Full text: (6. Band = 1833, No 17-No 24)

492 IV.. Chirargie und Ophthalmologie, 
Bald aber erhoben sich‘ wuchernde Granulationen und Schwamm- 
gewächse von. dem abgeschabten Knochen, gegen die selbst das 
glühende Eisen nichts- vermochte; sie vergrösserten sich lang- 
sam; tiefe, schiessende Schmerzen stellten sich ein, und end- 
lich schien das Kinn sich allmählich zu verlängern. In diesem 
Zustande, im J. 1828, wo der vordere Theil des Unterkiefers 
eine rothe, weiche, schmerzhafte Geschwulst von ungeheurem 
Umfange bildete, so dass das Kinn 2 Zoll weit hervorragte, und 
das Kauen fast nicht mehr möglich war, wendete sich Pat. an 
G., welcher die Amputation des kranken Knochens am 31. März 
unternahm. Er machte einen Schnitt in der Mittellinie von dem 
Lippenrande bis zum Zungenbeine uud legte die hierauf bis zum 
Masseter losgetrennten Hautlappen von den kranken Theilen zu- 
rück. Dann zog er den dritten Backenzahn der linken und den 
vierten der rechten Seite aus und sägte in diesen Zahnlücken 
schräg nach vorn und unten den Knochen durch, so dass der 
untere Rand des Unterkiefers weiter nach vorn hervorragte als 
der obere. Er löste hierauf die Geschwulst, welche gegen die 
Zunge hervorragte, indem er immer in den gesunden Theilen 
schnitt. Ehe er nun den Knochenbogen wegnahm, liess er die 
Zunge mit einer Pincette an ihrer untern Fläche fassen, damit 
sie sich nicht umstülpe, wenn der Kranke Schling- oder Sprech- 
bewegungen machen sollte, Die Sublingualgefässe wurden hier- 
auf unterbunden, und die Hautlappen, von denen zuvor ein von 
oben nach unten zugespitztes Stück abgeschnitten wurde, mit 
Suturen vereinigt. Um nun ein Umstülpen der Zunge und die 
Ansammlung von Flüssigkeit zwischen den -Lippen tnd den Zun- 
genmuskeln zu vermeiden, zog G. einen kleinen Theil der Sub- 
lingualschleimhaut und die Fasern des M. genio-glossus durch 
die Wundspalte hindurch, und befestigte sie, indem er eine Steck- 
nadel durch sie hindurchstach. Es wurde nur noch ein unter- 
stützender Verband hinzugefügt, der Kranke in’s Bett gebracht 
und mit dem Kopfe sehr hoch gelegt, um Speichel oder Blut 
ohne Anstrengung auswerfen zu können. Der Mund wurde bis- 
weilen ausgespritzt; am 6. und %. Tage wurden die umwundenen 
Nähte abgenommen; nach 3 Wochen waren die inneren Theile 
80 vereinigt, dass von der Mundschleimhaut nicht die geringste 
Narbe zu sehen war. Pat, konnte seine Zunge ohne Schwierig- 
heit herausstreckens er nahm weiche Nahrungsmittel mit Appe- 
tit zu sich; aber die 3 übrig gebliebenen Zähne passten nicht 
auf die obere Zahnreihe, da die beiden Stücke des Unterkiefers 
durch die MM. pterygoid. intern. einwärts gezogen wurden, 
Nach mehreren Mofiaten, als die Vernarbung ganz vollkommen 
war, und auch die Knochenstücke, welche lange Zeit schmerz- 
haft blieben, so dass G. Nekrose befürchtete, ihre Empfindlich- 
keit verloren hatten, ‘liess er einen künstlichen Unterkiefer aus 
Hippopotamusknochen machen, welcher die Enden der beiden 
Unterkieferstücke eo fasste, dass er bis zu einem gewissen Punkte
	        
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