Full text: (6. Jahrgang)

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wenn ihr hört, was fie mit ihren Kindern tat; Venkanaswyami — 
fönnt ihr den {Hweren Namen aud) wohl behalten? — hatte näm- 
lich eine Fleine Schwefter, AS der Vater {tarb, verkaufte die 
Mutter ihre eigene, Feine Tochter an wildfremde Heute, und zwar 
für Zeug im Werte von 20 Mf. War das nicht abfdheulich? Ihr 
habt einen Bibelipruch gelernt, in welchem Gott fragt, ob ein 
Weib ihres Kindleins bergeflen fann. Hier feht ihr, Ddaß- das 
möglich ift. Mber Gott beripricht, daß, wenn auch eine Mutter 
ihres Stindleins vergeffen Fönnte, er doch desfelben nicht vergeffen 
werde. Das erfüllte fich an Venkanaswami. Aber ihr fragt mich: 
Was tat denn die Mutter mit ihm, ihrem Sohn? Denkt euch, 
fie verließ ihn; fie verließ ihre Heimat und Kieß ihn einfach zurüc, 
Sa, denkt ihr, fie mag ihn zurücdgelaffen haben, aber fie wird ibn 
doch bei amdern Leuten erit untergebracht haben? ©, nein! 
Ohne für ihn im gerinaften gejort zu haben, ließ fie ihn allein da- 
Itehen, allein in der großen, weiten Welt. Welch eine Raben- 
muk er! 
Mein liches Kind; dır Haft doch eine gute Mutter, und follte 
deine Mutter geftorben fein, fo haft dır doch einen guten Vater 
und bielleicht eine gute Rflegemutter. Bilt du mun deiner Mutter 
oder deinen: Vater oder deinen Pflegeeltern gehorfam? Nicht dur 
lie? Wenn dır das nicht tuft, dann bift du ebenfo {Ohledt wie Ben- 
fanaswamis Mutter, und du fannf{t davon überzeugt fein, daß 
SFefus nicht mit dir Zufrieden ift. 
Was hätteft du nun an Venkanasmaniis Stelle getan? Sch 
glaube, du wäreft zu deinem Onkel oder au deiner Tante oder zu 
Bekannten gelaufen, ob fie nicht für dich forgen, dir Kleidung, 
Nahrung und ein Bett geben wollten. Venkanaswami hätte das 
gewiß auch getan, wenn er Verwandte in der Nähe gehabt hätte; 
denn die Heiden nehmen gerne die verwaiften Kinder ihrer Ver- 
wandtjchaft auf. Mber er Hatte Feine Verwandten. Leute 
aber, die nicht mit ihm verwandt waren, hatten fein Mitleid mit 
ihm, felbit wenn fie ihn Fannten. Hier fehen wir wieder hinein 
in die finftere Heidenwelt. Aber wir wollen fie nicht jo hart ver 
urteilen. Woher follten fie au wahres Mitleid haben, da fie 
nicht Schum fannten? 
Wie müffen wir dankbar fein, daß wir in einem riftlichen 
Bolt leben! Sollte hier ein Rind feine Eltern verlieren und ohne 
Verwandtfchaft allein daftchen, fo würden ganz getviß Leute fich 
jeiner annehmen, ganz abgefehen davon, daß unfere Gejebe ein 
Foldes Kind mit ihrer Hürforge umgeben. Kein Menich würde 
einen armen, elternlojen, hungrigen Jungen umberirren laffen.
	        
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