Full text: (9. Jahrgang)

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Aus Nacht zum Licht. 
Da habe ich neulich eine Geidhidhte gelejen von einen blin- 
den Heiden, der das Licht fand, das eine wahrhaftige Licht, die 
ih meinen Heroldlefern doch wieder erzählen will. Der Heide 
jchien garnicht fo blind. Er war jogar ein Guru, ein Lehrer. 
Täglich Ia8 er aus den Heiligen CSdHriften der HIndus vor und 
legte fie au8, oft bis in die Nacht hinein, und gewann viel Geld 
damit, Ichte fein und Hatte die Achtung aller Leute. Dabei er 
füllte er mit gewijfenhafter Genauigkeit alle Wajhungen 11nd 
vorgefchriebenen religiöfen Gebräuche, aber war doch nie froh, 
denn ihın fehlte Friede für feine Seele. Nuhelos trieb es ihn 
oft durch die Straßen der großen Stadt, er fah die Menidhen 
in ibrem Reichtum und in ihrer Armut, mit Laddenden und 
traurigen Gefichtern, in ihrer Arbeit und ihrer Luft, die Son- 
ne icbien jo hell und marm, aber in ihn blieb e8 fo dunkel 
und Kalt, jeine Seele mar Frank. 
Gr fleht die Tempelprieijter an: fagt mir, wo Kriege id KRıt= 
he für meine Secle? Der Hindu ijt nie verlegen um eine Ant- 
wort. Er joll ein „Heiliger“ werden, jagen fie, dann fei eS ganz 
gewiß, dab er Befriedigung finden werde. Sdhwer war es, die 
Heimat zu verlajfen. E83 mar bitter, das Hequeme Leben aufzıt- 
geben. Die gelben Lappen der Büßer anzulegen widerftand 
ibm gründlich. Mehr als einmal Heißt’8 in ihm: nein und 
nein, das kann ih nicht, id will nicht. Sein Haus in Calcıtta 
war fo gemütlich mit den Palmen am Brunnen im Hof, der 
Teppich, auf dem er fOlief, mar fo weidh. Sein Weib war ja 
freilich nur ein Weib, aber Hatte fie idın nicht feine Rinder ge- 
boren, die jo weide Händchen hatten und Augen wie Sterne, 
fann er fie verlafjen? Wer eines Tages da ijft er Hinaus, et 
fonnte die Unruhe nicht ertragen, da fteht er nım in der glit» 
hHenden Sonne, mit bloßem Haupt, es ift al8 fochte fein Ge- 
hbirnm unter dem Haar; Wie ihn düritet! Noer Heilige mitjien 
dürften fönnen. Wie idn hungert! Was Hunger, ein Heiliger 
weiß nichts von Hunger, hat er mas, fo iEt er was, Dat er nichts, 
jo it er drum nicht verlegen, aber hart wmar’s. Wie regnete eS! 
Seder Friecht in ein Haus, e8 prafielt auf die Däder, der Hei- 
Lige iteht und läßt den Regen über fih ergehen. Der Mon: 
Sum, dieler Mind, der die Regenzeit zur Folge hat, zerzauft fein
	        
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