Full text: (4. Band = 1833, No 1-No 8)

196 1. Pathologie, Therapie und medicinische Klinik. 
gaben lässt sich nicht genau darthun, wie dies bei der Cholera 
gewesen ist. In Moskau sollen intercurrente Krankheiten ge- 
mangelt haben, in Breslau hingegen fanden sich dergleichen vor, 
Uebrigens muss man hierbei nicht übersehen, dass, indem man 
sich durch ein besseres Regim vor der Cholera schützen wollte, 
man sich auch vor anderen Uebeln schützen musste. — Endlich hat 
man gegen die Contagiosität der Cholera deshalb gesprochen, weil 
bei ansteckenden Krankheiten ein gewisser Zeitraum zwischen 
Ansteckung und Ausbruch derselben vorangehen und sich durch 
bestimmte Symptome zu erkennen geben müsse. Dann aber könne 
keine Kunst die Ausbildung der Krankheit hindern. Die Cho- 
lera hingegen trete immer urplötzlich ein, und oft habe die Kunst 
die völlige Ausbildung der Krankheit verhindert, oder doch sehr 
beschränkt. Wer letzteres behauptet, giebt zu, dass die Cho- 
jera oft im ersten Stadium getroffen werde, ehe sie ihre grösste 
Höhe erlangt hat und widerspricht sich so selbst, wie denn über- 
haupt gegen diese Behauptung viel einzuwenden wäre. Auch 
dürfte der Umstand, dass die Cholera Manche mehrmals befal- 
len hat, ebenfalls noch keinen Beweis für den atmosphärischen 
Ursprung derselben geben. Ein zweimaliges Erscheinen mehre- 
rer anderer contagiöser Uebel kann theils nicht geläugnet wer- 
den, theils bestand wohl oft der zweite Anfall der Cholera nur 
in einem Recidive der noch nicht völlig überwundenen‘ Krank- 
heit. — Da nun die Cholera von den ihr zugeschriebenen Ei- 
genthümlichkeiten atmosphärischer Krankheiten in der That keine 
besitzt, so muss man mit Recht fragen, was denn eigentlich die 
Aerzte dazu bewogen habe, die Cholera für nicht ansteckend 
zu halten? Ohne Zweifel wird man antworten müssen: Die 
Immunität so Vieler, welche in Berührung mit Cholerakranken 
gekommen, und das Erkranken Anderer, die wissentlich keine 
Gemeinschaft mit solchen Kranken gepflogen haben, so wie die 
Unmöglichkeit, die Einschleppung der Krankheit überall nachzu- 
weisen. Was aber diese Immunität anlangt, die keineswegs so 
sehr gross gewesen ist, 80 beweist sie durchaus nichts mehr, 
als dass nicht alle geeignet sind, die Cholera zu bekommen, 
oder dass nicht Alle Empfänglichkeit für dieselbe besitzen. Auch 
giebt es keine auch noch so ansteckende Krankheit, welche für 
Jeden und unter allen Verhältnissen ansteckend ist. Das KEr- 
griffenseyn vieler, in keine Gemeinschaft mit Cholerakranken 
Gekommener unterliegt noch manchem Zweifel, und die Unmög- 
lichkeit, die Einschleppung überall nachzuweisen, liegt wohl nicht 
daran, dass die Seuche nicht eingeschleppt worden wäre, son- 
dern mehr in der Unzulänglichkeit der Mittel, die Wahrheit 
überall zu erforschen. — Es können also auch jene Umstände, 
welche die Lehre der Anticontagionisten begründen sollten, nicht 
als bewegende Motive anerkannt werden. Sie haben nur den 
Schein für sich, und es bleibt nichts übrig, als die Fortpflanzung 
der Cholera durch Ansteckung zu erklären. Ein drittes giebt es
	        
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