Full text: (8. Band = 1834, No 9-No 16)

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VI. Staatsarzneikunde. 
eine nicht mehr ganz junge, früher rhachitische, von jeher 
schwächliche und oft kränkliche Person nach einer so höchst 
schwierigen Entbindung am 6. Tage des Wochenbeltes stirbt, 
ist‘ etwas so Gewöhnliches, dass man. die Ursache des Todes 
nicht in einem fehlerhaften Benehmen des Geburtshelfers zu su- 
chem braucht. Von einer rohen, unfreundlichen, nachlässigen 
Behandlung von Seiten des Chirurgen O. findet sich nirgends 
in den Acten eine Angabe; ja er zeigte der Wöchnerin noch 
seine Theilnahme, als er auf “ihren 'eigenen Wunsch von den fer- 
neren Versuchen, den Kopf herauszufördern, abstand, — Dem- 
nach hat der Chirurg O. 1) den vorliegenden Geburtsfall richtig 
erkannt und die richtigen Indicationen gestellt; 2) diesem gemäss 
gehandelt, die Manual- und Instrumentalhülfe mit der nöthigen 
Vorsicht für Mutter und Kind angewendet und deren Tod auf 
keine Weise verschuldet; 3) demnach nicht, wie der Amtsphys. 
Dr. P. sagt, den Grund- und Lehrsätzen der Wissenschaft, Kunst 
und Moral entgegen, sondern ihnen gemäss gehandelt und ist 
ohne alles Verschulden von seiner Seite in eine Untersuchung 
gerathen, die seinem Rufe als Geburtshelfer leicht sehr nach- 
theilig seyn "könnte. — Schliesslich bemerkt V. ‚noch, dass auch 
der dem O. von Dr. P. vorgeworfene „Mangel aller Wahrheits- 
liebe“ durch nichts in den Acten erwiesen sey; da seine Aussa- 
gen denselben Glauben verdienen als die abweichenden der Heb- 
amme, die ja selbst am 27. Februar ganz anders deponirte, als 
sie früher am 6. Febr. gethan, und deren Aussagen wiederum 
durch die der Ehefrau’ St.- theihweise widersprochen wird, Es 
war daher sehr erwünscht, dass O. die Beeidigung der Zeugen 
verbat , welche widrigenfalls ganz entgegengesetzte Aussagen be- 
schworen haben würden, und lieber Alles über sich, ergehen liess, 
wie er denn auch auf Vorhalten: dass. das Becken der B. nach 
Aussage des Dr. C. ein. normales und nicht verengt gewesen — 
zugiebt: „es könne seyn, dass er sich geirrt habe‘ — obwohl, 
der Section zufolge, nicht er, sondern der Phys. C. sich geirrt 
hatte. — WUeberhaupt gehe es nur zu deutlich aus dem Gange 
der Untersuchung hervor, wie man nur bemüht gewesen, ein 
recht schweres Kunstvergehen des Chirurgen O0. zu constatiren, 
während man Alles unbeachtet liess, was sein Verfahren in ein 
klares, günstiges Licht stellen konnte. Um die unerlässliche 
Ausmessung des Beckens bekümmerte man sich erst, als die Ju- 
stiz- Canzlei darauf aufmerksam machte. — Ausserdem werden 
noch manche Unterlassungen in der vorliegenden Untersuchung 
gerügt, die theils den Inquirenten, theils den Obducenten und 
den begutachtenden Aerzten zur Last fallen, wie die Angabe 
des Alters der Mutter, des Geschlechts des Kindes, wo die re- 
gelwidrig angeheftete Placenta hingekommen etc. etc, [v. Ste- 
bold’s Journal etc., Bd. XIII, St. 3. 1834.] (L—t.) 
Verlag von Leopold Voss in Leipzig,
	        
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