Full text: Newspaper volume (1894, Bd. 1)

Erscheint tägtich. o- 
60S 
I. erd 
Bezugspreis: 
vierteljährlich 2 Ji.—, frei ins Haus geliefert 
2 Ji 15 Ļ 
für Auswärtige, durch die Post bezogen 
2 Ji 25 S> 
inel. Postprovision rc., jedoch ohne Bestellgeld. 
3, Jnsertionspreis: pro Petitzeile 15 
AelLestes und gelesenstes KLatt rm Kreise Uendsdurg. 
Anzeigen für die Tagesnummer werden dis 12 Uhr Mittags erbeten. 
-£v 87ster Jtthrgmrg. 
Bei Betriebsstörungen 
irgend welcher Art ist die regelmäßige Lieferung 
dieses Blattes vorbehalten. 
Als Beilagen 
werden dem Blatt „Der Landwirth" sowie das 
Blatt „Mode u. Heim" gratis bcigegeben. 
3000 Abonnenten. 
I 
»stieg 
Ml 
I 
mutt* 
>eiß. 
ir. 
Wo. 31. 
Dienstag, öen 6. Jebruar 
1894. 
auê 
d all! 
er 
in 
wird 
und 
ff- 
lerel' 
ckbck' 
ntetti/ 
s taqti 
600 
heti 
>en. , 
9^ 
er 
24ft 
I 
l46d 
tints' 
sofoo 
03. 
>on 
a & 
)& 
theil' 
rz 
>g er 
n dk< 
rauir 
jen. 
¥ 
cAi>'ķ 
»des 
bet 
ks-j 
&> 
# 
or-!, 
;e,s> 
V 
'"k 
f* 
Morgen-Depeschen. 
^ Breslau, 5. Februar. Der Abgeordnete 
Szmula erklärte in einem Schreiben an 
sie „Oberschlesische Grenzzeitung", er stimme 
für den russischen Handelsvertrag. 
Neisse, 5. Febr. Nach einer Mittheilung 
der „Neisse Zeitung" werden die Abgeord 
neten Metzner und Nadbyl gegen den rufst 
schen Handelsvertrag Stellung nehmen. 
Belgrad, 5. Febr. Anläßlich des am 
gestrigen Hoffcste stattgefundenen Galadiners 
brachte der König einen Toast auf das 
Ministerium Simic aus, der einen tiefen 
Eindruck machte und große Befriedigung 
hervorrief. König Alexander erklärte,' daß 
er nicht König einer einzelnen Partei sein 
wolle, sondern als Herrscher einer ganzen 
Nation handeln müsse. Diesem Princip 
folgend, habe er die jetzige neutrale Regie 
rung berufen, der er sein volles Vertrauen 
entgegen bringe. Frieden und Eintracht 
in allen Zweigen des öffentlichen Lebens 
gelte ihm am höchsten und er hoffe, daß 
alle Patrioten das Ministerium Simic 
wirksam unterstützen werden. 
Belgrad, 5. Febr. König Alexander be 
suchte gestern Abend mit Milan den großen 
Ball der Belgrader Kaufmannschaft. Der 
Exkönig schritt auf den ebenfalls erschie 
nenen General Gruic zu und machte ihm 
heftige Vorwürfe über das Verhalten der 
Radikalen und deren Blätter. Gruic ant 
wortete dem Könige in nicht minder erreg 
ter Weise und verließ dann den Ball. Da 
das Borkommniß unter Gegenwart vieler 
Zeugen geschehen war, rief dasselbe großes 
Aufsehen hervor. 
Belgrad, 5. Febr. Infolge des gestern 
verbreiteten Gerüchtes, König Alexander 
werde bei dem Galamahle die Verfassung 
für aufgehoben erklären und das Land für 
einige Zeit verlassen, sowie den Exkönig 
Milan als Regenten einsetzen, durchzogen 
in Schabatz dichtgedrängte Menschenmassen 
lärmend und johlend die Straßen und 
schrieen: „Hoch Karagiorgievit!" — Das 
gestern am Belgrader Bahnhöfe zahlreich 
anwesend gewesene Publikum, welches die 
Ankunft der Königin Natalie erwartete, 
wußte sich enttäuscht wieder zerstreuen, 
°a die Königin nicht eintraf. Sonach loar 
Mch das über ihre Ankunft Verbi eitete 
Gerücht aus der Luft gegriffen. 
Deutscher Reichstag. 
41. Sitzung. 
Berlin, 5. Febr. 
Der Abg- ».Unruhe-Bonist (Reichsp.) hat 
sein Mandat niedergelegt. 
Die zweite Berathung des Reichshaushalts 
wird beim Etat des Reichskanzlers und der 
Reichskanzlei eröffnet. 
Abg. Dr. F r i e d b e r g (ntl.) richtet an die 
Regierungen die Frage, ob es angängig sei, daß 
ein deutscher Bnndesfürst Unterthan eines fremden 
Staates sei Die Doppelstellung des Herzogs 
von Koburg-Gotha habe in weiten Kreisen leb 
hafte Beunruhigung erregt. 
Reichskanzler Graf C a p r i v i: Er wolle auf 
eine prinzipielle Erörterung der Frage nicht ein 
gehen. Die Thronfolgefragen seien nach dem 
Landes- und Fürstenrecht zu entscheiden, und der 
Bundesrath habe nur die Frage zu prüfen, ob 
der präsentirte Bevollmächtigte zum Bundesrath 
de jure in der Lage sei, das betreffende Land 
zu vertreten. Der Herzog von Gotha sei zweifel 
los Deutscher und souveräner Fürst von Koburg- 
Gotha. Diese Eigenschaften schlössen eo ipso jede 
Abhängigkeit vom Auslande aus. Was auch die 
Juristen sagten, es sei undenkbar, daß ein deutscher 
Fürst Unterthan eines nichtdeutschen Staates sein 
könne er ja im Falle eines Krieges 
wegen Ausübung seiner Pflichten gegen Deutsch- 
'îf.® 11 dem betreffenden auswärtigen Staate 
als Hochverrather belangt werden Da der Herzog 
nicht Unterthan einer andern Macht sein könne, 
liege kein Grund zur Besorgniß vor. Es sei 
lediglich die Sache des Herzogs, sein Verhältniß 
zu dem andern Staat so zu regeln, daß es nicht 
mit seinen Pflichten gegen Deutschland kollidire. 
Soweit er gesehen, habe der Herzog den festen 
Willen, diese Pflichten zu erfüllen; eine Ein 
mischung von Seiten des Reichs habe nicht nur 
keinen praktischen Zweck, sondern sei auch be 
denklich. 
Abg. Spahn (Ctr.): Es gehe nicht an, sich 
m die Angelegenheiten der Einzellandtage zu 
mischen. Man scheine eine Aenderung der Thron 
solgeordnung herbeiführen zu wollen. 
Abg. Richter (f. Volksp.) Er habe von 
einer Aufregung in Deutschland nichts bemerkt 
Die Sache sei sofort durch die Erklärung des 
Kanzlers völlig erledigt. Er wäre froh, wenn 
keine ernsteren Fragen vorlägen, als solche formalen 
Quisquilien. 
Abg. F r i e d b e r g legt gegen die Aeußerungen 
ber beiden Vorredner Verwahrung ein. Seine 
Partei behalte sich die iveitere Stellungnahme vor. 
Bundesbevollmüchtigter für Koburg-Gotha von 
B o n i n erklärt ausdrücklich Namens der koburg- 
gothaischen Regierung, daß der Herzog selbstver 
ständlich als souveräner deutscher Bundesfürst in 
keinem Unterthanenverhältnisse mehr stehe und 
England gegenüber keinerlei Verpflichtungen habe, 
welche seiner jetzigen souveränen Stellung irgend 
wie zuwiderlaufen. 
Eine im Etat des Reichsamts des Innern neu 
geforderte Stelle für einen Direktor in diesem 
Amt war von der Kommission gestrichen worden. 
.Abg. Frhr. v. Stumm (Reichsp) begründet 
lemen Antrag, die Stelle zu bewilligen, mit der 
großen Masse der Geschäfte, die dem Reichsamt 
des innern obliegen. Bei Nichtbewilligung der 
Stelle wurden die Arbeiten, betreffend die Aus- 
lstn'sthen^bŗ Şonntagsruhe, sich noch sehr lange 
Staatssekretär v. Bötticher legt dies im 
Einzelnen dar und ersucht das Haus, die For 
derung zu genehmigen. 
Abg. Bebel (Soz.) befürwortet die Bewilli 
gung der Stelle im Interesse namentlich der 
Arbeitnehmer, welche unter der Verzögerung der 
Arbeiten in diesem Amt am meisten litten, und 
spricht die Ansicht aus, daß die betreffenden 
Arbeiten doch weit mehr beschleunigt werden 
könnten. 
Staatssekretär ».Bötticher widerspricht der 
letzteren Behauptung. 
Abg. Gröber (Ctr.) spricht für den Kommis 
sionsbeschlußnamentlich aus Sparsamkeitsgründen. 
Abg. L e n z m a n n (freist Volksp.): Seine 
Partei werde für den zweiten Direktor stimmen, 
den die Rechte anscheinend aus ihrem Bestreben, 
zu frondiren, ablehne. 
Abg. Wurm (Soz.): Die Konservativen 
sollten ihre Sparsamkeit lieber beim Militäretat 
zeigen. Auf dem Gebiete der Sozialpolitik sei 
so viel zu leisten, daß die Forderung bewilligt 
werden müsse. Der Redner bespricht sodann 
Angriffe von Arbeitgebern gegen die nach Ansicht 
derselben zu arbeiterfreundlichen Fabrikinspektoren. 
Im Nebrigen bringt der Redner eine Reihe 
von Beschwerden gegen die Unternehmer vor, 
welche die segensreiche Thätigkeit der Inspektoren 
vielfach zu durchkreuzen suchten. 
Ausland. 
Außereuropäische Gebiete. 
Brasilien. Nach einer Depesche ans 
Rio de Janeiro sind die Regierungstruppen 
bei Curityba geschlagen worden und in der 
Schlacht 200 Mann gefallen. Admiral de 
Mello soll eine Abtheilung von 1000 
Plann nach einem Orte in Südwesten von 
Curityba gesandt haben. 
Eine aus Oesterreich in San Franzirko 
eingewanderte Frau Jenny Schattuk, in 
Böhnien geboren, hat, wie dem „W. Ill 
Extrabl." geschrieben wird, den Geliebten 
ihrer Tochter, einen gewissen Herrn G. 
Pool, erschossen, weil dieser sich weigerte, 
das Mädchen, eine Choristin des Tivoli- 
Theaters, seinem Versprechen gemäß zu 
heirathen.. Frau Schattuk hatte bereits 
ihre Vorverhöre zu bestehen. Ein Oester 
reicher, Rechtsanwalt Löwenthal, ist der 
Vertheidiger der Frau, die sich in Haft 
befindet. 
Frankreich. 
Paris, 5. Febr. Die Hinrichtung 
Vaillants war für heute nicht erwartet. 
Der Präsident der Republik wollte zunächst 
nvch den Vertheidiger Vaillants empfangen, 
war aber durch ein rheumatisches Leiden 
daran gehindert worden. Zudem pflegen 
nach altem Brauch an Karnevalstagen keine 
Hinrichtungen stattzufinden. Nach den 
wüsten Scenen an den Vortagen lag daher 
die Place de la Roquette ganz leer da, als 
nach Mitternacht mit Errichtung der Guillo 
tine begonnen wurde. Offizielle Persönlich 
ketten und die Zeilungsredaktionen hatten 
die bevorstehende Hinrichtung erst spät in 
der Nacht erfahren. Schutzleute der elften 
Mairie, ein Linienregiment, ein Bataillon 
der Nationalgarde, seine Abtheilung Gen 
darmerie und viele Agenten der politischen 
Polizei bildeten das außergenöhnlich starke 
Aufgebot von Ordnungsmannschaften. Die 
Hinrichtung selbst fand mit großer Schnel 
ligkeit statt. Vaillant wurde erst um 7 Uhr 
Morgens geweckt, er kleidete sich schnell an, 
verweigerte geistlichen Beistand, 
wollte auch weder eine Cigarrette noch 
Spirituosen zu sich nehmen. 12 Minuten 
nach 7 Uhr öffneten sich die Gefängniß' 
chore. Vaillant trug einen Vollbart. Kein 
Priester geleitete ihn. Er marschirte mit 
zuversichtlichem Schritt, den Kopf erhoben. 
In der Mitte des Weges angekommen, rief 
er mit lauter Stimme: „Tod den Bour- 
geois! es lebe die Anarchie!" Wenige Se 
kunden darauf war sein Kopf gefallen. 
England. 
In der englischen Industriestadt Brad 
ford lebt ein Industrieller Namens Priest 
ley, Eigenthümer von vier großen Fa- 
briken. Des ewigen Geredes der Sozial- 
demokraten, als ob sich „der Arbeitgeber 
von dem Schweiße der Lohnsklaven niäste", 
müde, stellte er dem Ausschüsse der Arbeiter- 
Partei eine seiner Anstalten sammt dem 
Dampfmaschinen-Betriebe und noch einen 
Kredit von 6000 Pfd. Sterl. (120000 J/) 
'für die Dauer dieses Jahres mit der ein 
zigen^ Bedingung zur unentgeltlichen 
Verfügung, daß der Fabrikationsbetrieb 
nach den Satzungen der Trades-Unions 
gehandhabt und die Geschäfte ganz im 
Geiste der sozialdemokratischen Prinzipien 
geführt werden sollten. Die Bradforder 
Genossen haben indeß das Anerbieten ab- 
gelehnt, wie der „Vorwärts" behauptet, 
deswegen, weil die Anlage schlecht rentire, 
so daß sie auch kein Bourgeois übernehnie. 
Es wäre wohl zu kostspielig für Herrn 
Priestley, diesen Einwand durch die That 
zu widerlegen. Vermuthlich würden sich 
viele „Bonrgois" finden, die die Fabrik 
gerne übernehmen; denn sie soll nach an 
deren glaubwürdigern Berichten ganz gut 
gehen. 
Oesterreich. 
In Pilsen hat im Cafe Waldeck der 
Lieutenant Jkalolowic, der wegen be 
leidigenden Benehmens gegenüber der Kauf 
mannsgattin Kohn zur Rede gestellt wor 
den, mit dem Säbel dem Kaufmann Kohn 
und dem Brauer Loewit schwere Ver 
letzungen beigebracht. 
Dänemark. 
Kopenhagen, 5. Febr. Der deutsche 
Kaiser hat durch den deutschen Gesandten 
Freiherrn von den Brincken der Prinzessin 
Waldemar 500 J( für die Hinterbliebenen 
der verunglückten Schiffer von West - Jüt- 
land zustellen lassen. 
Kopenhagen, 4. Febr. Ein gefährlicher 
internationaler Schwindler, ein Amerikaner 
Namens Wilson, der große Betrügereien 
in verschiedenen europäischen Hauptstädten^ 
verübt hat, ist in Aarhus verhaftet 
worden. Er trat als Korrespondent ver 
schiedener europäischen und amerikanischen 
Blätter auf, suchte Annoncen für dieselben 
zu erwerben, ließ sich die Hälfte des Be 
trages voraus bezahlen und verschwand 
dann mit dem Gelde. Er spielte den Vor 
nehmen, ging elegant gekleidet und sprach 
geläufig 5 oder 6 Sprachen. 
Schweiz. 
In Solothurn ist der 18jährige Aus- 
läufer der Kantonalbank, Namens Schultz 
aus Sumiswald (Kanton Bern) mit einer 
Summe von 25 000 Francs flüchtig ge 
worden. 
Magelone. 
Roman von B. von der Lancken. 
Sie wollte ihm schreiben. 
Anfangs zögernd, dann rascher und rascher 
glitt die Feder über das Papier, hier und 
da verwischte wohl eine herabfallende Thräne 
die Worte; bald waren vier Seiten eng be 
schrieben, kouvertirt, gesiegelt und mit der 
Adresse versehen. Es schlug 10 Uhr; rasch 
îsgìàşş sic ihr Tuch, schlüpfte die Treppe 
hinab und zum Hause hinaus zum nächsten 
Brleskasten — sie preßte die Hand aufs Herz 
u"b ° ° ww befreit ans. In dieser 
‘„"Æ; ş» M°,° sti. 
Die nächsten Tage verstriche ihr in fieber- 
haster Erregung, 3*ben Abend, wenn sie 
nach Hause kam, hoffte sie eine Antwort vor 
zufinden — sie hatte ja nur um eine Zeile 
gebeten, nur um eine Zeile. 
^ Da eines Morgens, sie wollte eben die 
Treppe hinuntergehen, kam ihr der Bricfbote 
entgegen. 
„Fräulein Magelone Dyrfurt?" fragte er. 
2hr stockte der Herzschlag, die kleine Hand 
schloß sich fast krampfhaft um das Treppen 
geländer. 
„Ich bin's." 
„Ein Brief zurück aus W. an Herrn von 
Zelten; Adressat verweigert die Annahme." 
Er reichte ihr das Schreiben und schritt 
gleichgültig die Treppe hinab. Einen Augen 
blick lang rührte sich Lona nicht, wie geistcs- 
"hwesend starrte sie auf ihre eigenen Schrift- 
Kge, dann durchbebte ein Zittern ihre Ge- 
i'alt und mit dem herzzerreißenden Aufschrei: 
"T, Rolf, wie kannst Du, wie kannst Du!" 
"ach sie besinnungslos zusammen. 
Dottchen hatte dm Schrei und den Fall 
gehört — der Brief, den Lona in der Hand 
hielt, verrieth ihnen alles. 
Unter Thränen entkleideten sie die Ohn 
mächtige und brachten sie ins Bett; ihren 
vereinten Bemühungen gelang es, sic allmäh 
lich ins Leben zurückzurufen. 
„O, warum muß ich weiter leben," flüsterte 
sie beim Erwachen, „mir war so wohl —" 
Der Arzt erklärte den Zustand nicht weiter 
für gefährlich, und schon am anderen Tage 
durfte Lona aufstehen; ihre Besuche bei der 
Geheimräthin wurden aber für die nächste 
Woche abgesagt. 
So traf cs sich, daß sie an einem der 
ersten Tage des Februars Nachmittags, im 
Lehnstuhl am Fenster sitzend, las. Beim 
Umwenden einer Seite fiel ihr Blick auf die 
Straße und im ersten Moment hatte sic die 
Empfindung, als überkäme sie wieder jenes 
Ohnmachtsgefühl — ein mit Rappen be 
spanntes Kupee, Kutscher und Diener in 
weißer Livree mit karmoisinrothen Aufschlägen 
rollte heran. Prinz Edelsberg. 
Die Equipage hielt vor ihrem Hause, der 
lener sprang ab und kam ins Haus, -— 
er Umgelte; Lona sprang auf. Das Blut 
jagte durch ihre Adern, tausend Vermuthungen 
wirbelten durch ihren Kops - jetzt hörte sie 
draußen Tante Lottchcn mit dem Diener einige 
Worte wechseln, gleich darauf trat sic ins 
Zimmer; die alte Dame war ganz blaß und 
zitterte und ihre Stimme zitterte auch. 
„Prinz Edelsberg schreibt mir hier ein 
paar Zeilen" — sie hielt ein Kouvert und 
eine Bisitkarte in der Hand — „und bittet 
um die Erlaubniß, Dir zunächst allein seinen 
Besuch machen zu dürfen. Ich habe dem 
Diener ..." 
Inland. 
— Der Kaiser besprach auf der heutigen 
larlamentarischen Soiree Caprivi's lebhaft 
den russischen Handelsvertrag. Er hob 
ernst die Bedeutung desselben und die Fol 
gen der Ablehnung hervor, er schilderte sie, 
nach der „Rat.-Ztg." in lebhaften Farben 
und sprach zuversichtlich die Erwartung aus, 
daß der Patriotismus und das Verantlich- 
keits-Bewußtsein des Reichstages verhindern 
müssenden Vertrag abzulehnen. Die Fra 
gen, die mit dem Vertrage zusammenhingen, 
verlangten gebieterisch eine glückliche Lö. 
sung. Der Reichstag werde sich ein un 
vergängliches Denkmal errichten und die 
dauernde Dankbarkeit des deutschen Vvlkes 
erwerben, wenn er alle Bedenken fallen lasse. 
— Die kaiserlichen Prinzen haben ihrem 
Vater zum Geburtstage eine besondere Fest- 
freude bereitet. Da der Tag wegen des 
25jährigen Militärjubiläums eine erhöhte 
Bedeutung hatte, so dachte die Kaiserin, 
daß auch ihre Kinder diesmal den Vater 
durch etwas Außerordentliches überraschen 
müßten. Der Erzieher der Prinzen, Gar 
nisonspfarrer Keßler, wurde daher noch in 
Ein rascher, elastischer Schritt ertönte schon 
auf der Treppe, jetzt im Korridor. 
„O, mein Gott," flüsterte Lona, „nur jetzt 
keine Schwäche." 
Da trat der Prinz schon durch die nur 
angelehnte Thür ins Zimmer. Tante Lott 
chen konnte nicht einmal mehr in das Neben 
gemach verschwinden. Edelsberg verbeugte 
sich respektvoll vor ihr, dann vor Magelone. 
„Durch außergewöhnliche Verhältnisse ver 
anlaßt, bitte ich, verehrtes Fräulein, mir eine 
kurze Unterredung unter vier Angen mit 
Fräulein Dyrfurt zu gestatten," begann er dann, 
an Tante Lottchcn herantretend. 
„Gewiß, Durchlaucht; ich habe meiner 
Nichte bereits Ihren Wunsch mitgetheilt," 
ihre Stimme zitterte immer noch ein wenig 
und das leise in der Hand bebende Kouvert 
verrieth, daß sie überhaupt ihre Ruhe noch 
nicht wiedergefunden hatte. 
„Ich danke Ihnen, gnädiges Fräulein. 
Nochmalige gegenseitige Verbeugung und 
Lottchen Dyrfurt's schlanke Gestalt verschwand 
durch die möglichst schmal geöffnete Thür in 
ihr Allerhciligstes, ihr Schlafzimmerchen. Lona 
und der Prinz waren allein. 
Minutenlang herrschte Schweigen zwischen 
ihnen. Die eine Hand ans den kleinen Korb 
lehnstuhl gestützt stand das junge Mädchen 
vor dem Prinzen, die Farbe wechselte rasch 
in ihrem Antlitz, ihre Augen waren gesenkt. 
Sascha Edelsberg's ganzes Herz schlug ihr 
entgegen. Gerade so wie er sie heute wieder 
fand, leidend, kummervoll, mit dem Ausdruck 
seelischer Erregung auf dem schmalen Gcsicht- 
chcn, die Haltung der feinen Gestalt gebeugt, 
erschien sie ihm in ihrer Verlassenheit von 
rührender Anmuth. Die tiefe Trauerkleidung 
ließ die zierlichen Formen fast schmächtig er 
scheinen, dm zarten Teint und das Goldblond 
des Haares noch mehr hervortreten. 
„Magelone," sagte er endlich mit bebender 
Stimme, „was müssen Sic gelitten haben 
und was werden Sie gedacht haben, daß ich 
fast drei Monate verstreichen ließ, ohne Sic 
aufzusuchen. Sie haben meinen Brief damals, 
bald nachdem Sie Strombeck verließen, er 
halten ?" 
„Ja, Durchlaucht." 
„Es war wenig genug gesagt, aber ich 
hoffe, Sie haben zwischen den Zeilen gelesen 
was mein Zartgefühl mir verbot, Ihnen schon 
in jenen Tagen offen zu sagen. Sie haben 
viel Ursache, mir zu zürnen; durch meine 
Schuld ist viel Kummer über uns Alle ge 
kommen. Bergcbcn Sie mir." 
„Ich habe nichts zu vergeben, mein Prinz, 
die Schuld trifft uns Beide und mich nicht 
zum geringsten Theil." 
„Sie sind ein edles, tapferes Mädchen," 
sagte er, „ich danke Ihnen für diese Worte, 
Magelone, aber sie enthalten eine zu harte 
Verurtheilung Ihrer selbst. Doch ich bin 
nicht gekommen, um mit Ihnen über ver 
gangenes Leid und vergangenes Fehlen zu 
sprechen. Sie zum wenigsten haben an 
ersterem schwer getragen, ich sehe es, und 
letzteres hart genug gebüßt. Wovon wir 
sprechen wollen, Lona, das ist die Zukunft, 
die Zukunft, in die ich Sic führen will, und 
in der Sic an meiner Hand und durch meine 
heiße hingebende Liebe vollen Ersatz finden 
sollen für alles, was Sie vorloren, für alles, 
was Sic gelitten haben. 
Er schwieg. Da sie nicht antwortete, fuhr 
er fort: 
„Ich wäre, hätte ich meinem Herzen fol 
gen dürfen, längst gekommen; aus Rücksicht 
für Sic und Ihre spätere Stellung als 
meine Gemahlin geschah es nicht. Rolf 
Belten mußte erst vollständig genesen sein 
und die erste Hochfluth des Klatsches und 
der Vermuthungen sich verlaufen. Auch in 
meiner Familie wollte ich alles so geordnet 
haben, daß, wenn Sie nun kommen, man 
Sie nicht mit kalter Zurückhaltung, sondern 
als liebes Mitglied derselben empfängt. Alles 
das ist nun eingetreten. Herr von Belten 
ist wieder in seinem Beruf thätig, man spricht 
nicht mehr von der ganzen Geschichte, und 
mein Bruder wie seine Gemahlin haben mir 
gesagt, daß Sic als meine Braut auf Schloß 
Rodcck empfangen werden, von Tema gar 
nicht zu reden. Magelone, liebes, theures 
Mädchen, so gieb mir denn diese liebe kleine 
Hand zu eigen fürs ganze Leben, laß mich 
das „Ja" von Deinen Lippen küssen." 
Er hatte warm und voll innigen Gefühls 
gesprochen, jetzt beugte er sich zu ihr nieder, 
jic an seine Brust zu ziehen, aber mit einer- 
jähen Bewegung wich sie von ihm zurück. 
„stiicht so, Prinz Sascha," sagte sie halb 
laut mit erregter Stimme, „nicht so; ich 
muß Ihnen viel, sehr viel noch sagen und 
kann Ihnen doch nicht gewähren, um was 
^ie mich bitten. Setzen Sie sich zu mir 
und hören Sic mich an, Prinz, geduldig und 
ohne Groll." Sie nahm auf dem Sopha 
Platz, Prinz Edelsberg rückte für sich einen 
Lehnstuhl an ihre Seite. Sekundenlang 
zupfte sie, unschlüssig, wie beginnen, an der 
Sophalehnen-Quaste; endlich sagte sie: „Ich 
kann nicht, nie, Ihre Gattin werden." 
Ihre Aufregung hemmte für kurze Zeit 
ihre Stimme; sie schwieg, während Edels 
berg, bis in die Lippen erbleicht, ihr gegen 
über saß. Nach einer kurzen Panse sah sie
	        
Waiting...

Note to user

Dear user,

In response to current developments in the web technology used by the Goobi viewer, the software no longer supports your browser.

Please use one of the following browsers to display this page correctly.

Thank you.