nicht geben. 
Wer sie ertheilt, ist unmoralisch, wer sie 
annimmt, ist es doppelt und dreifach. 
Ausland. 
Nutzereuropäische Gebiete. 
Chikngo, 9. Jan. Gestern Abend brach 
im Kasino des Ausstellungspalastes Feuer- 
aus, welches das Gebäude bald vernichtete. 
Die Flammen griffen schnell um sich und 
zerstörten den Säuleneingang zum Musik 
gebäude und ergriffen dasjenige der freien 
Künste. Um Mitternacht gelang es, dem 
Feuer Einhalt zu thun. Bei dem Brande 
fanden zwei Feuerwehrleute ihren Tod. 
Der in der Abtheilung der freien Künste 
entstandene Schaden, der größtentheils durch 
Wasser angerichtet worden ist, dürfte 
100000 Dollar nicht übersteigen. 
Im Nationalmuseum in Washington be- 
findeb sich unter anderen Sehenswürdig 
keiten eine Anzahl Flaschen, welche die 
chemischen Bestandtheile eines 154 
Pfund wiegenden Menschen vor Augen 
führen. Die größte Flasche enthält Wasser 
gleich 94 Pfd. In anderen Gefäßen be 
finden sich 3 Pfd. Eiweiß, 10 Pfd. Leim, 
34 V 2 Pfd. Fett, 8'/ 4 Pfd. phosphorsaurer 
Kalk, 10 Pfd. kohlensaurer Kalk, 3 Unzen 
Zucker und Stärke, 7 Unzen Fluorcallium, 
6 Unzen phosphorsaure Magnesia und ein 
wenig gewöhnliches Kochsalz. In anderer 
chemischer Beziehung enthält der Mensch 
97 Pfd. Sauerstoff, 10 Pfd. Wasserstoff, 
3 Pfd. 3 Unzen Stickstoff und Kohle einen 
ganzen Kubikfuß. Was die chemischen 
Elemente anbetrifft, so sind znm Bau des 
Körpers nothwendig 4 Unzen Chlor, V/ 2 
Unzen Fluor, 8 Unzen Phosphor, 3'/r 
Unzen Schwefel, 2'/2 Unzen Natrium und 
Kalium, '/io Unze Eisen, 2 Unzen Magne 
sium und 3 Pfd. 3 Unzen Caleium. 
Aus Melbourne wird vom 7. Januar 
gemeldet: Der Scharfrichter der Kolonie 
Viktoria hat sich den Hals abgeschnitten. 
Er wollte durchaus nicht die Engelmacherin 
Frau Knorr, die am 15. Januar gehängt 
tverden sollte, hinrichten. 
Oesterreich. 
Ueber den Unfall, der sich am letzten 
Donnerstag in Wie» während der Fahrt 
des Kaisers von Oesterreich vom Südbahn 
hof zur Hofburg zutrug, melden die Wiener 
Blätter: Eben als der Wagen, in dem der 
Kaiser mit dem Prinzen Leopold von Bayern 
saß, an dem Kreuzungspunkte der Akademie- 
straße mit der Maximilianstraße anlangte, 
glitt das Sattclpferd auf dem Asphalt 
pflaster aus und stürzte zu Boden. Der 
Kutscher riß das Thier rasch empor, doch 
bevor es noch auf die vier Beine kam, 
rutschte es neuerdings aus und brach sich 
beim Falle den rechten Fuß oberhalb des 
Knöchels. Der Kaiser war anfangs ruhig 
im Wagen sitzen geblieben; als er aber 
bemerkte, daß ein ernsterer Unfall die 
Unterbrechung der Fahrt veranlaßt haben 
mußte, verließ er das Coupee und schritt 
rasch vorwärts gegen das auf dem Boden 
liegende Pferd. „Was ist geschehen?" 
fragte der Monarch. „Majestät, das Pferd 
hat sich einen Fuß gebrochen," erwiderte 
der erschreckte Kutscher. Hierauf begab sich 
der Kaiser zu der mittlerweile gleichfalls 
angehaltenen zweiten Equipage. Erzherzog 
Franz Salvator, der den Unfall bemerkt 
hatte, verließ rasch den Wagen und trat 
zum Kaiser mit den Worten: „Ich bitte, 
Papa, hier Platz zu nehmen." Der Kaiser 
bestieg hierauf mit seinem Schwiegersöhne 
die zweite Equipage und setzte die Fahrt 
nach der Hofburg fort. Der Vorfall hatte 
begreiflicherweise Aufsehen hervorgerufen. 
Hunderte von Menschen umstanden den 
Platz, auf dem das edle Thier, das sofort 
ausgespannt und abgeschirrt wurde, regungs 
los dalag. Es wurde nach geraumer Zeit 
von dem requirirten Hofthierarzt an Ort 
und Stelle erstochen und der Cadaver so 
dann fortgeschafft. 
Aus Budapest wird der „N. Fr. Pr." 
gemeldet: Der bekannte Sportsman Bertalan 
Blaskovits richtete an den Budapester Ge 
richtshof ein Gesuch, in welchem er sich 
selbst als Verschwender bezeichnete und um 
die Verhängung der Curatel über sich bat. 
Um der Behauptung des Sohnes mehr 
Nachdruck zu geben, war die Eingabe auch 
von dem Vater, dem Gutsbesitzer Nikolaus 
von Blaskovits, mit unterfertigt. Der Ge 
richtshof hat denn auch dem Gesuch statt 
gegeben und thatsächlich über Bertalan von 
Blaskovits die Curatel verhängt, 
statte«. 
Rom, 9. Jan. Die Polizei nahm gestern 
eine große Anzahl von Haussuchungen 
Magelone. 
Roman von B. von der Lancken. 
Nun schritt Magelone, von Rolfs Armen 
umschlungen über das Feld hin zum Weiher. 
Der alte Schwan ruderte langsam durch die 
klare Muth und ließ sich von der Märzsonne 
bcschcinen, Rolf und Lona setzten sich aus 
einen gestürzten Pappelstamm und sprachen 
von ihrem Glück und ihrer Liebe, und was 
die Eltern dazu sagen, wie sic sich freuen 
würden. 
„Zum wenigsten der Onkel", bemerkte 
Magelone ahnungsvoll. 
" r x e-ì.Ņutter, wenn sic sicht, daß wir 
glucküch sind", tröstete Rolf 
Komm wir wollen's ihnen sofort sagen", 
rief Lona plötzlich. 11 1 J ' 
„Noch einen Augenblick warte", bat Rolf 
weich, „noch einen, er ist so schg,, und kommt 
nicht wieder. Wie ich Dir gut bin kleine 
Lona." <l ' ' 
Sic lehnte ihr Haupt au seine Brust und 
er küßte sic auf den Mund. 
Der alte Schwan kam eben dicht an ihnen 
vorbei, er neigte den Kopf etwas zur Seite 
und sah sich die beiden an; er mochte so seine 
eigene» Gedanken haben, die aber vielleicht 
auch, wie bei den weisesten und berühmtesten 
Katern der Welt, in die Frage ausklingen 
mochten: „Warum küssen sich die Menschen?" 
Karl Friedrich von Velten ging während 
dieser Zeit unruhig in seinem Arbeitszimmer 
auf und ab.Ş Ob cs allein die Zeit war, 
die seine tiefen Furchen in die hohe weiße 
Stirn gegraben hatte, oder ein körperliches 
Leiden? 
Auf dem Schreibtisch lag ein gcöffneter 
Brief, feste, männliche Schriftzüge; so oft 
der Blick des Gutsherrn auf denselben fiel, 
seufzte er tief und schmerzlich; cs mochte ihn, 
lieb sein, seinen Gedanken durch ein leises 
Klopfen an der Thür entrissen zu werden. 
Er strich mit der Hand über das Gesicht, 
als könne er dadurch den Ausdruck der Sorge 
fortwischcn, und zwang sich zu einem freund 
lich klinzenden Herein. 
Rolf und Magelone traten über die 
Schwelle; Beider Mienen verriethen ihm auch 
ohne Worte was sic zu sagen, zn erbitten 
kamen. Rolf ergriff seine Hand: 
„Papa", sagte er, „Lona und ich lieben 
uns, gieb uns Deinen Segen." 
„Meine theuren Kinder!" 
Er legte die Arme um sie Beide und in 
seinen schönen ernsten Aungcn schimmerte cs 
feucht. Von ihnen fort trat er nun an's 
Fenster; er schien mit tiefer seelischer Er 
regung zu kämpfen. DaS junge Paar tauschte 
einen fragenden Blick. 
Nach wenigen Minuten wandte sich Karl 
Friedrich in's Zimmer zurück, setzte sich in 
einen tiefen bequemen Lehnstuhl an, Kaniin 
und winkte den Beiden, Rolf nahm seinen 
Platz ihm gegenüber, Magelone kauerte sich 
au J Teppich zu seinen Füßen, legte die 
gefalteten Hände auf seine Knie und sah mit 
een wundersam leuchtenden Augen zu ihm 
„Meine guten Kinder", begann Herr von 
E'àm, „so unendlich glücklich es mich macht, 
daß Eure Herzen sich gefunden, so schmerzlich 
ist es mir, daß ich gleich in den ersten Stunden 
Eures Glückes Euch eine Mittheilung niachcn 
muß, die sich wie ein kalter Reif über Eure 
Liebe legen wird; zugleich aber mag sie auch 
ein Prüfstein sein, ob diese Liebe echt und 
stark und innig ist, wie sie sein niuß, wenn 
sie ein Leben lang Euer höchstes Glück aus 
machen soll. Ich will ohne Umstände gleich 
auf den Kern der Sache kommen: Helldringen 
wird verkauft — muß verkauft werden." 
Ein halb unterdrückter Ruf Rolf's und 
Magelonens ließ ihn einen Moment inne 
halten, er winkte ihnen mit der Hand, zn 
schweigen, und fuhr dann hastig und mit be 
wegter Stimme fort: 
„Reich, wofür man mich immer gehalten, 
war ich nie; die letzten acht Jahre brachten 
schlechte Ernten — eine bessere Zeit abzu 
warten, fehlen mir die Mittel; Hclldringcn 
ist mit Hypotheken überlastet. Ich fürchte, 
daß ich schon zu lange zögerte. Es ist ei» 
schwerer Entschluß, sich von angeerbtem Grund 
und Boden zn trennen; aber — wo daS 
„Muß" in dm Vordergrund tritt, hört jede 
Regung des Herzens auf. — Das Kauf 
gebot, welches mir heute gemacht ist, werde 
ich annehmen und wir verlassen Helldringcn 
zu Johanni!" 
Es war still im Zimincr »ach diesen 
Worten. — 
Mit einem Schlage zeigte sich den An 
wesenden die Zukunft in einem neuen und 
in keinem schöneren Lichte — viel Hoffen 
und Wünschen fand in diesem Augenblicke 
ein jähes Ende. 
Herr von Velten war der Erste, der nun 
wieder sprach. 
„Und nun zu Euch, meine Kinder. Du 
hast Dich verlobt, Rolf, in der Zuversicht, 
daß Du Deine Braut bald als Weib heim 
führen kannst. —- Die Lage der Dinge ist 
jetzt aber eine andere. Den ausreichenden 
Zuschuß zur Gründling eines Heims, den 
Du berechtigt warst, von mir zu erwarten, 
kann ich Dir, so schmerzlich cs mir ist, nicht 
geben. Ihr müßt warten, warten, wie so 
Viele, bis Du, Rolf, eine Anstellung erhalten 
hast. Was mir noch an Vermögen bleiben 
wird, ist nicht so viel, daß wir von den 
Zinsen allein leben können; auch ich" — 
eine Blntwellc färbte sein Gesicht — „werde 
noch wieder erwerben wüsten." 
Rolf war aufgestanden und trat hinter 
scinen Stuhl. 
„Mein armer Vater!" 
Er legte den Arm um seine Schulter, 
Magelone schluchzte leise. Karl Friedrich 
hob sanft das blonde Köpfchen empor. 
„Meine kleine Else," sagte er, „wirst Du 
stark genug sein, auch den Wcchselfüllcn des 
Lebens an der Seite eines Mannes Stand 
zu halten, der Dir kein vornehmes Heim, 
keine glänzende Stellung mehr zu bieten ver 
mag, dessen ehrenhafte Gesinnung und innige 
Liebe der größte Reichthum sind, den er Dir 
darbringen kann? Ucbcrlege cs Dir, Mage 
lone, Du weißt noch nicht, was cs heißt, in 
beschränkten Verhältnissen zu leben, rechnen 
und mit sparsamer Umsicht einen Haushalt 
führen zu müssen. Du sollst Dich nicht 
gleich entscheiden, Lona, wir wollen Dir 
gcnügcnd Zeit lassen; vielleicht morgen oder 
— übermorgen." 
Sic weinte noch immer und ihre Blicke 
suchten diejenigen Rolf's. Er hatte die sei 
nen gesenkt; unbeeinflußt sollte sic ihren Ent 
schluß fasten; langsam richtete sich Magelone 
aus ihrer kniecnden Stellung auf, schlang 
die Arme um Karl Friedrich von Vclten's 
Nacken und drückte ihr heißes Gesichtchcu 
an seine bärtige Wange. 
„Onkel Velten", flüsterte sie, „ich habe ihn 
so lieb, so lieb." 
„Aber Du wirst warten müssen, bis ich 
Dich heimführen kann, Magelone. Du bist 
jung und verwöhnt", sagte Rolf. 
Ein energisches Schütteln ihres Kopfes 
unterbrach ihn. 
„Onkclchcn, bitte, sag' Du's ihm doch, 
daß ich ihn lieb habe und daß ich keinen 
Anderen will." 
Karl Friedrich ergriff des Sohnes Hand 
und legte die Magclonen's hinein. 
„Nimm sic denn hin, mein Junge; Du 
weißt, ich liebe sie wie mein eigen Kind; 
aber gerade darum gebe ich sie Dir ruhigen 
Herzens; Du wirst sic, so weit cs in Dei 
nen Kräften steht, glücklich machen. Haltet 
einander Treue in guten und bösen Tagen, 
denn wenn in der Bibel steht, die Liebe ist 
des Gesetzes Erfüllung, so meine ich, die 
Treue ist der Liebe Erfüllung." 
Frau Helene hatte über diese Verlobung 
nach Neigung ihre ganz eigenen Gedanken, 
und als sic die Lage der Verhältnisse erfuhr, 
mißbilligte sic dieselbe entschieden. 
„Hättest^ Du Komtesse Dina Bornfcld 
gewählt, stände es um uns und Helldringen 
besser", rief sie; „Magelone ist ein armes 
Mädchen, welche grenzenlose Thorheit!" 
„Weißt Du denn so bestimmt, daß Gräfin 
Dina auch mich gewählt hätte?" fragte 
Rolf mit leichter Ironie. 
„Warum nicht; die Bornfclds streben 
Verbindungen mit alten vornehmen Familien 
an und Helldringen ist ein schöner Besitz." 
(Fortsetzung folgt.) 
Der richtige Ausdruck. (Vater am Ein 
gang zum Balllokal den Töchtern die Ein 
trittskarten gebend): „Hier Kinder, die 
Angelkarten!" 
Grscheint täglich, ch 
Bezugspreis: 
Vierteljährlich 2 Ji.~, frei ins Haus geliefert 
2 Ji 15 Ļ 
für Auswärtige, durch die Post bezogen 
2 Ji 25 è) 
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