Full text: Summarium des Neuesten und Wissenswürdigsten aus der gesammten Medicin zum Gebrauche praktischer Aerzte und Wundärzte (Neueste Folge, Band 12 = 1839, No 17-No 24)

I. Pathologie, Therapie und medicinische Klinik. 451 
mit dem Federmesser zu beschäftigen, und dasselbe, besonders 
beim Lesen spielend in der Hand zu halten. Dass das Metall 
«ne besondere Anziehung oder Einfluss auf Paf. geäussert habe, 
scheint daher zweifelhaft. — Bei, wie es schien, immer ge 
schlossenen Augen bewegte sich Paf. im Wohnzimmer frei, 
nirgends anstossend, indem er die Gegenstände, denen er nahte, 
betastete und gab durch die Bewegungen seiner Hände zu er 
kennen, dass jene Gegenstände seinem Gedächtnisse deutlich 
Vorschwebten. So schien er sich in Allem statt des Gesichts 
des Gefühls zu bedienen. Nie hat St. gesehen, dass Pat. etwas 
gethan hätte, was nur unter Mitwirkung des Gesichtssinnes 
möglich gewesen wäre. Zwar soll Pat. einen Brief von sieben 
Zeilen bei Verschlossenen Augen geschrieben haben, allein es 
ist zweifelhaft, ob dieses bei völlig verschlossenen Augenlidern 
geschehen sei, da wohl nicht anzunehmen ist, dass, während 
Gehör und Gefühl wach und thätig sind, das Gesicht ganz un- 
thätig im Schlaf versunken sei. — Absichtliche Versuche um 
z u erforschen, ob sich Pat. des Gesichts bediene oder um ihn 
zu dessen Gebrauche zu nöthigen, wurden nicht angestellt, da 
man alles Aufregende vermeiden musste. — Pat. sprach äus- 
serst selten, mit leiser Stimme und meistens nur, wenn er ge 
fragt wurde, kurz antwortend. Das Sprechen scheint überhaupt, 
n ach den von St. beobachteten Fällen, mehr bei dem weibli 
chen Geschleckte vorzukommen. — Wollte man Pat. etwas zu 
*bun hindern, so gerieth er in leidenschaftliche Aufregung, 
'reiche oft in den heftigsten Zorn überging. — Nach allen 
•Anfällen schien er von dem Vorgefallenen weder etwas zU wis 
sen, noch zu ahnen. Auf Anrathen der frühem Aerzte hatte 
man stets vermieden, Pat. mit seinem Uebel bekannt zu ma 
chen , wie es auch seinen Mitschülern streng verboten war, 
mit ihm davon zu sprechen, später aber, nachdem seit mehre- 
r en Monaten kein Anfall mehr erfolgt war, scheint ihm sein 
fjcbel in der Schule bekannt geworden zu seyn. — In Rück 
sicht auf die erfolglose frühere ärztliche Behandlung und in der 
«ehern Erwartung, dass sich das Uebel nach vollständiger Pu- 
kertätsentwickelung und bei zweckmässigem Verhalten allmäh- 
k'g von selbst verlieren würde, hat St. keine directe Bekäm 
pfung des Uebels durch Arzneien weiter versucht, nachdem 
Reichte evaeuirende und ableitende Mittel, sö wie die Chinarinde 
mehrmals erfolglos geblieben waren. Nacliem die Anfälle meh 
rere Tage hinter einander wiedergekehrt waren, hörten sie ge 
wöhnlich von selbst aüL Seit einem Jahre hat sich von die 
sem Uebel nichts mehr gezeigt, und die Wiederkehr desselben 
8c heint um so weniger zu befürchten, da das Landleben den 
Körper des Jünglings sichtlich gestärkt hat und die sonst so 
bäufic, en Kopfschmerzen auch ganz verschwunden sind. — Ver 
mocht man diesen anomalen Seelenzustand mit dem gesunden 
ay*
	        

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