Full text: (6. Jahrgang)

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Hirten fund gemacht. Mein dürftiges Abendefjen hatte ich ein- 
genommen, — denn viel. durfte id noch nicht effen — dazu die 
berordneten Medikamente (Chinin, Leberthran und mas e8 fonft 
noch war), die aud) nicht gerade Lederbiffen waren. Auch hatte 
ich mein Abendgebet jhon verrichtet und wartete darauf, daß ich 
einjchlafen möchte, da — 0 Schred, wa8 kommt denn dort hHerein- 
geraufcht? — ein Tannenbaum, doch nein, Fein Tannenbaum, denn 
den gibt eS ja hier zu Lande nicht, aber doch ein Baum, der in 
feinem feinen Blätterfhmuc dem Ausfehen eines Tannenbaumes 
fehr nahe fommt, dazu mit allerlei Bildern, Gebäck und Süßig- 
feiten behangen, und — was die Hauptjade war — auch die 
Lichter daran fehlten nidht. Wer mar glücklicher als ih? Soldhe 
Hreude Hatte ih nach meiner Krankheit noch nicht erlebt, idh war 
ganz bejtürzt und voll Jubel8 über das Unermwartete. MNAber e& 
war noch nicht alle$; c$ fam no) mehr! — Gerein trat Knecht 
HKuprecht, — ganz wie fih ihn die Kinder zu Haufe vorftellen — 
in Seltalt von Br. Spedk, doch zu erkennen war er nicht fogleich; 
denn jeine Kiebe, gute, fromme Mutter Hatte ihm zum Heiligen 
Weihnacht$feite einen jhönen wajjerdidhten Regenmantel gejdhenkt 
mit dazu gehöriger Hole, Belerine, Kapuze, die Knecht Ruprecht 
zur Kopfbededung Dis über die Ohren gezogen Hatte, und &inen 
unterhalb der Belerine zu fIragenden- Tornifter. Dieler wurde 
abgejdnürt, geöffnet, und heraus fam: ein Tinn Golländifdher 
Käje, desgleidhen ein Tinn Kakao, einige Safelnüffe, ein SGegen- 
ftand für Zoilette und ein Meines Gefjdhdent — zeichnerijchen 
Zweden dienend — von einer Meinen Freundin, namenz Friede 
burg, aus Barbatipur. 
Nachdem Knecht Ruprecht alles ausgepackt Hatte, aud noch 
einige Gejdhenfe für meine Herren Mitbriüder — und ich meinen 
Ihuldigem Dank gejtammelt Hatte, nahm Br. Hühner das Wort, 
und es begann der erbaulidhe Teil: angefichtz des lichtipendenden 
Weihnachtsbaumes, der unN& an den wahren Lichtbringer auf Erden 
erinnerte, wurden unter der Begleitung einer Handharmonika 
„OD du fröhliche“ und „Stile Nacht“ gefungen, Lieder, hei denen 
das Herz recht weihnachtlich geftimmt murde. Br. Hühner verlas 
die Heilige WeihnacdhtsSgejdhichte und faßte im Gebete alle unfere 
Sorgen, Wünjdhe und Hoffnungen zufammen, indem er fie dem 
Lieben heiligen Jefusfinde vortrug. Noch einmal dankte ich meinen 
Wohltätern für die Bereitung der mir unvergeßliden Weihnacht8= 
Freuden, und darauf verließen fie mich. 
ber wie alle Freuden über irdijdes Gut nur von Kurzer 
Dauer find, Jo waren eS auch meine WeihnachtSfreuden, die äußeren 
Sejdenfe heireffend; denn mit den Brüdern war auch der Weihe
	        
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