Full text: (3. Jahrgang)

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den Zrrium richtig erkannt und 
den erfdrodenen Alten {fofort 
wieder‘ freigegeben. 
Wie verhielt fiH nun der 
Sohn dabei? Cr wußte, daß 
jeine Schandtat auf allen SGaffen 
beiprochen wurde, aber das rührte 
ion wenig. Mijfionar Richter 
erjchien, ja er befuchte mehrmals 
den ungeratenen Sohn und warnte 
in in Siebe und Ernit, er 
möchte {ih doch nicht Länger 
gegen das vierte Gebot ver: 
indigen, fjondern Vater und 
Mutter ehren, damit ihn nicht 
vielleicht gar {don hier auf Erden 
ein {chweres Sottesgericht treffe. 
Aber der, verhärtete SJüngling 
war zu feiner Erkenntnis feiner 
Sünde, zu feinem Bekenntnis 
und Geftändnis jeiner Schuld zu 
bewegen. 
Da fuchte der Sünderfreund 
jefbit al3 der gute Hirte fein ver- 
irrtes CSchäflein auf; und was 
der irdijdhe Seelforger, nicht ver: 
mocht, das erreichte der himmlijche. 
Sreilid) mußte er zur Heilung 
des tiefen Seelenichaden3 eine 
bittere Medizin und einen jHweren 
operativen Eingriff anwenden. 
€ war im Suli 1901, als 
dem Mijfionar Nichter die Mit- 
teilung gemacht wurde, der junge 
Mann jet {hwer erfrantt. So: 
gleich‘ machte fih der Mijitonar 
auf den Weg zu ihm. Er erkannte 
al$bald, daß der Kranke voraus: 
ichtlich bald feinem Ende ent: 
gegenging. Die Lunge war jo 
‚ehrt angegriffen, daß fie nur noch 
mühjam arbeitete. Nun galt ‚es 
für’ den Seeljorger, der Seele 
einen wichtigen Dienft zu Leiften, 
wo für den Leib Keine Hülfe 
mehr‘ zu ermarten war. In 
Gottes Namen ging er ans Werk, 
Die erfte Frage des Miffionars 
(autete: „Saft du denn {don 
deinen Vater rufen Laffen?“ 
„Nein“, Iautete die Antwort, 
„aber er ift von felbfit gefommen; 
er war bei mir.“ 
„OD, das ift ja fhön, da Haft 
du ihm nun doch wohl endlich 
deine Sünde bekannt und ihn 
um Verzeihung gebeten ?“ 
Nein,” das nicht, aber Vater 
tat jehr bald wieder, als ob gar 
nicht8 vorgefalen wäre.“ 
„Aber, mein lieber Iunge, das 
it nicht genug, dein Vater it 
ein guter Mann, darum hat er 
jedenfall von fidh aus die Hand 
zur Verföhnung geboten, und du 
warft ganz zufrieden, daß er dir 
zin Bekenntnis erfparte, Willft 
du aber in Frieden von binnen 
fahren und bei Gott volle Ver: 
zebung deiner Sünden erlangen, 
'o mußt du noch heute — denn 
morgen fönnnte es Ichon zu {pät 
jeint — des Vaters ‚Verzeihung 
zu erlangen juchen.“ ; 
Damit ftand der Seeljorger 
vom Krankenbett auf, holte den 
Bater. und- ließ nun die beiden 
mit einander allein. Sejehen hat 
er den Jüngling nicht mehr; be: 
reits am andern Morgen war er 
ent{chlajen. Der Vater aber teilte 
dem Mijjionar mit, daß der Sohn 
ip um Vergebung gebeten Habe, 
und daß der Sohn, wie er gewiß
	        
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