Full text: (Neueste Folge, Band 7 = 1838, No 1-No 8)

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V. Staatsarzneikundew 
setzte sich ihrer Mattigkeit wegen auf einen Stuhl, während 
die Mügde aufstanden, . Eine derselben, welche schon in der 
Nacht durch das Winseln der Gebärenden aufgeweckt worden 
war, bemerkte beim Aufstehen Blutspuren auf dem Fussboden, 
schöpfte deswegen Verdacht und fragte: ob sie etwa schon 
niedergekommen sei oder ihr Kind gar umgebracht habe? 
worauf sie ihr eine derbe Antwort gab. — Den beiden Mäg- 
den kam aber die Sache doch verdächtig vorz sie verfolgten 
die Blutspuren, welche sich auf dem Wege, den die Ange- 
schuldigte gegangen war, fanden, und gelangten so an die 
Sandkuhle, wo ihnen die frisch zugeworfene Stelle aufßel, 
Eine der Mägde holte jetzt einen Spaten herbei, worauf jene 
Stell» wieder anufgegraben und das Kind gefunden wurde. 
Nachdem dasselbe, noch in dem Sandloche liegend, durch das 
Wegnehmen des über ihm gelegenen Rasens und Sandes der 
Luft zugänglich geworden war, fing es an zu schreien und 
wurde nun von der einen Magd zus dem Loche genommen und 
zu seiner Mutter gebracht, welche es reinigte, wusch und auf 
das Bett legte (der Mutter war inzwischen in der Kammer die 
Nachgeburt abgegangen). Etwa eine Stunde später fuhr die 
\Wöchnerin mit dem Kinde nach einem andern Dorfe zu ihrer 
Mutter, und hier erst wurde dem Kinde die Nabelschnur unter- 
bunden, diese Unterbindung aber, da sie mangelhaft ausgeführt 
war, am folgenden Tage durch eine Hebamme wiederholt. 
Eine andere Frau nahm das Kind an die Brust; die Mutter 
aber ward, nachdem sie einige Tage zu Bette gelegen und sich 
hinreichend erholt hatte, verhaftet und an die Gerichtsbehörde 
abgeliefert. Sie legte ein Geständniss ab, welches mit allen 
erwähnten Umständen übereinstimmte, leugnete aber die Ab- 
sicht, das Kind zu tödten, und blieb fortwährend dabei, . dass 
sie dasselbe für eine todte Frühgeburt gehalten habe. Die Un- 
tersuchung gab keinen Grund an der Aufrichtigkeit ihres Ge 
ständnisses zu zweifeln, obgleich die ärztliche Untersuchung 
darthat, dass das Kind ein völlig ausgetragenes und, bis auf 
einen Klumpfuss, gesundes war, Nach dem eigenen Geständ- 
nisse der Angeschuldigten und den Aussagen der Zeugen, muss 
das Kind wenigstens eine viertel Stunde unter der Erde zuge- 
bracht haben, und da ee einen Fuss tief verscharrt gelegen 
und die Beklagte den darüber geworfenen Sand und Rasen mit 
der Hand festgedrückt hatte; so konnte füglich keine Luft zu 
dem Kinde gelangt seyn. Es ist daher nicht wohl möglich, 
dass das Kind vor der Einscharrung geathmet habe, da es; 
wenn die Lungenthätigkeit eiomal begonnen hätte, unfehlbar 
unter der Erde hätte ersticken müssen; Vielmehr ist anzuneh- 
men, dass das Kind bei der Gebut scheintodt gewesen, das 
bisher im Mutterleibe geführte Leben unter der Erde fortgesetzt 
and erst dann zu athmen und selbstständig zu leben angefangen
	        
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