Full text: Newspaper volume (1894, Bd. 1)

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Morgen-Depescherr. 
Berlin, 2. Jan. Drohbriefe von 
Anarchisten sollen dem „Reichsboten" 
zufolge vor den Feiertagen an mehrere 
hiesige Geistliche ergangen sein. Sie ent 
hielten die Ankündigung, daß in der Syl- 
vesternacht in einigen Kirchen Dynamit 
attentate verübt werden sollten. Die be 
nachrichtigte Polizei ließ die Kirchen über 
wachen, hielt aber im übrigen die Sache 
für einen dummen Streich. 
Berlin, 2. Jan. Der Streik der Taxa- 
Meterdroschkenkutscher ist gestern perfekt ge 
worden. Die Kutscher verweigern das 
Tragen der von der Polizei verfügten 
weißen Cylindcrhüte und wollen die Arbeit 
erst wieder aufnehnien, wenn die Verfügung 
zurückgezogen wird. Der durch den Aus 
stand den Fuhrwerksbesitzern verursachte 
Schaden ist bedeutend. 
Ohligs, 2. Januar. In einem in der 
Nähe gelegenen Wäldchen brachte sich ge 
stern ein Reisender einen Schuß in den 
Kopf bei und war sofort todt. Man fand 
bei ihm 69 Mark. 
Chemnitz, 2. Jan. In der Nacht von 
Sonntag auf Montag wurde ein Lustmord 
an der fünfjährigen Tochter des Restaura 
teurs Kalitzki verübt. Dem Kinde ist der 
Leib aufgeschnitten und liegt dasselbe hoff- 
Uungslos darnieder. Vorher wurde an 
der achtjährigen Schwester des Kindes eben 
falls ein Attentat versucht. Der Thäter 
ist entflohen. 
München, 2. Jan. Bei dem gestrigen 
abendlichen Neujahrsfeste des Hofes 
wurde der frühere Gesandte, Baron Truch 
seß tödtlich vom Schlage getroffen. 
In panikartiger Verwirrung wurde 
die Festlichkeit sofort abgebrochen. 
Wien, 2. Jan. Großes Aufsehen erre 
gen die Meldungen polnischer Blätter in 
Lemberg, nach welchen es sich bestätigen 
soll, daß vor kurzer Zeit am Zaren ein 
Vergiftungsversuch durch Fische gemacht 
wurde, welche mit Arsenik versetzt ge- 
wesen sein sollen. Der Zar sei in der 
That leicht erkrankt, obgleich er nur sehr 
wenig von den Fischen genossen. 
Turin, 2. Januar. Hierselbst wird eine 
große Volksdemonstration gegen das Ver 
dikt des Schwurgerichts in Angoulême ge 
plant. 
Venedig, 2. Januar. Aus Mittel- und 
Süditalien werden große Schneefälle ge 
meldet, welche bedeutende Verkehrsstörungen 
zur Folge haben. Bei Capitanata, Puglien 
und Solmona sind die Eisenbahnlinien 
vollständig durch Schneeverwehungen ge 
stört. Bei Canzano liegt der Schnee zwei 
Meter hoch. Die Abruzzen sind infolge 
der Schneestürme nicht zu passiren. 
Palermo, 2. Jan. Nach weiteren Mit 
theilungen kamen in Pietraporzia ernste 
Tumulte vor, mehrere öffentliche und pri 
vate Gebäude wurden angezündet. Das 
Militär schritt ein. In Mazzara stürmte 
die Menge in das Katasteramt und die 
Steuereinnahme, verbrannte die Akten 
und zündete die Häuser an; auch in 
das Gefängniß suchte die Menge einzu 
dringen. In Belmonte fanden Kundgebun 
gen gegen die Kommunalabgaben statt. In 
Campobello wurden das Munizipium und 
das Steuergebäüde in Brand gesteckt. In 
Tarasini, Palma, Montechiaro und Cam- 
poreale fanden Zusammenrottungen statt, 
die ohne Zwischenfälle aufgelöst wurden. 
Prag, 2. Jan. Gegen die Omladimsten 
werden die Untersuchungen noch immer im 
größten Maßstabe fortgesetzt und immer 
neue Verhaftungen vorgenommen. Es 
wurde konstatirt, daß die Mörder Mrva's 
durch den kürzlich verhafteten Cziczek, dem 
Geschäftsführer des Jungczechenclubs, Geld 
erhalten haben, nachdem der Mord ausge 
führt worden war. Der Abgeordnete Engel 
besuchte gestern Cziczek im Gefängniß. 
Budapest, 2. Jan. Einem Konzessions- 
Gesuche behufs Eröffnung einer Dynamit 
fabrik wurde mit der Begründung nicht 
entsprochen, daß die Fabrikation von 
Sprengstoffen in den Kreis der Monopole 
aufgenommen sei. Alle europäischen Regie- 
rungen sollen dieserhalb Verhandlungen 
pflegen. 
Ausland. 
Außereuropäische Gebiete. 
Ueber die Meuterei in Kamerun liegen 
heute Drahtbcrichte aus englischer Quelle, 
Bonny, den 28. Dezember vor, die im 
wesentlichen die amtlichen deutschen Berichte 
bestätigen oder auch ergänzen. Die Meu 
terer bemächtigten sich danach nicht nur der 
Regierungsgebäude und vertrieben die Be- 
amten, sondern griffen auch die Faktoreien, 
darunter die der englischen Firmen in 
Kamerun mit Erfolg an. Der Kreuzer 
„Hyäne" operirte, unterstützt von den Kauf 
leuten, gegen die Meuterer, die schließlich 
verjagt wurden, nachdem Kamerun 9 Tage 
in ihrer Gewalt gewesen. Die Waaren in 
den Faktoreien blieben unberührt. 
Ncwyork, ^9. Dez. Aus Brantley in 
Alabama wird folgender Fall von gräß 
licher Brutalität und Lynchjustiz ge 
meldet. Ein Neger, namens Mak Segros, 
hatte in brutaler Weise ein kleines 12jähriges 
Mädchen, namens Hattie Leverage, das 
Kind eines respektablen Händlers, insultirt. 
Durch die Annäherung von einigen Ge 
fährten des Kindes in Furcht gesetzt, lief 
der Neger davon. Die Kinder eilten nach 
Hause und berichteten, was vorgefallen 
war. Mehrere mit Flinten bewaffnete 
Männer machten sich darauf sofort auf den 
Weg, um den Neger zu ergreifen und der 
selbe wurde nach einiger Zeit an demselben 
Orte gefangen, wo das Verbrechen verübt 
worden war. Auf den Knieen bat er um 
sein Leben, jedoch vergeblich. Er wurde 
gezwungen, seine beiden Hände auf einen 
Klotz zu legen und mit einem Beile wurden 
sie ihm abgehauen. Dann wurde ihm ein 
Strick um den Hals gelegt und er darauf 
an dem Aste eines Baumes aufgehängt. 
Der Ast brach jedoch und während der 
Neger, der sein Bewußcsein noch nicht ver 
lorcn hatte, auf dem Boden lag, goß Einer 
aus der Menge eine Kanne Kerosin über 
ihn aus und steckte seiner Kleider in Brand. 
Darauf wurde er an einem anderen Aste 
aufgeknüpft und der Körper von Kugeln 
durchbohrt. 
Japan. Nach einer Meldung des Reu- 
terschen Bureaus aus Yokohama vom 31. 
Dec. kam es bei der Eröffnung des Par- 
laments am 29. ds. zu äußerst stürmischen 
Scenen. Die Regierung vertagte deshalb 
das Parlament bis zum 12. Januar. Ein 
vorgestern veröffentlichtes Rescript löst je- 
doch das Parlament auf. Man erwartet 
einen hitzigen Wahlkampf. 
England. 
Eine Bierwette hat dieser Tage in Shcf- 
ield ein Menschenleben gekostet. Ein 35 
Jahre alter Mann Namens Thomas Scri- 
vener prahlte in einer dortigen Schänke 
einem Mittrinker Tomlinson gegenüber 
damit, daß er im Verlauf einer Stunde 
ein Dutzend Glas Bier trinken könne, 
wenn Tomlinson sie bezahlen wolle. Tom 
ans on willigte ein und Scrivener machte 
ich sogleich an die Aufgabe. In einer 
halben Stunde hatte der Unsinnige wirklich 
neun Glas vertilgt. Dann rief er plötz 
lich aus: „Ich habe genug" und fiel an- 
cheinend sinnlos betrunken zu Boden. Er 
wurde nach seiner Wohnung geschafft, wo 
es sich zeigte, daß er todt war. Zu be 
merken ist hierbei, daß das englische Bier 
viel mehr Alkohol enthält, als das deutsche 
und daher, wenn es nicht verfälscht ist, 
was jedoch sehr häufig vorkommt, bcdeu 
tend stärker auf das Nervensystem wirkt. 
şşraņkreick. 
Paris, 1. Januar. Der socialistische 
boulangistische Deputirte Mery hat eine 
Liga zum Schutze der nationalen Arbeit 
gegründet mit der Devise: „Keine fremden 
Arbeiter in unseren Werkstätten, keine 
fremden Erzeugnisse in unseren Geschäften." 
Paris, 1. Jan. Der „Figaro" veröffent 
licht zwei Documente, die Beweise dafür 
erbringen, daß Cornelius Herz gemeinsam 
mit dem verstorbenen Baron Reinach Be 
lrügereien bezüglich der Panamagelder öer 
übt hat. Die Publikation erregt allge 
meines Aussehen. 
Paris, 30. Dez. Am 1. Januar wird 
hier ein katholisch, sozialistisch es Blatt 
unter Leitung der Abbös Garnier und 
Naubeet, sowie des Grafen de Mun er 
scheinen. 
Italien. 
Rom, 30. Dec. Die Freisprechung der 
Mörder von Aigues-Mortes macht hier 
einen überaus schlechten Eindruck. Die 
„Tribuna" schreibt: „Die Italiener sind 
jetzt in Frankreich vogelfrei. Eine Nation, 
welche Verbrecher freispricht, die sich an 
Sterbenden vergreifen, wird von der ganzen 
gesitteten Welt verurtheilt." 
Genua, 1. Jan. In der vergangenen 
Nacht warfen einige betrunkene Leute mit 
Steinen nach dem Schilde an dem Hause 
des französischen Consuls. Zwei Personen 
wurden sofort verhaftet, die anderen ent- 
flohen. Ein höherer Polizeibeamter hat 
dem französischen Consul sein Bedauern 
über den Vorfall ausgesprochen. 
Trapani (Sicilien), 31. Dec. Arbeiter, 
welche an der neuen Vicinalstraße von 
Castelvetrano arbeiteten, griffen gestern die 
militärischen Posten und zwei Posten vor 
den Steuerhäuschen an und steckten die 
Wachthäuser derselben in Brand. Hierauf 
legten sie Feuer an das Centralsteuer- 
Bureau, an das Bureau des Steuerein. 
nehmers, an das Kataster-Bureau und an 
das Bureau des Friedensrichters. Den 
Soldaten gelang es, das Feuer zu löschen. 
Die Ruhestörer befreiten sodann die Ge 
angenen, welche seit uichreren Tagen in 
Haft gehalten wurden. Das Rathhaus, 
das Bankgebäude, sowie Post- und Tele- 
graphengebäude konnten vor den Ruhe- 
törern geschützt iverden. Letztere trugen 
vor den Soldaten die Bilder des Königs 
und der Königin her und acclamirten die 
selben. Mehrere Verhaftungen wurden 
vorgenommen. Nach Castelvetrano, wohin 
sich auch der Prüftet und der Staatsan 
walt begaben, sind Verstärkungen gesandt 
worden. 
Spanien. 
Madrid, 1. Januar. Die Ausgaben 
für die Expedition Melilla haben bisher 
35 Millionen betragen. Spanien wird 
von dem Sultan von Marrokko als Ent 
schädigung nur 25 Millionen verlangen; 
die übrigen 10 Millionen werden in das 
ordentliche Budget eingestellt. 
rKußland. 
Vom Charkower Gerichte werden die 
Direktoren der Volksbank von Krement- 
schug, Dr. Kiktenko, von Tschernitschew 
und Moissejenko, zum Verluste aller bür- 
gerlichen Ehrenrechte und zur Ansiedelung 
im Gouvernement Olonez verurtheilt. Die 
Verurtheilten hatten 600,000 Rubel unter- 
schlagen. 
Oesterreich. 
Wien, 28. Dec. Im hiesigen Rudolph, 
spital hat jüngst ein vom Arzt flüchtig ge- 
schriebenes, vom Apotheker flüchtig gelesenes 
Rezept den Tod eines Kranken verschuldet 
oder wenigstens beschleunigt. Das Rezept 
lautete auf: „Aq. Chlores." (Chloroform- 
Wasser), der Apotheker las: „Rp. Chlorof." 
(Nimm Chloroform) und gab statt des 
Chloroformwassers das Chloroform. Ein 
Theelöffel davon blies dem Kranken das 
Lebenslicht aus. Die Wärterin und der 
Apotheker standen gestern vor Gericht. 
Der Apotheker wurde zu einer Geldstrafe 
von 25 fl. wegen Fahrlässigkeit verurtheilt, 
die Wärterin wurde freigesprochen. Die 
ärztlichen Sachverständigen hatten ein Gut 
achten abgegeben, daß der Tod des Schwer- 
kranken auch ohne diese fatale Verwechse 
lung binnen wenigen Stunden hätte ein 
treten müssen. 
aung 
Roman von B. von der Lancken. 
Es war spät als das Fest sein Ende er 
reichte und die letzten Wagen vom Hofe rollten. 
Das Vcltcn'sche Ehepaar suchte sein Schlaf 
zimmer auf in dem Bewußtsein, daß alle 
Gäste sich wundervoll amüsirt und daß der 
Tag allen übrigen mehr Genuß gebracht als 
ihnen. ^ Karl Friedrich überschlug noch ein- 
nial dre bedeutenden Kosten und Frau Helene 
wüchle sich das wenig erfreuliche Eingcständniß, 
daß Rolf sich nicht im Geringsten für Dina 
und diese sich mehr für Herrn von Prcuß 
als ihren Sohn zu intercssiren schien; doch 
theilte keiner dem anderen seine Kümmerniffe 
und Enttäuschungen mit. Eingedenk des 
wichtigen Tages schlossen sich beide Ehegatten 
außergewöhnlich liebevoll in die Arme beim 
„Gute Nacht" sagen und suchten ihr Lager. 
Helene schlummerte bald ein, Karl Friedrich 
aber seufzte noch mehrere Male tief und 
drehte sich unruhig von einer Seite auf die 
andere, ehe der Schlaf auch seine Augen 
schloß. 
Magelone stellte ihre Kotillon-Stränßchen 
ins Wasser, erzählte der Jungfer, die ihr beim 
Auskleiden half, wie gut sie sich amüsirt, 
und träumte die unmöglichsten Träume, in 
denen Lanner'sche Walzer erklangen und 
tanzende Lieutenants mit Rolf und Gaston 
in buntem Durcheinander sie umwirbelten. 
Sie selbst aber stand mitten zwischen ihnen, 
schwang ihr Schmetterlingsnetz und hatte 
schließlich eine ganze Menge flammender Herzen 
darin . 
Rolf und Herr von Prcuß hatten sich in 
ds Zimmer des Letzteren zurückgezogen und 
es sich bequem gemacht. In einen rothseidcnen 
Schlafrock gehüllt, Maroquinschuhe an den 
Füßen, lag Gaston auf dem Sopha und blies 
den Rauch einer feinen Havanna in die Luft. 
Rolf, der nicht einen gleichen Toilettcnluxus 
trieb, hatte den Frack gegen ein leichtes Haus- 
jackct und die eleganten Lackstiefel gegen ein 
fache Ledcr-Morgenschuhe vertauscht: er füllte 
aus einer großen Krystall-Karaffe die fein 
geschliffenen Pokale mit edlcni Gerstensaft 
und ließ sich dann in einen Schaukelstuhl 
nieder. Herr von Preuß war sichtlich zer 
streut, seine Gedanken beschäftigten sich ernstlich 
mit Magelone und damit, wie er wohl am 
besten eine Frage nach ihrer Familie und 
ihren Vermögensverhältnissen anbringen könne. 
Wußte er doch, wie adelstolz seine Familie 
war und daß selbst ein großer Reichthum 
nicht ganz das Fehlen der siebenzackigcn Krone 
ausgleichen würde; war cs ihm selbst doch, 
wenn er ehrlich sein wollte, ein kleiner, ganz 
kleiner Stein des Anstoßes. 
„Sage mir mal, Rolf, wie seid Ihr eigent 
lich mit Magelone Dyrfurt verwandt?" be 
gann er endlich; „ich wurde heute danach 
gefragt, konnte aber die gewünschte Auskunft 
nicht geben." 
- "Tas ist sehr einfach. Lona ist das ein- 
zige Kind von Papas Schwester, die an 
einen Bremer Handelsherrn verheirathet war. 
Er spekuurtc, anfangs mit Glück, dann mit 
übertust, zuletzt beteiligte et* fid) an einem 
Aktienunternehmen, das in allen seinen Be 
rechnungen zu Schanden wurde. Jetzt that 
er den in meinen Augen unverzeihlichen 
Schritt, er floh nach Amerika, Weib und 
Kind dem Mitleid der Verwandten überlastend. 
Meine Tante starb bald darauf, Magelone 
kam zu uns nach Helldringen." 
Inland. 
Berlin, 2. Jan. Der Kaiser gedenkt am 
4. Januar Mittags 1 Uhr sich nach Bücke- 
burg zu begeben und von dort am 6. d. 
M. nach dem Neuen Palais zurückzukehren. 
— Wie der Kaiser es ermöglichte, seine 
Ankunft in Kiel geheim zu halten und den 
dortigen fürstlicben Verwandten eine voll 
ständige Ueberraschung zu bereiten, darüber 
werden einige interessante Mittheilungen 
veröffentlicht. Vom Neuen Palais aus hatte 
der Betriebsdirektor in Kiel die Auffor- 
„Es wurde wenig für sie aus dem Schiff 
bruch gerettet?" 
„Nichts." 
Gaston's Antlitz zuckte, eine Falte grub 
sich zwischen seinen Braunen. 
„Armes Kind!" sagte er halblaut und fügte 
dann lauter hinzu: „Das ist eine traurige 
Geschichte, Rolf, das Mädchen dauert mich. 
Was wird aus ihr werden?" 
„Vielleicht eine recht glückliche Frau 
„Sic ist arm", bemerkte Gaston zögernd. 
„Nun, es giebt ja noch Männer in der 
Welt, die nicht gleich zuerst nach der Mitgift 
fragen." 
„Wenn er aber darauf angewiesen ist? 
„Angewiesen? Erbärmlich ist in meinen 
Augen der Mann, der sich ein behagliches 
Leben durch das Geld seines Weibes schaffen 
will. Und bei Gott ich schwöre Dir's, daß 
ich nie zu denen gehören würde, die ihren 
alten Namen und ihr freies Herz für elenden 
Mammon verkaufen." 
„Du wirst nie in die Lage kommen, für 
Deinen Schwur den Beweis der Wahrheit 
zu liefern! Du bist reich," sagte Gaston mit 
einem Anflug von Bitterkeit. 
„Und wenn ich es nicht wäre, fo würde 
ich doch zehnmal lieber das bescheidenste Heim 
an der Seite eines wirklich geliebten Weibes 
einem glänzenden vorziehen, das ich nur dem 
Gelde einer ungeliebten Frau verdankte." 
„Wirklich?" — Gaston drehte langsam 
seinen Schnurrbart und blickte den bläulichen 
Rauchwolken seiner Cigarre nach. „Das 
sagst Du heute -— Du bist vierundzwanzig, 
ich bin dreißig Jahre alt. Ob Du in zehn 
Jahren noch so ideal denken wirst?" 
„Ja, genau so; ich verkaufe mich nicht. 
Ich will glücklich sein." 
Ja, wer wollte das nicht?" replicirte 
der Andere und stieß den Rest der abge 
brannten Havanna in den Aschbecher. Rolf 
war aufgesprungen, sein Antlitz glühte, seine 
Augen blitzten in Begeisterung. 
„Wenn ein Mann sich einmal klar ist 
über das, was er erstrebt, und er sagt daun: 
„Ich will", dann wird er's auch erreichen." 
Gaston sah ihn bewundernd an. 
„Du hast eine starke Willenskraft, ich weiß 
cs", sagte er, „aber das Leben und seine 
Kämpfe sind noch nicht über Dich hinweg 
gebraust, sie haben Dich kaum umrauscht. 
Ob es Dir gelingen wird, Dein Schifflcin 
hindurchzuleiten durch die gefahrdrohenden 
Brandungen, um es dann sicher im stillen 
Hafen zu bergen? Vielleicht — cs giebt ja 
begnadete Naturen, die mit bewundernswcr- 
ther. Selbstbeherrschung unbeirrt vorwärts 
schreiten, und ich glaube, Du gehörst zu 
ihnen. Oder — Du wirst schließlich auch, 
wie so viele, in den Nörgeleien, den kleineren 
und größeren Misèren des ringenden Lebens 
ermüden, und lässest die Sache gehen — wie 
sie eben geht." — 
„Du hast ein Leben im Auge, mit dem 
Kampf um's Dasein — und eins mit den 
Versuchungen der Welt", erwiderte Rolf nach 
denklicher. 
Gaston stand auf. 
„Ja, mein alter Junge, auf die eine oder 
die andere Art müssen wir unsere morali 
schen Kräfte prüfen — das bleibt wohl 
keinen, erspart, ich wünsche Dir jedenfalls 
für Deine Zukunft das Beste. Möchte das 
Glück Dir hold sein in jeder Beziehung. 
Vergiß aber nicht, daß dann Fortuna von 
allen Weibern dasjenige ist, welches am 
wenigsten verträgt, wenn man vor sie hintritt 
und sagt: „Ich will." 
Er band die Schnüre seines Schlafrockes 
zusammen und unterdrückte ein leises Gähnen. 
„Wir wollen schlafen gehen, Rolf. Gute 
Nacht!" 
Gute Nacht, Gaston!" 
Sie trennten sich, der Eine, das Herz ge 
schwellt von freudig - stolzer Zuversicht, der 
Andere mit jener Oede in der Brust, die 
wohl jemand empfindet, wenn ihm, nicht zum 
ersten Male, eine liebe Hoffnung gescheitert ist. 
IV. 
Am nächsten Nachmittag reisten die 
Freunde ab. 
Kurz vor der Fahrt zur Station traf 
Gaston Magelone allein aus dem Hausboden, 
sie hatte ein Körbchen mit Aepfeln am Arm 
und sah in ihrem dunklen Wollenkleid, ein 
paar blaßrosa Astern vor der Brust, beson 
ders reizend aus. 
»Ich muß Ihnen „Lebewohl" sagen, 
Gnädigste, und darf, nicht einmal „auf Wie 
dersehen" hinzufügen", sagte er, seine weiche, 
einschmeichelnde Stimme dämpfend. 
„Weshalb? Hat es Ihnen so wenig 
gut hier gefallen, daß Sie Rolf nie wieder 
begleiten möchten?" lächelte sie schelmisch. 
„O, was soll ich darauf antworten? Aber 
ich habe, solche Ahnung", — er belustigte 
sich selbst über diese Ausrede. 
„Ahnungen? Sie haben auch Ahnungen?" 
rief Lona entzückt, „das finde ich charmant. 
Ich gebe nämlich viel auf Ahnungen —• 
aber, wenn ich ehrlich sein soll, mir ahnt, 
wir sehen uns wieder. Nun wollen wir 
abwarten, wer Recht hat und welches 
Ahnungsvcrmögcn das schärfste ist." 
„In diesem Fall wünschte ich — das 
Ihrige." Er sah sie an; sie senkte
	        
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