Full text: (4. Band = 1833, No 1-No 8)

226 IV. Chirurgie und Augenheilkunde. 
leerungen erfolgt, wonach eine grosse KErleichterung eintrat. 
Der Urin floss nun täglich in grosser Menge und vom 15. Tage an 
wieder willkührlich ab; die Oeffnung wurde wieder regelmässig, 
Das Fieber verminderte sich täglich, in den Extremitäten stell- 
ten sich von Neuem Empfindung und Bewegung ein, und mit 
der 9. Woche ward Patient der Kur entlassen. An der Stelle, 
wo die beiden Wirbelbeine getrennt gewesen waren, bildete sich 
eine eigrosse, harte Geschwulst, und der Kranke fühlte keine 
weitere Beschwerde, als dass er sich nur mit ganz steifem Rücken 
bücken konnte. In der 31. Woche stellte sich jedoch ein epilepti- 
scher Anfall ein, der sich wöchentlich 3S— 4 Male, dann alle 
8—14 Tage und nach 3 Jahren alle 6—8 Wochen wieder- 
holte. Im Uebrigen war die Gesundheit vollkommen. — Ein- 
mal erweist dieser Fall die früher bezweifelte Möglichkeit, 
dass die fibrösen Gebilde der Wirbelsäule olıne Bruch, Verren- 
kung oder tödtliche Verletzung, zerreissen können; 2. liefert er 
einen Beitrag zur Aetiologie der Epilepsie, und 3. ein Beispiel 
von Urinverhaltung wobei die Blase sehr mit Urin angefüllt ist, 
und die Wege zum Abflusse ’offenstehen. In allen derartigen 
Beispielen, deren der Verf. mehrere beibringt, waren die Beob- 
achter über dies sonderbare Phänomen erstaunt und suchten den 
Grund in verschiedenen andern Hindernissen, als in der Blase, 
Der Verf. beweist indess, dass in allen diesen Beobachtungen, 
so wie in der seinigen, die einzige und nächste Ursache Läh- 
mung der Urinblase selbst. gewesen sey. Kr erklärt die Er- 
scheinung, wie folgt. In dem gelähmten, ‚also ihrer Vitalität he- 
raubten, Zustande unterliegt die Urinblase den Kräften der tod- 
ten Natur, und es kann aus ihr dann eben so wenig, als aus 
einem oben zugespundeten Fasse, oder. einer oben yerschlosse- 
nen Röhre, ungeachtet unten Oeffnungen vorhanden sind, der 
flüssige Inhalt herauslaufen. Im ungelähmten Zustande erfolgt 
die Ausleerung des Urins dadurch, dass sich Körper und Grund der 
Blase, während sich der Hals erweitert, contrahiren. Die Grundur- 
sache jeder retentio urinae vesicalis liegt, sobald kein mechanisches 
Hinderniss, als Stein etc. , Statt findet, entweder darin, 1) dass sich 
die obern Partieen zu schwach (ischuria paralytica partialis ve- 
sicge) oder 2) die untern zu stark (ischuria vesicae spasmodica, 
inflammatoria) contrahiren, oder 3) dass beide, die Blasen- und 
Schliessmuskeln gelähmt sind (ischuria paralytica universalis ve- 
sicae). Sind nur die untern Muskelpartieen gelähmt, so erfolgt 
eine Incontinentia. urinae. Die’ allgemein angegebenen semioti- 
schen Kennzeichen einer paralytischen Harnverhaltung, als, dass 
die Harnwege offenstehen, kein Schmerz vorhanden 
und der Katheter ohıne alle Schwierigkeit einzubringen 
sey, gelten höchstens für die universalis, bei der häufigeren par- 
tialis aber gar nicht. Bei dieser ist der Blasenhals meist sehr 
fest verschlossen, so dass der Katheter nur mit grosser Schwierigkeit 
eingeführt werden kann, und heftige Schmerzen erfolgen. Um
	        
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