Full text: (2. Jahrgang)

Summe herbeigefchafft, ift das Schiff 
Tängft weit weg — niemand will 
ihn nehmen; nackt liegt der Un- 
glückliche auf dem Asphaltfußboden 
feiner Zobzelle, auch die Bambus: 
matte auf dem Fußboden hat ex 
zerfeßt — eine Kalte Nacht, eine 
furchtbare Erkältung — fterben?- 
frant fommt er noch einmal zu fich, 
um gleich darauf ins Grab zu 
finfen. Auf ung junge Miffionare 
machte diefes Ende eines Miffionars 
einen tiefen Sindruck! 
Eine freundliche Unterbrechung 
der Wartezeit in Madra8 war ein 
Befuch auf der lieben Her. 
mannsburger Station Tiru- 
paty. Dort wohnten die Kieben 
Sefchwifter Paul Beterfen mit ihrem 
Sans und ihrem RNöschen; die 
anderen Kinderlein fchlummerten 
nun fhon alle drüben auf dem 
Friedhof. Sie hatten ung Un: 
bekannte - eingeladen, ihnen einen 
Befuch zu machen. Wie wohl — 
wie wohl that folche Liebe im 
[remden Lande! So lernten wir 
auch gleich eine indifhHe Eifen: 
bahn Fennen. Natürlich fuhren 
wir 3, Rlaffe — da e8 eine vierte 
nicht giebt, Auf ‚unferer jebigen 
Bahn von Madras nach VBizianagram 
ift eigens eine Abteilung dritter 
Rlaffe für Europäer; aber fo 
etwas gab e8 damals nicht. ‚Zwifcdhen 
Singeborne hineingepfropft faßen 
mir da; diefe Kauten Betel, der 
vötete ihre Zähne, fie fputten nach 
allen Richtungen — fchüttelten ihre 
Zurbane aus, ftecten ihre nackten 
Beine zum Fenfter hinaus — und 
die Luft! und das Gefchnurre, mas 
man „Sprechen“ heißt; fhön war 
e8 nicht. 
Defto fchöner war eS, wie der 
[iebe Peterfen un8 in Tirupaty am 
Bahnhofe mit großer Herzlichkeit 
empfing, al8 hätten ‚mir einander 
lange angehört. Bis zur Stadt 
waren €e8 noch 10km. Prächtiger 
Mondfjchein machte die Nacht faft 
zum Tage, man muß nur wiffen, 
wie hell der Mond in Indien 
fcheint -— ec ann nämlich auch 
„itehen“. Wer fich, namentlich 
geht das blinde Leute an, in Indien 
tüchtige Ropffchmerzen, vielleicht gar 
ieber holen will, braucht fich nur 
ohne Kopfbedeckung dem lieben Mond 
auszufeßen; ich darf c8 nicht. David 
wußte das auch, als er den 121. 
Pfalm betete. 
On Zirupaty war es fchön, 
Am Sonntag hielt ich auch meine 
erjte Predigt in Indien — aber 
auf deutfh — in der Tirupatier 
lieben SirchHe, Nun will. ich ja 
nicht Zirupaty befchreiben, fonft 
ließe fih gar manches fagen: vom 
Rlofter, von dem Heiligen Berg, 
vom Schuh des Vifchnu, vom Kirch: 
fein, vom Bau der Station, von 
Schlangenbefhwörern und von der 
erften Heidenpredigt, die wir im 
Bazar miterlebten und von den 
Läden, wo man Gögen kaufen kann; 
von Schlungengift und Moskito- 
ftichen und dergleichen; e& machte 
einen fo tiefen Gindrud auf uns. 
Und wie find uns die lieben, nun 
f(hon längft GHeimgegangenen Ge: 
[chwifter in der Folgezeit zum Segen 
und zum Zroft gewefen! Mit welcher 
Treue haben fie an un8 gedacht
	        
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