Full text: (Bd. 1 (Jahrg. 1832) = No 1-No 8)

1408 11. Pathologie, Therapie und medicinische Klinik. 
Orten. — Dass der Zeitpunkt, in dem die Cholera in Wien 
ausbrach, der Wendepunkt war, in der die Ansicht über die 
Ansteckungskraft der Cholera sich änderte, und dass von da aus 
sich eine bessere, mehr rationelle Behandlung dieses Uebels 
bildete , ist nicht zu verkennen. Diese Behandlung wurde frei- 
lich nicht in Wien erfunden: der grosse Erfinder einfacher und 
wichtiger Mittel ist der Zufall, und dieser hat auch hier das 
Beste gethan. Bekanntlich verbreitete sich in Russland und 
Polen ein eigenes Misstrauen gegen die Aerzte. Viele nahmen; 
ihrem Instincte folgend, kaltes Wasser und genasen. Man be- 
gann den Kranken kaltes Wasser zu reichen und wagte endlich 
auch kalte Waschungen, doch war es den Wiener Aerzten vor- 
behalten , diese indirecte Erwärmungsmethode auf bestimmte 
Regeln zurückzuführen. Noch wichtiger aber, als die bessere 
Behandlung der Krankheit, war es, dass in Wien die Meinung 
über die Contagiosität des Uebels berichtigt wurde. Leicht könnte 
man Tausende von Facten, welche die Nichtcontagiosität be- 
weisen, anführen. Weder die Nähe des Kranken, noch das 
Berühren desselben, weder das in der Cholera Erzeugte und 
Entleerte, noch die Leiche oder das Blut des Kranken, oder 
der Reconvalescent hat sich in Wien ansteckend gezeigt. Wann 
und wo soll sich sonach ein Contagium zeigen? — Nie und 
Nirgends. Doch erscheint das Uebel plötzlich, unerklärbar und 
regellos, und da ist zu Erklärung dieses Hereinbrechens das 
Contagium das bequemste Mittel. — Man hat auf Gemüths- 
affecte, besonders auf die Furcht, ein grosses Gewicht gelegt 
and ihnen die Eigenschaft zugeschrieben, die Cholera hervor- 
zubringen. Doch ist dies Irrthum und Uebertreibung. Als die 
Cholera in Wien ausbrach, waren Alle mit Schrecken erfüllt, 
und wie Wenige wurden krank! Höchst nachtheilig sind jedoch 
Affecte, wenn man die Cholera hat, oder hatte, und gefährlich 
ist es, sich vor einem Cholerakranken, oder einer Leiche zu 
entsetzen, Zwischen dem Gedanken an eine Gefahr und dem 
Anschauen derselben ist ein grosser Unterschied. Wenn jener 
beunruhigt, kann diese lähmen, und die Cholera scheint ein 
Lähmungszustand zu seyn. Herrschst die Cholera nicht, so 
wird das Entsetzen die gewöhnlichen Folgen hahen; unter dem 
Einflusse der Choleraconstitution aber wird die Cholera nach 
dem Entsetzen hervortreten. Die psychische Verbreitung gehört 
gewiss zu den Ursachen, in deren Folge ganze Familien aus- 
starben, was freilich den Anschein hat, als wäre eine Anste- 
ckung erfolgt. Wenn aber Tausende, die mit Kranken in Be- 
rührung kamen, gesund blieben, wenn die Krankheit Monate 
lang in einer Stadt steht, und doch an vielen Orten sich nur 
einzelne wenige Krankheitsfälle ergeben, so sieht dies doch 
ganz anticontagiös aus. — VUebrigens konnte man in Wien sehr 
deutlich sehen, dass die gefürchtete Krankheit sich recht 
gut heilen liess, und dass man nicht glauben darf, dass man 
Kar 
haı 
nic) 
un: 
seh 
das 
vor 
mu 
Sp 
de: 
se, 
wa 
ent 
die 
Di 
Me 
ko 
au 
Im 
so 
w' 
W: 
RP 
nd. 
dl. 
N. 
Ir 
\Z 
il. 
k’
	        
Waiting...

Note to user

Dear user,

In response to current developments in the web technology used by the Goobi viewer, the software no longer supports your browser.

Please use one of the following browsers to display this page correctly.

Thank you.