Full text: Newspaper volume (1888, Bd. 1)

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Als Beilage wird dem Blatt monatlich einmal 
„Der Landwirth" gratis beigegeben. 
24. August. 
1888. 
Depesche. 
Telegramm der „ReodSburger Wochenblatt." 
Berlin, 34. August, 12 Uhr Vormittags. 
Auch der „Rationalzeitung" zufolge ist die 
Verlegung der Theilstrecke des Nordostsee 
kanals nunmehr fest beschlossen, wonach 
der Kanal südlich der Untereiderve r- 
dleibt, mit dem Flustlanf derselbe keine 
Gemeinschaft hat, und südlich um Rends 
burg herumführt wird. 
(Wir verweisen zu dieser Depesche unseres Ber 
liner Correspondenten, die wir ohne Gewähr ver 
öffentlichen, auf die unter o 0 » Rendsburg darge 
legten Bemerkungen. D. Red.) 
Die Begegnung in Friedrichsruhe. 
Herr Crispi kam in einem Augenblicke nach 
Friedrichsruhe, wo die Spannung zwischen Italien 
und Frankreich zu einer sehr unangenehmen Schärfe 
gediehen war. Herr Crispi ist gewiß ein recht ver 
dienstvoller, energischer und tüchtiger Politiker, deß 
wegen braucht man aber nicht sein Verhalten in 
jeder einzelnen Frage und nicht jede seiner Noten 
zu billigen und zu loben. Was auch die deutschen 
und die österreichischen Ganz- und Halboffiziösen 
sagen mögen: in seinen Noten über die Massana- 
Affllirc hat Herr Christi weder das formale Recht 
noch die Billigkeit ans seiner Seite. Ein ruhigerer 
und umsichtigerer Staatsmann hätte in dem 
französischen Protest gegen die neuen Steuern in 
Massaua nur die Mahnung gesehen, daß die Besitz 
ergreifung Massauas von Seiten Italiens den 
Mächten noch nicht regelrecht angezeigt sei; er hätte 
dies mit lächelnder Miene nachgeholt und so dem 
französischen Proteste den Boden unter den Füßen 
weggezogen. Statt deffen hat er in hitzigen Noten 
alle noch so begründeten Behauptungen der Franzosen 
bestritten, zornige Beschuldigungen ans sie gehäuft, 
die er nicht beweisen konnte und sich schließlich in 
die ärgerlichsten Widersprüche verstrickt. Und waö 
wird das Ergebniß für ihn sein? Daß er vor aller 
Welt den Zwiespalt enthüllt hat, der auch in dieser 
Frage zwischen der Tripel-Allianz und den übrigen 
Mächten, insbesondere zwischen Deutschland und 
Rußland cxistirt. Während England sich vorsichtig 
abstcks halt, hat sich Rußland völlig auf den Stand 
punkt Frankreichs gestellt, und zu Italien stehen nur 
seine Alliirten Deutschland und Oesterreich, und 
zwar, lute leicht begreiflich, ans rein politischen, nicht 
aus rechtlichen Gründen. Dieses Ergebniß ist nicht 
gerade schmeichelhaft, nachdem in jüngster Zeit 
Deutschland so viel gethan hat, um alle seine 
Differenzen mit Rußland aus bent Wege zu räumen, 
viel scheint indeß gewiß, sagt die „Fkf. Ztg.", 
auch die durch die Crispischen Noten geschaffene 
diplomatische Lage Gegenstand der Berathung in 
miedrichsruhe sein wird. So weit es den europäischen 
Mieden nicht gefährdet, wird Herr Crispi für alle 
Ualienischen Jntercffen in Friedrichsruhe aufrichtige 
Förderung und nöthigenfalls auch ernste Mahnungen 
îu größerer Mäßigung und Vorsicht finden; sollte 
w aber darüber hinausgehen, sollte er etwa seinen 
Aggressiven Notenkampf in Thaten umsetzen und dafür 
we Unterstützung Deutschlands holen wollen, so wird 
win, davon sind wir fest überzeugt, weder in 
Friedrichsruhe, noch an irgend einer Stelle Deutsch 
lands sonst eine Mithülfe zu Theil werden. 
Newyork, 22. Aug. Im Ohio-Thal zerstör 
ten heftige Stürme viele Brücken der Baltimore- 
Dhio-Bahn. In Maryland, Virginia, Pensylvania, 
New-Jcrsey ward durch das Unwetter auf dem Lande 
große Schaden angerichtet. Viele Fabriken sind zer 
stört; mehrere Personen sollen umgekommen sein, 
ckn der Ostküste traten ebenfalls heftige Stürme auf. 
Newyork, 14. Aug. Die Brüder Carl und Peter 
-noritz aus Neufeld (Süderdithmarschen) be 
ißen seit einigen Jahren ausgedehnte Ländereien 
Kolsath; nicht weit von ihnen wohnte ihr lang- 
lahriger Freund B. Eines Sonntags, als sie B. 
^suchten, entdeckten sie einen ihrer verlaufenen Heimste 
b« B. B., darüber zur Rede gestellt, erklärte, den 
Hengst nur gegen Erstattung von 25 Dollar für 
^gerichteten Schaden herausgeben zu wollen. Die 
Gebrüder M. fanden sich gleich dazu bereit. Nun 
Erlangte B. noch 5 Dollar Futtergeld. Hierüber 
^sn es zum Streit. B. eilte ins Haus und kehrte 
wit einem Revolver zurück. Die beiden Moritz und 
w Frau des Peter Moritz flüchteten mit dem Hengste. 
eilte ihnen aber mit dem Pferde des ebenfalls 
Et ihm anwesenden Timmermann nach und erschoß 
3 Peter Moritz, der sofort in den Armen seiner 
pu starb, darauf verfolgte er den weiter geflüchteten 
a?" Moritz und tödtete auch diesen. Dann floh 
- und blieb verschwunden. 
Lontzan, 23. Aug. In einer Besprechung der 
^ «fl ana -Angelegenheit schreibt der „Standard" 
Pendes: „Wenn wir am Vorabende eines Krieges 
sein"''- ìuûrde das Benchnten Cristi's verständlich 
W- , tm gegenwärtigen Augenblicke bleibt es etwas 
irrend, falls wir nicht annehmen niüssen, daß 
ihm etwas an Urtheilskraft fehlt." 
^2. Aug. „Jndcpendance Helge" und 
l-ela-i^ 6er 9 c " melden übereinstimmend, daß die 
teveit d)C Sozialisten-Partci ein Manifest vor 
forder ìstefches zum Sturze des Königthunis auf- 
ie - Die Polizei überwacht eifrig die sozialistischen 
Agitationen, welche in der jüngsten Zeit, besonders 
in der Provinz Hennegau an Heftigkeit zugenommen. 
Haag, 22. Aug. Die Nachrichten über das Be 
finden des Königs lauten heute zufriedenstellend. 
Der Leibarzt des Königs, Binkhuyzen, bleibt im 
Palais zu Loo. 
Petersburg, 23. August. Dem „Grashdanin" 
zufolge werde der französische Botschafter Laboulaye 
nicht auf seinen Posten zurückkehren und vielleicht 
durch General Gallifet ersetzt werden. 
, Petersburg, 23. Aug. Das „Journal de St. 
Petersbourg" dementirt die auswärts verbreitete 
Nachricht Herr v. Giers habe die abeffynische Ge 
sandtschaft empfangen und diese habe die Abtretung 
einer Insel an Rußland angeboten. Die ganze 
Nachricht beruhe auf Erfindung. 
Pest, 22. Aug. Vierzig Bauern der rumänischen 
Gemeinde Bombest, welche in Folge der Grenz 
regulirung an Ungarn fällt, widersetzten sich der 
ungarisch-rumänischen Grenzregulirungs-Commission. 
Der rumänische Delegirte stellte bewaffnetes Ein 
schreiten in Aussicht, falls die Bauern ihren Wider 
stand nicht gütlich aufgeben sollten. 
Klauseuburg. 23. Aug. (H. C.) Nach einer 
übrigens unbestätigten Zeitungsmeldnng ist Graf 
Julius Andrassy in Dobriner Castell schwer erkrankt. 
Ein Pester Arzt und die Kinder des Grafen seien 
telegraphisch berufen. 
Berlin, 23. Aug. Der Kaiser wohnte am 
Mittwoch früh den militärischen Uebungen zwischen 
Potsdam und Spandau bei. Gegen 10 Uhr kam 
der Kaiser an der Spitze der Truppen vom 
Manöverterrain nach Berlin, und begab sich nach 
dem königlichen Schloß, um daselbst den Tag über 
zu verbleiben. Dort hörte der Kaiser mehrere Vor 
träge und empfing «. a. auch den Grafen 
von Waldersee in Audienz, Abends wollte der Kaiser 
nach dein Marmorpalais bei Potsdam zurückkehren. 
Am Donnerstag früh begab sich der Kaiser nach 
Sonnenburg zur Feier des Johanniterordens, wohin 
ihn Prinz Heinrich und der Prinzregent von Braun 
schweig begleiteten. 
— General von Stichle, Chef des Jngenieur- 
nnd Pionierkorps, General-Inspekteur der Festungen 
und Mitglied der Landcs-Vertheidigungskonimission, 
wird dem „Berl. Tagebl." zufolge schon in den 
nächsten Tagen seinen Abschied nachsuchen. 
Der „Nat.-Ztg." zufolge schenkte der Kaiser 
von Rußland dem Grafen Herbert Bismarck 
sein Bild. 
— Ein Gegenbesuch des Königs von 
Dänemark in Berlin wird in einem Wolffschen 
Telegramm aus Wiesbaden angekündigt. Danach 
wird der König am Freitag von Wiesbaden nach 
Berlin sich begeben und am Sonntag nach Wies 
baden zurückkehren. Die Rückkehr von Wiesbaden 
nach Kopenhagen soll nach den bisherigen Bestim- 
mnngen ani 5. September erfolgen. 
Berlin, 21. Aug. Der vielbesprochene Streit 
um die Berufung des Kirchenhistorikers Prof 
Harnack von Marburg nach Berlin, hat 
durch die Zustimiliung des Kaisers zu dein Vor 
schlag der Berliner theologischen Fakultät sein Ende 
gefunden. Der Streit, der etwa dreiviertel Jahre 
gedauert hat, wurde durch den Widerspruch des 
Oberkirchenraths gegen die vom Kultusminister auf 
Vorschlag der theologischen Fakultät beabsichtigte 
Berufung Prof. Harnacks entfacht. Der Ober 
kirchenrath hielt sich zu seinem Einspruch gegen diese 
durch eine aus der Regiernngszeit König Friedrich 
Wilhelm IV. stammende Verordnung für befugt, 
welche der obersten Kirchenbehörde das Recht giebt, 
sich gutachtlich zu äußern, wenn eine Professur der 
Rheologie an einer preußischen Universität mit einem 
an einer nichtpreußischcn Hochschule docircnden Pro- 
fessor besetzt werden soll. Der Oberkirchenrath 
glaubte diese Verordnnng für sich in Anspruch nch- 
uicn zu dürfen, weil zur Zeit ihres Erlasses die 
Umverjität Marburg noch zu den nichtpreußischen 
Hochschulen gehörte. In Wahrheit war es ihm 
darum zu thun, die Bcrufllng eines der kirchlichen 
Mittelpartei angehörigen Gelehrten zu verhindern. 
Kultusminister v. Goßler brachte, da der Wider 
spruch des Oberkirchenraths fortdauerte, die Ange 
legenheit vor das Staatsministerium, in dem Fürst 
Bismarck sich sehr scharf über das Unbegründete 
des Widerspruchs der obersten Kirchenbehörde äußerte 
und sich für die Berufung Harnack's erklärte. 
Nachdem nun auch der Kaiser der letzteren zuge 
stimmt hat, ist die Angelegenheit endgültig er 
ledigt und zwar mit einer cmpsindlichen Niederlage 
des Obcrkirchenraths. — Die „Kreuzztg." bestreitet, 
daß die Berufung Harnack's bereits entschieden sei. 
— Der Streit zwischen Frankreich und 
Italien wegen Massaua dreht sich bekanntlich 
um die sogenannten Kapitulationen. Der Zweck 
der letzteren war, europäische Staatsangehörige gegen 
die Willkür türkischer Mißregierung zu schützen. 
Diese Kapitulationen bestanden beispielsweise auch 
in Tunis, wo die Franzosen sie ebenfalls bei der 
Besitzergreifung aufhoben, und sie bestehen noch heute 
in Egypten, m sie der Regierung viele Unzuträg- 
lichkeiten bereiten, so daß die Eingeborenen beispiels 
weise die auf Europäer entfallende Quote der Steuern 
zu tragen haben. Die Eingeborenen umgehen des 
halb vielfach gleichfalls die Steuern, indem sie einen 
europäischen Strohmann an die Spitze des Geschäfts 
stellen. In Kairo zum Beispiel, wo der Araber 
Pferde- und Wagensteuer zahlen muß und der Euro 
päer frei ausgeht, sind alle öffentlichen Fuhrwerke 
mit wenig Ausnahmen in den Händen europäischer 
Strohmänner, vorzugsweise der Kawassen der Ge 
neralkonsulate, mit Ausnahme der des deutschen und 
englischen Generalkonsulats, wo derartige Geschäfte 
nicht geduldet werden. Der französische Minister 
des Auswärtigen wirft nun bekanntlich der italieni 
schen Regierung vor, daß sie ein neues Princip auf 
stelle und als selbstverständlich den Grundsatz ver 
fechte, daß Kapitulationen in Ländern, wo eine euro 
päische Verwaltung die türkische ersetzt, so ipso fort 
fallen, ohne vorhergehende Verhandlungen und Ein- 
verständniß der anderen Mächte. In Massaua sind 
die Kapitulationen bisher nie in Frage gekommen: 
1. weil es mit Ausnahme eines englischen und 
französischen merkantilen Vicekonsuls keine Konsular 
behörden gab; 2. weil keine einzige Macht dort je 
Konsular-Jurisdiction geübt hat, und 3. weil cs 
dort, mit Ausnahme von zwei Franzosen, einem 
Schweizer, drei Maltesern und einigen zivanzig 
Griechen, keine fremde Staatsangehörige — Italiener 
ausgenommen — giebt. 
Berlin, 21. Aug. Die heute hier tagende B e r - 
sammlung freisinniger Wähler des 6. 
Reichstagswahlkreises stellte nach einstündiger Rede 
Eugen Richter's den Standesbeamten Knörcke 
als Kandidaten für die bevorstehende Ersatzwahl 
ans. Um die Nominirung einer freisinnigen Kandi 
datur von vornherein zu verhindern, versuchten zahl 
reiche Sozialdemokraten trotz nothwendiger 
Kontrolmaßrcgeln seitens der Freisinnigen in den 
Saal einzudringen, sowie Engen Richter am Eintritt 
zu verhindern. Die Versammlung verlief deßun- 
geachtet ungestört. 
— In letzter Zeit sind sehr viele Grenzauf 
seher als Sicherheitsbeamte ans den Grenz- 
bezirkcn in das Binnenland versetzt, um hier im 
Branntivein- und Zuckersteuerdienste verwendet zu 
werden. Die Folge davon ist, daß ein außerordent 
licher Bedarf an Personal für Grenzanfseherstcllen 
vorhanden ist. Da die Nachfrage größer als das 
Angebot, so ist, wie wir bem „Graudenzcr Geselligen" 
entnehmen, auf Veranlassung des Finanzministers 
vom Kriegsminister an die sämmtlichen preußischen 
Regimcntskommandos eine Ordre erlassen, nach 
welcher Unteroffiziere, die demnächst ihren Civilver- 
sorgungsschcin erlangen werden, durch Vermittelung 
ihrer Vorgesetzten sich als Grenzanfsehcr bei einer 
der zwölf Provinzialsteuerdirectionen der Monarchie 
schon jetzt melden können, worauf von dem zuständigen 
Hauptzollamte sofort ihre Prüfung anberaumt wird. 
Es wird dann nach bestandener Prüfung ihre An 
stellung ohne weiteren Zeitverlust verfiigt werden 
können, sobald sie in den Besitz ihres Civilvcr- 
sorgungsscheins gelangt und vom Militärdienst cnd- 
giltig entlassen sind. 
— Das Sinken des Zinsfußes ist eine 
unbequeme Thatsache für sozialistische Agitation. Das 
sozialistische „Berliner Volksblatt" hat sich deshalb 
eine Erklärung für das Sinken des Zinsfußes zu 
recht gemacht. Danach beruht das Sinken des Zins 
fußes nicht auf dem wachsenden Angebot von Ka 
pital, sondern „auf der massenhaften Concentration 
des Kapitals in einzelnen Händen, die Besitzer ver 
lieren schließlich den Ucbcrblick und sind außer Stande, 
ihre Kapitalien gehörig und rationell auszunutzen." 
— Damit gerät?) das sozialistische Blatt mit den 
sozialistischen Theorien in Widerspruch; denn sonst 
wird von sozialistischer Seite gerade ausgeführt, daß 
die massenhafte Concentration des Kapitals in ein 
zelnen Händen, weil sie ein besonderes llebcrgewicht 
in der Produktion gebe, besonders Vortheilhaft sei 
und deshalb alle kleineren Betriebe schonungslos 
vernichten müsse. Hier aber wird auf die mangel 
hafte Uebersicht des Besitzers und die mangelnde 
rationelle Ausnutzung des Großbetriebes hingewiesen. 
Das Sinken des Zinsfußes liegt in dem Mangel 
an Vertrauen seitens der Kapitalisten, ihr Geld für 
industrielle Zwecke Privaten auf ihre ehrliche Zu 
sage zu leihen und das Geld liegt brach. Abneh 
mendes Vertrauen zu der Ehrlichkeit der Menschen 
war noch nie ein Zeichen des Aufschwungs im 
Leben der Völker. 
_ — Eine besondere Spielart von Denun 
cianten scheint jetzt in der nationalliberalen Presse 
aufzukommen. Nationallibcralc Blätter, wie das 
„Franks. Journ.", die „Köln. Ztg." und die „Na 
tionall. Corrcsp." selbst spüren überall umher, ob 
bei Gelegenheit irgend einer freisinnigen Bersamm- 
lnng auch ein Hoch auf den Kaiser Wilhelm II. 
ausgebracht worden sei. — Ob cs angemessen ist, 
auf den Monarchen ein Hoch auszubriligen, wird 
von Ort, Zeit, Zweck und Gegenstand der Ver 
sammlung bedingt. Alle öffentlichen Versammliin- 
gen mit Hochs ans den Kaiser zu beginnen oder 
zu schließen, ist, soviel wir wissen, auch bei anderen 
Parteien niemals üblich gewesen Diejenigen pflegen 
die besten Patrioten nicht zu sein, welche des Kaisers 
Namen bei jeder Gelegenheit in den Mund 
nehmen. 
FriedritzSruh, 22. Aug. Der italienische Bot 
schafter, de Launay, trifft heute in Folge einer Ein 
ladung des . Fürsten Bismarck hier ein. In Be 
gleitung Crispi's befinden sich der Sectionschef des 
italienischen Auswärtigen Amts und der Secretär 
des Präsidenten des Ministerraths. 
Als Fürst Bismarck heute nach dem Bahnhof 
ging, brachten die Sekundaner des Lüneburger Gym 
nasiums ein Hoch auf ihn aus. Der Fürst be 
fragte den begleitenden Lehrer nach seinem Fach. 
Als dieser sich als klassischer Philologe bezeichnete, 
sagte der Fürst, er halte an der alten Tradition 
des Gymnasiums fest. 
Friedrichsruh, 23. Aug. (H. C.) Nachdem gestern 
Abend spät noch die Bestimmung getroffen war, 
daß der Ministerpräsident Crispi anstatt heute Nach 
mittag, wie anfänglich festgesetzt - war, schon heute 
früh die Weiterreise fortsetze, erhielt die Bahnver 
waltung den Auftrag, den um 6 -/4 Uhr hier dnrch- 
passirenden Courierzug vor dem Fürstcnhanse halten 
zu lassen. Der Fürst geleitete seinen hohen Gast 
persönlich an den Waggon und verabschiedete sich 
von demselben in herzlichster Weise durch andauern 
des Händeschütteln. Auch der italienische Botschafter 
Graf de Launay reiste mit demselben Zuge nach 
Berlin. Der Graf und die Gräfin Rantzau waren 
ebenfalls am Waggon zum Abschied anwesend. Die 
wenigen Einwohner, welche die beschleunigte Abreise 
erfahren und sich eingefunden hatten, riefen dem ab 
fahrenden Gaste ein lebhaftes „Ewiva Italia“ nach. 
Nach den bisherigen Dispositionen wird Crispi in 
Wittenberge umsteigen und über Magdeburg nach 
Leipzig fahren, wo derselbe übernachten und morgen 
früh die Reise nach Karlsbad fortsetzen wird. — 
Wann Gras Kalnocky nach Friedrichsruh kommen 
wird, ist noch nicht festgesetzt, man glaubt hierüber 
bestimmt, daß die Hierherknnft für nächste Woche 
in Aussicht genommen ist. 
, Sonnenburg, 23. Aug. Beim heutigen Ordens 
feste des Johanniterordens, zu welchen! der Kaiser 
eintraf, wurden dem Kaiser als Protector des Ordens 
die Ordensinsignicn feierlich überreicht. Nach der 
Ceremonie des Ritterschlages in der Ordenskirche 
sprach der Kaiser: „Hier an heiliger Stätte, wo 
vor 5 Jahren Mein seliger Herr Vater stand, und 
im Sinne Meines in Gott ruhenden Herrn Groß 
vaters als Protectors des Ordens erkläre und ge 
lobe Ich als König von Preußen, dem Johanniter 
orden ein Schirinherr und Schützer zu sein, so wahr 
Mir Gott helfe!" 
Jii Gera ist den Soldaten der Besuch einer 
Anzahl von Wirthschaften verboten, weil deren In 
haber in ^ dem Rufe stehen, Sozialdemokraten zu sein. 
Einer dieser Restaurateure erhielt nun, wie der 
„Franks. Ztg." geschrieben wird, in voriger Woche 
Einquartierung von Soldaten des zuul Manöver 
marschirenden 3. Bataillons des 96. Regiments aus 
Rudolstadt. Als die Einquartierung zu ihm kam, 
wies er dieselbe mit dem Bemerken zurück, daß er 
sie nicht aufnehmen könne, da bei ihm keine Soldaten 
verkehren dürften. Er beharrte auch bei seiner 
Weigerung, so daß die städtische Einquartierungs- 
bchörde für Unterkunft in eineni anderen Quartier 
sorgen mußte. 
Hamburg, 22. Aug. Bei dem am Montag in 
Breslau stattgehabten Wettschwimmen siegte Herr 
Otto Lorentzcn-Hamburg, Mitglied °des 
Schwimm-Vercins Kleiner Grasbrook von 1886" 
im Schwimmen um die „Meisterschaft von Deutsch 
land. — Herr Lorentzcn durchschwamm die 1500 
Meter Bahn in 28 Minuten 54 Sec. — Herr 
Will). Röhrs von Hamburg siegte im Hindcrniß- 
Schwimmen. 
Hamburg, 22. Aug. Gegen den Kapitän Frey 
von dem Segelschiffe „City of Lincoln", von welchem 
die 13 Krokodile entwichen sind, in dem Augen 
blicke, als er sic in ein offenes Boot bringen ließ, 
ist eine Untersuchung eingeleitet. Die Inhaber von 
Badeanstalten ans der Elbe fordern von dem Kapitän 
einen namhaften Schadenersatz. 
4- Altona, 23. Aug. Ein sehr heftiges Feuer 
zerstörte gestern Nachmittag das große Holzlager 
und die Holzbearbeitungsfabrik von F. H. Schmidt 
an der Allee. Das Feuer, ivclches um Mittag 
seinen Anfang nahm, war Abends 9 Uhr noch nicht 
gelöscht, trotz Assistenz der Hamburger Dampfspritzen. 
Nur der gut organisirtcn Feuerwehr ist es überhaupt 
zu danken, daß die unweit der Brandstätte gelegene 
Spritfabrik und der Güterschuppen der Eiscnbahn- 
Direction nicht in Mitleidenschaft gezogen wurde 
wodurch das Feuer eine furchtbare Ausdehnung er 
fahren haben würde. Der Schaden zählt ' nach 
Hunderttausenden. Auf dem Holzlagcrplatzc lagerten 
große Mengen von Holz, das von Altonaer und 
Ottenscncr Geschäftsleuten zur Verarbeitung hierher 
gelieseit war. ^..heilweise war dies unversichert 
ivodurch besonders mehrere kleine Handwerker schwer 
gctroffcn werden. Eine Firma in Altona soll, wie 
es heißt, einen Schaden von 30,000 Mark erlitten 
haben. Verluste an Menschenleben sind glücklicher 
weise nicht zu beklagen; leider aber haben drei 
Altonaer Feuerwehrleute Verletzungen davongetragen; 
zwei erlitten Beinverrenkungen, ein dritter Brand 
wunden im Gesicht und an Hals und Händen. Das 
Feuer hatte eine großeZuschanermcngc herangezogen- 
auch aus Hamburg waren noch spät Abends viele 
Neugierige herbeigeströmt. Und das geivaltige Feuer- 
meer gewährte in der That, besonders voin Jnstiz- 
gebünde ans gesehen, einen großartig-schauerlichen 
Anblick. Da der Brand unmittelbar an der.Ham- 
bnrg-Altonaer Verbindungsbahn um sich griff, mußten 
die Züge zwischen Hamburg und Altona über die 
Pinneberger Strecke geleitet werden. 
Ottensen, 23. Aug. Als in vorletzter Nacht ein 
Schlossermc'stcr durch die Karl Theodorstraße ging.
	        
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