Full text: Newspaper volume (1848)

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aber nicht der Uebertreibung zeihe, will ich dem offi- 
ciellen Berichte des Vorstehers der barnilierzigen Brüder 
einige Beispiele entnehmen, und hieran meine Bctrach, 
tungen und Bitten knüpfen. 
„ „In Radli» gleich in der ersten Hütte: Vater und 
Mutter todt. sechs hülstose Kinder, von denen die beiden 
Aeltesten, etwa '15 bis 16 Jahr alt, am Typhus lagen. 
DaS eine lag auf der Erve in einem nassen Winkel 
auf verfaultem Stroh in einige Lumpen gehüllt, ohne 
Hemde im schrecklichste» Elende. Das andere Mädchen 
wollte sich zwingen, sie saß, von der Krankheit erschreck 
lich mitgenommen, an einer Art Ofen und 4 Kinder 
— hübsche Kinder — bis zu 3 Jahren hinab standen 
halbkrank umher. Der Vormund hatte die Stube noch 
nicht betreten und ivirv sie nicht betreten, denn die 
Furcht ist so entsetzlich, daß kein Mensch in ein kran 
kes Haus gehen mag. — — „In Marklowitz bei 
Loslau. auf dem Lande, ist das Elend am furchtbarste»; 
Dort mußten wir eine Hütte mit Gewalt aufsprengen. 
» Und was sahen wir? 18 Köpfe — Väter, Mütter — 
Kinder am Typhus liegen. „Was macht Ihr, Leutchen?' 
„O, es kommt Niemand zu uns, es ist streng 
verboten; da haben wir zugeschlossen und wollen Alle 
-sterben.' Der Tod war nicht mehr fern. Als wir nun 
Holz kaufe» gingen, Feuer machten, ihnen Suppe 
kochten, Arznei gaben, trösteten u. s. w., da streckten 
die Armen ihre von Tyvhushitze glühenden Arme aus, 
umarmten, küßten unS und mir mußten es geschehe» 
lassen; denn die Thränen stürzten uns herab, wir 
wußten nicht, wo wir waren; dann blickten die Armen 
auf das Marienbild ihrer Hütte, rangen vor Freude 
die Hände, dankten dem Himmel für die Herabsendung 
der Engel, die sie in ihrem Elende aufsuchte»; schöpften 
Hoffnung, küßten das Kreuz unserer Rosenkränze. 
„Alles — Alles umsonst!" riefen sie, „Suppe, Arznei 
und Geld?" — In Radli» ein anderes Bild. Wir 
klopfen an eine Hütte ■— Niemand öffnet — wir bitten, 
stehen — da geht die Thür auf — und eine Frau, 
buchstäblich auf Händen und Füßen, kriecht, nachdem 
sie geöffnet, in ihr Lager zurück. Der Mann todt — 
die Mutter mit vier Kindern sehe» dem Tode durch 
Hunger und Typhus entgegen. Ebendaselbst sprengen 
wir in einer anderen Hütte die Thür auf, und neun 
Wittwen wohnen bei einander und erwarten den Tod. 
— Ein Anderes. Eine Mutter liegt auf Stroh, rechts und 
links von ihr, an das Herz gedrückt, ein Kind. Seit 9 
Tagen krank, ohne Wasser, Holz und Brod— Niemand 
wagte, ihnen auch nur ein Tröpfchen'Wasser zu bringen; 
denn der Schulze hat es unter Strafe von Prügeln und 
Gefängniß verboten. Eine schwarze Tafel scheucht Alles 
fort; ich habe die Wegnahme der Tafeln beantragt; denn 
die Leute gehen sonst Alle zu Grunde. — Ein anderes 
Bild. Eine kranke Frau hat ihre» todten Mann 
seit vielen Tagen an der Seite, den» im Typhus merkt 
sie dies nicht und Niemand mag zu ihr kommen. — 
Eben so eine todte Muiter noch ein lebendes Kind 
saugend an der Brust. — Wo nehme ich Worte, um 
Ihnen das Elend zu schildern. — Um Goiteswillen 
schicken Sie uns Geld und Lebensmittel; die Verthei« 
lung aus andere Art wird stets sehr mangelhaft sein, 
wie wir uns täglich überzeugen." 
Nachdem der Nothstand einmal enthüllt und hienach 
des edlen Königs ernster Wille bekannt ist, alles 
Erforderliche zu beschaffen, thun die Behörden, wie 
gedacht, Unglaubliches, um die Bevölkerung vom Tode 
durch Hunger und Seuche zu erretten, aber das ge- 
nügt nicht mehr; es gilt gleichzeitig das moralische, 
das sittliche Princip in ihr neu zu beleben; es gilt den 
Menschen der Menschheit zurückzugeben, und soweit 
reicht denn freilich die Allmacht der Bureaucratie nicht. 
—- Bei einer irreligiösen Bevölkerung würde dieses un 
möglich sein; bei einem wesentlich frommem Volke ist 
aber der Weg hiezu schon gebahnt. Die edlen „barm 
herzigen Brüder" Breslaus übersiedelten sich, so viele 
nur irgend abkommen konnten, überall dahin, wo die 
Noth und die Seuche am ärgsten, und begannen also 
Hand in Hand mit den Geistlichen die Armen» und 
Krankenpflege zu übernehmen. Dies wirkte wie ein 
Zauberschlag; es war jetzt kein kaltes Almosen mehr, 
welches dem Armen prvniisoue hingeworfen wurde, 
so.idern eine warme Liebesgabe; eS war der Christ, der 
da theilte mit dem Christen und so löste sich denn 
allmählich die eisige Rinde vom Herzen des Unglücklichen 
ab; er fühlte, daß er Mitmenschen habe, und daß hie- 
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»ieden auch noch die Hoffnung ihm' blühe. Bei der 
leider nur sehr geringen Anzahl der barmherzigen Brüder, 
welche bald dahingerafft sein werden, wie denn erst 
heute ivieder deren Einer bei mir dem Typhus ver 
fallen, empfinden wir um so dringender das Bedürfniß 
»ach barmherzigen Schwestern. Es giebt keinen Ort 
Oberschlesiens, der nicht seit Jahren schon für deren 
Einführung sich gemühet, keinen religiösen Bewohner 
der Provinz — gleichviel ob Katholik oder evangelischer 
Christ — der nicht gerne sein Scherflein beitragen 
würde, aber alle Bestrebungen scheitern an vem Wider, 
stände der Regierung, welche (grausam durch die Gegen, 
wart vom Gegentheile überzeugt) mit hartnäckiger Con- 
sequenz behauptete, es sei kein Bedürfniß dafür vor 
handen.— Doch ich komnie auf unsere Waisen zurück, 
für welche ich meine flehende Stimme erhebe; eS gilt 
nicht bloß diele schuldlosen und jammervollen Geschöpfe 
zu füttern und kleiden, sondern gleichzeitig auch sie dem 
sittlichen Untergange zu entreißen, sie zu Menschen und 
Christe» zu bilden; zu dem Einen, wie dem Anvern 
aber gehen uns die Mittel gänzlich ab. Von 137 
Waisen bei mir habe ich z. B. nur für 49 ei» Waisen 
haus zu begründen vermocht. 
Nach diesen flüchtigen und ungeordneten Worten, 
denn ich selbst schreibe diese Zeilen vom Krankenlager, 
und das mir Theuerste liegt am Typhus darnieder, 
wende ich mich zunächst an die Redactionen aller viel- 
gelesenen norddeutschen Blätter mit der dringenden Bitte, 
diesen Aufruf in extenso (erforderlichen Falls unter 
Entnahme der Jnserkionsgebühren mittelst Postvorsckiuß) 
abdrucken zu lassen, gleichzeitig aber zur Uebernahme 
von Beiträge» sich bereit zu erklären. Demnächst aber 
bitte ich alle edlen Menschenfreunde, zumal Eltern, 
welche der eigenen Kinder eingedenk sind, der Zukunft 
unserer armen Kinder sich zu erbarmen, und nicht Geld 
allein, welches das Königliche Pr. Ober-Postamt in 
Hamburg selbst unverpackt annehmen und anher beför 
dern wird, sondern auch Wäsche, Schuhzeug, Kleider 
und Decken sammeln und hierher senden zu wollen, 
da ich der sichern Hoffnung bin, daß die Directionen 
der norddeutschen Bahnen, gleich den andern, die porto 
freie Anhersendung dessen vermitteln werden, was hier- 
her kömmt unter der Adresse: „Für die verlassenen 
Waisen." 
Pschow bei Ratibor, am 12. Febr. 1848. 
Witt von Dörring. 
Obstehender Bitte schließe ich aus voller Seele mich 
an: 
Heide, 
Fürsibiscböflicher Commiffarius, Ehrendomherr 
und Sradtviarrer in Ratibor. 
Ratibor, den 18ten Februar 1848. 
Indem wir vorstehende» Aufruf aus Schlesien selbst 
hiedurch für Rendsburg und Umgegend bekannt machen, 
welche unsere eigene Aufforderung zur schleunigen Mit 
hülfe bestätigt und bekräftigt, bitten wir, unter herz 
lichem Danke für das uns schon Gegebene, sich auch 
ferner unserer unglücklichen deutschen Landsleute anneh 
men und Gaben für sie an unS gelangen lassen zu 
wollen. 
Rendsburg, den Isten März 1848. 
ckoll. Paap. C. A. V. Appen. J. G. Petersen. 
Blieindorff. J. Chr. Zerssen. W. E. Wiggers. 
Curios. 
Sin ® cb trans vou Jo I,. N. Bvgl. 
„Herr Doctor, a», Herr Doctor!" 
Ein Kranker stöhnt und spricht, 
„O rettet mied vom Tode, 
Am wie das nagt und sticht!" 
Da fühlt den Puls der Doctor 
Und spricht darauf sofort: 
„Bis morgen ist das Uebel 
Gehoben, aus mein Wort." 
„Herr Doctor, ach, Herr Doctor!" 
Ein Zweiter stöhnt und klagt,, 
„O lindert nur die Qualen, 
Ach, wie das sticht und nagt!" 
Da fühlt den Puls der Doctor 
Und spricht: „Es ist zu spät. 
Ihr seid des Grabes Beute 
Eh' noch der Tag vergeht." 
Und Tags darauf der Doctor 
Zum Ersten kommt und fragt: 
„Nicht wahr, er ist genesen. 
Ich hab's vvrhergesaat?" 
Da schluchzen sie: „Noch gestern 
Der Tod fein Auge schloß." 
Da steht verblüfft der Doctor 
Und denkt sicht Curies! 
Und drauf zum zweiten Kranken 
Der Doctor kommt und tragt: 
„Nicht wahr, er ist gestorben. 
Iw dab's vorherqesagt!" 
Da heißi's: „Da draußen geht er 
Spazieren, schmerzenlos." 
Und wieder stellt der Doctor 
Und denkt sick: Curios. 
D e r 11 i dj t ê. 
Beiträge zum Bau eines neuen Rathhanses 
hicselbst. 
Dur» die 140ste wöchentliche Sammlung sind einge 
gangen : 
in der Altstadt und vor dem Krvnwerkerthore 
von 46 Gebern 6 »* 14 /5 
im Neuwert und vor dem Neuenthore'von' 
44 Gebern 4 g 
11 m# 7/3 
Es sind bis jetzt in 141) Sammlungen zusammen 
4415 »i$t — /3 eingegangen. 
Rendsburg, den 3. Mär; 1848. 
Steffens, Kafstrer. 
Weisende. 
In Stadt Hamburg st Lübeck (GastlvlNh Dülfert.) 
Den 24sten Februar: Kaust. Hass von Schleswig nach 
Altona, und Eckmann von Kiel nach Helde. Den 25fun: 
Kaufleute Bellingrodt von Kiel nach Heide, Robert und 
Heintzen von Altona und retour. Den 27sten: Kaufleute 
Meyer von Hadersleben na» Altona, und Pohlmann von 
Husum nach Kiel. Den 29stent Fräulein Fleischer von 
Flensburg nach Kellinghusen, Parttculier Waitz und Kaufm. 
Remmington von Pahihude nach Hamburg. Den 1. März: 
Kaufl. Hagemann von Hamburg na» Horsens, Siegiried 
von Hamburg und retour, Lorentzen von Flensburg „ach 
Glückstadt. 
Conrs von Eisenbahn 
(Pom 29ten Februar 1848.) 
Hamburg-Bergedorfer Eisen bahn-Aclie.u 
Actien 
Hamburg-Berliner do. dv. 
Alrona-Kieler Eisenbahn-Actien 
GIückstadt'EImsh. do. 
Kopenb.-Rothschild, do. 
Reiidsburg-Ncum. do. 
Briefe 
80 
Geld 
78 
95 
Rendsburger Marktpreise, 
am Sonnabend, den 26. Februar 1848. 
Eine Tonne Weizen . . . von 14 mK 8/3 dis <j r 
- Roggen. . . von 8 - 8 - bis 9 - 4 . 
Gerste . . . von - - — - h,s . 
Hafer . . . von 5 - 8 - bis 6 - - - 
- Buchweizen von 8 - 8 - h,g 9 . — . 
Ein Pfund Butter. . . von— 9 - dis — 10 - 
100 Pfund Heu .... von 1 - 6 - bi? 1 -12 - 
100 - Stroh. ... ton 1 4 - dis l - 8 • 
Hierzu eine Beilage. 
Nebst einer Beilage aus der Buchhandlung von 
F. A. Oberreich.
	        
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