Full text: (8. Band = 1834, No 9-No 16)

VL. Psychiatrie, 
den Harn, aber blieb ohne Stuhlgang. Sein Gesicht färbte sich 
dunkel, seine Augen wurden glänzender, die Haut trocken und 
rigid, der Puls hart und schnell. Den 3, Tag wurden 20 Un- 
zen am Fusse entzogen. Er wurde ruhiger, forderte am Abende 
ein Glas Bier, ‚verlangte noch mehr, trank Wasser, aber alles 
heimlich, und schief die Nacht besser. Am folgenden Morgen 
bekam er nach Verlangen wieder ein Glas Bier und mit diesem 
Coloquinten , Calomel und Tart. stib. in hinlänglicher Menge. Er 
trank, um nicht entdeckt zu werden, schnell und bekam bald 
Erbrechen und Laxiren und ward nach einigen Stunden ruhiger, 
Ob er gleich den Betrng merkte, verlangte und trank er doch 
Wasser, dem Wein und Nitrum beigemischt ‚waren, und genoss 
‘Abends etwas Fleischbrühsuppe. Der Besserung ungeachtet sprach 
und ass er nicht, sah ernst und traurig, ward aber ruhiger, 
weshalb man seine Fesseln etwas lüftete. Folgenden Tags tobte 
er gegen seinen Arzt in voller Wulh. Er wurde mehr gefesselt, 
bekam bloss Wasser zum Getränk, und musste nochmals so viel 
Blut hergeben. Er wurde ruhig, milde und weich. gestimmt, 
verlangte heimlich Bier und bekam es mit obigem Purganz. Kr 
gab hierauf bald und viel mehr gelbe, zähe Flüssigkeit durch 
Mund und After von sich, klagte zum ersten Male über hartes 
Lager und Gliederschmerzen und schlummerte einige Siunden. 
Abends nahm er etwas Speise und Trank; er war magerer, seine 
Hautfarbe reiner geworden; die Augen waren nicht mehr glän- 
zend und roth, sein Gesicht nicht mehr wild, ‘er selbst war 
traurig und erschöpft; er gehorchte in allem und schlief seit 
neun Nächten zum ersten Male ordentlich. Auch am folgenden 
Tage war er gut, vollkommen bei sich und sprach von der ver- 
Nossenen Woche kein Wort. Eine freundliche, ja gutmüthige 
Behandlung, Tartarus stib. in refracta Dosi mit Valeriana, jeden 
4. Tag ein Laxanz mit Kalomel nebst zweckmässigem Regim 
stellten ihn bald vollkommen und dauerhaft wieder her, ohne 
dass er sich jemals über das Vorhergegangene äusserte. - Nach 
8 Jahren starb er apoplektisch. — , Mit, geringem Unterschiede 
verliefen die übrigen Fälle von Wahnsinn auf ähnliche Weise 
und wurden nicht anders behandelt. Einzelne blieben etwas län- 
ger schwermüthig. Keiner von allen äusserte sich über, seinen 
frühern Zustand, ob sie gleich ihren Verstand in so fern beibe- 
halten hatten, ‚dass sie achtsam, tückisch, bereit zum Betrügen, 
Jlüstern nach Freiheit und voll Grimm auf den Arzt und des- 
sen Helfershelfer waren. — Warum diese Krankheit gerade in 
dieser Gegend sich sehen liess und an andern Ortschaften vor- 
überging, ist nicht ermittelt worden. Sie herrschte vom Som- 
mer 1816 bis Februar 1817, kam im Sommer und Herbste häu- 
figer vor, als im Winter und endete mit, der Selbstentleibung ei- 
nes einzigen Menschen. [Med, Jahrb. d. k. k. österreich, Stad- 
tes; Bd. 15, Hft.1.} ) i (V—t.) 
Verlag von Leopold Yoss in Leipzig
	        
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