Full text: Newspaper volume (1894, Bd. 1)

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Morgen-Depeschen. 
Berlin, 5. März. Wie der „Reichsanz." 
meldet, hat der Kaiser denjenigen Universi 
tätslehrern, welche das Prädikat Professor 
besitzen, gestattet, sich, solange sie in ihrer 
Stellung an der Universität verbleiben, als 
Universitätsprofessoren zu bezeichnen. 
Berlin, 5. März. Das „B. T." ver> 
öffentlicht ein in hiesigen politischen Kreisen 
angeblich immer bestimmter auftretendes Ge- 
rücht dahin lautend, daß es bei dem Besuch 
des Kaisers in Friedrichsruh gegen die Ab- 
sicht des Kaisers zu politischen Erörterungen 
gekommen sei, welche zu einem scharfen 
Disput geführt hätten. (Diese Nachricht 
stimmt so wenig mit den früheren Berichten 
über den kaiserlichen Besuch in Friedrichs, 
ruh überein, daß wir sie nur unter äußer 
ster Reserve wiedergeben. Wenn man in 
dessen die letzte Nummer der „Zukunft" 
von Harden liest, die unzweifelhaft von 
Friedrichsruh aus inspirirt wird, so ist die 
obige Nachricht nicht ganz zu verwerfen. 
D. Red.) 
Berlin, 5. März. Der Direktor Felix 
Lipschütz vom Residenztheater in Dresden, 
welcher an Stelle Ludwig Barnay's die 
Leitung des „Berliner Theaters" Hierselbst 
übernehmen sollte, hat sich am Abend auf 
der Fahrt nach Berlin erschossen. Nach der 
Ankunft des Zuges aus München wurde 
Lipschütz todt im Waschraum des Speise 
wagens aufgefunden. Das Motiv zu dem 
Selbstmord sollen Geldangelegenheiten ge 
wesen sein. 
Karlsruhe, 5. März. Wegen Steuer 
hinterziehung wurde der frühere Fabri 
kant und jetzige Schriftsteller Michael 
Flürscheim aus Baden (der „Boden-Re- 
former") von der hiesigen Strafkammer zu 
der Geldstrafe von 4780 Ji verurtheilt. 
Köln, 5. März. Am Sonnabend fand 
im großen Gürzenich-Saale eine imposante 
Versammlung statt, einberufen von 31 Han 
delskammern und 14 wirthschaftlicheu Ver 
einigungen des Rheinlandes und der Pro 
vinz Westfalen zwecks Kundgebung für den 
russischen Handelsvertrag. Der Referent, 
Generaldirektor Hegener, dankt der Regie 
rung, speziell dem Reichskanzler, daß dies 
mal die interessirten Kreise gehört worden 
seien und betont, daß bei dem vorliegenden 
Vertrage kein deutscher Mann mit der 
Meinung zurückhalten dürfe. Zum Schluß 
wurde einstimmig eine Resolution ange 
nommen, worin an den Reichstag die drin 
gende Bitte gerichtet wird, im Hinblick auf 
den neuauflebenden wirthschaftlicheu Ver 
kehr mit Rußland und weil man eine Ab 
lehnung nicht nur als schwere Schädigung 
des Handels und der gesammten gewerb 
lichen Thätigkeit, sondern auch als verhäng 
nißvollen politischen Fehler bezeichnen müsse, 
den russischen Vertrag einmüthig anzu 
nehmen. 
Jungbunzla», 5. März. Am Mittel- 
thore der hiesigen Dekanatskirche wurde 
eine Bombe aufgefunden, die in einer mit 
Hadern und Draht umwickelten Glasflasche 
zwei Sprengpulverpatronen und seines 
Schießpulver enthielt, die Zündschnüre waren 
vor der Explosion erloschen. 
Prag, 5. März. In vorvergangener 
Nacht wurden die kaiserlichen Adler an den 
Briefkästen in Pilsen von Anbekannten 
Personen mit Zetteln überklebt, auf denen 
in czechischer Sprache die Worten standen: 
„Hoch lebe die Omladina!" Man betrach 
tet dies als eine Demonstration anläßlich 
der erwarteten Einlieferung der im Omla- 
dinaprozeß Verurtheilten in eine hiesige 
Strafanstalt. 
Wien, 5. März. Die Studenten an 
den Universitäten zu Krakau und Lemberg 
richteten an den Reichsrath eine Petition 
um Aufhebung der Kollegiengelder. 
Rom, 5. März. Die Regierung erhielt 
über ihre innere Politik ein großes Ver 
trauensvotum mit 342 gegen 45 Stimmen. 
Venedig, 5. März. Dreihundert See 
kadetten revoltirten am Sonnabend in der 
hiesigen Marine-Akademie gegen die 
Offiziere der Anstalt. Es entstand dabei 
ein Handgemenge, in welchem mehr 
fache Verletzungen vorkamen. Dem hinzu- 
geeilten Kommandanten, Kontreadmiral De- 
dotti, gelang es mit großer Mühe, die 
Ruhe wieder herzustellen, worauf er die 
schuldigen Seekadetten in den Arrest ab 
führen ließ. 
Brüssel, 5. März. Vorgestern Abend 
eröffnete Elisee Reclus seine Vorlesungen 
über vergleichende Geographie im Saale 
der Freimaurerloge. Eine Anzahl Pro 
fessoren, Damen und Herren wohnten der 
Vorlesung bei. In seiner Antrittsrede 
machte Reclus einige Anspielungen auf den 
Kollektivismus als Mittel zur Rettung der 
Gesellschaft. Ein Zwischenfall ist nicht vor- 
gekommen. 
um. - --- -• -asagsagMeggiagBWgBamaeaBMBBBawMMaMBawBB» 
Deutscher Reichstag. 
62. Sitzung 
3 30Îiit*s 
Slfig. Bebel (S.-D.): Verbreitet sich über den. 
neuen Entwurf der Militärgerichtsbarkeit. Die 
Vorfälle, die trotz der Geheimnißkrämerei der 
Militärverwaltung in die Oeffentlichkeit kommen, 
haben die öffentliche Meinung lebhaft erregt und 
beweisen die Nothwendigkeit einer Reform. — 
Redner führt an die Fälle des Dr. Gradnauer 
in Dresden und des Generalleutnants 
Kirchhofs. Das gegen Gradnauer eröffnete 
Verfahren erinnere an Zustände der Barbarei. 
Noch schlimmer ist der Fall des Generals Kirch 
hofs. Das war ein Mord ans all. Um so auf 
fallender ist, daß in einem ganz ähnlichen Fall 
ein Schneidergeselle hart verurtheilt wurde. Da 
gegen wurde Kirchhofs nach vierzehn Tagen be 
gnadigt. Was wäre wohl einem tiefer stehenden 
Manne in einem ähnlichen Falle geschehen! Der 
General ist noch obendrein mit dem Rothen 
Adlerorden 2. Klasse dekorirt worden, wahrschein 
lich für die Verdienste gegenüber dem Redakteur 
Harich. Ein Beschluß über das Beschwerderecht 
soll ein Eingriff in die Rechte der Krone sein. 
Wir nehmen uns ein Recht, darüber zu reden, 
denn wir tragen die Kosten des Heeres. Was 
geschieht mit dem Soldaten, wenn er sich unge 
recht beschwert? Er wird bestraft. Ebenso wird 
er bestraft, wenn herauskommt, er hätte sich be 
schweren müssen. Es muß so gestaltet werden, 
daß dem Beschwerdeführer nichts geschehen kann. 
Zahllose Mißhandlungen kommen wegen der man 
gelhaften Strafprozeßordnung und des Beschwer 
derechts gar nicht zur Kenntniß der Behörden 
und zur Bestrafung. Nach wie vor mißhandeln 
die Führer entgegen dem Befehl des obersten 
Kriegsherrn die Mannschaften in der unmensch 
lichsten Art. Bezüglich des Falls in Frankfurt, den 
ich im vorigen Jahre vorbrachte, bedaure ich, 
ihn auf Grund von Mittheilungen, die sich als 
falsch herausgestellt haben, vorgebracht zu haben. 
Redner führt einen Brief aus Krotoschin an, 
in dem sich ein Soldat beschwert habe, er habe 
beim Exerziren einen Stoß gegen das Knie be 
kommen, daß er auf dem Exerzierplatz liegen 
blieb. Der Mann schreibt, nur der liebe Gott 
er ist also kein Sozialdemokrat (Zurufe rechts) 
könne ihm helfen. Ein ähnlicher Fall ist mir 
aus Hagenau und aus einem sächsischen Regiment 
berichtet. Im letztem Fall mußten 24 Mann 
nackt unter die Veiten kriechen, der 
Dümmste mußte beten: Gott segne meine Stu- 
dia, aus uns wird nichts Hallelujah! Amen! 
Dann mußten sie auf Kommando schnarchen, 
bis der Unteroffizier müde war. Nach der öfter 
reichischen Armee weist die deutsche die meisten 
Selbstmorde auf. 
Ein weiterer Fall betrifft die Garnison Hage 
nau. Dort wollte ein Soldat Hoppe einen Ser 
geanten Schaefer wegen Mißhandlung anzeigen. 
Die anderen Unteroffiziere hörten davon und 
legten dem Hoppe am Abend eine Trense um 
den Hals und hingen ihn an die Stallthür auf 
bis er blau wurde, dann befreiten sie ihn und 
prügelten ihn durch. Der Soldat zeigte dies 
zwar an, aber die Unteroffiziere wurden nur zu 
einer ganz niedrigen Strafe verurtheilt. 
Anfangs December ging hier durch die Zeitun 
gen die Meldung, daß ein Soldat des 2. Garde- 
Regiment sich aus Heimweh den Leib aufgeschlitzt 
habe Nach den mir zugegangenen Mittheilun 
gen — Beweise habe ich nicht dafür — hatte 
ein Rekrut an einer Stange hinaufklettern sollen. 
Der Mann konnte den an ihn gestellten Ansprü 
chen nicht genügen, und der Feldwebel hielt ihm 
die Degenspitze unter den Rücken, dem Mann 
versagten die Kräfte, er rutschte zurück, und der 
Degen drang ihm von hinten durch den Leib 
und kam vorn wieder heraus, worauf der Mann 
verstorben ist. Man hat hier es immer befür 
wortet, den Soldaten ihre Sonntagsruhe zu 
lassen. Wie das aber oft gehandhabt wird, da 
für ist mir ein Fall bekannt, in dem die Solda 
ten von ihrem Gefreiten den ganzen Sonntag 
hindurch chikanirt ivurden. Sie mußten sich 
z. B. ain Vormittag auf Commando ausziehen 
und ins Beit legen, alsdann aber sofort wieder 
aufstehen, dann mußten sie im schnellsten Tempo 
ihre Stiefel wichsen und am Nachmittag nähen, 
ohne auch nur ein Wort sprechen zu dürfen. Die 
Furcht vor dem Militärdienst würde sich in das 
Gegentheil verwandeln, wenn die Leute überzeugt 
wären, daß sie wohlwollend behandelt würden. 
Erfreulicherweise hat die Zahl der Selbstmorde 
seit 1880 abgenommen, nachdem die Sozialdemo 
kratie öffentliche Kritik an diesen Zuständen ge 
übt hat. (Beifall bei den Sozialdemokraten.) 
Kriegsminister Bronsart v. Schellendorf: 
Der Vorredner hat einem Abwesenden gegenüber, 
der sich hier nicht vertheidigen kann, den Vor 
wurf des Mordversuchs erhoben. Gegen einen 
preußischen General ist solcher Vorwurf noch nie 
erhoben worden und wird auch nie wieder er 
hoben werden. (Zustimmung rechts.) Der Abg. 
Bebel ist über den Fall Kirchhofs nicht genau 
rrientirt, er liegt folgendermaßen: Mehrere höhere 
Offiziere fühlten sich beleidigt durch einen Artikel, 
der im „Berliner Tageblatt" am 11 Febr. 1892 
stand und der sie in ihrer Familienehre angriff. 
Darunter war auch der General Kirchhofs. Am 
10 Oktober v. I. erst wurde dem General das 
Erkenntniß mitgetheilt, und in diesem Erkenntniß 
stand wunderbarer Weise, um nicht zu sagen un 
begreiflicher Weise — ich will den Gerichtshof 
nicht kritisiren — ein Satz, aus dem der General 
überhaupt erfuhr, daß die ganze Beleidigung 
gegen seme Person gerichtet war. Das zweite 
war, daß in der öffentlichen Verhandlung der 
Redakteur Harich erklärt hatte, den Beweis der 
Wahrheit anzutreten, und unbegreiflicher Weise 
lehnte das Gericht die Beweiserhebung als neben 
sächlich ab. Des Morgens 10 Uhr erhielt der 
General das Erkenntniß, rmd erfährt zum ersten 
Male daraus, daß seine Tochter, sein einziges 
Kind, öffentlich beschimpft sei. Er geht zu einem 
befreundeten Rechtsanwalt und fragt, was er 
thun könne; der antwortet: nichts, es giebt kein 
Rechtsmittel mehr. Der General wird in die 
äußerste Verzweiflung gebracht, er ist aufs tiefste 
empört, er geht in einen Waffenladen, kauft einen 
Revolver und begiebt sich zum Redakteur Harich. 
Er fragt ihn, ob der Redakteur sich bereit erkläre, 
den Beweis der Wahrheit für die seiner Tochter 
zugesügte Beleidigung zu erbringen. Das lehnte 
Harich ab und meint dabei, er erinnere sich der 
Sache nicht Der Rechtsbcistand werde es dem 
General erläutern. General Kirchhofs antwortete: 
Das sind Ausflüchte, denn sie müssen es wissen, 
Sie haben ja ihren Rechtsbeistand instruirt. Sie 
erklären mir nun, daß Sie ein ganz gemeiner 
Lügner sind. (Unruhe links, Zustimmung rechts.) 
Wenn Jhneir (links) Ihre Frau öffentlich beleidigt 
wird, dann traue ich auch Ihnen das zu, Sie 
schlagen den Menschen nieder; und daru 
haben Sie ein Recht (Unruhe links). Der 
General befand sich in einem Zustande der 
Nothwehr, denn auf der Welt war Niemand 
ihm zu helfen bereit. Ist einer von Ihnen, der 
eine Tochter hat und nicht bereit ist, sein Letztes 
. 41. 
' Unser Mickick'l Kille. 
Kriminal Novelle von Gustav Höcker. 
II. 
Das Städtchen, welches den Schauplatz 
unserer Geschichte bildet, zählte kaum 4000 
Einwohner, aber während der Sommermonate 
erhöhte sich die Ziffer bedeutend, denn der 
tleine Ort war mit einer heilkräftigen Quelle 
gesegnet. Obwohl der Ruf derselben wenig übcr 
zwanzig Meilen im Umkreise hinausreichte 
und das Badepublikum, welches hier Genesung 
und Kräftigung fand, meist dem Mittelstände 
angehörte, dessen ökonomische Verhältnisse den 
Besuch eines sogenannten Luxusbades nicht 
gestatten, so waren die heilkräftigen Wüsser 
doch immerhin für denjenigen Theil der ein 
heimischen Bevölkerung, welchesich den Fremden 
besuch zu Nutze zu machen wußte, zugleich 
eine Quelle des Wohlstandes. 
Das Städtchen zog sich m Form eines 
Winkelmaßes am südlichen und östlichen Ufcr 
eines tiefen Sees hin, der im Norden und 
Westen von dem bis ins Oesterreichischc hin 
reichenden Waldgebirge umzäunt wurde. Für 
das Städtchen selbst hatte der See nur wenig 
Bedeutung, denn er war weder reich an Fischen 
noch an landschaftlichen Reizen. Das Grenz 
gebirge starrte wie eine düstere Mauer ans 
ihn herab und das Städtchen prüscntirte sich 
nur von seiner Kehrseite; man sah einige 
schlecht gepflegte Gärten, in denen Wäsche 
zum Trocknen hing, sonst nur Buschwerk und 
schmale Streifen Acker- und Wiesenlandes. 
Der Garten hinter dem Bredow'schen Hause, 
welches im südlichen Stadttheilc lag, war 
»>it seinen Nußbäumen eine Hauptzicrde des 
Ufers; hier schaukelte sich auch ein schlank 
gebauter, schmucker Kahn, mittelst dessen man 
in schräger Linie nach dem Bahnhof übersetzen 
konnte, der im nordöstlichen Winkel des See's 
das Städtchen abschloß. Auf dieser Fahrt 
kam man an dem einzigen Häuschen vorüber, 
welches, halb hinter einem großen Gebüsch 
versteckt, zur rechten unmittelbar am See lag 
und das letzte verlorene Glied eines engen 
Gäßchens bildete, die einzige Verbindung 
zwischen der Ostseite der Stadt und dem 
See. 
Der Eigenthümer dieses Häuschens, über 
dessen Thür sich unmittelbar das Schindeldach 
erhob, hieß Kandier und war ein kraftiger 
Mann in den besten Jahren. Er hatte sich 
auf die Spezialität der Korkschnitzereien ver 
legt. Mit großer Kunstfertigkeit schnitt cr 
in ein großes viereckiges Stück Kork eine 
plastische Landschaft, sodaß das Ganze einem 
allerliebsten Reliefbilde glich, das auch wohl 
mit Farben bemalt war. Diese Bilder stellten 
Ansichten des kleinen Kurortes und seiner 
Unigcbung dar und bildeten einen viclgesuchten 
Artikel des Bredow'schen Geschäfts, wo sic 
als „Souvenirs" von dem Badcpubliknm 
gekauft wurden, sodaß der Korkschnitzer 
Sommer und Winter beschäftigt war, um 
den nöthigen Bedarf der Saison zu liefern. 
Bor einem Jahre war Kandler's Frau ge 
storben und da sie ihm zwei kleine Kinder 
zurückließ, so heirathete er wieder, und zwar 
war es die stattbckannte „Jette", bis dahin 
langjähriges Ladenmädchen bei Bredow's, 
welche mit ihrer verblühten Jugend und einem 
Sparkassenbuch von einigen hundert Mark 
Gnade vor den Angen des Wittwers fand. 
Am Morgen nach dm im vorigen Kapitel 
erzählten Vorgängen finden wir das Ehepaar- 
tief betrübt in seiner bescheidenen, fast ärm- 
für ihre Ehre hinzugeben? Ist einer von Ihnen, 
der im Stande wäre, vor seine Tochter hinzu 
treten und zu sagen: Ich habe nicht die Mittel 
und den Muth, um Deiner Ehre zu helfen? 
Wenn man einem tollen Hunde begegnet, so 
schlägt ihn todt. Ich will ja den Redakteur Harich 
hiermit nicht in Vergleich stellen, und wenn 
Jemand einen Menschen getödtet hat, so muß er 
beitraft werden. Der General Kirchhoff ist ein 
alter Offizier, der sich brav mit dem Feinde ge 
schlagen hat und verwundet worden ist. Wenn der 
an seinem Lebensabend gezwungen wird, zum 
Revolver zu greifen für die Ehre seiner Tochter, 
das ist doch kein Raufbold uiid kein Mörder. 
Dann sage ich: Es ist etwas nicht richtig im 
Staate, entweder die Freiheit zu verleumden oder- 
bezüglich des Rechtsschutzes. Solche Beleidigungen 
schüttelt man doch nicht ab wie ein Pudel das 
Wasser. Ich vertrete meinen Kameraden hier. 
Einem solcheii Manne bewilligt man mildernde 
Umstände und vor allem für den Fall, wo es 
sich um die Ehre einer deutschen Jungfrau han 
delt. (Lebhafter Beifall rechts.) 
Sächsischer Kriegsminister v. d. P l a n i tz er 
klärt zu dem Fall Gradnauer, daß dieser Mann 
in der „Sächsischen Arbeiterzeitung" ausgeführt 
habe, er hätte unter den schwierigsten Verhält 
nissen sich bei seiner Uebung als Unteroffizier 
der Reserve bemüht, den Sozialismus unter deit 
Leuten zu verbreiten, die die Bajonette tragen. 
Deshalb sei er gefänglich eingezogen. Gradnauer 
sei sofort entlassen, als festgestellt worden, daß 
er gegen sich selbst unwahre Angaben gemacht 
habe. 
Die Berathung wurde nunmehr vertagt. 
Ikl lilWt MàlW. 
Die erste Lesung des russischen Handels- 
Vertrages ist glücklich vorüber. Bier Tage 
haben die Herren Rcichsboten gesprochen, 
und doch sind alle noch nicht zu Worte 
gekommen, die es gewollt. Wenn Präsident 
v. Levetzolv nicht Donnerstag schließlich mit 
einer Nachtsitzung gedroht hätte, dann iväre 
man Donnerstag sicherlich noch nicht fertig 
geworden. 
Das äußere Schicksal des Vertrages ist, 
wie bekannt, die Ueberweisung an die um 
sieben Mitglieder verstärkte bereits bestehende 
Handelsvertrags-Kommission, die den ru 
mänischen Handelsvertrag durchberathen hat. 
Nur die Freisinnigen und die Sozial- 
Demokraten stimmten gegen die Commissivns- 
Berathung, vielleicht nur weil diese einmal 
über ihre Stellung zur Vorlage im Klaren 
sind, sodann weil sie mit Recht oder Un 
recht weniger auf den äußeren Schein 
geben. Es ist nämlich absolut unerfindlich, 
was die Commissionsberathung nützen soll. 
Denn über die Hauptfrage, annehmen oder 
ablehnen? sind doch nicht blos in der ersten 
Berathung des Reichstags, sondern bereits 
Wochen, ja Monate vorher der Worte 
genug gewechselt worden. Durch die Com 
lichen Häuslichkeit. Kandier saß vor seinem 
Arbeitstische, auf welchem einige angefangene 
Korkbilder umherlagen, und hatte den Kopf 
auf die verschränkten Arme gelegt. Jctte 
hatte ein verweintes, obwohl ruhig und gefaßtes 
Ofşicht und hielt ein etwa zweijähriges 
Mädchen auf dem Schoße. Dieses strecktc 
jubelnd und verlangend seine keinen Händchen 
nach seinem älteren Brüderchen aus, welches 
im Bette lag. regungslos und bleich wie Kreide, 
denn es war todt. 
„Wer weiß," sagte Jette, „ob Doktor 
Scheffer nils das Kind nicht gerettet hätte, 
wäre er geholt worden. Aber das ging leider 
nicht." 
„Wahrscheinlich wäre er zu so später 
Stimdc auch gar nicht gekommen," entgegnete 
Kandier mit dumpfer Stimme. „In dcr 
Badcsaison hat er keine Zeit für Unscreinm." 
„Es war noch gar nicht so spät," versetzte 
Jette, „denn es schlug gerade elf, als ich 
vom Bredow'schen Hause fortging. Auch ist 
Doktor Scheffer ein menschenfreundlicher Mann, 
daS weißt Du selbst am besten, denn er ist 
oft mitten in der Nacht zu Deiner kranken 
Frau gekommen. Aber so geht's," fügte sic 
mit einem schweren Seufzer hinzu, „wenn 
man etwas zu verheimlichen hat, was gegen 
Recht und Gewissen läuft. Wer weiß, wohin 
uns das noch führen wird! Fritzchens Tod 
ist die erste Strafe und ein ernster Fingerzeig 
unseres Herrgotts." 
„So sage mir etwas Besseres, womit ich 
mich ernähren und für unsere Zukunft sorgen 
kann!" rief der Mann bitter. „Leben und 
leben lassen" ist ein gutes Wort, aber im 
Wörterbuch Deiner angebeteten Frau Bredow 
steht cs leider nicht. Jahraus jahrein hat 
diese Blutsaugcrin meine Kunstfertigkeit aus 
gebeutet und mir dabei kaum das tägliche 
Brot vergönnt. Meine erste Frau starb just 
zur rechten Zeit, daß ich mich mit Deinem 
Ersparniß vor meinen schlimmsten Gläubigern 
retten konnte, die mir das Häuschen verstei 
gern lassen wollten. Ich war fleißig und 
nüchtern, wie Jedermann weiß, aber das 
half mir nichts. Wahrhaftig! ein Holzspal- 
ter- erhält eine bessere Bezahlung, als ich für 
meine Korkschncidereien erhalten habe, abcr 
znm Holzspalten bin ich zu stolz, da griff 
ich lieber zum —" 
Er machte eine stumme Handbewegung, 
indem er nach der Richtung des See's 
deutete. 
„Wenn's nur Frau Bredow nicht noch 
herausbringt!" befürchtete Jette. „Sie frug 
uiich gestern, warum Du gar nichts mehr 
ablieferst und was Du eigentlich treibst. Ich 
wußte nicht, was ich antworten sollte, und 
wäre in die größte Verlegenheit gerathen, 
hätte ich nicht glücklicherweise von etwas 
reden können, was ihr die Lust zu weiteren 
Fragen verleidete." 
„Kann mir's denken, was das war," sagte 
Kandler spöttisch; „wahrscheinlich die kleine 
Liebesscene, die Du am Sonntag-Abend hicr 
am Sec zwischen Rudolf und der Schwarzen, 
wie Du die neue Ladenjungfer nennst, belauscht 
hast. Es wäre besser gewesen, Du hattest 
den Mund gehalten. Was geht die Sache 
Dich an?" 
„Sehr viel!" widersprach Jette heftig. 
„Soll ich etwa ruhig zusehen, wie die 
Schwarze mit ihren Berführnngskünsten den 
Frieden und die Ruhe einer Familie unter 
grübt, in der ich gehalten wurde wie das 
Kind des Hauses? Das wäre ein schlcchter 
Dank!" ' ' 
»Zuletzt liefe das ganze Unglück doch nur 
aus eine Heirath hinaus," entgegnete Kandlcr 
in müdem Tone, „bei der mehr gewonnen 
als verloren würde. Ein armes, schönes 
Mädchen, dessen Familie vielleicht durch un 
verschuldetes Unglück herabgekommen ist, be 
käme einen reichen Mann; Vater Bredow 
würde gegen die Schwiegertochter auch nichts 
einzuwenden haben, denn er sagte lieber Ja 
als Nein, soweit er überhaupt etwas sagen 
darf, und so bliebe als einzige Unglückliche 
nur Frau Bredow übrig, und die verdient 
mit ihrem Geldftolz und ihrer gemeinen 
Habsucht wahrhaftig keine Rücksichten." 
Es zeugt aber doch von einer sittlichen 
Verkommenheit," rief Jette entrüstet, „wenn 
ein Mädchen, das obendrein noch gebildet 
sein will, sich mit einem jungen unerfahrenen 
Manne in ein heimliches Liebesverhältniß 
einläßt." 
„Unerfahren? Hm! Rudolf ist wohl 
sogar ein paar Jahre älter als das Mäd 
chen. Und fast alle Ehen haben mit heim 
lichen Liebesverhältnissen begonnen. Einmal 
muß man sich's doch sagen, daß man sich 
liebt, und selbst gebildete Leute pflegen das 
nicht zu thun, wenn Andere dabei sind. Abcr 
Du hast nun einmal auf die Schwarze einen 
furchtbaren Haß geworfen — und ich weiß 
warum." 
„Nun, warum denn?" fuhr Jette heraus 
fordernd auf. In diesem Augenblicke erschien 
draußen vor dem offenstehenden Fenster, hintcr 
wclchem Kandler am Tische saß, daS auf 
geregte Gesicht einer Nachbarin. 
„Wißt ihr auch das Neueste?" rief sie 
hastig herein. „Soeben hat man Frau 
Bredow todt in ihrem Bette gefunden. Sie 
ist ermordet." (Fortsetzung folgt.)
	        
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