Full text: Newspaper volume (1874)

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67jler Jahrgang. 
- • I. 
Erscheint jeden Mittwoch und Eonnaben» Morgen«. 
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Sonnabend, 
Ho. Si 
ll. April 1874. 
Rundfckau. 
Die deutsche Reichsregierung hat die parla 
mentarischen Osterferien, wie es scheint nicht 
ohne Erfolg dazu benutzt, durch die ihr be 
dingungslos ergebenen Politiker Propaganda 
für den beanstandeten § 1 des Militärgesetzes 
zu machen. An vielen Orten haben von den 
konservativen und der rechten Seite der Natio 
nalliberalen berufene Volksversammlungen statt-. 
gefunden, welche die betreffenden Vertreter im 
Reichstage auffordern, das Militairgesetz zu 
»cceptiren, ohne auch nur im Geringsten daran 
herumzumäkeln. Es scheint sehr leicht zu sein, 
dem Volke vorzureden und dasselbe glauben zu 
Machen, daß durch das Verlangen der Fort 
schrittspartei, daß das Budgetrecht des Reichs 
tags gewahrt werden müsse, eine Schwächung 
der deutschen Wehrkraft mit sich führen werde. 
Es werden dieser Tage aber auch Volksver- 
Mmmlungen zu Gunsten des fortschrittlichen 
Standpunktes stattfinden, so in Königsberg. 
Astesbaden, Berlin u. a. O. deren Resolutionen 
sicherlich dazu beitragen werden, auch für wei 
tere Kreise Klarheit über die wahre Sachlage 
Zu schaffen. Man muß sich wahrhaft darüber 
wundern, daß heutzutage noch Jemand ernst 
lich daran glauben kann, das Recht des Reichs 
tags das Militärbudget alljährlich zu bewilli 
gen und die Ersetzung der in Wirklichkeit nur 
theilweise bestehenden dreijährigen Dienstzeit 
mirch die zweijährige werde Deutschland in 
sĢhtem Maße dem Angriffe Frankreichs aus- 
tîtze,,. Dieser Glaube ist ein Gespenst, welches 
denen erfunden wurde, die ein Interesse 
daran haben, das Volk den nach Freiheit stre 
benden Parteien abwendig zu machen. Daß 
Militärische Autoritäten für die Unerläßlichkeit 
des Z 1 eintreten, das thut gar nichts zur 
.Sache, in solchen Fragen haben Autoritäten 
iehr häufig ein nur naives Urtheil. Man er 
nstere sich z. B., wie wenig Napoleon l. der 
größte Feldherr der Neuzeit von der allgemei 
nen Wehrpflicht und dem Landwehrsystem hielt, 
also von Einrichtungen, welche in neuerer Zeit 
me größten kriegerischen Erfolge erzielten; man 
denke daran, wie gerade von militärischen Au 
toritäten der Einführung der so vortheilhaften 
Hinterladungswaffen entgegen gewirkt wurde, 
^üd wie selbst in der preußischen militärischen 
Presse zahlreiche autoritäre Stimmen sich hören 
(setzen, welche gegen das Einjährig-Freiwilligen- 
Şystem zu Felde ziehen, über dessen Nützlich 
st heute keine Zweifel mehr obwalten kann. 
^oge sich das deutsche Volk hüte», den Weg 
Frankreichs zu gehen und sich denen bedingungs- 
in die Arme zu werfen, welche Erfolge 
Außen errangen, die Strafe und die Reue 
r>"rdeu gewiß nicht ausbleiben. — Da die 
nation Lasker bis heute wenigstens zur Oppo 
sition halten zu wollen scheint, so hat die Ver 
werfung des 8 I alle Aussicht, wenn die Ent 
scheidung über die Haltung der nationallibe 
ralen Fraction auch erst in eine spätere Sitzung 
fallen wird. In diesen Tagen wird auch die 
Fortschrittspartei eine demgemäße Sitzung ab 
halten. 
Ueber die Aufnahme des Civilehe-Gesetzes 
im Bundesrathe erführt man, daß sich in dem 
selben 3 Standpunkte geltend zu machen ver 
sucht haben, diejenigen Staaten, in denen die 
Civilehe bereits besteht, sprechen sich für den 
Antrag aus, andere dagegen, wie Baiern mein 
ten, daß bei Einführung der Civilehe lediglich 
das Bedürfniß der Einzelstaaten in's Auge zu 
fassen sei, und eine dritte Gruppe, zu welcher 
Mecklenburg, Neuß ült. Linie und Sachsen ge 
hört, trat lebhaft gegen die Civilehe ein. Preu 
ßen erklärte sich selbstverständlich für die all 
gemeine Einführung derselben und wir wollen 
hoffen, daß es der deutschen Vormacht gelingt, 
die Majorität im Bundesrathe für das so noth 
wendige und heilsame Gesetz zu gewinnen. 
Das Reichspreßgesetz anlangend erfährt man, 
daß die Regierung dasselbe in der Fassung, in 
welcher es aus der 2. Lesung des Reichstags 
hervorgegangen sei, für unannehmbar erklären 
werde. Schwerlich aber wird sich die Majori 
tät des deutschen Parlaments auf weitere wesent 
liche Concessionen einlassen können. — Die 
Erzbischöfe von Posen und Trier haben nun 
in dem Erzbischof von Köln einen würdigen 
Gefährten gefunden. Derselbe wurde wegen 
Auflehnung gegen die Kirchengesetze gefänglich 
eingezogen. 
So wie das österreichische Abgeordnetenhaus 
kürzlich für die Fortdotirung der von den Je 
suiten geleiteten theologischen Facultät der Uni 
versität Innsbruck stimmte, so verwarf dasselbe 
auch den Antrag auf Ausweisung der Jesuiten 
und zwar mit nicht geringer Majorität. Durch 
diese Vorfälle wird es Einem schwer gemacht, 
der Wiener Kammer noch ferner das Prädicat 
„liberal" zu geben. Bevor dieselbe in die Oster 
ferien ging, nahm dieselbe das Budget sammt 
dem Finanzgesetz für 1874 noch in 2. und 3. 
Lesung au. 
Bezüglich der spanischen Angelegenheiten ist 
nur zu melden, daß die Negierungsarmee die 
Ende März eroberte Stellung sich erhalten hat 
und erst dann zum Angriff aus die carlistische 
Hauptposition bei St. Pedro Deabanto über 
gehen wird, wenn Serrano erst noch weitere 
Verstärkungen an sich gezogen hat. Allerdings 
kaun der Kampf inzwischen wieder begonnen 
haben, von beiden Seiten wird mit der größ 
ten Tapferkeit und Geschicklichkeit gekämpft. 
Der König von Italien feierte sein 25jähri- 
ges Regieruugsjubilüum, u. A. gratnlirten ihm 
die drei Kaiser und ein Comite sogenannter 
Italianissime in Triest. Das Schreiben der 
Letzteren enthielt einen sogenannten „nationa 
len Schmerzensschrei" welcher die Sehnsucht 
der Triester Bevölkerung, bald mit Italien ver 
einigt zu werden, ausspricht. Dem Könige kam 
dies aber keineswegs gelegen, er schob das 
Schriftstück verächtlich zur Seite und nannte 
seinen Inhalt: „Kindereien". Verschiedene offi- 
ciöse Zeitungen aber wurden angewiesen, den 
Triester Patrioten den Kopf zu waschen und 
ihnen zu sagen, daß Italien vor Allem mit 
Oesterreich in Frieden und Freundschaft leben 
wolle und daß an eine Ausdehnung der italie 
nischen Grenze nach Osten hin nicht gedacht 
werden könne. Man ersieht daraus, daß die 
Freundschaft zwischen der Wiener Hofburg und 
dem Quirinal ernst gemeint ist. 
Griechenland hat mit seinen Ministerien wirk 
lich Pech, kaum wuroe Deligeorgis gestürzt und 
durch Vulgaris ersetzt, und jetzt schon hat sich 
auch Letzterer als regierungsunfähig erwiesen. 
Der König beauftragte nun wieder jenen mit 
der Cabinetsbildung, der jedoch seine Ohnmacht 
bald eingestehen mußte, so daß neuerdings wie 
der Vulgaris mit der Bildung eines neuen 
Ministeriums beauftragt wurde. Etwas dauer 
haftes wird aber sicherlich nicht zu Stande kom 
men, denn Diejenigen scheinen wirklich Recht zu 
haben, welche behaupten, daß die Monarchie 
in Griechenland nicht mehr lebensfähig sei und 
daß König Georgos bald den Weg Amadeo's 
gehen müßen werde. 
Daß Rußland wirklich die Absicht hat, die 
Freundschaft mit Oesterreich aufrecht zu erhal 
ten und die Lösung der orientalischen Frage 
vorläufig zu den Acten zu legen, das geht aus 
dem soeben bekannt gewordenen Umstand her 
vor, daß es zwei im vorigen Jahre an der 
galizischen Grenze begonnene Festungsbauten 
sistirt und daß es den Fürsten von Serbien 
bestimmt hat, dem Sultan endlich den lange 
verweigerten Huldigungsbesuch abzustatten. 
Berlin. Betreffs der Situation in der Mi 
litärsrage schreibt die .Berl. Forlschr. Corr.' : 
Die Majorität, welche sich bei der zweiten Lesung 
des Mililärgesetzes im Plenum des Reichstags für 
Ablehnung des 8 1 der Regierungsvorlage erklären 
wird, ist heule noch auf 230 gegen 167 anzu 
schlagen. Die gegentheiliacn Mittheilungen, welche 
besonders durch das Hauptorgan der Regierung 
im Westen Deutschlands, die .Köln. Ztg.', ver 
breitet werden, sind falsch. Einer so geschloffenen 
Opposition gegenüber kann die Regierung auf 
ihrer Abneigung gegen ein Provisorium unmög 
lich bestehen und es wird denn auch ein solches 
wahrscheinlich auf die Dauer von 3 oder 4 Jahren 
berechnet, unseren zuverlässigsten Nachrichten zu 
folge, die Basis eines Compromiffes bilden. 
— An verschiedenen Orten u. A. Leipzig, 
Köln, Hamburg u. s. w. finden Versammlun 
gen statt, in welchen Beschlüsse gefaßt werden, 
die die resp. Reichstags-Abgeordneten auffordern 
dem 8 1 des Militair - Gesetzes nach Vorlage 
der Regierung zuzustimmen. Wie solche Ver 
sammlungen und Adressen zu Staude kommen, 
darüber mag folgende Mittheilung der „Kiel. 
Ztg." belehren. „Ebenso wie bei der Kölner 
Versammlung von vornherein alle nicht der vor 
her festgestellten Adresse Zustimmenden von der 
Theilnahme ausgeschlossen waren, wird jetzt 
auch aus Hamburg berichtet, daß zu der von 
einigen Börsenbesuchern am Schluß der Börse 
arrangirten Versammlung nur Privateinladun 
gen im Stillen ergangen waren. Die „Ham 
burger Reform" schreibt darüber: Vor einem 
solchen zumeist aus Statisten bestehenden Pub 
likum wird eine Adresse verlesen, ein vorher 
bestellter Redner sagt mit einigen trivialen Re 
densarten Ja und Amen dazu; der Vorsitzende 
constatirt, daß sich Niemand zum Worte gemel 
det habe, es bringt Jemand ein Hoch auf den 
Kaiser aus; die Anderen schreien mit und diese 
Carricatur einer parlamentarischen Versamm 
lung nennt man eine Kundgebung des 
Volksgeistes. 
Berlin, 4. April. Die Franctireurs, schreibt 
die „N. A. Ztg." welche den Fuhrmann Fritz 
aus Wintersberg bei Pfalzburg, ermordet hat 
ten, wurden bekanntlich freigesprochen. Jetzt 
hat die französische Regierung den Hinterblie 
benen des Ermordeten eine Entschädigung von 
8000 Frcs. bewilligt. 
Eckernförde, 7. April. (Ztg.) Der 25. Jah 
restag des denkwürdigen 5. April wurde hier 
unter großer Betheiligung von Nah und Fern, 
begünstigt vom herrlichsten Frühlingswetter, 
auf's Festlichste begangen. Von früher Morgen 
stunde an zogen jubelnde Kampfgenossen "mit 
ihren Fahnen in die mit Ehrenpforten, Laub 
gewinden und Flaggen geschmückte Stadt, so 
daß deren Zahl auf 15—16 heranwuchs. Um 
12 Uhr Mittags setzte sich der auf dem Exer- 
cierplatz Aufstellung genommene Festzug, an 
welchem sich außer den verschiedenen Kampf 
genossen- und Kriegskameraden-Vereinen auch 
einige städtische Gewerbe, als die Fischer, Ta 
backsfabrik-Arbeiter, Klempner, Tischler, Bött 
cher rc., sowie die städtische Vertretung, die 
Turner-Feuerwehr, der Bürgerverein und der 
Gesangverein betheiligten, mit 2 Musikchören 
in Bewegung und zog durch die Straßen der 
Stadt hinaus nach dem Grabe Th. v. Preu- 
ßer's, an welchem der ganze Zug unter den 
Klängen der Trauermusikvorbeimarschirte, voran 
in eleganten Equipagen, und mit Lorbeerkrän- 
Robert Lund. 
Novelle von Elise Kraut. sForts.j 
,.3tt Gesellschaftskreisen trug Robert Lund durch 
angenehme Erscheinung, seinen feinen Welt- 
wie durch seine geselligen Talente stets 
f" Sieg davon, anders aber waren die Berhält- 
v'lü in dem stillen Stndirziminer. Hier war Hugo 
f . E f hervorragende Meister und zugleich der will- 
'ahrjgste Helfer und Lehrer deS Mediciners, der 
An nie ein Hehl daraus gemacht, daß ihn nur 
ns Pflichtgefühl zu den Büchern treibe und er 
Nber jedes Andere geworden sei, als ein Student. 
ì>nf Hugos Frage: .Warum hast Du denn diesen 
jöttuf erwählt?" lautete die Antwort: „Nur auf 
ni sehr bestimmt ausgesprochenen Wunsch meiner 
cutter, die nach einer vom Geheimrath Chelius 
3>nckiich vollbrachten Operation, bei ihren Fröm- 
A'gk-itsl'lbungen das Gelübde gethan, auch mich 
r Oncm solchen Wohlthäter der Menschheit heran- 
zu lassen, natürlich in der festen Voraus- 
8- daß, da ich mit Leichtigkeit fremde Spra- 
.j" ulernt und einige Talente besitze, ich auch 
.7^ weltberühmter Gelehrter und wenigstens ein 
CheliuS werden müsst." 
flri * H"go danach sagte: .Du hättest ihr er- 
sollen, daß Du dazu weder Neigung noch 
şşAgkeilen besäßest,' erwiderte Robert: „Für die 
g. einungen Anderer, zumal eines noch unbärtigen 
Iben, wie sie mich zu jener Zeit bei solchen Ein- 
t, "düngen gern zu nennen pflegte, ist meine Mut 
ch l"L™' r .»"zugänglich, wenn solche die Pläne 
1Ehrgeizes durchkreuzen oder mit ihren Fröm- 
Pceilsübungen in Conflict gerathen.' 
. "Aber bedenkt sie denn nicht, daß bei der Wahl 
"es Berufes das Lebensglück eines Mannes auf 
dem Spiele steht? Ich meine, dabei solle Jedem 
die volle Freiheit gewählt bleiben." 
.Sie erblickt aber darin allein mein und ihr 
Lebensglück und verlangt von mir blinde Unterwer 
fung unter ihren Willen. In dankbarer Anerken 
nung der großen Opfer, die sie seit dem frühen 
Tode meines Vater» für meine Erziehung gebracht, 
habe ich mich diesem bisher untergeocdnet und so 
bin ich den auch ein Student der Medicin ge- 
gkworden.' 
Seit diesen Bekenntniffen waren aber schon Jahre 
verflossen und Robert hatte sie benutzt, um sich 
mehr zu einancipiren. Daß er jetzt auch seinem 
Willen Geltung zu verschaffen wußte, bewiesen 
seine gegenwärligen Rristpläne, zu deren Ausfüh 
rung seine Mutter ihm die Geldmittel vorenthalten, 
da sie nicht mit ihren berechnenden Wünschen über 
einstimmten. Indeß, um die Spenderin de« klin 
genden Geburtstagsgeschenkes nicht zu beleidigen, 
batte sie keine weitern Einwendungen erhoben, als 
Robert ihr nach Empfang deffelben sehr entschie- 
den erklärt hatte: „Mama, noch heute reist ich ab!' 
So lag er denn jetzt im Heidelberger Hotel auf 
dem Sopha und überdachte auch alle diese Dinge, 
die wie ein kühlendes Bad ihn frösteln machten 
und mit seine» sonstigen Empfindungen nicht in 
Harmonie zu bringen waren. Unmuthig erhob er 
sich und eilte ins Freie. Der Abend war herrlich 
und ließ ihn vergeffkn. daß es schon spät sei. Es 
war zehn Uhr als er in sein Hotel zurückkehrte, 
doch begab er sich noch nicht zur Rahe, sondern 
lehnte sich an das offene Fenster und beobachtete 
die himmlischen Heerschaaren, die nach und nach 
immer zahlreicher sichtbar wurden. Der Mond trat 
klar hinter leichten Wolken hervor und leuchtete 
»nt seinem milden Lichte friedlich auf die Erde. 
Allmählig erloschen die Lichter in den Häusern 
seiner Umgebung und bald herrschte einc lautlose 
Stille rings um ihn her. 
Dem sangen Manne wurde e§ so seltsam zu 
Muthe, er sehnte sich nach einem unbestimmten 
Etwas. 
Helene füllte seine ganze Seele, er gedachte der 
Augenblicke, wie ihr Auge, umflort durch Thränen, 
so vertrauensvoll und dann im Glanz der Freude 
so dankend ans ihm geruht und tief seufzte er auf. 
Wie war ihm denn? Hatte er nicht den Morgen 
dieses Tages froh und heiter bkgrüßl? Ihm halle 
ja die Welt gehört, als er sich mit seiner mit 
Gold gefüllten Börse an die Eisenbahn begeben 
und jetzt, am Schluffe deffelben Tages wie so ein 
sän, und verlaffen fühlte er sich! und doch ver- 
mied er die Menschen, selbst den treu bewährten 
Freund! Er verließ das Fenster und trat an den 
Tisch, auf welchem die noch unangerührte Flasche 
allen RüdeSheimer stand, womit er seinen Ge- 
burtsiag zu feiein beabsichtigt. 
.Wahrhaftig, ich glaube, ich werde sentimental, 
dagegen muß Protest eingelegt werden,' sagte er 
mit gezwungenem Lachen, öffnete die Flasche und 
füllte das daneben stehende Glas Mit dem per 
lenden Weine. Mit den Woiten: „Das erste Glas 
sei Dir geweiht, schöne Helene!' setzte er es an 
die Lippen und leerte es in einem Zuge. Wäh 
rend er den Rauch einer feinen Havanna in die 
Höhe blies, füllte er es zu wiederholten Malen. 
Die Wirkung des alten Göttertrankes blieb Nicht 
aus. Robert sang ein lustiges Sludcntenlied, da 
nach dachte er laut: 
»Nein! nein! ein Werther soll denn doch nie 
aus mir werden, wenn auch eine Lotle die Klippe 
wird, an der mein Lebnisschiff scheitert. Noch se 
gelt eS mit vollem Winde und ich streiche die 
Segel so leicht nicht." 
Danach sprang cr auf und sang zum Fenster 
hinaus das Lied von Gumbert: .Sie hat mich 
freundlich angeblickt,' wandte sich dann wieder 
um und rief so laut, als habe er einen halb 
tauben Zuhörer: 
.Ah! ei» Kerj, der sich aus Liebe todtschießt, 
ist doch nur ein erbärmlicher Wicht und nicht 
wertb von einem edlen Weibe geliebt zu werden. 
Die Würde eines Mannes gebietet nicht nur That 
kraft im Handeln, sondern auch im Ertragen und 
Entbehre».' 
Nach diesem Ausbruch seiner Gedanken sitzte er 
sich auf das Sopha, lehnte den Kopf zurück und 
schlief ein. Plötzlich erhob cr sich und mit den 
Worten: 
.War das nicht ein Feuerrnf?' griff ct »ach 
seiner Mütze, rannte die Treppe hinunter und so- 
sort ans die Straße, denn er hatte sich nicht ge- 
irrt, es brannte in der Hauptstraße und wie man 
ihm sagte, habe das Feuer schon bedeutende Di 
mensionen angenommen, bevor es überall nur be 
merkt worden sei. Eine Bierbrauerei, deren eine 
Seitenwand an die Wohnung seines Freundes 
Hugo stieß, stand in hellen Flammen. Robert 
wußte, daß deffen Schlafzimmer in der Mitte des 
HaustS lag; war es nun nicht möglich, daß der- 
selbe von dem Lärmen Nichts gehört habe? Ge 
waltsam brach er sich Bahn, um sich davon zu 
Überzeugen. 
Nach vielen Kämpfen stand er endlich vor Hu 
go's Thür, dieselbe war vcrschlosstn. Ec klopfte
	        
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