Full text: (4. Band = 1833, No 1-No 8)

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V. Psychologie, 
Inbegriff der Erscheinungen des äusseren Lebens auch den Schlüs- 
sel zur Erklärung des Lebens an sich enthalte; dass die somati- 
schen Potenzen nicht nur die Träger der niederen animalischen 
Functionen, sondern auch die Factoren der höheren geistigen 
Thätigkeiten seyen: dass folglich alles in die Erscheinung tre- 
tende Leben, auf allen Stufen der Endlichkeit, nur als Wirkung 
einer äusseren, in die Sinne fallenden Ursache, Product eines 
auf physiologischem Wege zu suchenden und ‘untrüglich zu fin- 
denden Grundes sey. — Auf der anderen Seite hatte der kriti- 
sche Dogmatismus und hatten die aus ihm entspringenden Dis- 
ciplinen in der ersten Periode ihrer Entstehung und Bearbeitung 
in Deutschland wenig Popularität gefunden. Namentlich war den 
Aerzten, bei ihrer abstracten Ferne von dem Wege der belieb- 
ten Empirie, bei ihrer strengen Begränzung durch rationelle Ge- 
setze und Schranken, die Region des philosophischen Wissens 
immer fremd geblieben, wovon die Folge war, dass sie für die 
psychische Medicin keine Neigung und kein Interesse gewan- 
nen. — Mit HurgLanp, der die wechselseitige Durchdringung 
des Physischen und Psychischen im Menschen pragmatisch, und 
zwar mit Originalität, darstellte, ging ein neuer Stern auf. Da- 
durch ward die psychische Heilkunde neu gebildet, in ihrer wah- 
ren Sphäre, in ihren festen Gränzen und Beziehungen zum er- 
sten Male erblickt. Die Punkte der Verknüpfung des psychi- 
schen Lebens mit dem somatischen zu finden, aus dieser Wech- 
selwirkung und nach den Gesetzen derselben alle Störungen des 
Lebens, alle krankhaften Zustände, alle Abnormitäten von dem 
Kriterium der Gesundheit abzuleiten und zu erklären, ist das ei- 
gentliche Geschäft des psychischen Anthropologen. Er muss die 
Zustände des Zcyua und der Psyche, er muss den Gang der 
psychischen Thätigkeit, wie den Gang der organischen Bewegun- 
gen, in einem ununterbrochenen Parallelismus fest betrachten. 
Der Anfang der organischen Verknüpfungen ist ein für uns ideel- 
ier Punkt, ein der Beobachtung sich versagender, unsichtbarer 
Keim, den wir in der That gar nicht kennen, auch schwerlich 
jemals kennen lernen werden. Dieses Wesen ist ein rein über- 
sinnliches , selbstständiges, persönliches: es ist die Menschen- 
seele. Von ihr geht beständig eine Kraft aus, welche zunächst 
auf die Organe des sensitiven Lebensprocesses, auf die Werk- 
zeuge der Intelligenz und der Empfindung wirkt; sie wirkt auf 
den ganzen Organismus, theilt sich allen einzelnen Organen im- 
mer von neuem mit und bedingt und erhält das animalische Le- 
ben des Körpers. Es giebt also zwischen Seele und Leib die 
strengste Reciprocität, und so wie beim Thiere ein dunkeles Inne- 
werden der Umgebung mehr das Product eines animalischen Trie- 
bes ist, den die Natur regiert, und den wir Instinkt nennen: so 
soll nun die physische Gestalt des Menschen ein Leib seyn, 
d. h. ein nothwendiges, unzertrennliches Organ der Seele. Der 
Leib des Menschen ist das der Sinnenwelt entnommene Werk-
	        
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