Full text: (4. Band = 1833, No 1-No 8)

II. Pathologie, Therapie und medicinische Klinik. 37 
einen völligen Stillstand des Uebels und fand am Kinde keine 
Spur einer Ansteckung. Er glaubte daher, dass die bei der 
Conception Statt findende Lues, wie andere Kachexieen und Re- 
productionskrankheiten, in der Schwangerschaft nicht fortschreite. 
Erfolge dagegen die Ansteckung längere Zeit nach der Conce- 
ption, so scheine die Frucht wegen des dann innigeren Zusam- 
menhanges mit der Mutter und der eigenen Lebensschwäche 
mehr für die Ansteckung empfänglich zu -seyn, was mit den 
oben angeführten Erfahrungssätzen ebenso im Widerspruche steht, 
wie es unrichtig ist, dass Kachexieen und Reproductionskrank- 
heiten während der Schwangerschaft nicht fortschritten.. Es tre- 
ten nur die Erscheinungen dieser Uebel mehr in den Hinter- 
grund, keineswegs die Krankheiten selbst, noch viel weniger 
machen sie einen Stillstand. Nach der Geburt des Kindes aber 
kommen die Erscheinungen der inzwischen vorgeschrittenen Uebel 
wieder deutlicher und bestimmter hervor. II. Sehr wichtig bei 
der in Rede stehenden Controverse ist die Bestimmung der sy- 
philitischen Formen, an {denen das eben geborene Kind leidet. 
Vernachlässigung dieses Punktes hat den Streit so hartnäckig und 
unsicher gemacht. Bei Ansteckung während des Durchganges 
durch die Scheide entwickelt sich örtliche Syphilis da, wo das 
Gift mit dem Körper in Berührung kommt, z. B. am Munde, 
an den Augen u. s. w., und diese Ansteckung erscheint hier im- 
mer unter der Form von Geschwüren. Geht dagegen das sy- 
philitische Gift schon im Uterus auf den Fötus über, so erfolgt 
Abortus, indem der Fötus abstirbt, oder er wird zur gehörigen 
Zeit mit zerrüttetem, den Keim des baldigen Todes in sich tra- 
gendem Körper geboren, oder endlich, das Kind ist gleich nach 
der Geburt scheinbar gesund, zeigt aber sehr bald hier oder da 
Bläschen und Pusteln, die sich schon im Uterus ausgebildet 
hatten, oder, was gewöhnlicher ist, einige Tage nach der Ge- 
burt entstanden. Dies fast immer an den untern Extremitäten 
vorkommende Exanthem ist besonders von französischen Aerzten 
und neuerlich von Aısers sehr genau und ausführlich beschrie- 
ben worden. Das bisher Mitgetheilte bezieht sich einzig und 
allein auf Chankerseuche. Was über angeborene Tripperseuche 
bekannt ist, hat EISENMANN. zusammengestellt. — Was die er- 
erbte Syphilis betrifft, so behauptete IV. GiRTANnER, dass das 
venerische Uebel nie vom Vater dem Kinde mitgetheilt werde, 
und dass es ungereimt sey, mit RosEnstTEIN, SANcHEZ u. A. an- 
zunehmen, dass Kinder zuweilen den Keim des venerischen Gif- 
tes mit auf die Welt brächten, der aber nach 20 oder 30 Jah- 
ren erst ausbreche. Es ist jedoch jetzt bekannt, dass Rosen- 
STEIN und Sanchez besser als GiRTANNER beobachteten, und man 
wird wohl nun bald die hereditäre Syphilis neben hereditäre 
Gicht und hereditäre Tuberkeln stellen. — Allgemeines Gesetz 
dürfte es seyn, dass, wie die angeborene Syphilis ein Geschenk 
der Mutter, die ererbte ein Geschenk des Vaters ist. Ferner: 
Summarium. d. Mediecin. 1833. IV. 5
	        
Waiting...

Note to user

Dear user,

In response to current developments in the web technology used by the Goobi viewer, the software no longer supports your browser.

Please use one of the following browsers to display this page correctly.

Thank you.