Full text: (4. Band = 1833, No 1-No 8)

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VI. Staatsarzneikunde, 
VI. STAATSARZNEIKUNDE. 
184. Ueber die angewendeten Gifte; vom Geh. Med, 
Rath Dr. von Frorıer. Während über die einzelnen giftigen 
Substanzen, die sogenannten reinen Gifte, die erfahrungsmässig 
bei Einwirkung auf den Körper nachtheilige oder tödtliche Wir- 
kungen hervorbringen, die Medicinalpolizei fast überall mehr oder 
minder vollständige Vorschriften erlassen hat, durch. die zufällige 
Vergiftungen verhütet, absichtliche aber erschwert werden sol- 
len, hat man über die angewendeten Gifte nur einzelne, durch 
einzelne Unglücksfälle hervorgerufene Verbote, Belehrungen und 
Verordnungen, wodurch die Wiederkehr solcher Fälle verhindert 
werden soll. — Da neuerlich in Weimar ein Knabe durch Ab- 
lecken des Farbenüberzuges von Devisenfiguren unter Vergif- 
tungszufällen erkrankte, so befahl die Ober - Medicinalbehörde 
Confiscation der schädlichen Waaren, Belehrung an’s Publicum, 
Vorschrift an Conditoren über schädliche und unschädliche Farbe- 
stoffe und Communication mit der Oberbehörde des Landes, aus 
dem die gifüge Conditorwaare bezogen worden war. Dass diese 
Maassregeln zweckmässig und nothwendig waren, leidet wohl 
keinen Zweifel, wohl aber fragt sich: ob dieselben auch wirk- 
lich genügend sind? wogegen sich freilich manche Einwürfe ma- 
chen lassen. Indem v. F. diese widerholt bedachte , fragte er sich, 
was denn er wohl für Vorkehrungen treffen würde, wenn 'man 
ihn über diese Sache gleichsam persönlich verantwortlich machte, 
wenn man ihm aber auch hinsichtlich der Verhütungsmittel volle 
Macht und Gewalt gäbe, und er kam mit sich überein, 1) dass 
die Conditoren für das, was sie verfertigten, sich genau an die 
ihnen speciell erlaubten Farbestoffe halten und die verbotenen, 
wie auch nicht erwähnten vermeiden müssten; 2) dass sie gefer- 
tigte Waaren nur dann beziehen dürften, wenn durch einen Schein 
von der medicinal- polizeilichen Behörde bezeugt würde, dass an 
oder in denselben nichts Giftiges sey; 3) dass die Conditoren, 
wenn sie ja einmal Waaren olıne solche Zeugnisse oder mit man- 
gelhaften erhielten, von inländischen Medicinalpolizei - Beamten 
ie Unschädlichkeit derselben untersuchen ‚und bezeugen lassen 
müssten, und 4) dass diese Vorschriften überall hinlänglich be- 
kannt gemacht würden. Diese Maassregeln sind einfach und pas- 
sen für mehrere analoge Gegenstände, könnten auch zu einer 
Gesetzgebung über angewendete Gifte insbesondere führen. Der 
Ideengang des Verfs. war dabei folgender: a) Wenn man auch 
den Verkauf giftiger Waaren verbieten kann, so wäre es doch 
noch wichtiger, wenn man die Verfertigung verhindern, also 
dem Verkaufe ganz vorbeugen könnte. b) Die Waaren werden 
giftig: @) absichtslos, indem die Fabrikanten nicht wissen, dass 
eine Substanz Gift ist; ß) absichtlich, insofern sie die Substanz 
als Gift kennen und doch wegen Wohlfeilheit oder besseren An- 
sehens der Waare anwenden. Kommt nun Alles darauf an, dem
	        
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