Full text: Newspaper volume (1894, Bd. 1)

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16. 
Wo. 59. 
Sonnabend, den 10. März 
1894. 
Morgen-Depeschen. 
Kiel, 10. März. Der Marine-Zahl 
meister-Aspirant Compart wurde wegen 
Unterschlagung zu einem Jahre Festung 
und Degradation in die zweite Klasse des 
Soldatenstandes verurtheilt. Infolge eines 
Selbstmordversuchs ist Compart auf beiden 
Augen erblindet. x 
Berlin, 10 März. Wie wir aus bester 
Quelle erfahren, steht in den nächsten Tagen 
die Ernennung eines Regierungskommissars 
für die Antwerpener Weltausstellung seitens 
der deutschen Regierung bevor. Die deut 
sche Regierung hat in letzter Zeit gerade 
der Antiverpener Ausstellung ein großes 
Interesse zugewandt und sich über die all 
gemeine Betheiligung an derselben wieder 
holt Bericht erstatten lassen. 
Berlin, 10. März. In der Steuer 
kommission des Reichstages wurde heute 
der vom Abg. Gamp verfaßte Bericht über 
den Theil der Stcmpelsteuervorlagen, wel 
cher die Börsensteuer betrifft, verlesen und 
mit ganz unerheblichen Aenderungen ge 
nehmigt. Die Kommission tritt am nächsten 
Dienstag zur Berathung der Quitt UN gs 
und Frachtbriefsteuer zusammen. 
Berlin, 10. März. Der Anarchist Paw- 
lowitsch wurde auf dem Wege zur Arbeit 
verhaftet. Man glaubt, daß die Verhaf 
tung wegen Fluchtverdachts erfolgt ist, da 
Pawlowitsch noch zwei Strafen abzubüßen 
hat. In seiner Wohnung wurden viele 
anarchistische Schriften beschlagnahmt. 
Bonn, 10. März. Die „Reichszeitung 
richtet gegen den Centrumsabgeordneten Dr. 
Lieber eiven heftigen An griff, da der 
Abgeordnete in der Reichstagskommission 
lebhaft für die Betvilligung von 3 Millionen 
für neue Schiffsbauten eingetreten war. 
Den Centrumswählern bleibe diese Haltung 
Lieber's unverständlich und würden die 
Folgen seiner Handlungsweise nicht ans 
bleiben. 
Wien, 10. März. In Mürzzuschlag 
wurde gestern Nachmittag ein mehrere Se 
kunden dauerndes heftiges Erdbeben 
verspürt. 
Graz, 10. März. In einem Walde bei 
Marburg fand man die Leichen des bay 
rischen Reservefeldwebels Adolph Felser und 
seiner Geliebten Panla Simbach auf. Fel 
ser hatte seine Geliebte und dann sich mit 
telst Revolvers erschossen. 
Rom, 10. März. Der als der eigent 
liche Attentäter der Dynamitexplosion be 
zeichnete Angeli ist seinen schweren Ver 
letzungen erlegen, nachdem ihm beide Beine 
' amputirt worden waren. Bis jetzt sind in 
der Bombenaffaire über hundert Verhaf 
tungen vorgenommen worden. 
Paris, 10. März. Amtlich ist hier ein 
bedenkliches Zunehmen der Typhusepidemie 
konstatirt. In der letzten Februarwoche sind 
hier 260 Personen am Typhus erkrankt, 
53 gestorben. 
Paris, 10. März. Von 170 Anarchisten, 
an welche die Aufforderung ergangen war, 
der Arbeiterbörse wieder beizutreten, haben 
sich 129 für den Fall zum Beitritt bereit 
erklärt, daß die Statuten umgeändert 
werden. 
Madrid, 10. März. Das gesammte 
Ministeristm hat seine Demission eingereicht. 
Die Köuiginregentin hat dieselbe angenom 
men und Sagasta mit der Neubildung be 
traut. 
M Äiànàtiit in %m. 
Große Bestürzung verursachte in Rom 
gestern Abend das mit Windesschnelle sich 
verbreitende Gerücht von einem Dynamit- 
attentat vor der italienischen Deputirten- 
kamnier. Nähere Ermittelungen bestätigten 
das Gerücht leider in vollem Umfange. 
Das „B.T." erhält darüber folgendes Privat- 
Telegramm vom gestrigen Abend: 
„Um sechs Uhr zlvanzig Minuten Nach- 
mittags, nachdem die Kämmer kaum ge 
schlossen war, ertönte vom Platze Monte- 
citorio her ein furchtbarer Krach, der bis 
in die entferntesten Stadttheile hörbar war. 
Ein unbekanntes Individuum hatte vor 
dem Portale des Parlamentsgcbüudes, und 
zwar dicht vor dem Lokal der Militär- 
wache, eine Bombe geworfen, die niit 
furchtbarem Knall explodirte. Als sich die 
Rauchwolke verzogen hatte, fand man vier 
Schwerverwundete in ihrem Blute 
liegen. Dem Einen waren beide Beine 
nahezu vom Leibe weggerissen und der 
Bauch aufgeschlitzt, auch ein Soldat, der 
gerade Posten stand, wurde entsetzlich ver 
stümmelt aufgehoben. Militär und Polizei- 
agenten stürzten sich sofort auf die nach 
allen Richtungen auseinander stiebende 
Menge, arretirten eine große Anzahl von 
Individuen, darunter, wie verlautet, auch 
den Attentäter selbst. Die Erschütterung 
in Folge der Explosion war so groß, daß 
alle Fensterscheiben des Platzes Monte- 
citorio zersprangen und das Travertin 
gesimse des Kammerportals absprang. In 
der Stadt herrscht begreiflicherweise eine 
große Aufregung. Wäre die Explosion 
auch nur eine Minute früher erfolgt, so 
wären zahlreiche Deputirte, die eben 
die Kammer verließen, dem Attentate zum 
Opfer gefallen. Der am schwersten Ver 
letzte ist ein Zeitungsverkäufer. Der Arme 
wurde sterbend in das Spital gebracht. 
Der mit Glasscherben über und über 
bedeckte Platz Monte Citorio ist durch 
einen Truppenkordon abgesperrt, der allent 
halben von einer kolossalen Menschenmenge 
umdrängt wird. In keinem einzigen Hause 
des Platzes ist eine Scheibe ganz geblieben, 
selbst in dem hinter dem Parlament liegen 
den Lokale des Preßvereins wurden alle 
Fenster, Glasthüren und Glaslaternen zer 
trümmert. Ueber die Explosion liegen 
nunmehr weitere Details vor. Die Bombe 
wurde, in einer blechernen Petroleumkiste 
verborgen, von zwei jungen Burschen in 
Arbeitertracht vor dem Parlamente nieder 
gelegt, worauf die Attentäter sich schleunigst 
aus dem Staube machten; einen Moment 
nachher erfolgte auch schon die Explosion. 
Ein zufällig vorüberkommender Offizier 
hatte dabei die Geistesgegenwart, den A t- 
tentätern nachzueilen und auch zwei 
Burschen, vermuthlich dieselben, welche die 
Bombe gelegt haben, festzunehmen. 
Die Folgen der Explosion sind übrigens 
bedenklicher, als es anfänglich geschienen. 
Außer den bereits erwähnten vier Schwer 
verwundeten wurden noch vier tveitere 
Personen, worunter ein Soldat und zwei 
Frauen theilweise schwer verletzt. Dem 
Ministerialbeamten Molaroni wurde der 
rechte Arm zerschmettert, derselbe mußte 
sofort amputirt werden, eine Frau wurde 
durch einen Bombensplitter am Kopf ver- 
mundet. Der Schauplatz der Unthat ist 
durch eine breite Blutlache kenntlich. 
Merkwürdig ist, daß auch die Glaskuppel 
des Parlamentsgebäudes zertrümmert 
wurde. Ueberreste der Bombe, die, wie 
man annimmt, Nitroglycerin enthielt, 
wurden dem Artilleriekommando zur Unter 
suchung zugestellt. 
Wie der „Voss. Ztg." aus Rom berichtet 
wird, ist die Entrüstung des Publikums 
über das schändliche Verbrechen ungeheuer. 
Die Abgeordneten wurden von Einigen mit 
Rufen nach Wiedereinführung der Todes 
strafe empfangen. Die Bonibenladung 
scheint Schießpulver und Nitroglycerin ge 
wesen zu sein. Vermuthlich liegt ein 
Racheakt vor wegen der Verwerfung der 
Ausstellungslotterie durch die Kammermehr 
heit. Der verwundete Angeli soll ausge 
sagt haben, ein Dritter habe ihn ersucht, 
das bezeichnete Paquet zu halten; er habe 
es, durch den Rauch stutzig gemacht, nieder 
gelegt, worauf sogleich die Explosion er 
folgt sei. 
* Wer Mcklckr Kille. 
Kriminal Novelle von Gustav Höcker 
„Wenn Du nur einmal anders als in ge 
hässigem Tone von diesem Mädchen reden 
wolltest, das Dir doch nie etwas zu Leide 
gethan hat," tadelte Kandler. „Aber ich 
„" e i“ die Ursache! Daß Du, das bc- 
^'^l^àhrige Ladenfaktotum des Brcdow- 
schcn Geschäfts, Dich von der neuen Ver- 
kauferm so nn Schatten sehen uiußt, darüber 
bis. Du voll Gift und Galle. Du hast Dich 
sur unersetzlich gehalten „nd schwurst darauf, 
daß ohne Dich das ganze Geschäft rückwärts 
gehen werde War Dir s nicht ein wahres 
Gaudium, als die Nächste, die nach Dir kam 
fortgejagt werden mußte, weil sie stahl?" ' 
„Nun, ich habe auch allen Grund, auf 
meine Dienstzeit bei Frau Bredow stolz zu 
sein," eiferte Jette. „Ich war treu und redlich 
wie Gold. Ich kannte alle Kunden und alle 
Kunden kannten mich, und ich wußte jeden 
nach seiner Art zu behandeln. Ich wußte 
so genau Bescheid im Laden, daß ich die 
Sachen, die verlangt wurden, im Schlafe 
hätte finden können, und die Preise von den 
tausend Artikeln waren mir so geläufig, wie 
das Einmaleins, lind nun kommt diese 
Schwarze — 
„Unb Du mußt erleben, wie sie das Ge- 
ichäşt zu einem ganz neuen Aufschwung bringt " 
vollendete Kandler. „Du hast keinen Hund 
>n dm Laden gelockt, aber diese Schwarze 
Kcht das ganze Städtchen hinein. Du hättest 
D>r vergebens den Mund wund reden können 
W einem Käufer eine» zurückgesetzten Artikel 
aufzuhängen oder ihm zur Zahlung eines 
Preises z„ bewegen, der ihm zu hoch ist. 
Die Schwarze bringt dies Alles durch ein 
einziges reizendes Lächeln fertig." 
„Schlimm genug", rief Jette erbittert, „daß 
weiter nichts alls eine schöne Larve dazu ge 
hört, um die Leute verrückt zu machen, lind 
Frau Bredow, Gott, hab' sie selig, hat sich 
durch den Zulauf auch verblenden lassen, daß sie 
nicht einmal bemerkte, wie zwischen ihrem 
Sohne und der Schwarzen die Sachen standen, 
bis ich ihr endlich die Augen öffnete. Merk 
würdig ist's übrigens doch!" 
„WaS soll denn merkwürdig sein?" 
„Als ich ihr die Geschichte erzählt hatte, 
dachte ich, sic würde der Schwarzen die Augen 
auskratzen, so wüthend schoß sic in den Laden 
hinunter, lind doch verlautet nichts, daß cs 
zwischen dm Beiden etwas gegeben hätte. 
Ob sich's Frau Bredow unterwegs anders 
überlegt hat? Ob sic etwa warten wollte, 
bis Rudolf zurückkäme, um dann die Beiden 
Zus ammen vorzunehmen? " 
„Was kümmert's uns!" warf Kandler da 
Zwischen. 
^- begann Jette nach einer kleinen 
Pause w oder, wenn's aber doch etwas qc- 
geben hatte! Die kleinen Hände und Finmr- 
chm der Schwarzen wollen mir garnicht ans 
diM Smm. hatten es nimmer fertig 
gebracht, eine tfrau mit einem solchen mißge 
stalteten Halse zu erwürgen, dazu hätten 
sic kaum halb ausgereicht. Aber ein Tuch 
hätte aus dieser Verlegenheit geholfen. Immer 
muß ich an das seidene Tuch denken und 
dann sehe ich stets die kleinen Händchen vor 
mir, wie sie die Schlinge zuziehen 
„Hör' auf!" herrsche Kandler, indem er 
seine Frau plötzlich entsetzt anblickte, als graue 
ihm vor ihrer Fantasie, und seinen Platz 
neben ihr verließ. Es muß dahingestellt bleiben 
Ausland. 
Außereuropäische Gebiete. 
Newyork, 9. März. Die Reisenden au' 
den amerikanischen Eisenbahnen werden ge- 
genwärtig durch fortwährende räuberische 
Ueberfälle in Schrecken gesetzt, die fast in 
jedem Zuge mit unglaublicher Kühnheit 
ausgeführt werden. Ein besonders frecher 
Raubversuch fand vor etwa 14 Tagen statt. 
Zivei Neger versuchten in der Nacht um 
12 Uhr einen Raub in einem Zuge der 
Fort Wayne Railroad, gerade in dem 
Augenblicke, als der Zug von Chicago ab- 
ging. Sie drangen in einen Waggon ein 
und versetzten einem Passagier mit einem 
Prügel einen so furchtbaren Schlag auf 
den Kopf, daß der Getroffene ohnmächtig 
zusammenbrach. Aber während sie ihm die 
Taschen durchsuchten, eilten andere Passa- 
giere und das Zugpersonal herbei. Die 
beiden Neger empfingen die neuen Aukönim- 
linge mit Revolverschüssen. Ein Passagier 
gab gleichfalls Feuer und verwundete einen 
der Briganten, der auf das Geleise hinab- 
rollte und dort mit zerschelltem Schädel 
liegen blieb; der andere Neger sprang aus 
dem Fenster und entfloh, man glaubt je- 
doch, daß auch er verwundet sei und bald 
in die Hände der Polizei fallen weä>e. 
Lilian Nordica, die gegenwärtig am Opera 
House in Newyork gastirt, sang neulich die 
Traviata. Als sie während des dritten 
Aktes hinter die Coulissen trat, umarmte 
sie ein alter Herr, dem Thränen der 
Rührung über die Wangen tiefen, und rief: 
„Lassen Sie sich küssen! Sie sind einzig! 
unerreichbar! unnachahmlich." Die Nordica 
war von dem Enthusiasmus des alten Herrn 
erschüttert, noch erschütterter aber war sie, 
als man sie darauf aufmerksam machte, daß 
das Diamantendiadem, das in ihrem Haare 
gefunkelt hatte, seit jenem Kusse verschwun 
den sei. 
Nach Depeschen, welche aus Hongkong 
eiugeeroffen sind, hat in Thibet ein heftiges 
Erdbtben stattgefunden, welches einen Flä 
chenraum von ungeheurer Ausdehnung zer- 
stört haben soll. Das große Mönchskloster 
in Hueiynan soll eingestürzt und dabei 
etwa 100 Personen zu Grunde gegangen 
und viele andere verletzt worden sein. 
Rußland. 
In der Moskauer bakteriologischen Sta 
tion wurden gegen 30 Bauern untergebracht, 
die im Koselskischen Kreise (Gouvernement 
Kaluga) von einem tollen Wolfe gebissen 
worden sind. Der Wolf wurde im Dorfe 
Proßckowo von den Bauern erschlagen. 
Italien. 
Infolge derSchueestürme in Sizilien, 
über welche wir jüngst berichteten, sind die 
Eisenbahnlinien unterbrochen. In der 
Provinz Catania liegt der Schnee zwei 
Meter hoch. Die Umgegend des Aetna ist 
unzugänglich. In Castiglione stürzten 74 
Häuser ein, drei Personen sind todt. Bei 
Viagrande wurden vier Briganten todt auf 
gefunden, bei Valla verschüttete eine Lawine 
sieben Häuser, wobei sechs Personen um's 
Leben kamen. 
Venedig, 8. März. Heute fand man 
am Lido die Leichen eines elegant ge 
kleideten Paares auf, das offenbar 
durch Mord bezw. Selbstmord mittelst Er 
schießens aus dem Leben geschieden ist. 
Bei dem Herrn fanden sich neben einer 
größeren Geldsumme Visitenkarten aut den 
Namen „Fr. Wicho aus Berlin" lautend 
vor Unglückliche Liebe wird als Motiv 
der That bezeichnet. 
Inland. 
Berlin, 9. März. Anläßlich des Todes- 
tages des Kaisers Wilhelm l. begaben sich 
heute früh der Kaiser und die Kaiserin nach 
Charlottenburg, wo sie im Mausoleum auf 
dem Sarge Kränze niederlegten und längere 
Zeit in stiller Andacht verweilten. 
— Bei dem Landwirthschaftsminister fand 
gestern ein Diner für die Mitglieder 
des Landwirthschaftsrathes statt. 
Der Kaiser nahm daran theil. Wie die 
„Pol. Nachr." erfahren, unterhielt sich der 
Kaiser sehr lebhaft und setzte Miguel und 
deni Handelsminister in entschiedener Weise 
die Nothwendigkeit und den Nutzen des 
Mittellandkanals und anderer Wasserstraßen 
auseinander. Der Verkehr auf den Wasser- 
straßen konkurrire nicht mit den Eisen 
bahnen. Auf großen Routen ergänzten sich 
beide Verkehrsmittel. Bei Zweckmäßiger 
Anordnung des Gebührenwesens könnten 
auch die Wasserstraßen Renten bringen. 
Eine Erleichterung und Förderung des Ver- 
kehrs werde dadurch herbeigeführt. Die 
Annäherung der Interessen der Völker 
könnte einer friedlichen Entwicklung nur zu 
Gute kommen. 
ob er die Rede auf etwas anderes lenken 
wollte, oder ob es eine geheime Gedankenver 
bindung war, die ihn veranlaßte zu sagen; 
„Hab übrigens Acht auf Tretet! Ich fand 
sie vorhin im Gebüsch dort. Sie hatte den 
Ring ausgcpuddelt —" 
„Den eisernen Ring?" rief Jette erschrocken. 
„Ja, und auch ein Stück von der Fallthüre 
darunter. Die Art von Spiel muß ihr ver 
trieben werden. Findest Du sie noch einmal 
dabei, so klopfe ihr auf die Finger." 
„O, mein Gott! wohin wird uns das noch 
führen?" seufzte Jette, indem sie nach dem 
Gebüsch hinblickte. „Wie verhängnißvoll ist 
uns das noch in jener Nacht geworden!" 
„Ja, der Teufel muß die Hand im Spiel 
gehabt haben," knirschte Kandler, „und das 
gerade in jener Nacht, wo ich —" 
„Wo Du auf Wegen warst, die Nieniand 
wissen darf," half Jette seufzend ein. 
„Das gerade da dieser Mord —!" Er 
stampfte wüthend mit dem Fuße. 
„Und gerade auf Dich beruft sich dieser 
unglückselige Mensch; warum denn nicht ebenso 
gut oder noch besser auf den ersten besten 
Betrunkenen, dem er auf dem Wege nach 
Salitz begegnet ist? Der hätte hinterdrein 
vielleicht die Möglichkeit zugegeben, im Dusel 
mit ihm zusammengetroffen zu sein. — Mein 
Gott, was soll nun noch daraus werden! 
Ein an sich so gleichgiltigcr Umstand, ob Du 
in jener 'Nacht zu Hause warst oder nicht! 
Und doch hängt unser ganzes Wohl und 
Wehe, ja, hier kann man wohl sagen: hängt 
Leben und Seligkeit daran, denn wenn der 
Mordprozeß vor's Schwurgericht kommt, 
müssen wir unsere falsche Aussage auch 
noch beschwören!" 
. „Man kann sich ja bei einem Eide den 
ken, was man will," meinte Kandler. 
„Şo weit mag's mit Deinem , Gewissen 
schon Kommen sein, aber noch nicht mit 
meinemş wenn's znm Schwure kommt — 
o, Du gerechter Gott! ich weiß nicht, ob 
ich die Sünde über meine Lippen bringe." 
„Dann wird mir's an den Kragen gehen," 
lächle Kandler wild auf,, „und Du kannst 
mit meinem Kinde auf den Bettel ziehen." 
„Wer weiß, ob das nicht besser würe.8 
schluchzte Jette. 
„Vorher aber schlage ich Dich todt!" drohte 
ihr Mann. 
VI. 
Seit jener romantischen Kahnfahrt auf dem 
See warm die beiden Liebenden nicht wieder 
dazu gekommen, vertrauliche Worte mitein 
ander zu wechseln. Das furchtbare Ercigniß 
hatte alles Andere in den Hintergrund ge 
drängt. Niemand im Hause gehörte sich 
selbst an, die gerichtlichen Vernehmungen und 
dann das' Leichcnbcgängniß nahmen Jeden 
vollauf in Anspruch. Nur wenige Worte 
hatte Rudolf mit Flora sprechen können und 
das war noch unter dem frischen Eindruck 
der Schreckensnachricht gewesen, die ihn und 
den Vater von B. zurückries. 
„Das ist ein trauriges Wiedersehen," 
hatte Rudolf in der Stunde seiner Ankunft 
die Geliebte begrüßt. „O Flora, hätten Sie 
das in Znllickc gesucht? 
Sic schüttelte den Kopf. 
„Ich hatte ihn stets wie einen Freund 
behandelt," fuhr Rudolf in tiefer Erregung 
'ort, „und er mordet mir die Mutter, aus 
höllischer Rachsucht, daß sic von einem Rechte 
Gebrauch machte, welches jedem Prinzipale 
gegen seinen Untergebenen zusteht. Ich war 
bisher ein Gegner der Todesstrafe, weil ich 
die Ueberzeugung hatte, daß dem Menschen 
das Machtgcbot über das Leben eines Andern 
nicht zusteht. Aber diese schöne Theorie ist 
in mir bis ins innerste Mark erschüttert, 
forwährend sehe ich meine arme Mutter vor 
mir, wie sie verzweifelnd die mitleidslos 
würgende Hand von sich abzuwehren sucht; 
iil allen Fibern verlangt cs mich nach Sühne 
und mit Wollust würde ich das Haupt jenes 
Mordbuben unter dem Beile fallen sehen!" 
Er hatte während dieser Worte ihre Hand 
in der seinigcn gehalten. Sie machte sich 
los von ihm, als ob seine blutdürstige Rede 
sie erschreckt hätte. Als er sie verlassen hatte, 
verlor sic sich in langes, tiefes Nachsinnen.' 
Die Untersuchung wurde mit peinlicher 
Genauigkeit geführt und jeder der Zeugen 
wiederholt ins Verhör genommen. Als 
Flora zum dritten oder vierten Male vor dem 
Kriminalkommissar erschien, betrachtete er 
mit Aufmerksamkeit ihre kleinen Hände und 
Finger, während er ihr schon früher gestellte 
Fragen aufs neue vorlegte. Dann sagte er 
hsißt, Sic hätten ein Ver- 
haltiuft mit dem jungen Bredow. Ist das 
richtig?" 
Daß sich in £,«,1 dunkeln Augenpaar, 
ii'cmt auch nur blitzartig vorübergehend, der 
Ausdruck der Uebcrraschnng spielte, fand der 
Kommissar bei einer solchen Frage sehr- 
natürlich. 
Flora verneinte dieselbe. 
(Fortsetzung folgt.) 
Große Summen. 
Die allergrößten Summen 
Bon sonst und heut': 
Der Weisen wie der Duminen 
Verlorene Zeit. R.
	        
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